Sicherheit in der Formel 1 Der Tod fährt immer mit

Sicherheit in der Formel 1: Der Tod fährt immer mit Fotos
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Jeden Monat ein tödlicher Unfall: Die Debatte um mehr Sicherheit in der Formel 1 entbrannte erstmals in den sechziger Jahren. F-1-Legende Jackie Stewart kämpfte damals für neue Standards, die Leben retten sollten. Von seinen Fahrerkollegen wurde er dafür ausgelacht - obwohl viele von ihnen im Cockpit starben. Von Paul Kimmage

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Am Tag des Großen Preises von Belgien in Spa-Francorchamps 1966 gießt es in Strömen. Jackie Stewart sitzt am Steuer seines Formel-1-Wagens, es ist das zweite Rennen seiner zweiten Saison, trotzdem wird der 27-jährige Schotte bereits als angehende Motorsportlegende gehandelt. Doch an diesem Tag läuft es mies für Stewart.

Schon in der ersten Runde entgeht er nur knapp einer Massenkarambolage. Kurze Zeit später liegt er unmittelbar hinter Jochen Rindt und John Surtees, die Sicht ist grässlich. Er fährt mit 270 km/h auf das Masta-S zu, als sein Wagen auf der regennassen Strecke ins Schwimmen kommt. Er fliegt von der Piste, macht eine Holzfällerhütte dem Erdboden gleich und stürzt dann zwei, drei Meter in die Tiefe auf die Terrasse eines Bauernhofes.

Ein paar Augenblicke später dreht sich Graham Hill auf derselben Wasserlache vom Kurs, erwischt bei seiner unkontrollierten Rutschpartie aber eine etwas günstigere Linie. Als er sich gerade bereitmacht, das Rennen wieder aufzunehmen, erspäht Hill das Wrack des Rennwagens, in dem sein Teamkollege unterwegs gewesen ist und eilt ihm zur Hilfe. "Jackie? Bist du da unten?" Stewart stöhnt vor Schmerzen, aber er ist kaum noch bei Bewusstsein. Der amerikanische Pilot Bob Bondurant kommt hinzu. Es gibt keine Rettungs-Crew. Keine Marshalls mit gelben Flaggen.

Ein Funke hätte genügt, und alle wären verbrannt

Stewart ist in seinem Auto eingeklemmt, er sitzt in der Falle. Die Benzintanks sind aufgerissen und haben das Cockpit geflutet. Ein Funke von der Elektrik hätte genügt, und alle drei Piloten wären zur Unkenntlichkeit verbrannt. Verzweifelt suchen sie nach einem Schraubenschlüssel, dann endlich gelingt es ihnen, das Lenkrad loszuschrauben und Stewart zu bergen. "Zieh mir meine Klamotten aus, Graham", bittet er. Er ist bis auf die Haut nass vom Benzin. Jackie Stewart will nicht verbrennen.

Irgendwann trifft ein Krankenwagen ein, und er wird eilig ins Hospital gebracht. Seine Frau und sein enger Freund, der große Jim Clark, fahren im Krankenwagen mit. Als er anfängt, wegen der Schmerzen seines zerschmetterten Schlüsselbeins und der gebrochenen Rippen zu stöhnen, ist Clark entsetzt. "Um Himmels willen, Jackie", blafft er ihn an. "Nimm dich mal zusammen. Helen ist hier." Einen Monat später fuhr Stewart wieder Rennen. Und bemerkenswerterweise bestritt er noch sieben Formel-1-Saisons und fuhr zu drei WM-Titeln, ohne dabei einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen. Nur seine Freunde, die hatten nicht annähernd so viel Glück.

Am 7. April 1968 ist Stewart im Auftrag der Fahrervereinigung Grand Prix Driver's Association (GPDA) für eine Sicherheitsinspektion der Rennstrecke von Jarama nach Madrid unterwegs, als ihn eine schreckliche Nachricht erreicht. Jim Clark ist mit fast 260 km/h auf dem Hockenheimring abgeflogen und in einem dichten Waldstück zerschellt. Drei Tage später reist er nach Schottland zur Beerdigung. Der Tod des Freundes trifft ihn ins Mark, und zum einzigen Mal im Laufe seiner Karriere denkt er ans Aufhören.

Jeden Monat ein toter Pilot

Einen Monat später weilt Stewart bei den Indy 500 in den USA, kann aber wegen eines gebrochenen Handgelenks nicht an den Start gehen. Seinen Platz im Cockpit des Lotus 56 Turbine hat sein Freund Mike Spence eingenommen. Während des Trainings hat er eine Kollision. Ein Vorderrad löst sich von seinem Rennwagen und trifft ihn am Kopf. Stewart muss aus der Boxengasse zusehen und besucht seinen Freund am Abend im Krankenhaus. Spence überlebt nicht.

Beim Großen Preis von Frankreich am 7. Juli ist Stewarts Handgelenkfraktur ausgeheilt, er kann wieder fahren. Doch der Liebling der Massen ist an diesem Wochenende Jo Schlesser, der quirlige Franzose. Es regnet, und die Sicht ist schlecht. In der dritten Runde hat Schlesser mit seinem Honda einen Dreher und rutscht einen Wall hinauf mit voller Wucht gegen eine Mauer. Die komplette Tankfüllung entzündet sich, und der Rennwagen explodiert, für ihn kommt jede Hilfe zu spät. Das Rennen wird dennoch fortgesetzt. Jedes Mal, wenn Stewart am Ort des Geschehens vorbeikommt, sieht er sich einer Flammenwand gegenüber und muss weitgehend im Blindflug durch den Rauch und die Trümmerteile hindurchfahren.

Im vierten Monat in Folge ist ein bekannter Rennfahrer getötet worden. Zum ersten Mal bekommt Stewart es mit der Angst zu tun. Wer wird der Nächste sein? Warum müssen so viele seiner Freunde ihr Leben lassen? "Allein die nackten Zahlen der Todesfälle waren bedrückend genug, aber was die Statistiken nicht erfassten, war dieses Schweigen, das sich über die Boxengasse legte, wenn ein Krankenwagen auftauchte, die böse Vorahnung, die diese kleine Gemeinschaft jedes Mal erfüllte, wenn am anderen Ende der Rennstrecke eine schwarze Rauchsäule aufstieg. Diese unvorstellbar brutale Weise, mit der Menschen ums Leben kamen", beschreibt Stewart das Gefühl der Piloten jener Tage in seiner Biografie "Winning Is Not Enough".

Einige Fahrer wollen gar keine Sicherheit

Als Präsident der GPDA fängt Stewart an, sich öffentlich für ein verschärftes Sicherheitsreglement einzusetzen. Die Fahrer sollen verpflichtet werden, feuerfeste Overalls, Sechspunkt-Sicherheitsgurte, offiziell geprüfte Helme und spezielle Thermo-Socken, -Handschuhe und -Unterwäsche zu verwenden, die sie vor Brandverletzungen schützten. Auf die Besitzer und Betreiber der Rennstrecken soll Druck ausgeübt werden, die Bäume am Streckenrand zu fällen und Maschendrahtzäune zu errichten.

Aber nicht alle begrüßen den Aufruf. Bei den Motorsportmagazinen häufen sich die bösen Briefe: "Es gibt wenig im modernen Motorsport, für das wir Stewart danken müssten", schreibt ein wütender Leser. "Der Formel-1-Zirkus macht mir weitaus weniger Spaß, seit er aufgetaucht ist und mit seiner Sparbüchse klimpert und mit seinen Petitionen herumwedelt. Es ist nicht im Geringsten nachvollziehbar, dass sich ein Profi erst diese Herausforderung sucht und dann Anstalten unternimmt, das Reglement zu ändern und alles sicher und lauschig und bequem zu machen. Das ist Betrug. Vielleicht sollte sich dieser unsichere, gefühlsduselige Pilot doch lieber auf die weniger gefährliche, aber gleichermaßen lukrative Welt der Unterhaltungsindustrie verlegen."

Nicht minder seltsam ist die Einstellung einiger Rennfahrerkollegen. Innes Ireland beispielsweise, der erste Schotte, der einen Formel-1-Grand-Prix gewinnen konnte, bezeichnet Stewart kurzerhand als "Feigling". Auch der Belgier Jacky Ickx votiert vehement gegen ein Mehr an Sicherheit. "Innes war schon ein mutiger Kerl", erinnert sich Stewart. "Er hatte ein paar grässliche Unfälle erlebt, aber er glaubte wohl, dass so etwas zur Kultur des Motorsports einfach dazugehörte."

An der Strecke gab es noch nicht einmal genug Feuerlöscher

Und so nehmen die Tragödien kein Ende. Im Juni 1970 dreht sich der neuseeländische Fahrer Bruce McLaren bei Testfahrten in Goodwood von der Piste und prallt frontal gegen eine Mauer, die man errichtet hatte, um einen nicht mehr länger genutzten Streckenmarschall-Posten zu sichern. McLaren ist auf der Stelle tot. Zwei Wochen später, beim Großen Preis der Niederlande, kommt Piers Courage, Erbe des gleichnamigen Brauerei-Imperiums, zu Tode, als sein Wagen in einen Sandwall schlug und in Flammen aufgeht.

Eine GPDA-Versammlung wird einberufen, und Stewart hält eine leidenschaftlich bewegte Ansprache. "Meine Herren, der entscheidende Moment ist erreicht", beginnt er. "Bruce und Piers sind tot, und ich glaube, es ist nur gerecht, darauf hinzuweisen, dass beide vielleicht noch am Leben wären, wenn die verantwortlichen Verbände und Rennstreckenbesitzer uns zugehört hätten. Es heißt, sie würden hinter uns stehen, aber Fakt ist, dass nichts passiert. Als der Rennwagen von Piers in Flammen aufging, gab es nicht einmal genug Feuerlöscher. Wie lange wollen wir es den Veranstaltern noch durchgehen lassen, so achtlos und despektierlich mit unserem Leben umzuspringen?"

Als Stewart den Vorschlag unterbreitet, den Nürburgring zu boykottieren, die berühmteste Autorennstrecke der Welt, gibt es einen Aufruhr. Aber er beharrt auf seiner Position: "Dieser Kurs ist irrsinnig gefährlich. Er ist mehr als 20 Kilometer lang, aber es gibt kaum einen Meter Fangzaun. Ich habe den Besitzern erklärt, was sie unternehmen müssten. Doch sie haben es abgelehnt." Es entspinnt sich eine leidenschaftliche Diskussion zwischen den Fahrern, an deren Ende Jochen Rindt das wohl entscheidende Argument liefert: "Ich habe vor nichts Angst", sagt er, "aber wenn mein Wagen ein technisches Problem hat und mit 250 Sachen von der Strecke abkommt, würde ich es definitiv vorziehen, nicht gegen einen Baum zu prallen." Am Ende läuft es auf eine Kampfabstimmung hinaus, in der sich Stewart durchsetzen kann. Der Große Preis von Deutschland würde nicht auf dem Nürburgring stattfinden.

Der Mann ohne Angst ist tot

Jochen Rindt, der Mann, der vor nichts Angst hat, dominiert in jener Saison die Formel 1. Es gilt als abgemachte Sache, dass er sich die Fahrer-WM an diesem Wochenende endgültig sichern würde, als der Zirkus im September Station in Monza macht. Drei Monate zuvor, nach McLarens tödlichem Unfall in Goodwood, hatte Rindt ein paar Freunden noch die Realitäten seines Berufs dargelegt: "Keiner von uns ist dagegen gefeit." Beim Abschlusstraining am Samstag dreht er dann in Monza scheinbar problemlos seine Runden, als sein Lotus plötzlich ausbricht und in die Streckenbegrenzung prallt.

Stewart sitzt in der Tyrrell-Box neben seinem Auto, als er die Neuigkeit hört. Er läuft zum Kontrollturm und bedrängt einen Offiziellen: "Was ist passiert? Wo ist er?" "Nun, wir gehen davon aus, dass er bereits aus dem Wagen geborgen wurde", antwortet der Mann. Stewart sprintet zur Unfallstation. Sein Freund liegt in einem Pritschenwagen. Niemand ist bei ihm, kein Arzt behandelt ihn. Sein Kopf ist aufgestützt, aber seine Augen sind geschlossen. Dann entdeckt Stewart die klaffende Wunde am Knöchel. Sie blutet nicht. Jochen Rindt ist tot. "Keiner von uns ist dagegen gefeit." Dieses Bild hat sich auf ewig in sein Gedächtnis eingebrannt.

Stewart bleibt noch drei weitere Jahre dabei. 1973 reist er, den dritten WM-Titel schon sicher im Gepäck, mit seinem jungen Teamkollegen François Cebert zum letzten Saisonrennen nach Watkins Glen. Er hat es Helen noch nicht erzählt, aber er hatte eine wichtige Entscheidung getroffen. Der Große Preis der Vereinigten Staaten würde sein letztes Rennen sein. Sein Boss Ken Tyrrell ist eingeweiht und plant schon für die Zukunft. Am Morgen vor dem ersten freien Training bittet er Stewart dann um eine Unterredung.

Rauchsäule aus dem Wrack des Teamkollegen

"Jackie, dies ist ja dein letztes Rennen, und du hast den Weltmeistertitel bereits sicher." "So ist es, Ken." "Nun, unsere Autos laufen im Moment ganz gut, und wenn es so kommen sollte, dass du gegen Ende des Rennen führst und François hinter dir Zweiter ist, dann würde ich es für eine tolle Geste halten, wenn du zur Seite ziehst und ihn vorbei lässt." "Da verlangst du ganz schon viel von mir, Ken", entgegnet Stewart. "Ich weiß." "Es würde mein 28. Sieg sein. Das könnte wichtig sein. Ich würde nur allzu gern mit einem Sieg aufhören. Das war nicht vielen Fahrern vergönnt. Lass mich bitte noch eine Nacht darüber schlafen." "Verstehe", sagt Tyrrell.

Die beiden besprechen die Pläne für das Training, und bald darauf drehen beide Tyrrells ihre Runden auf der Rennstrecke. Etwa zur Hälfte der Session wird Stewart, als er sich gerade der berüchtigten "Brücke" nähert, auf einen Marshall aufmerksam, der hektisch mit einer gelben Flagge wedelt. Er bremst auf Schritttempo ab und sieht, wie auf der anderen Seite der Strecke eine Rauchsäule aus dem Wagen seines Teamkollegen aufsteigt. Sein Herz pocht wie wild. Stewart parkt sein Auto am Streckenrand und läuft zu dem brennenden Wrack.

Der Gestank von Rauch und Öl steigt ihm in die Nase. Das Cockpit ist völlig zerstört. Jackie Stewart dreht auf der Stelle um und verlässt den grausigen Schauplatz. "Ich habe immer bereut, nicht bei ihm geblieben zu sein", sagt er. "Ich möchte nicht näher auf die Abbildungen im Buch eingehen, aber es war wirklich schrecklich. Ich empfand es als so abstoßend, so schockierend. Aber obwohl François schon tot war, bin ich bis heute der Überzeugung, dass er in gewisser Weise noch immer anwesend war und dass ich hätte bei ihm bleiben müssen."

Tyrrell gibt daraufhin sofort bekannt, dass man das Rennen am Sonntag nicht bestreiten würde. Die Rennkarriere von John Young Stewart ist vorbei. Er kehrt ins Hotel zurück und überbringt Helen die Neuigkeiten: "Ab sofort bin ich kein Rennfahrer mehr." Sie bricht in Tränen aus und erdrückt ihn fast mit ihrer Umarmung: "Jetzt können wir zusammen alt werden."

Paul Kimmage ist Reporter der Sunday Times

Zum Weiterlesen:

Paul Kimmage: "Talk don't Run - Sportstars im Kreuzverhör". Covadonga Verlag, Bielefeld 2009, 367 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Johann Braun, 30.07.2009
Mir tut keiner Leid, der bei den irrsinnigen Rennen (ob nun mit dem Auto oder Motorrad) verletzt oder getötet wird. Der Tod oder zumindest schwere Verletzungen werden als kalkulierbares Risiko eingeschätzt und warum soll man die Leute dann bedauern? Wenn ein Boxer nach einem Kampf tot im Ring liegt, dann ist das doch auch nur eine kurze Meldung in den Medien wert. Sensation muss her um jeden Preis und "the show must go on".
2. @Johann Braun
Tina Blasic, 25.11.2014
Durch die Tatsache dass Sie den Artikel mit dieser Antwort überhaupt kommentieren müssen, wie durch den bemitleidenswerten Inhalt Ihres Beitrages selbst, sagen Sie mehr über sich aus, wie über die Fahrer von damals.
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