Sicherungsverwahrung im "Dritten Reich" Der Kampf des Buchhalters

Er nannte Adolf Hitler einen Lügner. Er wurde verurteilt. Er wurde freigesprochen und doch weggesperrt: Theodor Roller wäre beinahe gestorben. Zum Verhängnis wurde ihm ein Brief an den "Führer" und die Sicherungsverwahrung - ein Rechtskonzept, das die Nazis zu einer tödlichen Waffe machten.

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Hans-Joachim Lang

Nicht nur als Buchhalter nahm Theodor Roller alles pingelig genau. Mit acht Jahren war der spätere Tübinger Sparkassenangestellte der christlichen Jungschar beigetreten. Mit 15 ließ er diese Mitgliedschaft ruhen, als er 1930 Hitlerjunge wurde. Fünf Jahre später trat er demonstrativ aus der Hitlerjugend aus. Über ein halbes Jahr hatte er sich geprüft. Dann wollte er nicht mehr länger einer Organisation angehören, die ihre Ideale über alles andere stellt, auch über seinen Glauben an Gott. Und so sah er sich vor der Entscheidung: Kreuz oder Hakenkreuz.

Theodor Roller entschied sich gegen das Hakenkreuz.

Als er im Herbst 1937 bei seiner Einberufung in die Wehrmacht den Eid auf Hitler verweigert, kommt er vors Militärgericht. Der Richter kann sich das ungewöhnliche Verhalten nicht anders erklären: Wegen Verdachts auf Schizophrenie lässt er den jungen Mann in die geschlossene Abteilung einer Nervenklinik einweisen. Derartige Erkrankungen gelten im "Dritten Reich" als erblich - die Zwangssterilisierung steht unmittelbar bevor. Nur knapp kann Roller dem Alptraum entrinnen, nachdem sein Vater verspricht, sich verstärkt um den Jungen zu kümmern. Doch der denkt nicht daran, sich anzupassen: An seinem Kampf für Religionsfreiheit hält Roller fest.

Am 11. Februar 1939 schreibt Theodor Roller einen Brief an "Herrn Adolf Hitler, Berlin". Er bezeichnet den "Führer" darin als einen Lügner und als den "größten Volksschädling, der je deutsche Erde betrat": Hitler habe am 30. Januar 1939 "feierlich" erklärt, "um seines Glaubens willen sei noch keiner verfolgt worden". Aber tatsächlich, so hält Roller ihm vor, vergewaltige der Staat den lutherischen Glauben. Wegen ihres Bekenntnisses zu Gott würden Deutsche "in Gefängnissen und Konzentrationslagern schmachten oder in Irrenhäuser eingeliefert werden".

Briefschreiber vor Gericht

Theodor Roller ist 24 Jahre alt, als ihn die Gestapo am 18. März 1939 vom Arbeitsplatz wegholt. Elf Monate sitzt er in Haft, wird mehrfach verhört. Zuletzt prüft ein Psychiater auf Antrag des Stuttgarter Sondergerichts seinen Geisteszustand. Der Psychiater bescheinigt, dass Roller geistig gesund und für seine Handlungen voll verantwortlich sei.

Der Briefschreiber wird angeklagt, gegen das so genannte "Heimtückegesetz" verstoßen zu haben. Überraschend spricht ihn das Stuttgarter Sondergericht am 14. Februar 1940 frei. Nicht jedoch wegen erwiesener Unschuld oder aus Mangel an Beweisen, schon gar nicht aus fürsorglicher Milde. Die Richter kommen vielmehr zu dem Schluss: Wer Hitler in Frage stellt, muss verrückt sein. Das psychiatrische Gutachten ignorieren sie.

Doch der Freispruch wegen Unzurechnungsfähigkeit bedeutet keineswegs eine Entlassung in die Freiheit. Das Stuttgarter Sondergericht folgt stattdessen voll und ganz der Einschätzung des Generalstaatsanwalts. Der hatte vor dem Prozess festgestellt, dass "die Pamphlete des Beschuldigten" den "Gipfelpunkt" dessen darstellten, "was mir an persönlichen Beschimpfungen des Führers durch einen Reichsangehörigen bekannt geworden ist." Nur eine "Sicherungsverwahrung", so hatte er gefordert, würde "die dringend gebotene Unschädlichmachung des Beschuldigten ermöglichen".

"Gefährlicher Gewohnheitsverbrecher"

Roller soll in eine Anstalt. Zwar könne man, so begründet das Gericht, im engeren medizinischen Sinne keine Krankheit feststellen. Das bedeute jedoch nicht, dass der Angeklagte "in strafrechtlicher Beziehung als gesund angesprochen werden kann". Es sei zu befürchten, dass er in Freiheit seine Anschauungen weiter verbreiten würde. "Unter diesen Umständen erfordert es die öffentliche Sicherheit, den Angeklagten an einer Fortsetzung zu hindern."

Das Sondergericht berief sich auf Paragraph 42b des Reichs-Strafgesetzbuchs: Das "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung" basierte auf einem Entwurf aus der Weimarer Republik. Mit seinem Inkrafttreten 1934 wurde es zum Instrument der nationalsozialistischen Kriminalpolitik, die den Schutz des totalitären Staates über alles stellte.

Es lieferte nicht nur die rechtliche Grundlage, um die Gesellschaft vor schuldunfähigen Gewalttätern zu schützen, sondern auch, um politische Feinde des nationalsozialistischen Staates zu isolieren: "Volksschädlinge", "Gemeinschaftsfremde", "Minderwertige". Und zwar unbegrenzt: Die Einweisung erfolge "so lange, als ihr Zweck es erfordert." Zwar war vor Ablauf von drei Jahren zu prüfen, "ob der Zweck der Unterbringung erreicht ist". Doch selbst eine Entlassung konnte jederzeit widerrufen werden.

Briefe aus der Psychiatrie

Theodor Roller wird im März 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Weissenau eingewiesen, wenige Kilometer vom Bodensee entfernt. Der aufnehmende Arzt notiert in die Krankenakte: "Pat. erzählt alles sehr aufgeschlossen, spricht auch von sich, dass man von einer Geisteskrankheit (Schizophrenie) gesprochen habe, er sei freigesprochen worden vor Gericht und hier eingewiesen, wahrscheinlich müsse er so lange hier bleiben bis er diese Ideen nicht mehr habe, aber dann müsse er sein ganzes Leben hier bleiben, denn seine Weltanschauung gebe er nicht mehr auf."

Was der Patient nicht ahnt: NS-Mediziner beginnen 1940, Patienten von Heil- und Pflegeeinrichtungen für spezielle Tötungsanstalten zu selektierten. Bevorzugtes Kriterium bei der "Vernichtung lebensunwerten Lebens": der Vermerk "Sicherungsverwahrung" im Meldebogen der Insassen.

In 146 Briefen an seine Mutter schildert Roller das Leben in der Psychiatrie - über die ihn betreffenden amtlichen Entscheidungsprozesse aber erfährt der Patient selbst nichts. Seine Bereitschaft, in der Landwirtschaft und Buchhaltung der Anstalt mitzuarbeiten, verschafft ihm kleine Freiheiten, an den Wochenenden sogar unkontrollierten Ausgang in der näheren Umgebung. Den Gedanken an eine Flucht verwirft der korrekte Buchhalter aber sogleich, er will förmliche Entlassungspapiere. Die aber bleiben ihm nach jeder staatsanwaltlichen Überprüfung verwehrt.

Selektion der Arbeitsfähigen

In einer vertraulichen Anordnung an die Generalstaatsanwaltschaften verfügt der Reichsjustizminister im März 1943: "Untergebrachte, die von Psychiatern (…) als einer irrenärztlichen Anstaltsbehandlung nicht mehr bedürftig und zugleich arbeitsfähig bezeichnet worden sind, sind der Polizei zur Unterbringung in einem polizeilichen Arbeits- und Erziehungslager zur Verfügung zu stellen." Gemeint ist damit: Sie sollen in ein KZ.

"Vergangene Woche", schreibt Theodor Roller am 27. Juni 1943 seiner Mutter, "wurden wir gerichtlich Eingewiesenen von zwei Herren kurz untersucht. Sollte die Stunde der Freiheit bald schlagen?"

Was Roller nicht weiß: Die beiden Ärzte sollten den fürs KZ vorgesehenen Personenkreis prüfen. Der Reichsjustizminister kündigt den Generalstaatsanwälten Listen mit Namen von Sicherungsverwahrten an, "die vom psychiatrischen Standpunkt aus zur Abgabe an die Polizei geeignet" seien. In Württemberg sind 73 Personen erfasst worden. Die Anstalten werden gebeten, jene arbeitsfähigen Insassen zu melden, die sie entbehren könnten.

Sechs Jahre bis zur Rehabilitierung

Dieser kleine Ermessensspielraum rettet Theodor Roller das Leben. Am 10. Februar 1944 gibt der Generalstaatsanwalt 33 Namen an die Polizeibehörden, Rollers Name fehlt. Die Betreffenden sollen in Konzentrationslager gebracht werden, die Männer nach Mauthausen, die Frauen nach Auschwitz. Wie viele von ihnen überlebten, ist auch nach 65 Jahren nicht restlos geklärt.

Theodor Roller, der für die Nazis eine Gefahr der öffentlichen Sicherheit verkörperte, musste noch bis zum August 1945 auf die Stunde seiner Befreiung warten. Weitere sechs Jahre vergingen bis zu seiner vollständigen Rehabilitierung.

Während Alfred Bohn, der Vorsitzende in der Verhandlung des Sondergerichts, in seinem Entnazifizierungsverfahren anstandslos als unbelastet eingestuft wurde, galt Roller als Mitläufer. Wahrheitsgemäß hatte er vor dem Entnazifierungsausschuss dargelegt, vorübergehend - fünf Jahre lang - überzeugtes Mitglied der Hitlerjugend und auf Drängen seiner Mutter wenige Monate bei der SA gewesen zu sein.

Gegen die Bewertung als Mitläufer legte Roller Widerspruch ein - und bekam Recht. Das Tübinger Landgericht hob schließlich auf seinen Antrag hin auch das Urteil des Sondergerichts als Unrechtsurteil auf: Entscheidend war dabei unter anderem die Aussage jenes Psychiater, der Roller 1940 als voll zurechnungsfähig beurteilt hatte. Nach seiner Begutachtung bescheinigte Wilhelm Ederle im September 1945, er sei "erneut zu der Ansicht gekommen, dass bei Herrn Roller weder damals noch heute Anhaltspunkte für eine Geisteskrankheit vorlagen bzw. vorliegen".

Theodor Roller heiratete 1954, aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. In geistiger Frische erlag er am 30. Oktober 2008 einem Herzschlag.

Zum Weiterlesen:

Hans-Joachim Lang: "'Als Christ nenne ich Sie einen Lügner'. Theodor Rollers Aufbegehren gegen Hitler". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009, 255 Seiten.



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