Siegeszug des Walkman Die Konkurrenz zur Stimme Gottes

Siegeszug des Walkman: Die Konkurrenz zur Stimme Gottes Fotos

Im Bus, beim Einkaufen, beim Joggen: Mit der Erfindung des Walkman revolutionierte Sony 1979 das Musikhören. Plötzlich konnte sich jeder seinen Alltag mit einem eigenen Soundtrack verschönern - immer und überall. Manche sahen durch die Musik zum Mitnehmen allerdings die Macht Gottes schwinden. Von

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Die Revolution in den Straßen begann am 1. Juli 1979, und ein Ende ist bis heute nicht in Sicht. An diesem Tag wurde ein Gerät mit dem sperrigen Namen TPS-L2 präsentiert: ein violett-blaues, 390 Gramm schweres und nahezu backsteingroßes Stück Plastik. Der erste Walkman von Sony.

Dieser Tag war nicht einfach die Geburtsstunde eines technischen Gerätes, sondern einer ganz neuen Kultur: Die "Walkmania" begann. Ihr Kennzeichen ist nach wie vor die Dreistigkeit des städtischen Nomaden, sein Privatleben, also das Musikhören, in die Öffentlichkeit zu verlegen und dabei ein für manche provozierend gleichgültiges Gesicht aufzusetzen. Erstmals war es mit den Kopfhörern auf den Ohren möglich, quasi an zwei Orten gleichzeitig zu sein und die routinierte Langeweile des Alltags auszublenden: Einerseits Musikhören, andererseits Joggen gehen, Einkäufe erledigen oder auf den Bus warten. Der Walkman galt als letzter Schrei unter den Freizeit- und Konsumgütern und war eher für das schnelle, städtische Leben als für die besinnliche Erholung auf dem Lande konzipiert.

Und es funktionierte! Überall von Tokio bis New York waren plötzlich die Hippster mit den Schaumstoff umhüllten Bügel-Kopfhören auf den Ohren präsent: in U-Bahnen, Bussen, beim Spazierengehen oder beim Skateboard- oder Rollschuhfahren drehten die Jugendlichen ihre selbstgemixten Soundtracks auf Anschlag.

"Physisch präsent, psychisch entrückt"

Dass der unvermittelt in die Gehörgänge eindringende Lärm auch gesundheitliche Risiken barg, war ihnen dabei relativ egal. Einer Studie des Umweltbundesamtes von 1995 zufolge wurde "jeder vierte Teen und Twen" in Deutschland durch das Walkman-Hören "nachweislich hörgeschädigt". Aber wer dachte schon an seine Trommelfelle, wenn er mit dem kleinen Kassetten-Abspieler ein Gerät in der Hand hielt, mit dem er die Welt zähmen konnte? "Für einen Moment ordnete sich alles den Start-, Stop-, Fast-Forward- und Rewind-Knöpfen unter", schrieb Ian Chambers begeistert in seinem Buch "A miniature history of the Walkman".

Es gab aber auch kritische Stimmen: Der Freiburger Kulturanthropologe Werner Mezger notierte zu dem Phänomen 1985 in seinem Buchbeitrag "Diskothek und Walkman": Der Walkman sei "eine im Grunde widersinnige Möglichkeit, inmitten anderer Menschen mit sich selbst und seiner Musik allein zu sein." Mezger beobachtete den "heranwachsenden Walkman-Fan, der - physisch präsent und psychisch entrückt - einsam durch die Masse irrt" und zählte diesen "zweifellos zu den bezeichnendsten Erscheinungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts."

Mancher Nutzer will beim Walkman-Hören, beispielsweise in englischen Zügen, gar offene Feindseeligkeit der Sitznachbarn verspürt haben. "Du drückst den Startknopf: BAM! Die Augen. Eisige Verachtung spricht aus ihnen, sie sagen alles: Du bist ein Mistkerl, eine zwielichtige Person, ein Verlierer", schrieb Vincent Jackson 1994 in seinem Buch "Menace II Society". Ein gewisser Andrew Dunn aus Nord Yorkshire wurde für seinen unbekümmerten Genuss sogar kräftig zur Kasse gebeten: Ein Gericht verurteilte ihn zur Zahlung von 300 Pfund, weil er den Walkman zu laut aufgedreht hatte.

Den Knall des Zusammenpralls von öffentlichem und privatem Leben hatte auch Akio Morita, Mitbegründer von Sony und Erfinder des Walkman, unterschätzt. Deshalb warf Sony flugs Ohrenstöpsel auf den Markt, um die Größe der Kopfhörer und somit die Aufmerksamkeit der Passanten zu verringern.

Walkman-Hören als Politik

Viele sahen in der tragbaren Musikanlage trotzdem ein Gerät für Einzelgänger und Asoziale, die das eigene Vergnügen dem Dialog mit der Umwelt vorzogen. Manch einer, wie der amerikanische Geschichtsprofessor Mark Noll, befürchtete gar ein Schwinden von Gottes Einfluss: Im ständigen Musikhören sah er eine "weitere, unnötige Konkurrenz zur Stimme Gottes".

Auch die kommunistischen Funktionäre in China standen der neuen Erfindung kritisch gegenüber. Die Walkman-Nutzung wurde als Aufbegehren gegen das politische System eingestuft, als eine Form des Protests gegen die kommunistischen Behörden. Denn diese hatten klare Vorstellungen vom Musikhören in der Öffentlichkeit: die öffentlich zelebrierte, feierliche Staatsmusik zu Ehren der kommunistischen Vorfahren. Und die erforderte ebenso konzentriertes wie andächtiges Zuhören von allen Bürgern gemeinsam. Privates Musikhören galt somit als verdächtig, den Walkman-Jüngern wurden per se politische Motive unterstellt.

Und tatsächlich ermächtigte das Gerät so manchen chinesischen Jugendlichen in ungewohnter Weise: Sie konnten nun "taub gegenüber den Lautsprechern der Geschichte" werden und so eine "stille Sabotage der kollektiven Ansprüche des chinesischen Staates" vollziehen, schreibt Paul du Gay, Mit-Autor des Buches "Doing Cultural Studies. The Story of the Sony Walkman".

Stoaway? Soundabout? Walkman!

Doch ob in China, Europa, Japan oder den USA - der weltweite Siegeszug des Walkman war nicht mehr aufzuhalten. Dank seiner einfachen Bedienung und des relativ geringen Preises von rund 140 Dollar wurde der Walkman zum globalen Produkt, das Zugang zu allen gesellschaftlichen Schichten fand. Auch der englische Begriff überwand mühelos alle Sprachbarrieren. Ursprünglich sollte das Gerät, je nach Verkaufsland, unterschiedliche Namen erhalten: zum Beispiel "Stowaway" ("Blinder Passagier") in England, "Soundabout" in den USA oder "Freestyle" in Schweden.

Heute ist "Walkman" selbst jenen ein Begriff, die nie selbst einen besaßen. Genauso wie der Markenname Hoover in den USA für Staubsauger steht oder Tempo für Taschentücher, etablierte sich der Walkman als Inbegriff für portable Kassettenrekorder.

Trotz des großen Erfolges erlebte Sony nach der Einführung des Walkman 1979 eine finanzielle Krise. Zum Teil lag das am allgemeinen wirtschaftlichen Abschwung, aber auch an den hohen Kosten für die Entwicklung des tragbaren Kassettenspielers und an der zunehmenden Konkurrenz. Innerhalb von nur zwei Jahren gab es 50 ähnliche Geräte auf dem Markt. Die zweite Walkman-Generation, der "WM-2", avancierte mit 2,5 Millionen verkauften Exemplaren dennoch zum bestverkauften Walkman aller Zeiten.

Das Ende der "Walkmania"

Heute ist die "Walkmania" längst vorbei. Wenngleich auf den Straßen so viele mit Ohrstöpseln bewehrte Menschen zu sehen sind wie noch nie. Doch heute ist aus dem klobigen Walkman ein flaches MP3-Gerät geworden. Mit einer bis zu 160 Gigabyte großen Festplatte, die Platz für rund 40.000 Songs bietet - mehr Musik als ein ganzes Reisekofferset voller Audiokassetten fassen könnte. Und auch der Marktführer Sony wurde abgelöst.

Seit 2001 stecken die Stöpsel eines anderen Gerätes in aller Ohren: Der handliche iPod von Apple ist so erfolgreich, das selbst Sony-Präsident Ryoji Chubachi zugeben musste, dass man sich in der Entwicklung des Walkman "verkalkuliert" habe. Man hatte den iPod schlicht unterschätzt und zu spät mit eigenen Ideen reagiert.

Zwar versuchte sich Sony durch Geräte mit besonders langen Akkulaufzeiten gegen den Konkurrenten zu positionieren, und auch das Design des MP3- Walkman ist durchaus ebenbürtig mit dem des iPods. Trotzdem konnte Sony in den ersten vier Monaten des Jahres 2006 auf dem US-Markt für "portable Audio-Player auf Flash-Basis" nur einen Anteil von zehn Prozent verzeichnen. Apple hingegen hatte sich 77 Prozent vom Kuchen gesichert. Und so verwundert auch die künftige Marschrichtung Sonys nur wenig: Man wolle in Zukunft nur noch Geräte herausbringen, die "Sony-like" seien, sagte Chubachi der Presse. Nur wo es "sinnvoll" sei könnten "einige dem iPod ähneln".

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Fabian Seitz 16.01.2008
In Schweden war die Bezeichnung Walkman nicht so erfolgreich, wie der Text suggeriert. Im Schwedischen hat sich die Bezeichnung "Freestyle", unter der Sonys erster Walkman in Schweden auf den Markt kam, durchgesetzt und wurde zum Synonym für tragbare Kassettenspieler. Der Discman wurde so zum "CD-Freestyle". Mittlerweile verliert sich das Wort aber langsam wieder, aber nicht nur, weil der Walkman als solcher langsam ausstirbt. Sony-Ericsson verwendet nämlich in seinen Mobiltelefonen integrierten MP3-Playern den Begriff Walkman ebenso wie bei den in Schweden verkauften MP3-Playern von Sony.
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