Siemens-Affäre Dunkle Machenschaften Made in Germany

Satte Schmiergeldzahlungen in Fernost: Im Jahr 1914 stand Siemens schon einmal im Zentrum einer Bestechungsaffäre. In Deutschland interessiert das damals niemand, doch in Japan stürzte der "Siemens-Skandal" die Regierung und ging in die Geschichtsbücher ein.

Corbis

Der japanische Oppositionsabgeordnete Saburo Shimada wedelte herausfordernd mit einem Zeitungsartikel und blickte in Richtung der Regierenden. Dann stellte er seine Frage - und brachte damit jenen heftigen Skandal ins Rollen, über den schließlich das Kabinett stürzte und der als "Siemens-Affäre" in die japanischen Geschichtsbücher einging.

Shimada wollte wissen, was denn dran sei an dem Bericht, wonach die deutsche Firma Offiziere der japanischen Marine geschmiert habe, um an Aufträge für Elektroausrüstungen gelangen. Dreieinhalb bis 15 Prozent des Auftragswert hatte die Marine demnach von Siemens kassiert - und das in Zeiten, in denen Kaiserreich dem Volk immer weitere Steuerlasten für die militärische Aufrüstung aufbürdete.

Das war am 23. Januar 1914, und es war erst der Anfang eines gewaltigen politischen Bebens, gegen das die heutige Korruptions-Affäre des Siemens-Konzerns fast wie ein harmloses Geplänkel wirkt.

Immer neue Enthüllungen brachten Premier Gonnohyoe Yamamoto und seinen Marineminister Saito Makoto politisch in Bedrängnis, zumal beide selbst Admiräle der Seestreitkräfte waren. Siemens war mit seinem Geschäftsgebaren übrigens nicht allein: Auch der britische Rüstungskonzern Vickers, so kam heraus, hatte die Marine über das Handelshaus Mitsui geschmiert, sogar mit erheblich höheren Beträgen als Siemens.

Blutiges Ende für den Aufruhr

Doch die deutsche Firma erlangte die zweifelhafte Ehre, dem historischen Skandal - japanisch: "Shimensu Jiken" - auf Dauer ihren Namen zu verleihen. Das war peinlich für den deutschen Hersteller, der seit Mitte der 1880er Jahre die Erschließung des japanischen Marktes energisch vorantrieb und sein Personal auch in Japan stolz in "Oberbeamte", "Beamte" und "Unterbeamte" einteilte.

Mit ihrer Unterhaus-Mehrheit gelang es der Regierung Yamamoto zwar, einen Antrag auf eine Amtsenthebung durch das Kabinett abzuschmettern. Doch in Tokio protestierten bis zu 50.000 Landsleute gegen den Skandal: Erst sammelte sich die Menge im Hibiya-Park, dann zog sie zum Parlament und umzingelte es; einige Demonstranten durchbrachen gar das Tor und erstürmten das Gebäude.

Die Regierung ließ den Aufruhr von Polizei und Militär blutig niederschlagen, 435 Demonstranten wurden angeklagt. Und - wie zum Hohn - peitschte sie dann auch noch eine Erhöhung des Rüstungsetats für die Marine durch das Unterhaus. Damit hatte sie allerdings selbst für die damals autoritären Verhältnisse in Nippon eine Grenze überschritten: Jetzt rebellierte auch das Oberhaus - die Adelskammer - und strich der Marine die zusätzlichen Rüstungsmittel. Am 24. März 1914 trat das Kabinett Yamamoto zurück.

Dabei hätte fast niemand etwas bemerkt

Das war der politische Höhepunkt der Siemens-Affäre, die auf äußerst bizarre Weise begonnen hatte: Ursprünglich hatte Karl Richter, ein unzufriedener Angestellter der Tokioter Siemens-Tochter, interne Firmenpapiere gestohlen, aus denen die illegalen Zahlungen an die japanische Marine hervorgingen. Diese Unterlagen verkaufte Richter dann dem Korrespondenten der Nachrichtenagentur Reuters, Andrew Pooley, der sie seinerseits wieder an den örtlichen Siemens-Boss Victor Herrmann zurückveräußerte.

Damit hätte die Affäre still und heimlich beigelegt werden können. Doch Siemens sorgte dafür, dass Richter nach seiner Rückkehr nach Deutschland wegen des Aktenverkaufs verhaftet und vom Landgericht Berlin zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Durch den Prozess rückten erstmals auch die Bestechungszahlungen an die japanische Marine ins Licht der Öffentlichkeit, fanden in Deutschland jedoch kaum Beachtung. Anders im fernen Japan: Dort lieferte die Enthüllung eben jenen Zündsatz für die innenpolitische Krise.

Unter dem Druck der aufgebrachten Öffentlichkeit untersuchten die Strafverfolger in Tokio das Geschäftsgebaren von Siemens und Vickers in Japan. Herrmann, der lokale Statthalter von Siemens in Tokio, wurde verhaftet und wegen Bestechung angeklagt.

Für die Fahnder war es nicht schwer, belastendes Material zu finden: Um im harten Wettbewerb des japanischen Markts zu bestehen, lieferte sich Siemens einen gnadenlosen Preiskampf mit den damals überlegenen US-Elektroherstellern wie General Electric, aber auch mit der zunehmend erstarkenden japanischen Konkurrenz. "In ihren Berichten an die deutsche Zentrale rechtfertigten die Siemens-Vertreter Bestechungsgelder damit, dass sie sich an japanische Gebräuche anzupassen hätten," sagt der Historiker Toru Takenaka von der Universität Osaka, der das Standardwerk "Siemens in Japan" schrieb.

254 Monatsgehälter als Schmiergeld

Schon 1912 habe Siemens einem Offizier des japanischen Heeres eine Kommission von 15.000 Yen bezahlt, um den Auftrag für eine Telegraphenstation zu erhalten, berichtet Takenaka. Das war eine Menge Geld: Ihren japanischen Ortskräften zahlte Siemens damals durchschnittlich nur 59 Yen im Monat.

Auch an einflussreiche Beamte des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen zahlte Siemens regelmäßig hohe Schmiergelder. Für solche Praktiken brachte auch der damalige deutsche Generalkonsul in Tokio großzügiges Verständnis auf: Es sei "leider äußerst schwer", berichtete er nach Berlin, japanische Beamte ausfindig zu machen, die "ganz reine Hände" hätten.

Auf die Rückendeckung der deutschen Regierung konnte sich Siemens daher während der Affäre von 1914 stets verlassen: Als die japanischen Behörden von Berlin Prozessunterlagen gegen den Siemens-Erpresser Richter anforderten, lehnte das Auswärtige Amt dieses Ansinnen ab. In einer Notiz an das Berliner Justizministerium verwiesen die deutschen Diplomaten auf "wirtschaftspolitische Gesichtspunkte".

Dabei hatte Siemens mit seinen Schmiergeldzahlungen eindeutig gegen japanische Gesetze verstoßen. Der örtliche Siemens-Chef Herrmann wurde wegen Bestechung zu drei Jahren Zuchthaus auf Bewährung verurteilt, in zweiter Instanz wurde der Spruch indes auf zehn Monate Haft und drei Jahre Bewährung abgemildert.

Der erste Weltkrieg begrub alle Hoffnungen

Die Kosten des Verfahrens von 108.000 Yen übernahm Siemens. Der Prozess war die Hauptursache für einen außerordentlichen Verlust, den die Japan-Tochter in jenem Geschäftsjahr auswies. Auch für die japanische Marine hatte die Siemens-Affäre ein Nachspiel: Mehrere Offiziere wurden zu Gefängnis sowie zu Geldstrafen verurteilt.

Für Siemens wog indes vor allem der Verlust seines Ansehens in Japan schwer. Die Siemens-Affäre lieferte dem japanischen Unternehmen Sumitomo im Mai 1914 den Anlass, die Verhandlungen über ein Joint Venture zur Herstellung von Kabeln abzubrechen. Mit dem Projekt hatte Siemens erstmals eine eigene Produktion in Japan aufbauen wollen.

Allerdings kam das Japangeschäft von Siemens bald ohnehin weitgehend zum Erliegen: Im Ersten Weltkrieg schlug sich Japan auf die Seite Großbritanniens, im August 1914 erklärte Tokio Deutschland den Krieg.

Die meisten Deutschen, die in Japan für Siemens arbeiteten, wurden vom Reich zum Militäreinsatz ins benachbarte China einberufen: Sie mussten die deutsche Kolonie Tsingtau - die heutige Hafenstadt Qingdao - gegen die japanischen Angreifer verteidigen. Nach dreimonatiger Belagerung ergaben sich die Deutschen. Sie wurden als Gefangene nach Japan zurückgebracht und dort bis Kriegsende interniert.



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