Auf Landkarten verschwiegen und für Fremde gesperrt: Die estnische Stadt Sillamäe existierte nicht. Zumindest nicht offiziell. Denn der Ostseeort war ein Zentrum der sowjetischen Atomindustrie - und damit streng geheim.

Eine Multimediageschichte von Alexandra Frank und Maria Feck

Stalins geheime Mission - Bauen für die Atombombe


Sie tauchten ganz plötzlich auf, wie aus dem Nichts. Hohlwangige Menschen mit müden Augen, untergebracht in schnell zusammengezimmerten Baracken. Kriegsgefangene, die nach Nordestland verfrachtet wurden, um eine Stadt zu errichten, von der keiner wissen durfte. Auf einem Stück schwarzer Erde, verbrannt und zerstört von den Schlachten des Zweiten Weltkriegs, dort, wo der Fluss Sõtke in die Ostsee mündet, 180 Kilometer westlich von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg.


Der Grund, Sillamäe zu bauen, liegt unter der Erdoberfläche verborgen: Ölschiefer. Dunkelgraue tonige Sedimentsteine, die Kerogen enthalten, eine Vorstufe von Erdöl, und Uranverbindungen.

Genau das, wonach Stalin dringend gesucht hatte.

Zeitzeuge Popolitov

"Am Ende des Krieges standen die Sowjets unter Zugzwang", erklärt Aleksander Popolitov. Den Amerikanern war es gelungen, die ersten Atombomben zu zünden. Die sowjetischen Forscher verfügten zwar über theoretisches Know-how, aber es fehlte an Stätten, um Uran zu gewinnen und aufzubereiten. "Sie mussten eine vollkommen neue Industrie schaffen", sagt Popolitov. "Dafür war Sillamäe der perfekte Ort."

Popolitov, ein hagerer, fast zierlicher Mann mit gepflegtem weißen Bart und zur Seite gescheiteltem Haar, 70 Jahre alt, kennt sich mit der Geschichte Sillamäes aus wie kein anderer. Als Mitarbeiter des Stadtmuseums hat er die Historie des Orts tagtäglich vor Augen: wie sich das beschauliche Dorf an der Ostsee im 19. Jahrhundert zu einem Seebad mauserte. Wie die Villen und Badeanstalten im Zweiten Weltkrieg bei den Kämpfen zwischen deutschen Truppen und der Roten Armee dem Erdboden gleichgemacht wurden. Wie die Esten, die nach dem Krieg ihr Land zurückverlangten, enteignet und deportiert wurden. Und an der Stelle ihrer Häuser ein Gulag entstand.

Zeitzeugin Hiilo

Die Kriegsgefangenen, die ihn bewohnten, kamen zu Tausenden, entsinnt sich Meedy Hiielo. Sie war 17, als die Sowjets in ihr Elternhaus eindrangen. Sie erschossen ihre Schwestern und ihre Eltern, estnische Intellektuelle. Sie selbst war in der Schule, das rettete ihr Leben.

Meedy Hiielo flüchtete in ein Dorf in der Nähe des Gulags, von dort aus konnte sie den Aufbau der geheimen Stadt beobachten.

"Das waren vor allem politische Gefangene", sagt die heute 88-Jährige. Esten, Letten und Litauer, die an der Seite der Deutschen gekämpft hatten, Klassenfeinde, Gegner des Kommunismus. Deutsche, weiß Aleksander Popolitov, waren nicht darunter. Dafür war die Mission zu brisant.

Zwangsarbeiter in Sillamäe

Während in anderen Gulags die Menschen starben wie die Fliegen, ging es den Kriegsgefangenen in Sillamäe vergleichsweise gut. Es gab Essensportionen extra, und wer länger arbeitete, konnte seine Haft verkürzen. Denn die Zeit drängte.

Binnen weniger Monate zogen Tausende Arbeiter eine Fabrik zur Uranaufbereitung und zur Herstellung nuklearer Stoffe hoch. Gleichzeitig entstand eine neue Stadt.

Den Sowjets war klar, dass ihr Anliegen höchster Geheimhaltung bedurfte. Das spiegelt sich auch in der Architektur wider. Etwa im Rathausgebäude, das bis heute im Zentrum der Stadt steht.

Rathaus von Sillamäe

Mit seinem schlanken Turm und dem hohen Dach erinnert es eher an eine Kirche als an eine Amtsstube. "Obwohl die Staatsdoktrin der Sowjetunion streng atheistisch war und Religion unterdrückte, haben sie das Gebäude ganz bewusst in Anlehnung an traditionelle lutherische Kirchen gebaut", so Popolitov.

Würden sich U-Boote oder Flugzeuge nähern, sollten Feinde aus der Ferne glauben, es mit einem normalen estnischen Dorf zu tun zu haben.

Und das war Sillamäe beileibe nicht.

Das Leben in der geheimen Stadt


Aleksander Popolitov ist fünf, als er merkt, dass etwas mit Sillamäe nicht stimmt. Im Jahr 1951, mitten in der Nacht, scheucht die Miliz seine Mutter und ihn aus den Betten. "Die haben an jede Tür geklopft, Haus für Haus, und sich die Ausweispapiere zeigen lassen", erinnert er sich. Dass das nicht normal ist, wird selbst einem kleinen Kind schnell klar. Aber genau so klar ist auch, dass Fragen in Sillamäe unerwünscht sind.

Laboranten aus Kineschma

Die Stadt, in der Popolitov aufwächst, ist streng bewacht: Aufseher mit Hunden patrouillieren am Strand. Warnschilder verbieten Fremden den Zutritt. Grenzkontrollen überprüfen jeden, der sich der Stadt nähert - "Sillamäe war wie ein Staat in einem Staat", sagt er.

Ein junger Staat. Fotos im Stadtmuseum aus den Jahren 1947 und 1948 zeigen die glatten Gesichter junger Menschen, die aus anderen Teilen der Sowjetunion nach Estland geholt wurden. Eisenschmiede aus Wolchow bei Leningrad, Chemielaboranten aus Kineschma, 350 Kilometer nordöstlich von Moskau, Ingenieure aus dem Ural.

Stalins Russifizierungspolitik verschiebt die Menschen wie Schachfiguren über das riesige Land, genauso wie sie die Zwangsarbeiter, die Sillamäe aufgebaut hatten, wieder in alle Richtungen verteilt.

Zeitzeugin Vetoshkina erinnert sich

Unter den Ankömmlingen sind auch Aleksander Kurotschkin und Maria Popova, die Eltern von Alla Vetoshkina. "Meine Eltern waren völlig entwurzelt", erzählt die 66-Jährige. "Aber sie mochten Sillamäe."

Es gibt neue, geräumige Wohnungen, gut gefüllte Läden, die direkt aus Moskau beliefert werden, andere junge Menschen. Freiheit in der Unfreiheit. "Wer hier arbeitete, gehörte zur technisch-chemischen Elite", sagt Aleksander Popolitov. "Diese Menschen sollten sich in Sillamäe wohlfühlen."

Die Stadt blüht auf. Hellgelbe Wohnhäuser im Stil des Stalinismus säumen die breiten Alleen, Palmen die prächtige Treppe, die zur Ostsee führt. 400.000 Blumen in allen Farben schmücken die Beete der Stadt. "Sillamäe sollte so schön wie Leningrad werden", sagt Popolitov. 1955 eröffnet das Kino Rodina, ein neoklassizistischer Prunkbau. Im stuckverzierten Kulturhaus singen Künstler unter den Reliefbildern von Lenin und Marx patriotische Lieder.

Die Gründe, eine Stadt zu bauen, können vielfältig sein. Sillamäe wurde nur aus einem Grund gebaut: Stalin brauchte eine Atombombe. Hier ein Blick auf den historischen Stadtkern und die Ostsee.

1957 leben bereits 10.000 Menschen in der Stadt, die es offiziell nicht gibt. Denn auf den Landkarten der Sowjetunion taucht sie viele Jahre lang nicht auf. Wer Bekannte hat, die dort leben, schreibt an Postfachadressen mit Namen wie "Leningrad 1" oder "Narva 1". "Meine Mutter sollte Verwandten gegenüber behaupten, in Narva oder einer anderen estnischen Stadt zu leben", erzählt Popolitov. Er wurde streng vom KGB überprüft, bevor er 1961 eine Anstellung als Werkskünstler in der geheimen Fabrik bekam - zuständig für Plakate, Dekor und Gastgeschenke an Minister der Sowjetunion.

Popolitov als Jugendlicher

Türen und Gänge der Fabrikanlage sind mit Zeichen versehen. Ständig wechselnde Abbilder von Vögeln, Büchern oder Schachfiguren sollen kennzeichnen, wer wo Zutritt hat. Was aber genau in der Fabrik produziert wird, wissen nur die Führungsriege und die verantwortlichen Spezialisten.

"Heute erzählt man sich", sagt Popolitov, "dass Uran aus Sillamäe in die erste sowjetische Atombombe geflossen ist."

Tatsächlich erweist sich der Urangehalt des estnischen Ölschiefers, der gleich neben der Stadt in einer Mine gefördert wird, als weniger ergiebig als erhofft. Schon Anfang der Fünfzigerjahre wird zusätzlich Uran aus anderen sozialistischen Staaten geholt, um ihn in Sillamäe für Atomkraftwerke und Nuklearwaffen anzureichern. Daneben verarbeitet die Fabrik ab den Siebzigerjahren Seltene Erden und Metalle.

Der See des Todes um 1991

Über die Nebenwirkungen sprechen die Bewohner Sillamäes nicht: über die nuklearen Abfälle, die nahezu ungeschützt in einem künstlichen See direkt vor der Ostseeküste gelagert werden. Und über merkwürdige Krankheiten, die sich besonders in den Nachkriegsjahren häufen. Todesfälle angeblich durch Tuberkulose. Spezialkräfte, die nach Moskau ins Krankenhaus gebracht werden und nie wieder auftauchen.

"Meine Eltern, die in der Fabrik arbeiteten, wussten nicht, was genau dort produziert wird", berichtet Alla Vetoshkina. "Aber alle wussten, dass es etwas Gefährliches ist."

Nukleares Erbe, unsichere Zukunft


Priit Orav zaudert nicht lange. Schnell streift er sich die Kleider von Leib und rennt los, in die Ostsee. Es ist ein kühler Tag im Herbst 2015, sechs Uhr morgens, Nieselregen. Nur Verrückte springen um diese Jahreszeit in die kalten Wellen. Und nur Verrückte ziehen wie er nach Sillamäe, glauben Oravs estnische Freunde. In eine Stadt, die nun nicht mehr geheim ist. "Hier liegen meine Wurzeln", sagt Orav, ein langhaariger 52-Jähriger mit blauen Augen und großen Arbeiterhänden.

Priit Orav in der Ostsee

So plötzlich, wie der Ort nach dem Krieg aus dem Boden gestampft wurde, so schnell verliert er seine Bestimmung. Als die Esten Ende der Achtzigerjahre auf die Straße gehen und für ihre Unabhängigkeit demonstrieren, marschieren die Einwohner Sillamäes nicht mit. Sie fühlen sich nicht - wie die Esten - dem Westen verbunden, sondern eher dem Osten. Und sie jubeln nicht, als am 20. August 1991 die verfassungsgebende Versammlung Estland zum eigenständigen Land erklärt.

"Für die Einwohner Sillamäes war unsere Unabhängigkeit der Rauswurf aus dem Paradies", glaubt die estnische Historikerin Ivika Maidre, die ganz in der Nähe Sillamäes aufwuchs und bis heute in der Region lebt.

Die geheime Fabrik stellt umgehend die Verarbeitung von Uran ein. Kurz darauf nimmt das Unternehmen unter dem Namen Silmet die Aufarbeitung Seltener Erden und Metalle wieder auf. Es wird umstrukturiert und privatisiert, viele Mitarbeiter müssen gehen.

Ivika Maidre

Der junge estnische Staat, der fast 50 Jahre lang unter der sowjetischen Besatzung gelitten hat, besetzt in der Regel wichtige Posten in der Verwaltung jetzt allein mit Esten. Wer die Staatsangehörigkeit erhalten möchte, muss Estnisch sprechen. Das kann in Sillamäe fast niemand. Die Privilegien der Sowjetzeiten sind dahin: automatisch zugewiesene Wohnungen, ein sicherer Job, frühe Rente.

Wozu eine estnische Republik? Das fragen sich viele Einwohner. Auch Aleksander Popolitov. Er ist offiziell Staatenloser. Denn wer keinen estnischen Pass bekommen will oder kann, bleibt "Nichtbürger". Man erhält einen grauen "Alien"-Reisepass oder beantragt einen russischen. Dann allerdings bleibt man von nationalen Wahlen ausgeschlossen und darf keine Berufe im öffentlichen Dienst ausüben. Aleksander Popolitov, der nach der Wende die Überbleibsel der Sowjetunion gesammelt und sich für den Aufbau des Stadtmuseums engagiert hat, darf dort zwar arbeiten, aber leiten tut es jemand anders.

Zeitzeugin Hiilo erinnert sich

"Ich bin vom Staat enttäuscht", sagt er. Aber Popolitov spricht bis heute kaum ein Wort Estnisch. Und so ist er zwischen alten Möbeln, einer Gesteinssammlung und Büsten Lenins wie ein lebendes Inventar des Museums, das eine längst vergangene Zeit dokumentiert.

Doch auch auf estnischer Seite kommt es nach 1991 zum bösen Erwachen. Umweltschützer schlagen Alarm - wegen der nuklearen Abfalllagune der geheimen Uranfabrik. Der "See des Todes", wie ihn die Stadtbewohner nennen, ist nicht ausreichend gesichert. Nur ein instabiler, im Laufe der Zeit zunehmend poröser und zu niedriger Damm hindert 6,5 Millionen Kubikmeter radioaktiven Schlamm, Asche und Flüssigkeiten daran, sich in die Ostsee zu ergießen. "Wir mussten ganz schnell handeln", sagt Raimo Jaaksoo vom estnischen Umweltministerium.

Mehr als zehn Jahre lang dauert die Rettungsaktion. Erst 2009 kann der "See des Todes" sicher versiegelt werden, ein 21,24-Millionen-Euro-Mammutprojekt. Heute bedeckt ein 50 Hektar großer grüner Schutzhügel den See, der regelmäßig überprüft, vermessen und auf Strahlung hin untersucht wird.

Experte Jaaksoo über den See des Todes

Der See liegt am Rand des Hafens von Sillamäe, in einem Zollgebiet. Die dort angesiedelten Unternehmen sollen der Wirtschaft der Stadt neuen Aufwind geben. Dazu zählt nach wie vor die Firma Silmet, die 2011 von der amerikanischen Firma Molycorp übernommen wurde. Tatsächlich ist die Arbeitslosenquote mit fünf Prozent vergleichsweise gering. Dafür gibt es andere Probleme.

"Jedes Jahr verlieren wir etwa 200 bis 300 Menschen", sagt Anton Makarjev, 26, von der Stadtverwaltung. "Die Hälfte geht weg, die anderen sterben." Auch von seinen Klassenkameraden sind nur fünf in Sillamäe geblieben, "alle anderen sind in Tallinn oder London". Seit Estland unabhängig wurde, ist die Stadt von rund 20.000 Einwohnern auf etwa 14.000 geschrumpft. Mehr als 95 Prozent der Bewohner sind bis heute russischsprachig, lediglich 35 Prozent besitzen die estnische Staatsbürgerschaft.

Es ist 25 Jahre her, dass Estland wieder ein unabhängiger Staat wurde. Die einstige Produktionsstätte der Sowjetischen Nuklearindustrie hat ihre Funktion verloren. Für viele Einwohner Sillamäes ein Schock: Das privilegierte Leben hatte ein Ende. Eine alte Leninbüste vor dem Stadtmuseum erinnert noch heute an vergangene Zeiten.

"Sillamäe ist für mich weiterhin eine geschlossene Stadt. Nicht estnisch. Nicht russisch. Sondern immer noch sowjetisch", sagt Ivika Maidre. Die russischsprachige Bevölkerung mag in Estland eine Minderheit sein. Doch in der Gegend rund um Sillamäe gehört die Historikerin als Estin zur Minderheit.

Sich wie etwa die russischstämmige Bevölkerung in der Ukraine abspalten zu wollen, weisen die Bewohner Sillamäes dennoch weit von sich. Fast jeder kennt jemanden, der in den Neunzigerjahren, frustriert von der Estnischen Republik, von Sillamäe nach Russland gezogen ist - und es hinterher bitter bereut hat.

"Sillamäe ist meine Heimat", sagt auch Aleksander Popolitov. Was ihm misslang, die Integration in die Estnische Republik, war für seine Kinder kein Problem. Seine Töchter beherrschen vier Sprachen und leben in Tallinn, ein Enkel dient in der estnischen Marine.

Anton Makarjev

Auch Anton Makarjev von der Stadtverwaltung fühlt sich nicht russisch. Und auch nicht estnisch, eher wie eine Mischform. "Wir sind Estlandrussen", sagt er, "mit englischem Musikgeschmack."

Nur die Esten selbst tun sich schwer, die Region zu akzeptieren, die sich im äußersten Nordosten des Landes an die EU-Außengrenze schmiegt. So wie die Freunde von Priit Orav. Verrückt nennen sie ihn. "Aber Sillamäe ist doch auch unsere Heimat, das Land unserer Vorfahren", entgegnet er.

Sechs Jahre hat es gedauert, bis Orav sich das Land zurückerobert hat, das sein Großvater 1892 gekauft hatte und das von den Sowjets enteignet wurde. Zum 50 Hektar großen Besitz gehörte ein Waldstück. Das gibt es nicht mehr, dort liegt die Ölschiefermine. Doch die Ruine des alten Bauernhofs, drei Kilometer westlich von Sillamäe, stand noch. Jetzt ist er dabei, das Haus zu renovieren und ein Ferienlager für estnische Schüler aufzubauen, damit sie diese Region kennenlernen. Und für Touristen. Sillamäe mit seiner stalinistischen Architektur, glaubt Priit Orav, wäre doch besonders für Leute aus dem Westen interessant:

Urlaub in einer Stadt, die es nicht gab.

Impressum

Autorinnen: Alexandra Frank (Text und Videos) und Maria Feck (Fotos und Videos)

Redaktion: Jochen Leffers

Dokumentation: Almut Cieschinger

Schlussredaktion: Sebastian Hofer

Programmierung und Grafiken: Chris Kurt, Michael Niestedt

Koordination: Jule Lutteroth