Simone de Beauvoir Die Frau, die das Wesen der Männer entlarvte

Sie war stark, sie war schön und sie lehrte die Männer das Fürchten: Vor 100 Jahren wurde Simone de Beauvoir geboren. Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange skizziert die revolutionären Ideen der französischen Feministin - und offenbart ihr wahres Vermächtnis.

NDR

Um es gleich vorweg zu sagen: Der Themenkreis "Geschlechterkampf" ist komplex. Zumindest war er das noch als ich geboren wurde. 1973, kurz nachdem sich die französische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir im Alter von 62 Jahren als aktive Feministin in ihrer Heimat für das Recht auf Abtreibung eingesetzt hatte. Doch bereits 1949 hatte sie in ihrer umfassenden feministischen Analyse "Das andere Geschlecht" über die anhaltend schwierige Situation der Frau ausführlich referiert. Sie war gegen die "natürliche Rolle der Frau" oder gegen die Beschränkung auf ihre ursprüngliche Funktion - Kindern Leben zu schenken - und die damit einhergehenden Verpflichtungen, wie Erziehung und Haushaltsführung alleine zu übernehmen.

Ich weiß das so genau, weil ich mit bestimmten Sätzen der am 9. Januar 1908 in Paris geborenen Simone de Beauvoir großgezogen wurde. Allerdings entschlüsselte ich sie erst viel später als die Aussagen der "bedeutendsten feministischen Theoretikerin des 20. Jahrhunderts", wie Alice Schwarzer sie einmal bezeichnete. Bis dahin hielt ich sie schlicht für die persönlichen Schlussfolgerungen meiner Mutter. Simone de Beauvoirs ermutigenden Aufforderungen an die um Gleichberechtigung kämpfenden Frauen wurden mir - wie man so schön sagt - in die Wiege gelegt.

So möchte ich fast beschwören, zumindest habe ich den Eindruck, der erste Satz, den meine Mutter zu mir sagte, als ich kurz nach meiner Geburt hilflos in ihren Armen lag, lautete: "Mach dich nie von einem Mann abhängig." Oder vielleicht war es sogar der Ratschlag: "Heirate nie!" In jedem Fall wurde mir relativ schnell bewusst, dass es zwischen Mann und Frau ungeklärte Momente gab, die sich wohl nie würden auflösen lassen, da der Mann eine Art Schreckgespenst zu sein schien, dem man nur entkommen konnte, indem man sich im gar nicht erst anheim gab.

Papa ist nicht von Natur aus böse

Welchen Grund hätten sonst die Warnungen meiner Mutter haben sollen, die übrigens nicht nur von ihr, sondern auch von ihren Freundinnen aus Studienzeiten Mantra-artig vor uns, ihren mit Puppen spielenden Töchtern, wiederholt wurden? Natürlich war es nicht die Schuld dieser Frauen, dass meine Spielkameradinnen und ich in dem Glauben aufwuchsen, dass es zwischen Mann und Frau niemals funktionieren würde, dass sie sich immer weiter bekriegen würden, dass es klüger sei, sich als Frau mental zu stärken, um den Kampf gegen das andere Geschlecht aufzunehmen, um uns durchsetzen zu können, um uns niemals unterdrücken zu lassen.

Es ging unseren Müttern darum, uns heranwachsenden Mädchen begreiflich zu machen, dass wir nicht weniger wert waren, als "die Männer". Uns sollte es später "besser" gehen - das bedeutete, wir sollten zukünftig die Freiheit haben, uns jederzeit vom Mann lossagen zu können, ohne finanziellen oder gesellschaftlichen Schaden zu nehmen.

Die Schwierigkeit war nur, einem Kind begreifbar zu machen, dass die Mutter nicht nur aus ihrem eigenen, persönlichen Schicksal heraus argumentierte, dass also "Papa" nicht gleichzusetzen war mit dem frauenfeindlichen "Mann" an sich. Dass eben "Papa" nicht wie die anderen von Natur aus böse, gefühllos, chauvinistisch und egoistisch, geradezu beschränkt war. Sondern die Männer aufgrund der ihnen einstig zugeschriebenen Rolle des "Patriarchen" eben diese eingenommen hatten, ohne sie zu überdenken - geschweige denn ablegen zu können. Für solch ein Unterfangen musste das Mann-Frau-Verhältnis, das jeweilige Denken und Handeln von Mann und Frau erst umstrukturiert werden. Daran arbeiteten unsere Mütter. Mit Erfolg!

Der Argwohn dem Partner gegenüber ist geblieben

Es brauchte Zeit, bis ich endlich begriff, dass der Geschlechterkampf keine private Angelegenheit war, sondern diese Frauen, die wütend bei uns ein- und ausgingen, das kollektive weibliche Bewusstsein der damaligen Zeit widerspiegelten. Das kollektive Bewusstsein, die Zustände, die Simone de Beauvoir dazu verleiteten, an die Frauen dieser Welt Ratschläge zu erteilen, die sich, situationsbedingt, temporär gegen den Mann an sich richten mussten - allerdings nicht grundsätzlich.

In diversen Interviews mit Alice Schwarzer machte Simone de Beauvoir in den Jahren zwischen 1972 und 1982 deutlich, worauf es im Verhältnis zwischen Mann und Frau hinauslaufen müsse, um - und dies ist die Kernaussage ihres Werkes - ein gleichberechtigtes Leben zu gewährleisten, in dem sich Mann und Frau in erster Linie als Menschen erkennen und respektieren.

In den vergangenen 35 Jahren hat sich, was den Geschlechterkampf anbelangt, viel getan. Mann und Frau haben gelernt, sich aufeinander zu zu bewegen, sich gegenseitig zu unterstützen - im Beruf wie im familiären Kontext. Doch der Argwohn dem Partner gegenüber ist geblieben.

Was zählt, ist ein Beruf

Auch wenn sich Simone de Beauvoir für die Abschaffung der Familie aussprach, selbst über 40 Jahre lang in einer "offenen Beziehung" mit ihrem Schriftstellerkollegen Jean-Paul Sartre zusammenlebte, jeder für sich eine Wohnung beanspruchte, um, wie die Schriftstellerin es einmal sagte, nicht Gefahr zu laufen, in die klassische Frauenrolle abzurutschen, sie niemals Kinder bekam, um sich in keinerlei Abhängigkeit zu begeben, hat sie doch in ihrem Erzählband "Eine gebrochene Frau" Ende der sechziger Jahre einen Monolog verfasst, der hellsichtig beschreibt, mit welch großem Geschenk Mann und Frau, Mutter und Vater, berufstätige Partner, die ihr Leben miteinander verbracht haben, am Ende belohnt werden. Sie haben das Glück, auf eine reiche, gemeinsame Vergangenheit zurückblicken, ohne sich gegenseitig mutwillig beschnitten zu haben.

Dennoch sagte Simone de Beauvoir einige Jahre später in einem Interview mit Alice Schwarzer: "Was aber vor allem zählt, wenn man wirklich unabhängig sein will, das ist ein Beruf, das ist die Arbeit. Den Rat gebe ich allen Frauen, die mich fragen. Das ist die notwendige Voraussetzung, die es ihnen erlaubt, sich scheiden zu lassen, wenn sie es wollen. So können sie sich selbst und ihre Kinder ernähren, sie sind nicht abhängig und können ihr Leben realisieren."

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Es wird Zeit, den Absprunggedanken durch den festen Glauben an Partnerschaft zu ersetzen. Wir sind soweit. Simone de Beauvoir wusste längst von der Unersetzbarkeit der durch Treue geprägten Liebe zwischen Mann und Frau und der unzerstörbaren Verbindung zwischen Eltern und ihren Kindern. "Das Alter der Vernunft" ist ein Monolog über das Leben und die Liebe. Die Partnerschaft zwischen Mann und Frau, so, wie sie aufeinander hin angelegt sind. Als ein Ganzes.

Alexa Hennig von Lange wurde 1973 in Hannover geboren und schrieb mit 13 Jahren ihre ersten Kurzgeschichten. Sie arbeitete für die TV-Produktionen "Das wahre Leben" und "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" und veröffentlichte 1997 ihren ersten Roman "Relax", der von Existenzängsten, Drogen, Freundschaften, Sex und Liebe unter Jugendlichen handelt. Weitere Romantitel sind "Ich bin's", "Ich habe einfach Glück", "Woher ich komme" und "Erste Liebe".



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Norbert Albrecht, 27.03.2008
1.
¨da der Mann eine Art Schreckgespenst zu sein schien, dem man nur entkommen konnte, indem man sich im gar nicht erst anheim gab. ¨ moechte Feministinnen nicht pauschal fuer dumm halten, bitte deshalb um Korrektur!
Oliver Naether, 12.02.2013
2.
Sehr geehrte Frau Hennig von Lange, Wie würde es ankommen, wenn man im Titel des Artikels das Wort "Mann" gegen "Schwarzen", "Türken", "Juden" austauschen würde? Wußten Sie, daß "Die Welt" titelt: "Die Frau, die das Wesen von Albert Speer entlarvte - Die Entschlüsselung des Bösen war das Lebenswerk von Gitta Sereny."? Die gesellschaftliche Auseinandersetzung aufgrund Beauvoirs, Schwarzers Schriften war notwendig. So notwendig jede, auch streitende, aggressive oder auch unerträgliche Meinungsäußerung ist, und so dankbar wir den beiden Frauen für ihren Beitrag sein dürfen: Beauvoir und Schwarzer haben abgeschrieben. Die Sichtweise, die angeblich "revolutionäre Idee", die sie in ihren Schriftsätzen okkupieren, ist uralt. Und sie wurde von Männern erfunden. Sie wurde mit Beginn der Industrialisierung erfaßt, Isaak Iserlin "entlarvte" bereits im 18. Jahrhundert "das Wesen des Mannes" und "entlarvte" ihn als "den wilden Mann", ein (als infamer Generalverdacht formuliert, dem Sie auch in Ihrem Artikel Raum geben, "der Argwohn ... ist geblieben") nach John Lockes state of nature im Sinne des Ex-Kanzlers Schröder ewig wegzusperrendes Tier. Diesem systemischen "Aufschrei" des 18. Jahrhunderts folgten, ebenfalls im 18. Jahrhundert, Denis Diderot, Christoph Meiners, William Alexander, Theodor Gottlieb von Hippel. Daß dem die bemitleidenswerte Frau Beauvoir Jahrhunderte später einen Hauch von Theorie hinzufügt und den Irrglauben wiedererweckt, ändert nichts: pauschale Urteile, über "den Mann", über "die Frau" sind rassistisch und beflügeln die Faschisten unter uns. "Den Mann" zu "entlarven", das ist nicht einfach nur ein reißerischer Titel in einem reißerischen, um Auflage ringenden Medium wie dem "Stern": es ist rassistisch, zumindest verunglimpfend, dem Artikel einen solchen Titel voranzustellen, und fühlt sich an wie aus einem anderen Medium, einem anderen tausendjährigen Reich. Es heilt auch nicht, wenn die Autorin des Artikels dann noch Beauvoirs spätes Jammern, ihre Erkenntnis der Vereinsamung zitiert: statt ein Leben einem "Geschlechterkampf" zu widmen, den es in der Mehrheit der liebenden, sich ehrenden Partner nicht gibt, hätte sie sich mit ihrer Liebe auseinandersetzen können und sicher erfolgreich Versöhnung mit sich und ihrer Herkunft gefunden. Sie hätte die Logik, daß man in jedem Moment, jeden Tag neu, frei über sein Leben entscheidet, durchleben und umsetzen können, ohne sich vor das Rad einer Industrie spannen zu lassen, die möglichst flexible, am besten wurzellose Menschen als Produktionshelfer braucht. Statt dessen machen sich die Vertreterinnen eines falsch verstandenen "Feminismus" zu willigen Helfern einer Entfremdung: Beauvoir und ihr Lehrlingsmädchen Schwarzer, und alle, die ihren Lebenssinn und -unterhalt aus feministischer Propaganda und Bevormundung gewinnen, sie sind Wegbereiter der Entwurzelung, eines Sklaventums, wo die Industrie den Menschen als nützliches Produkt betrachtet, als funktionierendes Teilchen, und ihn von seinem inneren Erleben, seinem selbstgewählten Glück trennt, denn er funktioniert in der verlogenen Theorie der Macht am Besten, wenn er sich vereinsamt auf seine Arbeit konzentriert. Es ist NICHT der Beruf, der zählt; als Arbeiter bin ich dem System ausgeliefert, also meiner Chefin, meinem Chef: die Freiheit beginnt im Kopf, jenseits von allem, was mich benutzt, um für sich Mehrwert zu schaffen. Wie der Stern Ihren Artikel, zum Beispiel. Vier Beine gut, zwei Beine schlecht, das kenne ich von Orwells "Farm der Tiere", und am Ende, wenn der Machtkampf, also der "Geschlechterkampf" abgeschlossen ist, entscheidet der Gewinner über Gut und Böse? Das kann´s nicht sein. Ein solcher Titel heilt nicht und dient nicht einer ausgewogenen Diskussion in einem Moment, wo Besonnenheit nötig ist, weil Frauen, Kinder UND Männer in der ganzen Welt versklavt, vergewaltigt, getötet werden: der Feind ist nicht der Mann, und sein "Wesen" muß nicht "entlarvt" werden: es ist das Wesen der Macht, das entlarvt werden muß, das jede Person mißbraucht und zu dem / der TäterIn werden läßt. Machtmißbrauch ist geschlechtsunabhängig, das kann jedes Geschlecht. Kurz: der Titel Ihres Artikels ist beweisbar falsch, und ich fühle mich als Mann beleidigt von dem Titel und verlange eine Entschuldigung von Ihnen. Haben Sie die Größe dafür? Mit freundlichen Grüßen O. Naether http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106639191/Die-Frau-die-das-Wesen-von-Albert-Speer-entlarvte.html
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