Singende Sportler Toni, lass es polstern!

Singende Sportler: Toni, lass es polstern! Fotos

"Trainer lügen nicht" trillerte einst Berti Vogts - und bewies ein für alle Mal: Fußballer treffen Tore besser als Töne. Auch andere Sportler sündigten am Mikrofon. Heute sind die meisten dieser Songs längst vergessen - einestages erinnert an die scheußlichsten. Von

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"Dann macht es bumm, ja und dann kracht's, und alles schreit 'der Müller macht's'." Tore traf Gerd Müller deutlich besser als Töne, wie dieser popmusikalische Fehlschuss 1969 eindrucksvoll unter Beweis stellte. Der schiefe Gesang zu bayerischen Umppa-Posaunen klang so, als müsse der "Bomber der Nation" ständig gähnen. Und die hemmungslose Beweihräucherung seiner unbestreitbaren Fußballkünste ("Und im nächsten Augenblick / klappt's mit meinem Trick") hätte er getrost den Fans überlassen können - schließlich wurde er wenige Wochen nach den Aufnahmen Bundesliga-Torschützenkönig.

"Fußball ist Musik", sagte Bob Marley einmal. Trotzdem scheint es für Sportler keine gute Idee zu sein, ihr eigenes Metier zu besingen. Der dreifache österreichische Ski-Olympiasieger Toni Sailer strauchelte schon 1956 mit Textzeilen wie "Immer wenn es schneit, schneit, schneit, hab' ich keine Zeit, Zeit, Zeit, für ein Rendezvous, -vous, -vous". Dankenswerterweise widmete er sich später als Schauspieler in 25 Komödien mehr der Film- als der Sangeskunst und war dort um einiges erfolgreicher.

Dabei war die Idee vermarktungsökonomisch simpel: Wenn ein Sportler Zehntausende Fans hat, würden sich doch sicher ein paar Tausend finden lassen, die seine Platte kaufen, hofften Manager und Plattenfirmen. Ein solcher Popularitätstransfer ist also mitnichten eine Erfindung von TV-Seifenoper-Produzenten der Neunziger, um die öffentliche Halbwertszeit ihrer Protagonisten zu verlängern (und gleichzeitig kräftig an den Songrechten mitzuverdienen).

Amor beim 400-Meter-Lauf

Einer der ersten deutschen Spitzensportler, der einen Song aufnahm, war 1930 der Boxstar Max Schmeling. Musikalisch zeigte sich der harte Kerl mit Nehmerqualitäten von seiner sanften Seite. "Das Herz eines Boxers kennt nur eine Liebe", sang er im Tonfilm "Liebe im Ring" - und landete damit einen Total-Flop. Ein ähnliches Thema schlug mit ähnlicher Erfolglosigkeit 30 Jahre später der 400-Meter-Weltrekordler Carl Kaufmann an. "Und Amor läuft mit", ließ sein Manager den ausgebildeten Operntenor schmettern, doch die hanebüchene Emotionalisierung des Im-Kreis-Laufens erregte weit weniger öffentliches Interesse als Kaufmanns ständige Frauengeschichten.

In einer Zeit, als Spitzensportler noch keine Großverdiener waren, lockten auch finanzielle Reize so manchen ins Aufnahmestudio. Der spielentscheidende Fallrückzieher oder der Zieleinlauf in Weltrekordzeit bringt leider keine Tantiemen, und wenn er noch so oft im Fernsehen gezeigt wird.

Den Hürdenläufer Martin Lauer bewahrte die Musik tatsächlich vor ernsten Geldproblemen. Wegen einer schweren Beinverletzung musste er 1961 fast ein Jahr im Krankenhaus verbringen, teure Ärzte und Prozesskosten bezahlen und schließlich seine Sportkarriere aufgeben.

In seiner Jugend hatte Lauer Gitarre, Akkordeon und Saxofon gelernt, singen konnte er im Gegensatz zu vielen Kollegen auch. Schon bald stürmten Country-Songs wie "Die letzte Rose der Prärie", "Weil der Bill sich mit Johnny schießen will" und "Taxi nach Texas" die deutschen Musikcharts. Er verkaufte mehr als vier Millionen Platten und freut sich bis heute über die vierteljährlichen Überweisungen von der Verwertungsgesellschaft Gema. "Durch die Showkarriere habe ich mein Studium finanziert und meine Existenz gesichert", sagte Lauer einmal dem SPIEGEL. Insgesamt veröffentlichte er mehr als 30 Songs und wurde für "Taxi nach Texas" von Radio Luxemburg mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet.

Singen mit Berti, Radi und Toni

Mit solchen Erfolgen konnte in Deutschland allenfalls Torwartlegende Petar "Radi" Radenkovic von 1860 München mithalten, der 400.000 Exemplare von "Bin i Radi, bin i König" verkaufte. Und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von 1974, die zusammen mit Udo Jürgens mit dem Album "Fußball ist unser Leben" einen der Klassiker des Genres kreierten. "In der Heimat, da ist es doch am schönsten", sangen Beckenbauer, Vogts und Co. und wurden kurz darauf Weltmeister.

Doch diese Beispiele bleiben rühmliche Ausnahmen unter vielen Reinfällen - würde man Beckenbauer an seinen Song "1:0 für die Liebe" erinnern oder Vogts sein Disco-Machwerk "Trainer lügen nicht" vorspielen, vermutlich wäre es den Protagonisten mit der kritischen historischen Distanz peinlich. Allein die Songtitel sprechen oft Bände, von "Da macht es bumm - und er fällt um" (Boxer Peter Müller) über "Gute Freunde kann niemand trennen" (Franz Beckenbauer) bis hin zu "Toni, lass es polstern" (Toni Polster).

Immerhin hatte Polster die Selbstironie, um auf einer seiner Platten "Schuster, bleib' bei deinen Leisten" zu singen - ein Rat übrigens, den er selbst nicht beherzigt und auch 2008 außer Benefizspielen vor allem Konzertauftritte mit seiner Band Achtung Liebe absolviert. Glaubwürdiger war da schon die Selbsterkenntnis der Leichtathletinnen Ingrid Mickler-Becker, Heide Rosendahl und Liesel Westermann, die im Text von "Gold und Silber lieb' ich sehr" der Wahrheit über singende Sportler wohl am nächsten kamen: "Wenn auch dies ein Weltcup wär' / wozu würd's dann langen? / Nicht zu Gold, nicht zu Silber / nur zu: Ferner sangen."


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Tanja Kljaic 26.05.2008
"Heißer Schuß daneben: Als Lars Ricken noch ein Jungstar beim Bundesligisten Borussia Dortmund war, sollte seine Beliebtheit noch weiter genutzt werden und er nahm 1998 ein Album auf. "Hot Shots" wurde allerdings nie wirklich ein Hit." Dass Lars Ricken ein Album aufgenommen hat, ist nicht ganz richtig: Es handelt sich dabei um einen Sampler, den Ricken wohl zusammengestellt hat. Man erzählt sich, er habe bei einem Song von "Phantoms of Future" im Background gesungen. Ansonsten hat man das Singen dankenswerterweise u. a. den Ramones, R.E.M. und Faith No More überlassen.
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