Skagerrak-Schlacht "Das Schiff zerstob in Atome"

249 Kriegsschiffe eröffneten vor hundert Jahren ein gewaltiges Gefecht in der Nordsee. Fast 9000 Männer starben bei der größten Seeschlacht aller Zeiten. Die deutsche Marine und die Royal Navy - beide feierten sich als Sieger.

ullstein bild

Georg von Hase hatte es sich bequem gemacht. Gemütliches Sofa, Tässchen Kaffee. Das Getränk sollte allerdings erkalten. Wenig später erschallte der Alarm "Klar Schiff zum Gefecht" auf dem deutschen Kriegsschiff "Derfflinger".

Mit vier weiteren Schlachtkreuzern pflügte das Großkampfschiff durch die Nordsee, Artillerieoffizier Hase stürmte von der Messe auf seine Station. "Plötzlich erspähe ich in meinem Sehrohr große Schiffe. Dunkle Kolosse, sechs hoch- und breitbordige Riesenschiffe", notierte er später.

Hase beobachtete, wie sich die britischen Schlachtkreuzer zu einer Gefechtslinie formierten: "Wie eine Herde Riesentiere der Urwelt schoben sie sich durcheinander, mit langsamen Bewegungen, schemenhaft, unwiderstehlich." Um 15.48 Uhr eröffneten die Deutschen das Feuer. Ein infernalischer Schlagabtausch über eine Distanz von rund 15 Kilometern mit Granaten, bis zu einer halben Tonne schwer. In den Geschütztürmen: laden, zielen, feuern, laden, zielen, feuern.


Archivaufnahmen der Kaiserlichen Flotte

SPIEGEL TV

Fassungslos beobachtete der britische Vizeadmiral David Beatty, wie seine Schiffe zusammengeschossen wurden. 16.06 Uhr: Die "Indefatigable" explodierte in einem Feuerball. Über 1000 Tote. 16.26 Uhr: Eine Detonation zerriss die "Queen Mary". Von 1274 Mann überlebten nur neun.

"Irgendetwas scheint mit unseren verdammten Schiffen nicht zu stimmen", fluchte Beatty. Was der Brite nicht wusste: Aus dem Süden dampfte die gesamte deutsche Hochseeflotte heran. Was die Deutschen nicht ahnten: 50 Seemeilen nordwestlich wartete die britische Grand Fleet, bereit, ihren Gegner zu vernichten.

Kolonne aus Stahl

Wenig später sollte Beatty die Deutschen mit Volldampf nach Norden locken. Beide Flotten trafen in der Nordsee vor der Küste Jütlands zur größten Seeschlacht der Geschichte aufeinander. Ein Kampf, den keine der beiden Seiten so geplant hatte.

"Endlich", hatte der deutsche Matrose Richard Stumpf in seinem Tagebuch notiert, "endlich ist das große Ereignis eingetreten." Seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte die deutsche Hochseeflotte meist untätig im Hafen gelegen, fast zwei Jahre lang nur Drill und Langeweile, während Kameraden zu Land in den Schützengräben kämpften. Weder konnten die deutschen Admiräle den britischen Überseehandel entscheidend stören noch die Seeblockade brechen, die Deutschland vom internationalen Handel isolierte.

Frühmorgens am 31. Mai 1916 lichtete die deutsche Hochseeflotte unter Befehlshaber Reinhard Scheer in Wilhelmshaven die Anker. Auf offener See formierten sich die Schiffe zu einer kilometerlangen Kolonne aus Stahl. 16 moderne Schlachtschiffe, sechs Linienschiffe, dazu Kleine Kreuzer und Dutzende Torpedoboote mit über 45.000 Mann an Bord.

Fünf deutsche Schlachtkreuzer waren der Hochseeflotte vorausgeeilt, mit Georg von Hase an Bord. Sie sollten Teile der britischen Flotte aus den Häfen locken - um sie mit geballter Feuerkraft zu vernichten. Als die Deutschen ausliefen, befand sich die Grand Fleet unter Befehlshaber John Jellicoe allerdings bereits auf See, weil die Briten den deutschen Funkverkehr entschlüsseln konnten.

Tödliches Manöver

28 Schlachtschiffe, neun Schlacht- und acht Panzerkreuzer, flankiert von über 100 Kleinen Kreuzern und Zerstörern - rund 60.000 Mann hatten die Briten an Bord. Indes wussten sie nicht, dass die komplette deutsche Hochseeflotte unterwegs war.

Wie Blinde tasteten sich 99 deutsche und 150 britische Kriegsschiffe am Nachmittag des 31. Mai aufeinander zu. Ohne ausreichende Luftaufklärung wusste keine Seite, wie stark der Gegner war. Und was überhaupt auf der Nordsee geschah. "Ich wünschte, jemand würde mir sagen, wer schießt und worauf geschossen wird", sagte Jellicoe, als er Geschützfeuer hinter dem Horizont vernahm.


Gekürzte Animation des Schlachtverlaufs

Nicholas Jellicoe/Stiftung Deutsches Marinemuseum

Die Vollversion ist seit dem 29. Mai 2016 im Deutschen Marinemuseum Wilhelmshaven zu sehen.


Gegen 18.15 Uhr formierte der Admiral auf gut Glück seine Flotte zu einer Gefechtslinie, Schiff für Schiff, um den Gegner unter Feuer zu nehmen. Jellicoe konnte sein Glück kaum fassen - in einem Winkel von 90 Grad fuhren die Deutschen auf die britische Linie zu. So konnten seine Schiffe die voranfahrenden Deutschen mit einem Geschosshagel bedecken. Lediglich die deutsche Spitze konnte das Feuer effektiv erwidern.

"Schwere Treffer hauten mit ungeheurer Wucht in unser Schiff ein und explodierten mit gewaltigem Knall", berichtete Georg von Hase auf der "Derfflinger". Kurz zuvor hatte er die Explosion des britischen Panzerkreuzers "Defence" beobachtet: "Das Schiff zerstob in Atome, jedes Lebewesen an Bord wurde schon bei der Explosion getötet", schrieb Hase in seinem Buch "Die zwei weissen Völker!". Keiner der fast 900 Männer an Bord überlebte.

Nächtlicher Schlagabtausch

Über die diesige See zogen Pulverqualm und Rauschschwaden, immer und wieder blitzte Mündungsfeuer aus den Geschützen. Schlachtschiff kämpfte gegen Schlachtschiff, kleinere Kreuzer, Zerstörer und Torpedoboote setzten zur Attacke an.

Das Innere der Kriegsschiffe verwandelte sich in Schlachthäuser. "Die Gefallenen, soweit sie oben lagen, waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt", schrieb Johannes Karl Groth über die Zustände in einem Geschützturm des Schlachtkreuzers "Lützow". Der Geschützführer versuchte einen Mann aus einem Trümmerberg zu befreien. "Ein trauriges Bild. Beide Beine waren in Höhe des Kniegelenks abgerissen, ebenfalls der linke Arm in Höhe des Ellenbogens."

Angesichts der drohenden Vernichtung ließ Admiral Scheer seine Flotte um 180 Grad wenden. Schon fast in Sicherheit überlegte er es sich anders, befahl seine Schiffe zurück in den britischen Geschosshagel, änderte wieder seine Meinung.


Videoaufnahmen von Wracks der Skagerrak-Schlacht

Innes McCartney/JD-Contractor A/S

"Gefechtswendung rein in den Feind! Ran!", ließ er den Schlachtkreuzern und Torpedobooten signalisieren, um dem Rest der Flotte endlich die Flucht zu ermöglichen. "Wir befanden uns tatsächlich im absoluten Wurstkessel", beschrieb Georg von Hase den Dauerbeschuss, der auf die "Derfflinger" niederging.

Ein Wunder geschah. Jellicoe ließ seine Schiffe angesichts des Torpedobeschusses abdrehen. In kaum zehn Seemeilen Entfernung glitten beide Flotten bald durch die Dunkelheit. Die Deutschen eilten Richtung Süden, die Briten setzten nach, die Gefechte gingen weiter. Kurz nach Mitternacht explodierte die britische "Black Prince" mit 857 Mann, zwei Stunden später die deutsche "Pommern". 844 Tote. Beinahe wäre sie in Sicherheit gewesen - bei Anbruch des Morgens passierte die Hochseeflotte die deutschen Minenfelder.

Am Ende schrieben sich die Deutschen den Sieg zu. Die Royal Navy beklagte 14 versenkte Schiffe mit 6094 Toten, die deutsche Flotte 11 mit 2551 Toten. Die Kräfteverhältnisse in der Nordsee blieben, wie sie waren: Die Seewege blockierte immer noch Royal Navy, weit überlegen. Die Kriegsmarine nahm aber den U-Boot-Krieg wieder auf. Die Folge: 1917 traten die USA als weiterer Gegner in den Krieg ein. Die Briten hatten zwar mehr Schiffe verloren, aber ihr Ziel erreicht.

"Im Krieg gibt es keine guten Jungs"

"Fast 9000 Tote - und es hat sich nicht das Geringste geändert für Deutschland", bilanzierte Nicholas Jellicoe die Skagerrak-Schlacht. Für ihn ist es ein Stück Familiengeschichte; als Enkel von John Jellicoe hat er ein Buch darüber geschrieben und eine Webseite mit einer informativen Schlachtanimation erstellt.

Warum das alles, ein Jahrhundert später? "Wir leben in einer unsicheren politischen Zeit", erklärt Jellicoe. "Wir müssen verstehen, was es bedeutet, in einen Krieg zu ziehen. Die Menschen sind wie Schlafwandler in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Und auch wir müssen heute sehr vorsichtig sein."

"Es war kompletter Wahnsinn, einander in einem solch industriellen Ausmaß zu töten", pflichtet Innes McCartney bei. Seit Jahren erforscht der britische Unterwasserarchäologe die Wracks der Schlacht. "Ich hoffe, dass die Leute, die mein Buch lesen, verstehen, wie sinnlos ein solcher Kampf ist. Wir sollten niemals die Fehler der Vergangenheit wiederholen."

Auch in Dänemark ist die Erinnerung an die größte aller konventionellen Seeschlachten bis heute präsent. "Mein Großvater konnte den Schlachtlärm hören", sagt Gert Normann Andersen. Zum 100. Jahrestag eröffnete der dänische Taucher und Gründer einer Firma für Unterwasserdienstleistungen das Sea War Museum in Thyborøn an der Westküste Jütlands: "Wir möchten in unserem Museum die Konsequenzen eines Krieges zeigen. Im Krieg gibt es keine guten Jungs. Du tötest oder du wirst getötet."

Besser, man steht niemals vor dieser Entscheidung.


Ausstellung: "Skagerrak. Seeschlacht ohne Sieger" - Eröffnung am 29. Mai 2016, Stiftung Deutsches Marinemuseum, Wilhelmshaven.

Ausstellung: Sea War Museum Jutland , Thyborøn, Dänemark.

Zum 100. Jahrestag wird dort die "Gedenkstätte für die Toten der Skagerrakschlacht" eröffnet.

Anzeige
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Frank Jürke, 30.05.2016
1. Größte Seeschlacht?
Welche Kriterien machen diese Schlacht denn zur größten Seeschlacht aller Zeiten? Zumindest Lepanto würde mir da eher einfallen: https://de.wikipedia.org/wiki/Seeschlacht_von_Lepanto
Hartwig Kinder, 30.05.2016
2. hmmm
der Google-Übersetzungsdienst ist zwar besser geworden, aber noch lange nicht optimal.
Jochen Hoffstätter, 30.05.2016
3. #1
Es ist doch müßig bei diesen Themen kleinlich nach dem Superlativ zu suchen! Wichtig ist doch das es schon immer gestimmt hat und weiter stimmen wird, daß ein Krieg die Fortsetzung auf die gescheiterte Diplomatie ist. In den wenigsten Fällen führte er zu einem Erfolg mit dem die Sieger und Besiegten in der Zukunft leben konnten. Gerade der erste Weltkrieg ist ein klassisches Beispiel.
Marcus Landgraf, 30.05.2016
4.
Entweder an Feuerkraft (Zweifellos), Anzahl der beteiligten Personen - ein Schlachtschiff kam auf locker 1200 Besatzung, Verdrängung - Queen Elizabeth class mit 4 Schiffen vor Ort jeweils 36,500t. Zum Vergleich, die HMS Victory, die deutlich größer war als jedes Schiff bei Lepanto, kommt nur auf 3500t.
Gerd Balzer, 30.05.2016
5. Irrfahrt
Es war kein ratloses Gewende der deutschen Flotte,sondern das Manöver nennt sich "Crossing the T".Es ist zwar sehr riskant,war aber,bedingt durch die größere Schussweite und zahlenmäßige Überlegenheit der Briten,die einzige Möglichkeit,die britische Schlachtlinie zu teilen.Der Nachteil nur die vorderen Geschütze einsetzen zu können,kehrte sich im Moment des Durchbruches um.Jedes einzelne dt.Schiff konnte nun volle Breitseiten gegen das vordere bzw. letzte britissche Schiff des geteilten Verbandes setzen,ohne selbst zu lange im Feuer zu stehen.Ein, Problem der brit. Schlachtkreuzer war mangelnde Deckspanzerung und unzureichende Abschottung der Muni-Bunker.S.a. WK2 Bismarck gegen Hood.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.