Skandal um Beuys-Badewanne Gescheuerte Kunst

Skandal um Beuys-Badewanne: Gescheuerte Kunst Fotos
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Denn sie wussten nicht, was sie tun: Auf einer SPD-Feier im Schloss Morsbroich geriet die mit Filz, Fett und Pflaster versehene "Badewanne" von Joseph Beuys zufällig in die Hände von zwei Genossinnen. Die schrubbten den versifften Zuber, bis er glänzte. Der Zorn über den Kunstfrevel traf jedoch nicht die Täter. Von Johanna Lutteroth

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"Wir brauchen Stühle" - mit dieser Äußerung nahm das Unheil im Museum Schloss Morsbroich im Herbst 1973 seinen Lauf. Die Leverkusener SPD veranstaltete dort am 3. November eine kleine Feier. Vom Eifer des Festkomitees angesteckt ließ sich der Hausmeister überreden, den Magazinraum aufzuschließen, wo noch eine Reihe von Stühlen lagerte. Während er sie herauswuchtete, entdeckten zwei SPD-Damen in einer Ecke eine alte Badewanne, die mit Mullbinden, Pflastern und Fett übersät war. Darin lassen sich doch vorzüglich Gläser spülen, dachten sich die beiden und schleppten sie in den Festraum.

"Die Wanne fanden viele von uns viel zu versifft", erinnert sich der Leverkusener SPD-Mann Leo Monz, der damals ebenfalls im Festkomitee saß. Doch die beiden Damen waren nicht mehr zu bremsen. "Wir dachten, dat alte Ding können wir sauber machen", erzählten Marianne Klein und Hilde Müller 2006 im Interview mit dem WDR. "Wir dachten uns nicht viel dabei." Mit Ata bewaffnet machten sie sich ans Werk und scheuerten nach guter Hausfrauenart drauf los, bis die Wanne weiß und glänzend dastand.

Innerhalb weniger Minuten zerstörten die ahnungslosen Damen ein Kunstwerk, dessen Wert Experten damals schon auf 80.000 D-Mark schätzten. Kein Geringerer als der berühmte Filzhutträger Joseph Beuys hatte den versifften Zuber erschaffen, der als Teil der vom Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum organisierten Wanderausstellung "Realität-Realismus-Realität" im Schloss Morsbroich gelandet war. Wie folgenreich die Schrubbaktion sein würde, ahnte damals noch niemand. Über zwei Jahre sollte die Badewannen-Affäre Gerichte und Gutachter beschäftigen - und schließlich bundesweit für Schlagzeilen sorgen. Ohne es zu wollen, hatten die Leverkusener Genossinnen eine heftige Debatte über eine große Frage provoziert: Was ist Kunst?

"Wie ein rasierter Kaktus"

Die Sachlage erwies sich als überaus komplex. Denn die Wanne gehörte weder dem Schloss Morsbroich noch dem Von-der-Heydt-Museum, sondern dem Kunstsammler Lothar Schirmer. Er traute seinen Augen kaum, als die geschändete Wanne kommentarlos bei ihm abgeliefert wurde. Sie sehe so glatt und makellos aus wie "ein rasierter Kaktus", soll er gewettert haben. Empört schrieb er an das Von-der-Heydt-Museum, dem er das gute Stück als Leihgabe überlassen hatte: "Ich erwarte, dass Sie umgehend Schritte ergreifen, um eine sofortige Restaurierung der Objekte und eine Regulierung der Schäden durch die Versicherung sicherzustellen." Doch nichts geschah.

Schirmer verklagte deshalb im August 1974 die Stadt Wuppertal, die als Betreiberin des Von-der-Heydt-Museums für den Schaden verantwortlich war. Im Dezember 1975 gab das zuständige Landgericht Schirmer Recht und verurteilte Wuppertal zu einer saftigen Schadensersatzzahlung, die knapp unter dem Versicherungswert von 40.000 D-Mark lag. Doch Wuppertal sah sich zu Unrecht an die Kandare genommen und legte Berufung ein.

Im März 1975 bekam der SPIEGEL zum ersten Mal Wind von der Geschichte und berichtete amüsiert über den Kunstfrevel, den zwei unbedarfte Hausfrauen an Beuys' Badewanne begangen hatten. Richtig hoch kochte der Fall aber erst, als er Anfang 1976 in die zweite Instanz ging. Drei Gutachten waren inzwischen erstellt worden. Alle drei bezifferten den Wert des Objekts auf 80.000 D-Mark. Musste die Stadt - und damit der Wuppertaler Steuerzahler - für den Marktwert aufkommen? Oder haftete sie gar nicht? Die Frage hatte nun das Düsseldorfer Oberlandesgericht zu klären.

Verarschung ohne Grenzen

Gierig stürzten sich nun die Medien auf die Badewannen-Affäre, die den Steuerzahler Unsummen zu kosten drohte. Im Fokus stand nicht die unbeabsichtigte Kunstvernichtung, sondern die damals noch lange nicht ausdiskutierte Frage, ob etwas Kunst sein könne, was so offensichtlich nicht als Kunst erkannt worden war - und ob 80.000 D-Mark im Verhältnis dazu stünden. Beuys, vielerorts eher als Künstlerscharlatan verschrien, geriet wie schon oft zuvor heftig in die Kritik. "Viele hielten nicht die Reinigung für einen Skandal, sondern die Wanne", erinnert sich SPD-Mann Monz.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" beispielsweise nahm Beuys' Theorien aufs Korn. Immer wieder hatte er betont, dass seiner Ansicht nach jeder Mensch ein Künstler sei. Die "FAZ" fragte bissig, ob die Tatsache, dass ganz offensichtlich nicht jeder Mensch Kunst als solche erkenne, im Widerspruch zu seiner Theorie stehe. Andere Medien gaben sich weniger süffisant. "In dieser Wanne geht der Steuerzahler baden", wetterte etwa die "Neue Revue", die in den siebziger Jahren mit einer Auflage von 1,3 Millionen Stück zu den meistgelesenen Zeitschriften in Deutschland zählte. "... diese Wanne ist im Eimer", unkte der "Stern".

Wie aufgeheizt die Stimmung war, spiegeln die Leserbriefe, die der "Stern" als Reaktion auf seinen Artikel erhielt, nur allzu deutlich wider. "Wenn ein Normalbürger diese Badewanne genauso hergerichtet als Kunstwerk angeboten hätte, wäre er wahrscheinlich in einer Heilanstalt gelandet", schimpfte Werner Laska aus Blankenheim. "Die Verarschung der Leute kennt langsam keine Grenzen mehr", ätzte Manfred Chladek aus Delkenheim. "Hut ab vor Herrn Beuys, der so was als Kunstwerke absetzen kann", schrieb Jochen Hauke aus Olsberg.

Beuys nahm die Anfeindungen gelassen hin. "Amüsement ist doch erlaubt. Jedermann kann über diese Sachen so sprechen, als wären sie lächerlich", sagte er.

Die Legende lebt

Über zwei Jahre nach dem Vorfall verdonnerte das Oberlandesgericht Düsseldorf schließlich die Stadt Wuppertal dazu, Schirmer mit 40.000 Mark zu entschädigen. Die Stadt wäre also deutlich günstiger gefahren, hätte sie das erste Urteil akzeptiert. Gleichzeitig wurden Schirmer die Überreste der Wanne zugesprochen. Obwohl Beuys anfangs darauf bestanden hatte, die Wanne sei nicht zu restaurieren, weil sie in einem "einmaligen Schöpfungsakt" erschaffen worden sei, erklärte er sich später doch bereit, sie "neu zu bearbeiten". Zur Freude von Sammler Schirmer.

Bis heute geistert die Geschichte der geschrubbten Badewanne durchs kollektive Gedächtnis der Deutschen. Inzwischen hat die Überlieferung aus den SPD-Damen übereifrige Putzfrauen gemacht, was vermutlich auf eine Ata-Werbung aus dem Jahr 1975 zurückgeht. Darin treten zwei Putzfrauen auf, die in einem Museum sauber machen. In der Mitte des Ausstellungsraumes steht auf einem Sockel eine sichtlich ergraute Badewanne. "Da muss mal gründlich gescheuert werden", sagt die eine Putzfrau und legt Hand an. Wenig später erstrahlt die Wanne in neuem Glanz - "ohne hart reiben", wie die Damen bestätigen. In diesem Moment kommt der Künstler - ein Beuys-Verschnitt - herein und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Warum die Wanne in der Abstellkammer des Schlosses landete und nicht als Exponat unter einer Abdeckung aus Plexiglas, wie es Schirmer zur Bedingung gemachte hatte, ist bis heute unklar. Fest steht nur, dass sie schon vor ihrer Verstümmelung durch Ata und Scheuerschwamm einige Betrachter in Rage versetzt haben muss. Die Wanne zierte ein Schild, das die Putzaktion übrigens unbeschadet überstand, auf dem stand: "In dieser Wanne wurde Joseph Beuys gebadet". Irgendjemand hatte handschriftlich hinzugefügt: "Offensichtlich zu heiß."

Die Badewanne ist kein Einzelfall geblieben. Nach ihr fiel noch die ein oder andere Installation eifrigen Putzfrauen zum Opfer: Unter anderem 1986 die Fettecke von Beuys - taxiert auf 400.000 Euro - und vor kurzem eine Installation von Martin Kippenberger - mit einem Wert von etwa 800.000 Euro. Heute lösen die geschändeten Kunstwerke allerdings nur noch eines aus: Beschämen auf Seiten der Verantwortlichen.

Text: Johanna Lutteroth

Dieser Artikel basiert auf dem preisgekrönten Beitrag "'Moral: In städtischen Museen sollte man sein Bier vorsichtigerweise direkt aus der Flasche trinken' oder: Ein Kunstwerk Joseph Beuys' bei SPD-Feier im Schloss Morsbroich Leverkusen als Gefäß zum Biergläserspülen missbraucht" für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" 2010/2011 von Schülern des Freiherr-vom-Stein Gymnasiums. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten .

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1.
Harald Unger 10.12.2011
Ja ja ja ja ja, nee nee nee nee nee, oder Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt ...
2.
Josef Blum 10.12.2011
In einem Nachtgespräch, das ich vor 31 Jahren mit Joseph Beuys führte, sprach dieser mehrmals von seinen "sogenannten Kunstwerken". Als ich ihn nach der Bedeutung dieses Ausdrucks fragte, erklärte er mir lächelnd: (Zitat sinngemäß nach meiner Erinnerung) " Wissen sie, Herr Ephrahim, ich bin ja eigentlich Unternehmer. Da gibt es Menschen, die haben so viel Geld, dass sie das gar nicht alles verbrauchen können. Andererseitsgibt es Menschen, in denen steckt ein künstlerisches Genie. Aber niemand fördert sie.. Und da helfe ich dann und verteile um. Ich nehme denen etwas, die zuviel haben, und fördere damit diese Genies. Das ist der Sinn meines Unternehmens FREIE UNIVERSITÄT."
3.
Stefan Stobbe 10.12.2011
Wenn Beuys behauptet, dass jeder Mensch ein Künstler ist, warum ist dann das Erschaffen einer blank gescheuerten, alten Badewanne nicht auch ein Kunstwerk? Wenn nur genug Leute behaupten, dass die beiden Scheuerinnen Kunst geschaffen haben, wird das auch Kunst. Nichts gegen moderne Kunst, ich habe bei mir auch das eine oder andere Original hängen, aber bei Beuys handelt es sich ausschließlich um Wunst. (Vor vielen moderen Exponaten steht man mitunter etwas ratlos; bei denen von Beuys helfen mir allerdings noch nicht einmal Erklärlungen.)
4.
Peter Wösner 10.12.2011
Wenn es noch irgendeines Beweises bedurft hätte, dass wir derzeit in Deutschland eigentlich überhaupt keine Probleme haben, dann wurde er damit überdeutlich erbracht.
5.
Max Schneider 10.12.2011
Wieso gibt es eigentlich kein Bild dieser 40-80 000 Mark teuren Badewanne? Ich frage da ich mir kaum vorstellen kann dass niemand etwas, was so viel wert sein soll, nicht mindestens ein einziges Mal fotografiert - und sei es nur für die Versicherungsunterlagen...
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