Skandalbücher von Sportlern "Torhüter sind irgendwie bekloppt"

Skandalbücher von Sportlern: "Torhüter sind irgendwie bekloppt" Fotos
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Paul Breitner? "Soff wie ein Kosake". Doping im Fußball? "Klammheimlich, totgeschwiegen". Vor 25 Jahren erschien Toni Schumachers Autobiografie "Anpfiff". einestages sprach mit dem Torwart über den Skandal, den seine Lebensbeichte auslöste - und präsentiert die irrsten Zitate aus anderen umstrittenen Sportlerbiografien. Von Christian Gödecke

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Wenn man den Torwart Harald Schumacher, genannt Toni, nach seiner Karriere fragt, hebt er die Hände. Er hält sie einem hin wie einen Beweis, hier, "alle Finger waren mehrfach gebrochen, den kleinen wollte man mir sogar mal abnehmen", sagt er an diesem Morgen im Frühstücksraum eines Hamburger Hotels. Die Finger an den Händen stehen ab wie krumme Äste, keiner ist mehr gerade. Es sind geschundene Zeugen einer langen Karriere. Torhüterhände.

Die Hände erzählen eine Menge über Schumacher, den sie früher einen Besessenen genannt haben. Er selbst sagt heute über sich, er sei ein "Bekloppter" gewesen. Hart zu den anderen, hart zu sich selbst. So wurde aus ihm der beste deutsche Torhüter der Achtziger, Deutscher Meister, Pokalsieger, Europameister. 1982 und 1986 stand er mit dem DFB-Team im WM-Finale, kein deutscher Torhüter hatte das vor ihm geschafft. Schumacher war 32 und in der Blüte seines Könnens. Dann schrieb er ein Buch.

"Anpfiff", das vor 25 Jahren erschien, sorgte für den größten Skandal, den je ein Sportbuch in Deutschland ausgelöst hat. In dem Buch, 254 Seiten dick und mit dem Untertitel "Enthüllungen über den deutschen Fußball" versehen, erhob Schumacher Dopingvorwürfe, plauderte Interna aus der Nationalmannschaft aus und enthüllte angebliche Sex- und Alkoholeskapaden der Kollegen. Bei einestages erinnert er sich, wie das Buch sein Leben veränderte.

einestages: Herr Schumacher, wenn Sie an "Anpfiff" zurückdenken - was fällt Ihnen heute als erstes ein?

Schumacher: Dass der 1. FC Köln mich an meinem Geburtstag rausgeworfen hat.

einestages: Hat Sie das damals überrascht?

Schumacher: Ja.

einestages: Mit Verlaub: In Ihrem Buch kam Ihr Club wie eine Ansammlung von Amateuren rüber und die Bundesliga wie eine Apotheke. Sie haben Kollegen als faul bezeichnet, Alkohol- und Sexeskapaden angedeutet. Die Reaktion müssen Sie doch erwartet haben!

Schumacher: Nein, und ich sage Ihnen auch, warum: Ich bin ein Leben lang von meiner Mutter dazu erzogen worden, ehrlich zu sein. Daran habe ich mich damals auch gehalten, ich habe die Wahrheit gesagt. In meiner Wahrnehmung war das alles auch nichts Besonderes. Was ich dort aufgeschrieben hatte, war mein Alltag.

einestages: Aber das war Ihre persönliche Wahrnehmung. Für die Menschen da draußen waren das lauter Tabubrüche. Und für die Zeitungen ein gefundenes Fressen.

Schumacher: Die Zeitungen, jaja. Von der vierten Gewalt, für die die Wahrheit das höchste Gut ist, hätte ich mir mehr Unterstützung gewünscht. Aber wir kennen das ja in Deutschland: Man liebt den Verrat aber hasst den Verräter.


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Köln und Schumacher, das war immer eine Liebesbeziehung gewesen. Seit 1972 hatte der Torhüter bei dem Traditionsclub gespielt, niemand hat je mehr Partien für den "FC" absolviert (422). Als "Nibelungentreuer" bezeichnet sich Schumacher noch heute, der immer lange Verträge gemacht, aber nie das große Geld verdient habe: "120.000 Mark brutto im Jahr habe ich als 20facher Nationalspieler verdient."

Doch so beliebt der Torwart bei den Fans war, so sehr eckte er mit seiner direkten Art bei den Vereinsverantwortlichen und den Kollegen an. Immer wieder kritisierte Schumacher intern die amateurhaften Clubstrukturen oder Mitspieler, die ihren Beruf nicht ernst genug nahmen.

Schumacher: Alles, was in "Anpfiff" stand, hatte ich vorher schon mehrfach intern angesprochen - ohne, dass etwas passiert war. Das Buch war mein Instrument, öffentlich Druck zu machen. Das Fass war übergelaufen, ich wollte alles loswerden.

einestages: Die Buchidee hatten Sie selbst?

Schumacher: Nein, der französische Journalist Michel Meyer schlug das vor und mir gefiel der Gedanke. Er wollte ursprünglich einen Film über mich drehen. Daraus wurde dann das Buchprojekt.

einestages: Wie entstand das Buch genau?

Schumacher: Wir saßen wochenlang zusammen und redeten. In derart offenen Gesprächen formuliert man ja nicht druckreif, deshalb wurde alles auf Kassetten aufgenommen, Meyer hat das dann umgeschrieben. Danach schauten meine Mutter und ich drüber.

einestages: Ihre Mutter?

Schumacher: Ja, sie war immer eine ganz wichtige Person für mich. "Junge, kannste dat nicht ein bisschen anders schreiben?", hieß es dann manchmal, sie wollte, dass ich manches abschwäche. Mütter eben.

einestages: Und wenn sie gesagt hätte…

Schumacher: ...stampf es ein? Dann hätte ich sicher drüber nachgedacht.

einestages: Schwer zu glauben, dass sie das Buch so abgenickt hat.

Schumacher: Ich habe ihr natürlich nicht alles gezeigt.

einestages: Warum hieß das Buch eigentlich "Anpfiff", wo es doch eine Art Lebensbeichte war?

Schumacher: Der Verlag fand die Doppeldeutigkeit gut. Ein Anpfiff kann ja auch ein Anschiss sein. Ich hatte auch "Schrei in der Wüste" vorgeschlagen, aber "Anpfiff" hat ja am Ende ganz gut funktioniert.

einestages: Das Buch stand monatelang auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. 300.000 Bücher wurden in Deutschland verkauft, weltweit insgesamt mehr als 1,5 Millionen.

Schumacher: Den Grünen gefiel das gar nicht. Mein damaliger Manager Rüdiger Schmitz bekam empörte Anrufe, weil ja alle Bücher in Plastik eingeschweißt waren.

Das Buch, erschienen im Droemer und Knauer Verlag und als Vorabdruck im SPIEGEL veröffentlicht, sorgte auch beim Deutschen Fußball-Bund für extreme Irritationen. Am 6. März 1987 trat DFB-Präsident Hermann Neuberger in Frankfurt am Main vor die Fernsehkameras und erklärte Schumachers DFB-Karriere in typischem Funktionärsdeutsch für beendet:

"In einem Gespräch wurde deutlich, dass Toni Schumacher die breiten Auswirkungen seines Buches 'Anpfiff' nicht übersehen hat. Er erklärte, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, dem Fußball zu schaden und Menschen oder Gruppen zu beleidigen. Aufgrund der Situation erkennt Toni Schumacher die Maßnahme des DFB an, ihn ab sofort […] nicht mehr in die Nationalmannschaft zu berufen."

einestages: Sie könnten heute Weltmeister sein.

Schumacher: Ich weiß, das Buch hat mich den WM-Titel 1990 gekostet. Aber ich bin nicht mehr verbittert deswegen. Und auch der Rauswurf in Köln hatte am Ende etwas Gutes: So habe ich die Chance bekommen, mit Anfang 30 noch mal was Neues kennenzulernen und bei Fenerbahce Istanbul, Schalke 04, Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen zu arbeiten. Ich würde sonst heute wahrscheinlich mit der rot-weißen Brille im Präsidentenzimmer des 1. FC Köln sitzen.

einestages: Der damalige Teamchef Franz Beckenbauer hat sich furchtbar aufgeregt über das Buch. "Im Wahn" hätten Sie es geschrieben.

Schumacher: Angeblich haben sich so viele aufgeregt - und in Wahrheit niemand. Franz hat später gesagt, dass mein Rauswurf sein größter Fehler war. Wenn wir uns heute treffen, lachen wir beide drüber.

einestages: Olaf Thon nannten Sie "sträflich dumm"...

Schumacher: ...aber ich habe das nur auf seine vorzeitige Abreise von der WM 1986 bezogen. Weil es für einen jungen Fußballprofi nichts Lehrreicheres geben kann, als die Großen seines Sports in einem Turnier zu beobachten.

einestages: "Paul Breitner soff wie ein Kosake" - auch so ein Zitat...

Schumacher: ...und nie von Paul kritisiert worden. Ich habe ihn ja nicht als Alkoholiker bezeichnet. Außerdem stand er am nächsten Tag wieder auf dem Platz und hat die Richtung vorgegeben.

Uli Stein, Bodo Illgner, Oliver Kahn, Jens Lehmann: die Liste deutscher Torhüter, die nach Schumacher mit ihren Büchern für Aufsehen sorgten, ist lang. Aber der Kölner ragt heraus: Niemand war so schonungslos - und visionär.

In "Anpfiff" forderte Schumacher: Profischiedsrichter, einen vierten Offiziellen, Wirtschaftsgrößen in den Clubvorständen, eine verstärkte Förderung der Jugendarbeit, Videoanalysen, Teammanager nach englischem Vorbild. 25 Jahre später wirkt der deutsche Fußball wie die Blaupause von Schumachers Ideen.

"Schön, die haben abgeguckt", sagt Schumacher im Hamburger Hotel und lächelt dabei. Er weiß, dass noch etwas anderes in diesem Jahr Jubiläum feiert. Drei Monate nach Schumachers Dopingvorwürfen in "Anpfiff" führte der DFB in der Bundesliga Dopingproben ein.

einestages: Ist es Zufall, dass "Anpfiff" von einem Torhüter geschrieben wurde?

Schumacher: Ich weiß es nicht. Torhüter sind irgendwie bekloppt. Der natürliche Reflex ist es, sich vor einem mit 100 km/h ankommenden Ball zu ducken. Wir werden ausgebildet, diesen Reflex auszuschalten.

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1.
Ozan Ayyüce 09.03.2012
Das Foul von Keane an Alf-Inge Haaland, so brutal es auch war, blieb ohne gesundheitliche Folgen. Haaland blieb bis zum Ende des Spiels auf dem Platz und war auch beim nächsten Spiel seiner Mannschaft dabei. Aufhören musste er wegen einer nicht vollständig heilenden Verletzung seines *linken* Knies.
2.
Benjamin Führ 09.03.2012
Sehr amuesante Aufzaehlung der Biographien, aber iwe konnte man das legendaere "Ich hab's allen gezeigt" von Stefan Effenberg nicht auffuehren? Dagegen war selbst Lothar Maetthaeus Werk preisverdaechtig...
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