Skandalfilm Von "Ledertypen" und "Pissbudenschwulen"

Schwere Geburt der deutschen Schwulenbewegung: 1971 versetzte der Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers…" die Bundesrepublik in Aufruhr. TV-Ausstrahlungen wurden verhindert, der Regisseur beschimpft. Der lauteste Aufschrei kam jedoch von völlig unerwarteter Seite.

WDR

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"'Wir Spießer' fühlen uns auf den Schwanz getreten", wetterte im Januar 1973 ein 32-jähriger Kranführer in einem Leserbrief an die "Hamburger Morgenpost", "ich fühle mich diskriminiert, nur weil ich stinknormal bin, eine Frau liebe und drei Kinder habe. Wenn die Homos mal alt sind, müssen unsere Kinder sie womöglich noch pflegen, beziehungsweise Rente für sie bezahlen." Und nicht nur er war erbost. In einer anderen Zuschrift orakelte eine Leserin bibelfest: "Gott wird sie vernichten! Im 3. Buch Mose, 18. Kapitel, Vers 22, heißt es: 'Du sollst nicht beim Knaben liegen, wie beim Weibe, denn es ist ein Gräuel.'" Worüber regten sich die Leute nur so auf?

Am 15. Januar 1973 war Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" erstmals bundesweit im Fernsehen gezeigt worden. Zumindest fast bundesweit. Angeblich zum Schutz der Homosexuellen hatte der Bayerische Rundfunk den Film kurzfristig abgesetzt. Und tatsächlich rief die Ausstrahlung in vielen Bundesländern heftige homophobe Reaktionen hervor. Doch die entscheidende Schlacht um Praunheims Werk war da bereits geschlagen - und zwar mit Schwulen an beiden Fronten.

Von Anfang an hatte sich Rosa von Praunheim mit seinem Film vor allem an die Homosexuellen in Westdeutschland gerichtet, denen er eine träge, konservative Haltung vorwarf. In Sponti-Manier rief er sie zum Bruch mit bürgerlichen Konventionen auf. Exemplarisch erzählte er die fiktive Geschichte Daniels (Bernd Feuerhelm), der in West-Berlin ein Panoptikum schwulen Lebens durchläuft: von der kleinbürgerlichen Kaffeetischbeziehung mit Clemens (Berryt Bohlen) bis hin zu "Ledertypen" im Park oder "Pissbudenschwulen" in Herrentoiletten. Erst eine linke Schwulenkommune öffnet ihm die Augen: "Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen! Freiheit für die Schwulen!", lauten deren Parolen.

Coming-out per Kinofilm

Rosa von Praunheim, mit bürgerlichem Namen Holger Mischwitzky, appellierte nicht nur an andere, sich endlich rauszutrauen. Auch sein eigenes Schwulsein machte der 28-Jährige erst mit dem Film öffentlich: "Meine Eltern erfuhren durch ein TV-Interview, das ich gab, dass ich schwul bin. Ich hatte mich vorher nicht getraut, es ihnen zu sagen. Ich nutzte den Film für mein Coming Out und hatte mir erhofft, dass der Film mich aus meiner Isolation als Schwuler bringen würde, was er auch getan hat."

Möglich geworden war dies durch eine Änderung des Paragrafen 175, die im Rahmen der Großen Strafrechtsreform 1969 in Kraft getreten war. Seitdem war Sex unter Männern ab 21 Jahren nicht mehr strafbar. Die Reform des Paragrafen war Ausdruck eines sexualmoralischen Wertewandels, der sich bereits Mitte der sechziger Jahre in einer geänderten Rechtssprechung und einem deutlichen Rückgang von Verurteilungen niedergeschlagen hatte.

Uraufgeführt wurde Rosa von Praunheims Film am 4. Juli 1971 auf den Berliner Filmfestspielen im Rahmen des "Internationalen Forums des Jungen Films". Manfred Salzgeber, der in "Nicht der Homosexuelle ist pervers..." mitgespielt hatte, war einer der Mitbegründer des Forums. Während der Berlinale und als der Film im Herbst 1971 in ausgewählten Kinos lief, waren es vor allem Schwule, die sich über die negative Darstellung der Homosexuellen in "Praunheims Flimmerwerk aus der Klischeekiste" empörten. "Müssen wir uns durch Praunheim erst zu Niggern machen lassen?", schimpfte etwa das Schwulenmagazin "Unter uns".

Rauswurf aus dem "Jahrmarkt der Eitelkeit"

Dass er sich mit seinem Film in der Szene keine Freunde machte, bekam Praunheim am eigenen Leib zu spüren, als er in einer der Berliner Herrenbars, die er als "Jahrmarkt der Eitelkeit" angeprangert hatte, unsanft vor die Tür gesetzt wurde.

"Man warf mir vor", erinnerte er sich später, "dass ich die Schwulen voller Klischees zeige, dass ich sie nicht in Schutz nehme. Aber es gab auch eine kleine linke, meist studentische Minderheit, die den Film verteidigte, die aufrief, auf die Straße zu gehen, sichtbar zu werden und offen für die eigenen Rechte zu kämpfen."

Tatsächlich lassen sich die Gründungen der bundesweit ersten schwulen Aktionsgruppen auf den öffentlichen Skandal, die Kontroversen und Debatten, die der Film provozierte, zurückführen. So kam es am 15. September 1971 im Berliner Arsenal Kino zu einem Treffen, in dem Praunheims Film diskutiert wurde und aus dem heraus die "Homosexuellen Aktionsgruppe Westberlin" (HAW) entstand. Praunheims "Machwerk" sei gewiss "kein Schockauslöser für ein besseres Miteinander oder gar eine Gesellschaftswandlung", hatte "Unter uns" geunkt. Doch genau das wurde er. Obwohl, und auch weil, er immer wieder auf Widerstand stieß.

Rage in den eigenen Reihen

Die für den 31. Januar 1972 angekündigte deutschlandweite Fernsehausstrahlung des Films wurde auf Betreiben des Südwestfunks kurzfristig aus dem Programm genommen. Mit einer Mehrheit von sechs gegen vier Stimmen beschloss die ARD-Programmkonferenz die Absetzung des Films mit der Begründung, "dass der Film geeignet sein könnte, Vorurteile, die ohne Zweifel in der Öffentlichkeit gegen Homosexuelle trotz der liberalisierten Gesetzgebung zur Zeit noch bestehen, zu bestätigen oder zu verstärken, anstatt sie abzubauen." Helmut Oeller, Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, ergänzte: "Wir stehen als öffentliche Anstalt im Dienste der Mehrheit." Welche "Mehrheit" hier geschützt werden sollte, darüber wurde im Folgenden gestritten: die Mehrheit der im Film attackierten "braven" Homosexuellen oder doch die Mehrheit der nach wie vor latent schwulenfeindlichen Gesamtbevölkerung?

Die "International Homosexual World Organisation" (IHWO) sowie schwule Magazine wie "Him" oder "Unter uns" begrüßten die Entscheidung. Sie hatten sogar im Vorfeld gegen die Fernsehausstrahlung protestiert. Rosa von Praunheim, der davon erst aus der Presse erfahren hatte, nannte das Vorgehen einen Skandal. Als einziger Sender strahlte der WDR den Film am 31. Januar 1972 mit einer anschließenden Diskussionsrunde in seinem dritten Programm aus.

Obwohl in Praunheims Film Frauen keine Rolle spielten, war die von ihm ausgelöste Debatte auch für die Lesbenbewegung in Deutschland von Bedeutung. In einer "Chronik der Erfolge" schrieb die "Emma" Anfang 2007: "31. Januar 1972: Im WDR läuft der Film 'Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt' von Rosa von Praunheim. Mit dabei: Die 'Homosexuelle Frauen-Aktion' aus Köln, deren Gründerin Gertraut Müller erklärte: 'So konnten wir vor einem Millionenpublikum sagen, dass es nicht nur die Problematik der Homosexuellen gibt, sondern auch die der Lesbierinnen, die in allen Medien quasi totgeschwiegen wird.' Am 1. März gründet sich auch in der 'Homosexuellen Aktion Westberlin' eine Frauengruppe. Der Aufbruch der Lesben beginnt."

Rosa von Praunheims Film stieß Anfang der Siebziger zwar eine Debatte an, aus der heraus sich eine selbstbewusste Schwulenbewegung entwickelte und trug so entscheidend zur Emanzipation der Homosexuellen in Deutschland bei. Die Lust am Spießertum wollten sich die Schwulen und Lesben von ihm dann aber doch nicht austreiben lassen. Anstatt sich in linksrevolutionären Kommunen zu tummeln, möchten die meisten lieber heiraten, Kinder adoptieren oder Karriere machen. Aus der Mitte der Gesellschaft konnte Praunheim die Schwulen also nicht "befreien". Im Gegenteil dürften sie sich dort heute deutlich wohler fühlen als noch vor vierzig Jahren.

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insgesamt 3 Beiträge
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Detlef Grumbach, 04.07.2011
1.
Ausführliche Informationen zum Streit über den Film innerhalb der Schwulenbewegung damals und zur Position der IHWO enthält das Buch von Raimund Wolfert: Gegen Einsamkeit und 'Einsiedelei'. Die Geschichte der internationalen homophilen Welt-Organsiation.
Wolfgang Bieber, 04.07.2011
2.
Helau, wir lieben uns Homosexuelle sind auch in Deutschland noch lange nicht gleichberechtigt. Doch es ist fraglich, ob Karneval und Partystimmung dazu beitragen, das zu ändern. Wir kämpfen einen politischen Kampf ? mit Selbstbewusstsein und Spaß, aber ohne unsere Gegner zu verschrecken oder zu dämonisieren. Alexander Vogt http://bit.ly/jHAbY2
Ingo S., 06.07.2011
3.
Das hätte ich von Herrn Volk nicht gedacht: "Der lauteste Aufschrei kam jedoch von völlig unerwarteter Seite. Von Stefan Volk"
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