Skandalwagen im Karneval "Ja der Penis, mein Gott noch mal!"

Karnevalisten am Kreuz, ein Kardinal bei der Hexenverbrennung und Helmut Kohl nackt: Seit 1982 baut Jacques Tilly Karnevalswagen und sorgte für etliche Skandale. Auf einestages erzählt er von Kanzlerstürzen, Kirchenprotesten - und zeigt seine 20 brisantesten Wagen.

Jacques Tilly

Ein Interview von


einestages: Herr Tilly, Sie haben Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel nackt gezeigt. Was...

Tilly: ...soll das? Die Narren wollen Kanzlerfleisch…

einestages: ...wir wollten eher wissen, was an dieser Masche kreativ ist.

Tilly: Es ist eben nicht nur Masche. Die Entblößung der Politiker hat auch immer einen politischen Hintergrund. Jemanden auszuziehen, ist ja allein nicht lustig. Es ging uns immer um den Zusammenhang. Wenn zum Beispiel Bundeskanzler Schröder der alten Tante SPD als Exhibitionist die nackte Wahrheit zeigte, dann war es natürlich nötig, ihn nackt zu zeigen.

einestages: 1994 haben Sie Helmut Kohl als halbnackten Urwaldindianer dargestellt...

Tilly: ...und sein Baströckchen war leider so kurz geraten, dass man den kleinen Helmut darunter sehen konnte. Das gab den ersten großen Knall zwischen Politik und Karneval. Ein Anwalt aus Bonn schaltete sich ein und drohte mit einer einstweiligen Verfügung.

einestages: Wie haben Sie reagiert?

Tilly: Mit Humor, wie sonst? Der Anwalt rief unseren Zugleiter an und sagte: "Das Ding muss ab". Unser Zugleiter stellte sich dumm: "Worum geht's genau?" - "Na um das Objekt, das hier beanstandet wird." - "Ja was denn für ein Objekt?" Da brach es dann plötzlich aus dem Anwalt raus: "Ja der Penis, mein Gott noch mal!" - "Was, der Penis? Aber den kann ich doch Helmut Kohl nicht abschneiden! Was soll denn die Hannelore sagen?" Das war lustig, half aber trotzdem nicht: Helmut Kohl nackt im Karnevalsumzug ging nicht.

einestages: Und trotzdem fuhr der Kanzler am Ende entblößt durch Düsseldorf. Warum?

Tilly: Wir waren zunächst in ein Gartencenter gefahren und hatten eine Topfpflanze gekauft. Die wurde Kohl dann zwischen die Beine gestellt, aber leider nur sehr notdürftig anmontiert: Bei der ganzen Wackelei kippte die Blume schon nach ein paar Metern um - und alle Fotografen stürzten sich auf den Wagen. Ein Nachspiel gab's trotzdem nicht.

einestages: Vielleicht, weil Sie am Ende nur einer von vielen waren, die sich über Kohl lustig machten.

Tilly: Tatsächlich war Kohl in den Neunzigern das liebste Opfer der Satiriker, das stimmt schon. Aber ich verbinde mit ihm auch meine Anfänge. Die "Kohl-Birne" war mein erster selbstgebauter Wagen: Darauf stand hinter Helmut Kohls Kopf - der Birne - Franz-Josef Strauß mit einem Messer und einem Schild: "Esst mehr Obst". Der erste Wagen, an dem ich beteiligt war, stellte Kohl im Sonnenstuhl dar. Hinter ihm warf die damalige Wirtschaftskrise in Form eines Kraken ihre Arme um ihn. Die Aussage war: Kohl, der Nichtsnutz. Kohl, der die Dinge nicht anpackt, sondern aussitzt.

einestages: Immer nur Kohl - wurde das auf Dauer nicht langweilig?

Tilly: Sie haben Recht. Ich habe ihn 16 Jahre lang ununterbrochen durch den Kakao gezogen, dann stand es mir wirklich bis zum Hals: Jedes Jahr mehrere Kohls zu bauen machte irgendwann keinen Spaß mehr. Er wurde ja auch immer dicker, weshalb auch die Figuren immer dicker werden mussten. Das hat uns jedes Jahr mehr Draht und Papier gekostet. Ich war wirklich froh, als endlich ein anderer Kanzler dran war.

einestages: Ein weiterer legendärer Wagen ist der mit den Kruzifixen von 1996. Was ist damals passiert?

Tilly: Ich wollte drei Narren am Kreuz zeigen, unter dem Motto: "Karneval in Bayern". Damals hatte das Bundesverfassungsgericht das Gesetz, das in jeder bayerischen Schule ein Kreuz vorschreibt, für grundgesetzwidrig erklärt. Wir wollten mit unserem Wagen sagen: Das ist Bayern, das ist nicht weit weg von Iran. Als der Entwurf veröffentlicht wurde, brach ein Sturm der Empörung los.

einestages: Was jetzt nicht wirklich überraschend ist.

Tilly: Aber das, was dann folgte, hatte andere Dimensionen. Es ging ans Eingemachte.

einestages: Wie meinen Sie das?

Tilly: Ich kann hier nicht konkret werden, aber die Kirche hat wirklich vieles unternommen, um den Wagen zu verhindern. Der Karneval zog am Ende die Notbremse, der Kruzifix-Wagen wurde aus dem Programm genommen. Ich habe ihn aber trotzdem fahren lassen - komplett verhüllt. Darauf war nur noch ein Schild zu sehen - Aufschrift: "Ersatzlos gestrichen".

einestages: Täuscht der Eindruck, oder häufen sich die Skandale erst seit den Neunzigern?

Tilly: Das stimmt schon. Zur Wende haben wir zum Beispiel einen zusammengeflickten Berliner Bären gebaut - oder Gorbatschow, der als Sonne den Kalten Krieg zum Schmelzen brachte. Das war nett, aber harmlos. Etwas später hat der Bund Deutscher Karneval eine Order rausgegeben: nichts zum Thema Leid, nichts zu Krieg und bloß nichts zum Thema Religion.

einestages: Und dann haben Sie erst recht begonnen, die Skandale herauszufordern.

Tilly: Natürlich, das war doch lächerlich. 80 Prozent des Weltgeschehens wären damit plötzlich nicht mehr karnevalskompatibel gewesen. Politische Kritik ist schließlich die Ur-Idee des Karnevals. Die Bevölkerung soll einmal im Jahr den Herrschenden den Spiegel vorhalten - und zwar ungestraft.


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einestages: Nachdem der finnische Handykonzern Nokia sein Werk in Bochum geschlossen hatte, zeigte einer Ihrer Wagen 2008 einen Mord: Nokia-Mitarbeiter wurden mit einem "Handy-Messer" erstochen. Geht das nicht zu weit?

Tilly: Das war ein wirklich drastischer Wagen, aber die Leute am Straßenrand haben applaudiert. Das kommt nur alle paar Jahre mal vor. Dann, wenn ein Wagen den Leuten so richtig aus dem Narren-Herzen spricht.

einestages: Sie haben offenbar absolute Narrenfreiheit.

Tilly: Aber das bin ja nicht nur ich. Die Düsseldorfer Karnevalsfunktionäre sind angstfrei. Unser Geschäftsführer hat viele meiner Entwürfe noch polemischer gemacht: Die könnte ich mir übers Bett hängen, sagte er, der Düsseldorfer Karneval sei "kein Kindergeburtstag". Da musste ich oft nachsitzen und noch eine Schippe Satire drauflegen. So ist mancher meiner provokanten Wagen aus meinem Trotz entstanden: Wenn ein Entwurf zu mir zurückkam, habe ich es erst recht übertrieben.

einestages: Welcher unter diesen Wagen war Ihr bester?

Tilly: Ich mochte den Wagen mit Kardinal Meisner. Der hatte kurz vor Rosenmontag Frauen, die abgetrieben hatten, moralisch auf eine Stufe mit SS-Schergen in Auschwitz gestellt. Als Retourkutsche haben wir einen Wagen gebaut, auf dem Meisner eine Frau verbrannte, die abgetrieben hatte. Der Wagen ist ziemlich gut angekommen. Aber wenn wir den Entwurf wie beim nackten Kohl schon vorher veröffentlicht hätten, hätte der nie fahren dürfen.

einestages: Was passiert eigentlich mit den Wagen nach Rosenmontag?

Tilly: Die kommen schon am nächsten Tag in die Schrottpresse. Wenn Sie so wollen, werden dann Minister, Kanzler und Päpste gestürzt - von ihren Wagen. Sie leben nur in den Fotos weiter, die ich am Tag zuvor geschossen habe. Aber das ist auch gut so: Nach Aschermittwoch ist eh alles vorbei. Nach wochenlanger Plackerei fühle ich mich dann, als würde ich aus dem Knast kommen. Ich sehe zum ersten Mal wieder die Krokusse blühen und habe das Gefühl, wieder unter den Lebenden zu sein.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Robert Pfeffer, 18.02.2012
1.
Heldenhaft! Wirklich mutig, christliche Kirchen auf die Schippe zu nehmen.
Maria Müller, 18.02.2012
2.
Ja der Penis. Ein umstrittendes männliches Teil. Da wo er gezeigt wird enstehen immer Debatten. Dabei haben 49 % der Menschen so ein Teil in der Hose, also müßte es langweilig sein so ein Teil zu betrachten. Wenn im Gegensatz zu diesen Papp-Schröder tatsächlich ein Mann sein Teil zeigt hat dieser mit hohen Strafen zu rechnen und oft mit Gefängnis. Ja die Doppelmoral hat uns hier voll im Griff. Oder besser gesagt, die holde Weiblichkeit die dann auf Angst vor Penis tut um Aufmerksamkeit zu bekommen.
karl mangeder, 20.02.2012
3.
War ja klar, dass hier gleich wieder christliche Fundis einmarschieren und uns vorheulen, dass man die liebe Kirche doch bitte nicht zu kritisieren habe. Ist wohl zu schwer, zu begreifen, dass Freiheit der Kunst ohne Ausnahme für alle gilt? Und wenn man einem System anhängt, dass selber keine Meinungsfreiheit kennt, bildet man sich wohl gerne ein, dass dies alle anderen gefälligst auch so hinzunehmen haben. Wahrscheinlich hat auch der verheulte Tunnelblick der Christen-Fundis wieder mal verhindert, dass sie die ebenso kritisierten Moslems in den Bildern wahrnehmen.
Uwe Schwarz, 20.02.2012
4.
@Robert Pfeffer: Nun, das Land wird ja nicht von einer Islamisch-Sozialen Union regiert, auch nicht von einer Scientologisch-Demokratischen Union. Kein Mullah darf im deutschen Fernsehen vom Baby-Holocaust faseln, das ist dem Kölner Frauenschreck vorbehalten. Auch wird nicht um das Auf- oder Abhängen von grünen Fahnen in bayrischen Klassenzimmern gestritten. Also trifft es schon die Richtigen. Nicht zu vergessen: Der Karneval ist eine christliche, genauer gesagt: katholische Veranstaltung. Wenn die Katholiken einmal im Jahr ihre Hirten durch den Kakao ziehen und den Rest der Zeit brav zur Messe gehen, ist doch alles im Lot, oder?
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