Skaten in der DDR Bretter, die die Welt bedeuten

Freiheit, Rock'n'Roll und krasse Tricks: Das ist Skateboarding. Kuchenbretter mit Rollen, geklaute Parkbänke als Rampen und Flucht vor Polizisten - das war Skateboarding in der DDR. Jugendliche wie Marco Sladek und Torsten Schubert schufen trotzdem das Unmögliche - eine Ost-Skaterszene.

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Wildfremd Prod./Berlin+M.Jung

Als Torsten Schubert am Weihnachtsabend 1986 unterm Tannenbaum das längliche Paket aufriss, wähnte sich der Leipziger für einen Augenblick im Paradies. Hinter dem Geschenkpapier lugte ein echtes Skateboard hervor. Kein selbstgezimmertes, sondern ein gekauftes, eines aus dem Kaufhaus. "Germina Speeder" prangte in grün-weißen Buchstaben auf dem Brett. Doch das Glücksgefühl verpuffte schlagartig, als der damals 17-Jährige das Board umdrehte.

Auf der Unterseite prangte ein dicker, gelber Gummistopper, wie ihn Rollschuhe besitzen, zudem waren Achsen und Rollen viel zu schmal. Torsten drehte das Brett wieder um und sah mit Kennerblick sofort, dass das Deck aus dünnem, brüchigen Sperrholz gefertigt war. Schubert hielt das erste und einzige jemals in der DDR auf den Markt gebrachte Skateboard in den Händen. Hergestellt vom VEB Schokoladen-Verarbeitungsmaschinen aus Wernigerode.

Skaten und Sozialismus, das ging nicht zusammen. Der US-Sport, schon immer Synonym für Freiheit, Rebellion und Selbstbestimmung, passte nicht zu einem Staat, der jegliche Regungen seiner Bürger in ein Regelkorsett zu zwängen versuchte. Dass es seit den siebziger Jahren trotzdem eine grandiose, vor allem aber erfinderische Skater-Szene jenseits des Eisernen Vorhangs gab, beweist nun "This Ain't California": Dokumentarfilm und Herzensangelegenheit des Berliner Regisseurs Marten Persiel, der soeben Drehstart gefeiert hat und im Sommer 2012 in die Kinos kommen soll.

"Skaten und Punk waren eins"

Torsten Schubert, der in der Szene Goofy getauft wurde, weil er ständig dem Brettspiel "Go" frönte, wirkt beim Film ebenso mit wie der 1970 geborene Ost-Berliner Marco Sladek. Sladek zählte damals zu den besten Skatern der DDR. Mit 14 bastelte sich Sladek sein erstes Brett zusammen: Er nahm ein paar alte Rollschuhe auseinander, schraubte die Rollen auf ein Stück Sperrholz und verzierte das Brett mit einem selbstgemalten Pepsi-Logo. Bevor er sich auf den glatt gekachelten Alexanderplatz, das ostdeutsche Skater-Mekka, traute, übte der Ost-Berliner wochenlang im Hinterhof. "Ich fühlte mich plötzlich so frei, so unbeschwert", erzählt der heute 40-Jährige.

Für Sladek geriet das Skaten ebenso zur Lebensphilosophie wie für Goofy: "Skaten und Punk war eins. Beides war nonkonform, vogelfrei, unkonventionell", sagt der Leipziger. Er zimmerte die Rampen aus geklauten Parkbänken, Werbeflächen, alten Schränken und bastelte sogar die Achsen für seine Boards selbst: "Ich nahm den Abdruck einer billigen Kaufhausbrett-Achse, goss in einer Alu-Gießerei einen Rohling und baute die Achsen dann in meinem Lehrbetrieb zusammen. Die waren zwar zigmal schwerer als die Originale, dafür aber stabil", erinnert er sich.

Dorn im Auge der Obrigkeit

Wie die anderen DDR-Skater hörten Goofy und Sladek die Sex Pistols, Dead Kennedys und Metallica, träumten von amerikanischen Brett-Stars wie Rodney Mullen oder Natas Kaupas und trugen T-Shirts mit selbstgemalten Totenköpfen, Sensemännern, Feuerbällen und grinsenden Fratzen. Als Vorlage für Logos, Tricks und Klamotten dienten zunächst fast ausschließlich das BRD-Fernsehen sowie die Skater-Magazine und Videos, die Freunde aus dem Westen ab und zu rüberschickten.

Die Familie reagierte oft befremdet auf den neuen Sport. Goofys Vater etwa, ein Sportfunktionär, hatte seinen Sohn von Kindesbeinen an auf Leistungssport getrimmt und kam zunächst nicht damit klar, dass die Nachwuchshoffnung erst den Breakdance und dann das Skateboard für sich entdeckte. "Hast Du nichts Besseres zu tun als über Pappkartons zu springen?", fragte er Goofy, als er ihm einmal an der Moritzbastei, einem wichtigen Skater-Treffpunkt für Leipziger, begegnete.

Auch der DDR-Obrigkeit war die Skaterei ein Dorn im Auge. So dauerte es meist keine fünf Minuten, bis Polizisten ihn von den glatten Flächen vor der Weltzeituhr, am Pergamonmuseum oder vor dem Palast der Republik in Ost-Berlin verjagten, erinnert Sladek. Im Handumdrehen gruppierte sich eine Zuschauermenge um ihn, "davor fürchtete sich die Partei", sagt er. In Leipzig parkte meist ein Polizeiauto in der Nähe der Moritzbastei; Rampen und sonstiges Equipment wurde über Nacht von Ordnungskräften entfernt.

"Die bekamen uns nicht weg von der Straße"

Um die Jugendlichen zurück auf Kurs zu bringen, versuchte die Diktatur, ihre Skater in die sozialistischen Strukturen des "Deutschen Rollsport Verbands" (DRV) zu pressen. "Doch die bekamen uns nicht weg von der Straße", so Sladek. Zwar war er bis zum Mauerfall offiziell Mitglied der Betriebssportgemeinschaft Empor HO Berlin, Sektion Rollsport, durfte Hallen und Equipment nutzen und belegte, ebenso wie Goofy, einen Übungsleiterlehrgang an der zentralen Sportschule Greiz. An die Kandare ließ sich indes keiner der Skater nehmen.

Ungebremst rollten sie weiter durch die Innenstädte und erlernten immer schwierigere Tricks - die sie sich ab Mitte der achtziger Jahre verstärkt von der westdeutschen und tschechoslowakischen Szene abguckten. Ein Training in Brünn 1986 gemeinsam mit dem Gütersloher Spitzenfahrer Claus Grabke öffnete Sladek, wie er sagt, "erst die Augen für das, was mit dem Board alles ging".

Internationale Treffen in Prag sowie Besuche westdeutscher Skater in Ost-Berlin schlossen sich an. "Sweatshirts, Achsen, Rollen, alte Bretter: Die Westdeutschen brachten uns so viel mit, wie sie tragen konnten", erinnert sich Sladek. Laut Kai Rainhart, der eine Dissertation über Fun-Sportarten in der DDR geschrieben hat, gab es in West-Berliner Skater-Läden sogar eine Art "Altkleider-Sammlung", wo man ausgedientes Material für die ostdeutschen Kollegen deponieren konnte.

Profi-Board für vier Monatslöhne

Die Chuzpe und Kreativität ostdeutscher Skater sprach sich herum, ab 1987 reisten US-Profis wie Eric Dressen, Ken Park und Mark Gonzales an, um die Szene jenseits des Eisernen Vorhangs kennenzulernen. Sladek, der von West-Berliner Freunden per Telefon informiert worden war, holte die Skater-Stars an der Grenze ab, fuhr mit ihnen durch die Stadt, nahm dankend neues Equipment entgegen. Es war die Zeit, in der sich der Malerlehrling erstmals ein echtes Profi-Board kaufte: ein "Rodney Mullen". Sladek kaufte es einem Prager Skater für 300 Ostmark ab - was damals in etwa dem Vierfachen seines Monatslohns entsprach.

Der Staat verhielt sich zwiespältig gegenüber seinen Skatern. "Wenn die kapiert hätten, dass man damit in der Welt glänzen kann, hätten sie uns sicher noch mehr gefördert", sagt Sladek. Doch die Obrigkeit kapierte es nicht: Einerseits versuchten die Funktionäre, sich mit den DDR-Skatern zu schmücken, um dem Volk zu zeigen, wie tolerant man doch sei. So durfte Sladek einmal beim Abschluss-Sportlerball in Dresden vor der versammelten Sport-Prominenz auftreten und seine Tricks in Discotheken und Fernsehsendungen wie "Elf 99", "Wie wär's" und "Mach mit, mach's nach, mach's besser" vorführen.

Andererseits beobachtete das Ministerium für Staatssicherheit gerade die zunehmende Ost-West-Verbrüderung der Skater mit Sorge. Als Sladek, Goofy und andere im Frühjahr 1988 am Berliner Cantianstadion einen inoffiziellen deutsch-deutschen Freestsyle-Contest organisierten, zu dem außer den rund 25 ostdeutschen auch etwa 15-20 westdeutsche Skater kamen, funkte die Partei dazwischen. Stasi-Mitarbeiter konfiszierten Kassetten mit West-Musik, ein Sportfunktionär trommelte alle Ostdeutschen zusammen und versuchte, ihnen den Wettbewerb auszureden.

Achsen vom Begrüßungsgeld

"Das ist doch eure Meisterschaft. Die dürft ihr euch nicht vom Klassenfeind wegnehmen lassen", riet der Mann den Jugendlichen, wie sich Goofy erinnert. Die Ostdeutschen ließen sich das nicht bieten, um ein Haar hätte die Stasi die ganze Veranstaltung aufgelöst. Schließlich einigte man sich darauf, dass die Westdeutschen zwar nicht mitmachen, dafür aber den Contest bewerten durften. Ein Jahr später fiel die Mauer, und kein Funktionär der Welt konnte den Skatern mehr ihre gemeinsamen Sessions verbieten.

Am Nachmittag des 10. November 1989 trafen sich Jugendliche aus beiden Teilen der Stadt vor California Sports, einem der wichtigsten Skate-Ausstatter in West-Berlin, und rollten gemeinsam den Kurfürstendamm hinunter. Zu dem Zeitpunkt saß Goofy auf einem Wachturm an der grünen Grenze, in der Nähe von Salzwedel und verdammte sein Schicksal, so kurz vor dem Untergang des Arbeiter- und Bauernstaats noch zur Armee einberufen worden zu sein.

Von dem Begrüßungsgeld kaufte sich der Leipziger ein paar neue Streetshadow-Gullwing-Achsen - und auch 22 Jahre nach dem Mauerfall ist Goofy den "Skater-Virus noch immer nicht los", wie er sagt. Statt wie zu DDR-Zeiten an der Moritzbastei oder in der Mädler-Passage in Leipzig kurvt der Vater einer kleinen Tochter heute auf dem Betonbowl im Mellowpark in Berlin-Köpenick herum.

Sein Traum wäre es, einmal in einem Original Swimming Pool zu skaten, so wie die US-Heldenseiner Jugend. Nach Kalifornien jedoch, jenes Skater-Mekka, mit dem auch der Filmtitel "This Ain't California" spielt, muss er dafür nicht unbedingt fliegen: "Um Spaß zu haben, muss ich nicht nach Amerika", sagt Goofy.

Zum Weiterlesen:

Kai Reinhart: "Wir wollten einfach unser Ding machen": DDR-Sportler zwischen Fremdbestimmung und Selbstverwirklichung, Campus Forschung 2010.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Thomas Steffen, 29.08.2011
1.
Irgendwann bekommen es SPIEGEL-Autoren noch hin, den Geschmack von DDR-Brühwürfeln mit dem politischen System der DDR in Verbindung zu bringen, mit Stasi, Vopo und Schießbefehl. Wir sind 87 bis 89 auf Parkplätzen und Fußgängerzonen skaten gewesen und hatten nie Probleme bekommen. Hatten uns an unbeteiligte Fahrradfahrer gehangen und anschließend keinen Besuch vom ABV bekommen. Das DDR-Brett bestand nicht aus brüchigem Speerholz, sondern sah einfach nur uncool aus, war massiv Holz, schwer und farblos lackiert (wie gesagt uncool). Wer jetzt über die Vopos am Alex schimpft, sei Skaten am Hackischen Markt und am Domufer empfohlen. Es dauert keine drei Minuten bis der private Sicherheitsdienst kommt.
Horst Jessner, 30.08.2011
2.
"Wer jetzt über die Vopos am Alex schimpft, sei Skaten am Hackischen Markt und am Domufer empfohlen. Es dauert keine drei Minuten bis der private Sicherheitsdienst kommt. " Ha, ha, ha - ganz genau!!! Aber das ist ja privat und somit viel besser ... Wir waren auch breakdancen und skaten, das hat keinen aufgeregt. Aber es war ja ein graues Einheitssystem in dem der Schiessbefehl allgegenwärtig lauerte bis uns der dicke Einheitskanzler endlich befreit hat!
Matthias Frase, 30.08.2011
3.
Jaja, unser grauenhaftes Dasein in der DDR... Wie haßerfüllt muß man sein, um so unschuldige Freizeitaktivitäteten wie Skateboarding in Konfrontation zum System bringen zu wollen. Skaten gegen den Sozialismus oder wie? Was fürn Blödsinn! Ich bin zwar selbst kein Skater, kenne aber einige Altersgenossen, die das taten; und die hatten überhaupt keine Probleme damit, warum auch. Niemand hat davon Notiz genommen; es war völlig OK, solange sie niemanden umfuhren o.ä. Diese 'einestages'-Seite macht sich zunehmend lächerlich. Ihnen ist es mit zu verdanken, daß hier heute Jugendliche rumlaufen, die sagen: DDR - das war doch wie Krieg. (..und die Hälfte von denen das deswegen auch noch gut findet). Komplette Verblödung! Und noch etwas persönliches: Leute, die an wirklich ALLEM ständig nur rumnörgeln und rumzicken, nennt man Meckerköppe; und solche Leute kann niemand leiden.. Auch wenn dieses Meckern Phänomene der Vergangenheit betrifft, wirkt der dauerruntergezogene Mundwinkel abstoßend. Lassen Sie sich das gesagt haben von einem, der in der DDR auch schon mal als Meckerkopp bezeichnet wurde - Sachen wie Skateboarding wären aber selbst mir nicht in den Sinn gekommen; das gab das einfach nicht her.
Matthias Frase, 30.08.2011
4.
PS: Ach ja: "300 Ostmark - das Vierfache eines Monatslohns.." ihr habt nicht die geringste Kenntnis über die DDR, stimmts?
Horst Jessner, 30.08.2011
5.
Lieber Matthias, merke: - Wir hatten eine völlig sinnlose Kindheit und Jugend - Überall war Stacheldraht, Minen, Spitzel, Schergen, Schiessbefehl und Mauer. - Wir sind nicht für Mitbestimmung und Reformation auf die Strasse gegangen, sondern für D-Mark und Ausverkauf. - Heute sind wir frei, weil die Überwachungskameras privat betrieben werden. Ich habe als Lehrling 165 Mark verdient. Hätte ich für 300 ein Profiskateboard kaufen können hätte ich voller Freude 2 Monate improvisiert. Was mich nervt, ist, dass in Zeiten des Meinungspluralismus und der die Medien genau so gleichgeschaltet agieren, wie es den DDR Medien immer vorgeworfen wird. Das scheint mir genauso politisch gesteuert, wie bei uns ... ;)
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