Skispringer Eddie the Eagle Der Traum vom Fliegen

Er kam als Lachnummer und ging als Legende: Als blutiger Laie mit Schnapsglasbrille und Pferdegrinsen bestieg Michael Edwards 1988 die Skischanze der Olympischen Winterspiele in Calgary. Seine wackeligen Sprünge schockierten die Verantwortlichen - und entflammten die Herzen der Fans.

Getty Images

Von Jessica Braun


Schon seine Ankunft bei den Olympischen Spielen glich eher der unbeholfenen Bruchlandung eines Albatros, als dem eleganten Aufsetzen eines Adlers. Es war 1988, ein Wintertag im kanadischen Calgary, zu Beginn der Winterspiele, als Michael Edwards - schon zu diesem Zeitpunkt besser bekannt als Eddie the Eagle - am Flughafen eintraf.

Der Koffer des 24-jährigen war aufgegangen: Thermounterwäsche und bunte Satinschlüpfer fuhren auf dem Kofferband Karussell, während Edwards verzweifelt versuchte, sie einzusammeln. Dabei fiel nicht nur seine Brille - wegen der flaschenbodendicken Gläser bereits sein Markenzeichen - zu Boden und zerbrach. Zu allem Unglück platzte ihm, als er seine Sehhilfe aufheben wollte, auch noch die Hosennaht. Mit kaputter Brille und eiligst zusammengerafftem Gepäck machte er sich auf den Weg zum Ausgang. In der Eingangshalle warteten Fans mit einem Plakat: "Willkommen in Calgary, Eddie the Eagle". Vor lauter Freude über den Empfang übersah Edwards prompt die Glastür vor seiner Nase und rannte mit voller Wucht dagegen. Es sollte nicht seine letzte Bruchlandung seines Lebens bleiben.

"Die Menschen wollten mich gern als eine Cartoonfigur sehen", erinnerte sich die mittlerweile 45-jährige Skispringerlegende in einem Interview mit der englischen Tageszeitung "Telegraph" an seine Ankunft in Calgary, "und wie es das Schicksal so wollte, habe ich sie selten enttäuscht." Immerhin: Eddie the Eagle war der einzige britische Skispringer, der an diesen Spielen teilnahm. Das lag vor allem daran, dass es vor ihm keine Skispringer in England gab.

"Jeder Sprung konnte mein letzter sein"

So lag der erste Schanzensprung von Eddie, dem Maurer aus dem wenig alpinen Ort Cheltenham, auch erst zwei Jahre zurück. Doch trotz seiner geringen Erfahrung und seiner für einen Skispringer propperen Figur (Edwards wog rund zehn Kilo mehr als der schwerste seiner Konkurrenten) hatte der Adler eine Masche im Netz der Aufnahmekriterien für Olympia gefunden, durch die er sich zwängen konnte. Er wollte teilnehmen und riskierte dafür Haut und Knochen.

"Ich hatte kein Geld, keinen Trainer, keinen Schnee, keine Trainingsmöglichkeiten", sagte Eddie später. Aufhalten konnte ihn das nicht. Calgary lautete das Ziel und um das zu erreichen sprang er nach nur fünf Monaten Skitraining zum ersten Mal von einer 120-Meter-Schanze. Kurz darauf nahm er den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Oberstdorf teil und belegte mit seinen legendär wackligen Sprüngen den 58. Platz - in einem Feld von 58 Teilnehmern. Doch da er als erster Brite antrat, bedeuteten seine 73,5 Meter britischen Rekord - seine Fahrkarte nach Calgary. Hohn und Spott waren ihm trotz seines waghalsigen Ehrgeizes sicher. Er flöge "wie ein Backstein" kommentierten fassungslose Kritiker seinen Auftritt. Wütende Stimmen behaupteten sogar, er zöge den Sport in den Schmutz. Doch Edwards winkte fröhlich vor jedem Sprung in die Kamera und grüßte seine Mutter. "Jeder Sprung konnte mein letzter sein", erinnert er sich.

Elegant war kein einziger. Mit beschlagener Brille und adrenalingepeitschtem Pferdegrinsen stürzte sich der Engländer schließlich bei den Olympischen Spielen von der Schanze. Während der Finne Matti Nykänen schon bei seinem ersten Sprung mit 118,5 Metern den Rekord brach, schaffte Edwards nur 71 Meter. Seine wachsende Fangemeinde störte das aber kein bisschen. Wirkten die besten unter den Olympioniken oft so charismatisch wie eine Schneewehe, gab der Brite dem Publikum Grund zu lachen und um seine Gesundheit zu bangen. Selbst der damals amtierende US-Präsident Ronald Reagan soll eine Sitzung unterbrochen haben, um Michael Edwards im Fernsehen bei einem seiner ungelenken Aufsetzer zuzusehen.

Sein inneres olympisches Feuer

Es war genau diese Art der Popularität, die das Olympische Komitee störte: Nach Calgary wurden die Zugangsregeln verschärft. Von nun an mussten Skispringer in internationalen Wettkämpfen im vorderen Drittel des Starterfeldes landen, um sich für die Spiele zu qualifizieren. Die unter dem Namen "Eddie-the-Eagle-Regel" bekannt gewordene Vorraussetzung hielt Außenseiter wie Edwards zukünftig von der Teilnahme ab.

Obwohl er sich 1989 bei einem Sprung einen Schädel- und mehrere Rippenbrüche zugezogen hatte, versuchte Edwards dennoch sich ein weiteres Mal für die Olympia-Teilnahme zu qualifizieren. Immerhin 115 Meter flog er bei einem Wettbewerb am amerikanischen Lake Placid acht Jahre später. "Ich hatte mittlerweile 85.000 Sprünge absolviert", erinnert sich Edwards später nicht ohne Stolz. Doch für die Olympischen Spiele 1998 reichte es trotzdem nicht. Eddie der Adler sollte nie wieder antreten.

Sein inneres Olympisches Feuer brannte dennoch nicht nieder: "Für mich war allein die Teilnahme so viel Wert wie eine Goldmedaille", schwärmt Edwards. Gewöhnt an Höhenflüge und Widerstände stürzte sich der Maurer ins Showbusiness. Mit der Single "Fly Eddie Fly" schaffte er es in die britischen Top 50, in Finnland landete er Hits mit den auf Finnisch vorgetragenen Songs "Mun Nimeni on Eeetu" und "Eddien Siivella". Für keinen PR-Auftritt war er sich zu schade und ist es bis heute nicht - ist kein Adlerkostüm aufzutreiben, präsentiert er sich bei Events auch im Hühnchenkostüm gut gelaunt der Menge. Ihn dabei zu erkennen ist gar nicht so einfach: Seit er für einen russischen Augenarzt warb, ist Edwards dank einer kostenlosen OP seine Brille los. Auch seine Zähne hat er sich richten lassen. Dass ihn nicht mehr jeder auf der Straße erkennt, nimmt er sportlich: "Die Augen-OP hat mein Selbstbewusstsein extrem verbessert. Und mein Handicap beim Golf auch."

Anwalt, Maurer, Legende

Selbst die Zeit, in der der Pleitegeier über ihm schwebte, hat Edwards verkraftet: Sein mit Werbeeinnahmen verdientes Vermögen hatte er Verwandten anvertraut, die es prompt veruntreuten. Der Adler setzte zum Gegenangriff an. Erst verklagte er seine Verwalter, dann begann er, selbst Jura zu studieren.

Trotz abgeschlossenem Studium hat er auf eine Anwaltskarriere verzichtet. Mittlerweile verdient er sein Geld mit Gastauftritten bei Wintersport-Events, als Skilehrer und mit Aufträgen als Maurer. "Etwa alle sechs Monate bekomme ich außerdem um die 1000 Dollar für die Option auf mein Buch", erklärte Edwards vor kurzem gutgelaunt anlässlich der (wieder einmal) geplanten Verfilmung seiner Autobiografie "On The Piste".

Seit mehr als acht Jahren stehen die Chancen auf einen Film über sein Leben mal besser, mal schlechter. Im Moment überarbeitet der britische TV-Comedian Steve Coogan das Drehbuch. Er will auch die Hauptrolle spielen. Sollte der Film tatsächlich irgendwann in die Kinos kommen, wird Michael Edwards ein weiteres Mal ganz oben stehen. Und das mit Sicherheit mit der gewohnten Gelassenheit nehmen. "Alles, was ich wollte, war mein Bestes geben", fasste Englands berühmtester Skispringer kürzlich sein Leben zusammen, "mit allem was ich hatte - und das war nicht viel."



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.