Skurrile Hobbys Schloss mit lustig

Panzerknacken als Freizeitsport: Seit ein Tüftler 1845 das angeblich unbezwingbare erste Sicherheitsschloss überlistete, hat sich "Lockpicking" von der Zirkusattraktion zur Sportart gemausert. Ihr Gründervater brauchte noch 50 Stunden für seinen Coup - heute geben selbst Hochsicherheitsschlösser in Sekunden nach.

ddp

Von Stefan Heinrich


Das große, chromglänzende Türschloss will nicht so recht zu der alten wackeligen Holztür passen: Um an den eigentlichen Türöffner zu gelangen, muss mit einem Schlüssel erst ein Riegel entfernt werden - ein Schloss für das Schloss sozusagen. "Ein potentieller Dieb wäre besser beraten, die Tür einfach einzutreten, an dem Ding hier holt er sich nur wunde Finger", sagt Steffen Wernéry.

Der Mann weiß, wovon er spricht. Wernéry ist Gründungsmitglied und Präsident der "Sportsfreunde der Sperrtechnik Deutschland e.V", und hinter der hochgerüsteten Tür liegen die Vereinsräume des Panzerknackerclubs. Seit 1997 öffnen Wernéry und seine Vereinskollegen zum Spaß jegliche Art von Schlössern - Vorhängeschlösser, Fahrradschlösser, Tür- und Tresorschlösser.

Die Freuden der Sperrtechnik

In den Statuten ihres Vereins postulieren die Mitglieder die "Pflege der Sperrtechnik als sportliche Herausforderung". Und im Gegensatz zum gemeinen Schlüsseldienst bleibt das Schloss bei den Sportlern auch nach der Behandlung ganz. Nicht immer steht bei den Hobby-Entrieglern allein der Spaß im Vordergrund, es gibt auch richtige Wettkämpfe. Die Deutschen Meisterschaften im "Lockpicking", wie sich die Aufsperrsportler auch nennen, finden in diesem Jahr bereits zum zwölften Mal statt - in Disziplinen mit den wohlklingenden Namen Handöffnung, Freestyle, Hangschlossöffnung und Blitztechnik werden im Zweikampf die Besten der Zunft ermittelt, Mann gegen Schloss.

Die Gilde der Lockpicker ist durchaus traditionsreich. Joseph Bramah, ein englischer Erfinder und Schlosser, ließ sich im Jahr 1778 ein Patent auf das erste, von ihm entworfene Sicherheitsschloss geben. Es galt ein halbes Jahrhundert lang als aufbruchssicher, bis einem geschickten Herren namens A. C. Hobbs im Jahr 1845 nach fünfzig Stunden Schwerstarbeit die Öffnung des kleinen Wunderwerks gelang. Den Wunsch, Schlösser zerstörungsfrei zu öffnen, gibt es also schon seit Jahrhunderten - die Schlosssportler allerdings sind die ersten, die diese Kunst zu höchsten Blüten geführt haben.

Die Lockpicker-Bewegung entstand Anfang der neunziger Jahre, Wernéry ist einer der Vorreiter der Szene. Als er 1994 in New York war, kaufte er sich in einem kleinen Laden für Spionagezubehör sein erstes Lockpicker-Werkzeug. Zwei Jahre später hielt er auf dem Chaos Community Congress, einer Veranstaltung von Computer-Hackern, einen Vortrag zum Thema. Anschließend wollten so viele Leute seinen Workshop "Türöffnen ohne Schlüssel" besuchen, dass für ihn die Gründung des Clubs die logische Konsequenz war.

Herumstochern im Zylinder

Inzwischen gibt es Sportgruppen in Holland, der Schweiz, England und natürlich Amerika. Im Internet tauschen sich die Anhänger in Foren über ihren Sport aus, geben Tipps oder Informationen über Werkzeug und Schlösser. Kostenfreies Online-Wissen für Anfänger bietet neben dem "Handbuch zur Schlossöffnung" auch das Büchlein "Sperrtechnik", sozusagen das Standardwerk für jeden Lockpicker.

Das Training der ambitionierten Freizeitfeinmechaniker findet im "Vereinsheim" der Lockpicker statt, dem Raum Nummer 4 des Kulturzentrums von Hamburg-Eppendorf. Die Bezeichnung ist etwas übertrieben, denn es handelt sich eigentlich nur um ein Zimmer. Dessen Neonbeleuchtung lässt den Raum noch grauer erscheinen, als er ohnehin ist; an den Wänden hängen Bilder des Hamburger Hafens, die verwelkte Zimmerpflanze im einzigen Regal hat den Kampf um ein wenig Charme längst verloren.

Den Lockpickern ist das egal, es geht bei ihrem Hobby nicht um Schönheit, sondern um Schnelligkeit und Effizienz. Im Raum und auf dem einzigen Tisch in der Mitte des Raums herrscht heilloses Durcheinander, jedenfalls für den Laien. Unzählige Schlosszylinder und kleine Geräte, die auf den ersten Blick wie Skalpelle aussehen, liegen dort herum. Pick, Spanner und Extraktor heißen diese kleinen Werkzeuge in der Fachsprache, die unterschiedlichen Formen sind für die diversen Schlosstypen eigens entworfen und hergestellt worden. Mit den Picks stochert der Sperrtechnik-Aficionado so lange im Schloss herum, bis die Stifte und Drehscheiben im Inneren so plaziert sind, dass der Schlossmechanismus entriegelt. Um beide Hände frei zu haben, sind die Schließzylinder in mitgebrachte Schraubstöcke eingespannt.

Erfolgsquote 100 Prozent

Der ungewöhnliche Sport begeistert tatsächlich immer mehr Menschen. In allen größeren deutschen Städten gibt es Gruppen von Enthusiasten, die dem eher ungewöhnlichen Hobby frönen. Allein Wernérys Hamburger Lockpicker-Club ist inzwischen auf mehr als 500 Mitglieder angewachsen. Seit gut zehn Jahren besteht der Verein, der seine Ursprünge in der Begeisterung seines jetzigen Vorsitzenden für Schlösser hatte. "Meinen ersten Dietrich hatte ich mit zwölf", erzählt Wernéry und grinst, "damit ließ sich herrlich das Lehrerzimmer von außen zuschließen."

Auch nachdem er Kindheitsstreiche hinter sich gelassen hatte, widmete sich Wernéry dem Beseitigen von Sicherheitsbarrieren - allerdings auf andere Art und Weise. Wernéry war einer der ersten Computer-Hacker Deutschlands. Er trat dem legendären Chaos Computer Club bei, geriet nach einigen digitalen Narreteien sogar in Konflikt mit der Polizei. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, und inzwischen konzentriert er sich auf das Öffnen von Schlössern in der analogen Welt. Während er in der Werkstatt zwischen Fräsmaschinen vor einer Pinnwand sitzt, die mit zahlreichen Schlüsselrohlingen bestückt ist, erzählt er von Rettungstaten bei Freunden und Verwandten: "Ich hab sogar schon per Anweisung Schlösser übers Telefon entriegelt - Erfolgsquote bisher hundert Prozent".

Keine Chance für schwarze Schafe

Inzwischen beraten Wernéry und einige andere Vereinsmitglieder sogar Sicherheitsfirmen und Privatleute. Sie halten Vorträge in großen Unternehmen, von Wernéry "die Schloss-Show" genannt. Ein weiterer Kunde ist die Polizei - die Forensiker des Landeskriminalamtes Berlin etwa greifen auf das Wissen der Sportsfreunde zurück. Bei ungeklärten Fällen knackt Wernéry dann zum Beispiel Schlösser, um so Vergleichsspuren zu liefern. Auch das Verhältnis zur Schlossindustrie ist inzwischen in Ordnung. Anfangs jedoch "hatten die Bosse vor den Lockpickern als unabhängige Kontrollinstanz ziemlich Schiss", sagt der Veteran. Jetzt stiften die Unternehmen schon mal neue Schlösser oder Maschinen.

Weil Wernéry und seine Sportsfreunde einen Ruf zu verlieren haben, möchte er nicht mehr als 600 Mitglieder in seinem Lockpicker-Verein. Denn: "Die Leute in der Szene kennen sich gegenseitig, die Qualität bleibt so erhalten und schwarze Schafe haben dadurch keine Chance". Seriosität und der gute Ruf sind ihm und der ganzen Bewegung sehr wichtig, zwielichtige Gestalten haben keinen Platz. "Ich merke sehr schnell, wenn etwas faul ist", sagt Wernéry, "etwa, wenn einer vorbeikommt und sich nur für Tresorschlösser interessiert".

Er selbst ist nur noch selten "am Schloss", sondern kümmert sich eher um die Vereinsarbeit: Sponsorensuche, Wettkampforganisation. Soll es denn irgendwann offizielle Weltmeisterschaften geben? "Eigentlich schon, nur fehlt die Konkurrenz", erklärt Wernéry: "Im Ausland räumen die Deutschen alles weg."

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