Skurrile Wahlwerbung Sex, Lügen und Wahlplakate

Skurrile Wahlwerbung: Sex, Lügen und Wahlplakate Fotos

In Hessen war Wahlkampf, und alle schliefen ein - zumindest vor den Wahlplakaten. Öde, ideenlos und grau präsentierten sich darauf die Parteien. Dabei geht es auch anders, wie Beispiele aus anderen Wahlkämpfen zeigen. Ein kleiner Streifzug durch politische Plakatkriege der unterhaltsamen Art.

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Ach, kann Wahlkampf öde sein. "Wirklich wieder Koch?" lesen die Hessen dieser Tage auf den Plakaten des SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel. Der Slogan, der dem Wähler wohl ein Schreckenszenario vor Augen führen soll, klingt eher wie der Stoßseufzer eines Resignierten, der gerade das Wahlergebnis erfahren hat. Das scheinbar Unmögliche - noch langweiliger zu sein - vollbringt die CDU: "In Zeiten wie diesen kämpfen wir um jeden Arbeitsplatz". Und in anderen Zeiten als diesen? Allenfalls diese implizit aufgeworfene Frage gibt dem Slogan eine gewisse, wenngleich ungewollte Komik.

In Zeiten wie diesen scheint jedenfalls eins sicher: Den Werbeagenturen und Parteistrategen fällt irgendwie nichts Zündendes ein. Oder legt sich niemand so richtig ins Zeug, weil in Hessen alle Prognosen ohnehin darauf hindeuten, dass das Ergebnis schon feststeht? Wahlkampf aus reinem Pflichtgefühl? Dabei ist Wahlwerbung mit Pep durchaus nicht undenkbar - Beispiele aus früheren Auseinandersetzungen um die Gunst des Wählers belegen es. Und dazu muss man noch nicht einmal Nonsense-Parteien bemühen wie die belgische Nee-Partei, deren Spitzenkandidatin Tania Derveaux sich nackt ablichten ließ und den Wählern von ihren Plakaten herab 40.000-fachen Oralsex versprach.

Noch vor einem Jahr war selbst die hessische SPD vergleichsweise kreativ. Bevor sich Roland Koch mit seiner populistischen Kampagne zum Thema Jugendkriminalität selbst demontierte, riefen die Sozialdemokraten eine "Koch kocht"-Kampagne ins Leben. Auf einer "Schlachtplatte" wurden dann etwa "Falscher Lehrer mit hausgemachter Bildungsmisere" serviert oder "Armer Bürger ohne Mindestlohn und Kündigungsschutz" bis hin zum "Atomkraft-Allerlei Bibliser Art". Mit dem lauen CDU-Slogan ("Mit ihm bleibt Hessen stark!") konnte die SPD-Variante jedenfalls problemlos Schritt halten.

Präsenz zeigen statt überzeugen

Namenswitze sind zwar nicht jedermanns Sache, aber in Wahlkampfzeiten immer wieder beliebt. "Oskar... find' ich Kanzler", wagte die SPD 1990 allen Ernstes zu plakatieren. Die GAL, wie sich die Hamburger Grünen nennen, brachte im letzten Jahre eine Kernaussage ihres Wahlkampfs auf die Parole: "Kohle von Beust. Neue Energie statt CO2." Die Ansage war klar: Wer Ole von Beusts CDU wählt, stimmt damit für das umstrittene Kohlekraftwerk Moorburg. Nach der Wahl allerdings ging die GAL eine schwarz-grüne Koalition mit von Beust ein, das Kraftwerk wurde genehmigt.

Vor verspielten Parolen schrecken die Werber meist zurück, sie versuchen es lieber mit denkbar schlichten Sprüchen. Bei der Bundestagswahl 1957 etwa warb die CSU mit dem Konterfei ihres Spitzenkandidaten und dem Slogan "Dein Bundesminister Franz Josef Strauß". Ähnlich zeigte sich gut vierzig Jahre später ein Plakat der SPD-Konkurrenz: Von den Plakaten strahlte ein gut gelaunter Gerhard Schröder, dazu in fetten Lettern die Botschaft "Ich bin bereit".

Und? Hilft's? Die Wirkung von Wahlplakaten wird auch von Machern durchaus kritisch gesehen. Überzeugen, darin sind sich die Politstrategen einig, kann man Wähler mit Plakaten kaum. Oft geht es nur darum, Präsenz zu zeigen - immer häufiger ist das Ziel aber auch, dass das Plakat selbst zum Gegenstand der Berichterstattung wird. Was allerdings auch nach hinten losgehen kann, wie die Aktion der Jungen Union Wittmund zeigt, die dem NDR einen ausführlichen Bericht wert war.

Um dem sprichwörtlichen Mann auf der Straße die politische Zielsetzung einer Partei klarzumachen, eignen sich Plakate kaum. Sie können bestenfalls ein gewünschtes Image festigen - durch Personalisierung etwa, wie im Fall des früheren Grünen-Spitzenkandidaten Joschka Fischer ("Außen Minister, innen grün"). Oder sie machen klar, für welche Wählergruppe sich die Partei als Lobby versteht: "Vati und Mutti wählen für mich - CSU" ließ die CSU 1953 als Wahlslogan neben das Porträt eines Kleinkindes drucken.

Groteske unfreiwillige Komik

Sommer, Sonne, Sex sind inzwischen auch in der Parteienwerbung gern genommene Zutaten - die Parteien möchten lieber wohliges Lebensgefühl vermitteln als harte Politbotschaften. "Wir gehen jetzt, die anderen im Oktober baden", gab sich die CSU vor der bayerischen Landtagswahl von Herbst 1978 siegesgewiss. "Vergessen Sie mal Rot-Grün", riet die CDU den Deutschen für die Urlaubssaison, bevor es im September 2002 an die Urnen ging: "Wir wünschen Ihnen einen schönen Sommer." Abgebildet war dazu eine junge Frau im Freibad.

Am meisten trauen sich kleinere Parteien oder die Jugendorganisationen, wenn es ans Plakatieren geht. So präsentierten die Grünen Niedersachsen einen Warnhinweis vor Rechtsextremismus mit einer Katze im Hitler-Look, und die JU Grafing wirbt mit Reizwäsche ("Schwarze Spitze"). Wirklich frech kann eigentlich nur sein, wer überhaupt keine politischen Ambitionen hat - so wie die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands. Die tritt mit Parolen wie "Arbeit ist Scheiße" oder "Saufen! Saufen! Jeden Tag nur saufen!" an und kam bei der Bundestagswahl auf 4233 Stimmen. Oder natürlich die Satirepartei Die Partei, die die Absicht hat, eine Mauer wiederzuerrichten.

Die Plakate der etablierten Parteien befriedigen das Humorbedürfnis der Wähler meist eher unfreiwillig - dafür sind die todernstgemeinten Biederbotschaften mit ihrer oft groteske unfreiwilligen Komik meist auch von professionellen Sprücheklopfern kaum zu toppen. Wir empfehlen die CDU Heppenheim - anders als etwa die Hamburger GAL versprechen diese vier sympathischen Kommunalpolitiker auch nichts, was sie nicht halten könnten.


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dab

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1.
Katharina Kleinschmidt 14.08.2009
Wie wärs mit: http://www.youtube.com/watch?v=zA1WawogUxQ
2.
Michael Köhler 14.08.2013
Die Junge Union hat alles richtig gemacht. Die Plakate sind echte Hingucker, bleiben im Gedächtnis und erwecken und transportieren über diesen bleibenden Eindruck eine Assoziation zu aktuellen politischen Geschehen ohne dabei spießig zu wirken. Klar dass das vor allem aus der grün/roten Ecke oberflächlich als Dikriminierung diffamiert wird...
3.
Andreas Podgurski 14.08.2013
https://twitter.com/Fahrenheit23/status/367541267489517568/photo/1
4.
Hans Müller 15.08.2013
>Die Junge Union hat alles richtig gemacht. Die Plakate sind echte Hingucker, bleiben im Gedächtnis und erwecken und transportieren über diesen bleibenden Eindruck eine Assoziation zu aktuellen politischen Geschehen ohne dabei spießig zu wirken. >Klar dass das vor allem aus der grün/roten Ecke oberflächlich als Dikriminierung diffamiert wird... jo, die Plakate zeigen mir, dass die JU mit plumpem Sexismus Werbung macht und es nötig hat, ihre Träume mal eine Frau vor der Heirat anfassen zu können, auf ihren Plakaten verewigen muss.
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