Smiley-Erfinder Millionen für ein Lächeln

Wie bringt man verzweifelte Angestellte einer Versicherung zum Lachen? Harvey Ball nahm 1963 Papier, einen Stift und malte ein Grinsegesicht. Der Smiley machte viele Menschen reich - nur nicht seinen Schöpfer.

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Die Stimmung der Angestellten der Versicherungsgesellschaft Guarantee Mutual Company of Ohio, war schlecht im Jahr 1963. Ihre Firma hatte im vorangegangenen Jahr eine feindliche Übernahme durch die State Mutual Life Assurance Company durchgemacht. Nun fürchteten sich die Angestellten in Ohio vor Rationalisierungsmaßnahmen und mussten sich mit der Demütigung arrangieren, einem Konkurrenten einverleibt worden zu sein - der zu allem Überfluss nicht einmal aus ihrer Heimat stammte, sondern aus Worcester in Massachusetts.

Dort lebte auch Harvey Ball. Der 42-Jährige hatte viel mitgemacht in seinem Leben: Während des Zweiten Weltkrieges hatte er in Japan gekämpft, war als dekorierter Kriegsveteran zurückgekommen. Nach den Gräueln des Krieges hatte er in Worcester ein neues, ruhigeres Leben begonnen. Schon als Schüler hatte er gerne gemalt und sich bei einem örtlichen Schildermaler Geld dazu verdient. Und so hatte er 1959 seine eigene kleine Werbeagentur gegründet: Harvey Ball Advertising. 1963 klingelte das Telefon in Balls Büro. Es war die State Mutual Assurance Company, die Versicherungsgesellschaft, die mit dem Verdruss ihrer neuen Mitarbeiter in Ohio zu kämpfen hatte: Sie hätte da einen Auftrag für ihn.

Der Plan zur Verbesserung der Arbeitsmoral unter den vergrämten Angestellten der übernommenen Firma war simpel: Ihr neuer Arbeitgeber aus Worcester wollte ihnen 100 Ansteckbuttons schenken, auf denen irgendetwas sein sollte, das sie zum Lachen bringen würde. Ball überlegte kurz. Dann nahm er ein gelbes Blatt Papier, zeichnete einen Kreis, zwei kleine Punkte und einen geschwungenen Strich und zeigte seinen Auftraggebern ein grinsendes Mondgesicht. Der Entwurf hatte Ball nicht einmal zehn Minuten gekostet und brachte ihm 45 Dollar ein. Er sollte sein ganzes Leben verändern.

Denn so zynisch die Idee schien, die Angestellten mit grinsenden Buttons zu beschwichtigen - sie funktionierte. Und nicht nur die Mitarbeiter waren begeistert von den Grinseköpfen, sondern auch deren Freunde. Innerhalb kurzer Zeit gingen zigtausende Bestellungen für die Ansteckbuttons ein. Ball hatte eine Lawine ins Rollen gebracht: Binnen nicht mal zehn Jahren wurden 50 Millionen Buttons verkauft, später wurde der Smiley auch auf Tassen, Bettwäsche, T-Shirts, Jeans und zahllose andere Produkte gedruckt. Er wurde zur Modeikone, zum Symbol für eine neue Droge, zum Superstar einer Musikrichtung. Doch an alledem sollte Ball keinen Cent verdienen, denn ein Copyright auf seinen gelben Grinsekopf hatte er sich nie gesichert. Wer würde auch auf die absurde Idee kommen, sich ein Lächeln patentieren zu lassen?

Die Lizenz zum Lächeln

Der Franzose Franklin Loufrani sah das anders: 1971 arbeitete er als Unternehmensberater für die Zeitung "France-Soir". Nach jahrelangen Schlagzeilen über Studentenunruhen und den Vietnamkrieg während der späten Sechziger waren dort nun fröhlichere Töne gefragt. "Der Besitzer der 'France-Soir' wollte den Menschen zeigen, dass es auch gute Nachrichten gab. Also brachte ich die Idee ein, ein Smiley-Gesicht neben die erfreulicheren Geschichten zu drucken", erinnerte sich Loufrani am 5. Juni 2006 im Interview mit der "New York Times". Und da er ein Gespür für Geschäfte hatte, ließ er sich noch bevor am 1. Januar 1972 der erste Smiley aus dem "O" des "France Soir" strahlte, Aussehen und Namen der Figur rechtlich schützen.

Die Kampagne war ein voller Erfolg: Zeitungen im europäischen Ausland begannen, die Grinsegesichter abzukupfern. Schon bald meldeten sich die ersten Lizenznehmer bei Loufranis neugegründeter Firma, der Smiley Licensing Corporation: Agfa wollte die gelben Strahlemänner auf Fotofilmverpackungen abdrucken, Levi's seine Jeans damit veredeln und der Süßwarenhersteller Mars seine M&Ms in Europa mit smileyähnlichen Schokolinsenfiguren bewerben. Sie alle mussten an Loufrani zahlen - bis zu 10 Prozent des Ladenpreises.

Selbst eine kurze Geschäftsflaute Ende der achtziger Jahre überlebte sein Unternehmen unbeschadet: Als im Rahmen der neuen "Acid House"-Bewegung der Smiley immer mehr mit lauter, elektronischer Musik und den dazu konsumierten Ecstasy-Pillen in Verbindung gebracht wurde, boykottierten viele Läden in Europa jegliche Smiley-Produkte. Doch die "Acid House"-Welle verebbte und die Branche erholte sich wieder.

Loufrani gab sich überrascht über den Erfolg: "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Sache so durchstarten würde." Doch es scheint zweifelhaft, dass der ehemalige Wirtschaftsberater tatsächlich vollkommen blauäugig in die Sache hineinstolperte. Schließlich hatte er wohlweislich die Form von Harvey Balls Ur-Smiley verändert: Der Schwung des Mundes war etwas sanfter, die Augen ovaler, die Proportionen leicht geändert. Winzige Abweichungen, doch gerade genug, um sich rechtlich von Balls Version abzugrenzen.

Klagen im Namen des Lachens

Zunächst beobachtete Smiley-Erfinder Harvey Ball das Geschäftstreiben Loufranis ziemlich ungerührt. Nachdem er im Krieg dem Tod nah gekommen war, stand Glück für Ball im Mittelpunkt, nicht Geld. Er pflegte zu sagen: "Ich kann nur ein Steak auf einmal essen und nur ein Auto auf einmal fahren. Wenn ich meine Grundbedürfnisse erfüllt habe, will ich an die anderen denken, denen es nicht so gut geht."

Loufranis Smiley-Imperium übte sich unterdessen weit weniger in Nächstenliebe: 1997 hatte Franklin Loufrani seinem Sohn Nicolas die Firmenleitung übergeben - und der begann nun, jeden ungenehmigten Gebrauch gekritzelter Grinsegesichter vor Gericht zu bringen. Er klagte gegen den französischen Möbelhändler Pier Import, als der zu Werbezwecken Bälle und Luftballons mit einem Strichmännchen-Lächeln bedruckte. Er klagte gegen AOL Frankreich, als das Unternehmen einer Sonne auf ihrer Homepage ein lächelndes Gesicht verpasste. Und er klagte gegen die US-Ladenkette Wal-Mart, weil die auf ihren Preisschildern und den Uniformen der Angestellten Smileys verwendeten. Obwohl Loufrani zu diesem Zeitpunkt in den USA noch gar kein Copyright besaß.

Erst 1997 hatte Loufranis Unternehmen, das mittlerweile SmileyWorld hieß, die Rechte am gelben Strahlemann in Amerika beantragt. Doch Wal-Mart verwendete die Figur schon seit 1996. Firmensprecher John Simley beklagte sich gegenüber der "New York Times" über die Lizenzwut Loufranis: "Die beantragen Rechte an Smileys selbst für Produkte wie Tiersperma. Sie versuchen, alles unter Copyright zu stellen, was sie nur kriegen können." Nicolas Loufrani hielt dagegen, sie fühlten sich lediglich "verpflichtet, das Smiley-Gesicht zu verteidigen". Der Prozess zog sich über Jahre hin und wurde zum teuersten Rechtsstreit in Loufranis Firmengeschichte. Am Ende verlor er.

Smiley vs. Smiley

Harvey Ball konnte die Raffgier hinter dem "neuen" Smiley nicht länger ertragen: Als Gegenmodell zu Loufranis SmileyWorld gründete er 1999 die World Smile Corporation, die am 1. Oktober 1999 erstmals den "World Smile Day" veranstaltete - einen Tag, der laut Ball "Lächeln und freundlichen Taten" gewidmet sein solle. Er verkaufte Grußkarten und Buttons mit seinem Ur-Smiley und stiftete die Einnahmen für wohltätige Zwecke. Zähneknirschend ließ Nicolas Loufrani Harvey Ball gewähren. Ball habe das Recht, in den USA Smileys für seine wohltätigen Zwecke zu verwenden, "aber nur dort". Schließlich hatte Loufrani dort kein Copyright.

Ball sollte seinen eigenen Feiertag nur zweimal miterleben: Am 12. April 2001 starb der Smiley-Erfinder an Leberversagen. Eine Weile hatte er zuletzt noch mit dem Gedanken gespielt, gegen Loufrani vor Gericht zu ziehen. Nicht des Geldes wegen - es hatte ihn gestört, dass der Franzose in den Medien als Erfinder des Smileys dargestellt wurde. Doch am Ende hatte Ball auf einen Prozess verzichtet. Im Januar 1999 hatte er im Interview mit der "Welt" erklärt: "Man kann doch nicht wegen eines Lächelns klagen."

Nicolas Loufranis Unternehmen floriert unterdessen wie nie. Mittlerweile gibt es etwa 400 Smiley-Lizenznehmer in mehr als 100 Ländern der Welt. Die jährlichen Umsätze mit Lizenzprodukten liegen nach Firmenangaben bei etwa 100 Millionen US-Dollar. Im Sommer 2007 stellte der Jungunternehmer eine neue Smiley-Modekollektion vor. Smileys, so Loufranis Strategie, sollen künftig stärker mit teuren High-End-Produkten verbunden werden. Seine Vision: Exklusive Smiley-Boutiquen in Metropolen wie New York, Paris und Los Angeles. Sein Unternehmen folge schließlich einer "klaren Mission": "Smiley ist die Marke des Glücks."

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Stephan Willamowski, 12.04.2011
1.
Leute wie diese Loufrani sind unerträglich. Dafür gibt es eindeutig zuwenig Harvey Balls in dieser Welt.
Michael Scharna, 13.04.2011
2.
mit: Punkt, Punkt, Komma, Strich; fertig ist das Mondgesicht - haben wir schon in der Schule Smileys gemalt. Nach den interessanten Artikel kann einen allerdings das Lachen vergehen. So sind wenigstens ist Zuckerberg und Co. nicht alleine: mit geklauten Ideen lässt sich heutzutage wohl das meiste Geld verdienen!
Andreas Vogelsang, 13.04.2011
3.
Das ist genau das, was ich beim Lesen des Artikels auch gedacht habe. Eine solche Gier und Eigensucht, wie die des Herrn Loufrani, wird mir auf ewig unverständlich sein.
michael Treiber, 13.04.2011
4.
Das so etwas überhaupt möglich ist, liegt an der Gesellschaft, am Gesellschaftssystem und deren Gesetzgebung. Es ist einfach nicht gewollt anders zu bewerten und Ideale hochzuhalten, die humanistisch geprägt sind. Das Gesellschaftssystem gibt dem Herrn Loufrani die Rechtfertigung die er braucht.
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