Soap Operas Knutschen, Streiten, Intrigieren

Soap Operas: Knutschen, Streiten, Intrigieren Fotos
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Schmutzige Wäsche mit Inbrunst gewaschen - so funktionieren Seifenopern. In den USA der dreißiger Jahre wurde Unterhaltung als Putzhilfe entwickelt, inklusive Einkauftipps. 60 Jahre später griff das deutsche Fernsehen die Idee auf - erschreckend konsequent. Von

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Die Feuilletons standen Kopf. "Der TV-Nation droht eine neue Droge", urteilte DER SPIEGEL am 27. April 1992. "Fernseh-Quickie ohne Höhepunkt einmal täglich", ätzte die "Tageszeitung" wenige Tage später. Anlass für die Aufregung war der Start der ersten deutschen Daily-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten (GZSZ)" am 11. Mai 1992 bei RTL. "Roland-Kaiser-Niveau", "Billig-Dauerwurst", "kaum spannender als ein Seniorenmagazin", "Gefühlskitsch satt" - die beißende Kritik an der neuen Seifenoper, die zum Schrecken der Sittenwächter nun auch noch täglich ausgestrahlt wurde, riss nicht ab. Den Fernsehzuschauern war das egal. Sie schalteten trotzdem pünktlich um 19.40 Uhr ihre neue Lieblingsserie ein. Im Herbst 1992 ergötzten sich bereits 3,5 Millionen Menschen täglich an Freud und Leid der Clique um Schulabbrecher Peter Becker und seinem Freund Heiko Richter.

Schon bald zog sogar die ARD nach. Am 1. Oktober 1992 startete die Seifenoper "Marienhof", die Geschichten aus einem fiktiven gleichnamigen Kölner Stadtteil erzählt. Zwei Jahre später schickte RTL mit "Unter uns" eine weitere Daily-Soap ins Rennen, die uns am Alltag der Bewohner des ebenfalls fiktiven Kölner Hauses Schillerallee 10 teilhaben lässt. Und weil "Marienhof" so gut lief, legte die ARD mit "Verbotene Liebe" Anfang 1995 noch nach. Zwischen 18 und 20.15 Uhr wird seither täglich auf fast allen Kanälen gestritten, geknutscht, intrigiert, verletzt und versöhnt - und Millionen schauen zu, egal wie platt die Dialoge sind, wie vorhersehbar die Handlung und wie billig die Ausstattung ist. Und damit am nächsten Tag auch ja wieder alle einschalten, endet jede Folge mit dem für Soaps so typischen Cliffhanger. Wird er sie kriegen? Hat sie ihn umgebracht? Werden sie sich trennen?

Trotz aller Widerstände hatte das niveauloseste Genre des Fernsehens in Deutschland Fuß gefasst - allerdings mit 60 Jahren Verspätung. Ursprünglich entstand die Seifenoper in den USA. Ihr eigentlicher Zweck: Werbebotschaften einen passenden Rahmen zu geben. Die erste Seifenoper wurde 1932 ausgestrahlt, allerdings nicht im Fernsehen, sondern im Radio. Sie hieß "Betty und Bob" und erzählte aus dem Alltag einer Sekretärin (Betty), die ihren Boss (Bob) heiratet, der daraufhin von seinem Vater enterbt wird. Produziert und finanziert wurde die täglich 15-minütige Serie von dem Nahrungsmittelhersteller General Mills. Der Sender NBC stellte lediglich den Sendeplatz zur Verfügung. Als Gegenleistung durfte das Unternehmen in jeder Folge für seine Produkte werben.

Woher die Seifenoper ihren Namen hat

Die Zielgruppe der Serie: Hausfrauen. Sie würden, so dass Kalkül der Produzenten, das Hörspiel beim Putzen, Nähen oder Kochen hören - welch ein passender Moment, um sie mit Werbung für Lebensmittel zu füttern. Die Frauen sollten sich mit Betty identifizieren, mit ihr leiden und mit ihr lieben, damit sie auch wirklich täglich einschalteten. Deshalb drehten sich die Geschichten meist um alltägliche Sorgen und Nöte, die jede Frau der damaligen Zeit selbst durchlitt. Schon damals endete jede Folge mit einem Cliffhanger, damit die Zuhörerinnen am Ball blieben - und am nächsten Tag wieder Werbung hörten.

Nur wenige Monate später, im August 1933, ging die zweite "Radio Daytime Serial" - so hieß das Format damals offiziell - bei NBC auf Sendung: "Ma Perkins". Diesmal hieß der Sponsor Procter & Gamble, der die Serie dazu nutzte, sein Waschmittel "Oxydol" zu bewerben. Wieder sollten die Hausfrauen zum Zuhören und Kaufen animiert werden. Die Identifikationsfigur: "Ma Perkins". Sie hatte ihren Mann verloren und musste sich und ihre drei Kindern allein durchs Leben bringen.

Für Procter & Gamble hing viel vom Erfolg der neuen Serie ab, denn das Unternehmen war wegen sinkender Absatzzahlen in eine erhebliche Schieflage geraten. "Ma Perkins" aber übertraf alle Erwartungen: Binnen kürzester Zeit gingen die Verkaufszahlen von Oxydol durch die Decke. Und weil die Vermarktung über die in die Hörspiele integrierte Werbung so gut funktionierte, begann Procter & Gamble mit der Produktion unterschiedlichster Radio-Soaps, jede von ihnen haargenau zugeschnitten auf eines ihrer Produkte. 1939 waren es bereits 22.

Soaps von der Front

Die Amerikanische Presse gab schließlich dem extrem populären neuen Hörspiel-Genre seinen Namen: Soap Opera. Soap, weil es der Seifenhersteller Procter & Gamble war, der mit Abstand am meisten dieser Serien produzierte. Opera, um ironisch den dramatischen Charakter der Geschichten herauszustellen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs konnten die amerikanische Radiozuhörerinnen jeden Tag zwischen insgesamt 64 Seifenopern wählen. Neben Procter & Gamble sponserten Firmen wie Kraft, Colgate-Palmolive oder Campbell ihre eigenen Serien - stets zu reinen Werbezwecken.

Welchen Stellenwert die Soaps als Werbeträger hatten, zeigt Procter & Gamble deutlich: In den Kriegsjahren musste das Unternehmen die Herstellung seines Waschmittels Dreft einstellen, weil die dafür nötigen Maschinen und Substanzen für die Kriegsproduktion gebraucht wurden. Trotzdem warb der Konzern in seinen Serien weiterhin für das Waschmittel. Dreft sollte nicht in Vergessenheit geraten. Man baute vor für die Zeit nach dem Krieg.

Bis in die vierziger Jahre hinein blieben die Daily Soaps ein rein amerikanisches Phänomen. Selbst in England gab es diese Form der Radio-Unterhaltung nicht. Angeblich fand der damalige BBC-Intendanten Val Gielgud das Genre so vulgär, dass er jeden Versuch, Soaps in der BBC zu bringen, im Keim erstickte. Im Krieg galten dann andere Maßstäbe. Trotz Gielguds kritischer Haltung gab die BBC 1941 ihre erste Seifenoper in Auftrag. "The Front Line Family" (später "The Robinson") richtete sich allerdings nicht ans britische, sondern ans amerikanische Publikum und wurde deshalb nur im BBC North American Service ausgestrahlt.

Die Serie war ein reines Propagandainstrument, das helfen sollte, die Amerikaner zum Kriegseintritt zu bewegen. Jeden Tag wurde den Zuhörern aufs Neue unter die Nase gerieben, wie tapfer und ausdauernd die Briten gegen Hitler kämpften. Die Geschichten rankten sich um den Alltag der Familie Robinson, die mit Lebensmittelrationierungen, Bombenterror und anderen kriegsbedingten Widrigkeiten klar kommen mussten.

Harte Landung im Fernsehen

Viel stärker als der Zweite Weltkrieg sollte aber das neue Medium Fernsehen die Welt der Seifenopern verändern. 1951 hatten bereits zehn Millionen Amerikaner einen Fernseher - genug, um die ersten Daily TV-Soaps über den Bildschirm flimmern zu lassen. "A woman to remember" hieß die erste Seifenoper in Bild und Ton. Sie startete im Februar 1949, wurde aber bereits im Juli wegen der hohen Produktionskosten wieder abgesetzt. Die erste von Procter & Gamble produzierte TV-Soap hieß " The First Hundred Years". Sie lief nur knapp zwei Jahre - von 1950 bis 1952 - und offenbarte genauso deutlich wie "A woman to remember" die Probleme, die der Wechsel des Mediums mit sich brachte: Alles, was vorher im Radio der Vorstellungskraft überlassen worden war, musst nun ins Bild umgesetzt werden.

Niemand hatte wirklich bedacht, wie viel aufwendiger es ist, jeden Tag einen 15-minütigen Film zu drehen als eine Radiosendung zu produzieren. Die Kosten verdreifachten sich, was vor allem die Finanziers unsicher machte. Denn noch war unklar, wie die Hausfrauen TV-Soaps annehmen würden: Konnten sie nähen, putzen, bügeln und gleichzeitig Ferngucken - so wie sie es vorher mit den Radio-Soaps gemacht hatten? Und wie würde man die Werbung platzieren?

Der Fernsehsender CBS zeigte schließlich allen, dass TV-Soaps allen Unkenrufen zum Trotz für hohe Einschaltquoten sorgen und die höheren Produktionskosten somit mehr als gerechtfertig waren. Anfang der fünfziger Jahre nahm CBS mehrere Daily-Soaps ins Programm auf, von denen drei von Anfang an sehr gut liefen: "Search for tomorrow" (gesponsert von Procter & Gamble), "Love of Life" (gesponsert von American Home Products - heute Wyeth) und "Guilding Light" (ebenfalls Procter & Gamble). Statt die Werbung in die Geschichte einzuflechten wie es in den Radio-Soaps üblich war, gab es nun Werbeblöcke, die die Geschichte unterbrachen. Damit war der Werbeblock erfunden.

Austauschbare Schauspieler

In England ließ der Sprung der Seifenopern ins Fernsehen noch etwas auf sich warten. 1951 brachte die BBC mit "The Archer" erstmal eine neue Radio-Soap auf den Markt, die überaus gut angenommen wurde - und die bis heute läuft. Die älteste englische TV-Soap ist "Coronation Street". Die Serie startete 1960 und erfreut sich ähnlich wie "Guilding light" 48 Jahre später nach wie vor hoher Einschaltquoten.

Auch "GZSZ" wird 16 Jahre nach Ausstrahlung der ersten Folge noch immer von rund 2,5 Millionen Menschen allabendlich gesehen. Dass inzwischen außer Frank-Thomas Mendel - er spielt den Vater von Heiko Richter - keiner der Schauspieler der ersten Stunde mehr dabei ist, schadet der Beliebtheit nicht. Im Gegenteil: An die vielen Recasts - fast alle Charaktere sind bereits von mindestens zwei Schauspielern dargestellt worden - haben sich die Fans gewöhnt und erwarten mit Spannung, wie der oder die "Nächste" wohl aussehen mag. Interessanterweise halten sie ihren Serienhelden auch über "GZSZ" hinaus die Treue: Jeanette Biedermann, Yvonne Catterfeld und Oli P. & Co., die ihre Karriere bei "GZSZ" begannen, wären ohne ihre alten Fans nie so erfolgreich geworden.

Die Loyalität der Seifenoper-Fans kennt dabei offensichtlich keine Grenzen. Als "Marienhof" vor drei Jahren in die Schlagzeilen geriet, weil in der Serie über zehn Jahre illegal Schleichwerbung betrieben worden war, tat das der Beliebtheit keinen Abbruch. Der Journalisten Volker Lilienthal hatte herausgefunden, dass die Produktionsfirma Bavaria Film der Werbeagentur H+S erlaubt hatte, verdeckte Werbung von Industrie und Interessenverbänden zu verkaufen. Unter anderem hat H+S angeblich dem Deutschen Tanzlehrerverband und dem Filmverleih UIP angeboten, direkt auf Inhalt, Handlung und Dialoge der Serie Einfluss zu nehmen. Damals ging ein Aufschrei durch die Medienlandschaft. Dabei war es nach der Philosophie von Soap Operas doch eigentlich nur eins: konsequent.

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