Interview mit einem Sobibór-Überlebenden "Der beste Moment meines Lebens"

Der 84-jährige Sobibór-Überlebende Philip Bialowitz spricht im einestages-Interview über die Bedeutung der jetzt freigelegten Gaskammern - und seine riskante Flucht aus dem Vernichtungslager 1943.

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Nur etwa 50 Juden haben das Vernichtungslager Sobibór und den Krieg überlebt, höchstens sieben von ihnen leben heute noch. Fast alle Überlebenden sind gesundheitlich angeschlagen. Doch der 84-jährige Philip Bialowitz, der nach dem Krieg in die USA auswanderte, reist noch immer durch die Welt: um "den Menschen meine Geschichte zu erzählen", wie der gebürtige Pole sagt. einestages hat den Holocaust-Überlebenden in Warschau getroffen - vor dem Museum der Geschichte der Polnischen Juden.

einestages: Mister Bialowitz, was haben Sie gefühlt, als Sie von der Entdeckung der Gaskammern in Sobibór gehört haben?

Bialowitz: Ich war glücklich! Das war der beste Moment meines Lebens. Wissen Sie, Sobibór war ein Top-Secret-Vernichtungslager, mitten im Wald, abgeschirmt von der Außenwelt. Die Deutschen haben nach der Auflösung alles getan, um ihre Verbrechen zu verstecken. Aber nun haben die Archäologen die Gaskammern entdeckt. Sobibór wird jetzt bekannter werden: ein Ort der Bildung für künftige Generationen. Dies ist ein Sieg - nicht nur für uns Überlebende, sondern für die Menschheit.

einestages: Von 170.000 bis 250.000 Juden, die nach Sobibór kamen, haben nicht einmal 50 überlebt. Wie haben Sie es geschafft?

Bialowitz: Mein älterer Bruder Simcha hat mich gerettet. Als wir im Lager ankamen, rief ein SS-Mann, ob es Leute mit einer Berufsausbildung gebe. Da ist mein Bruder sofort vorgetreten, hat gesagt, er sei Apotheker und ich sein Assistent. Meine siebenjährige Nichte hat mich noch einmal umarmt, dann wurden Simcha und ich von der Gruppe getrennt. Die anderen wurden umgebracht.

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Ausgrabungen in Sobibór: Die Archäologen der Todesfabrik
einestages: Sie wurden in Sobibór als sogenannter "Arbeitsjude" eingesetzt. Dabei haben Sie unter anderem den Todgeweihten vor dem Gang in die Gaskammer die Haare abrasiert. Was haben Sie da gesehen?

Bialowitz: Als einmal ein langer Zug mit niederländischen Juden in Sobibór ankam, hielt ein SS-Offizier eine Willkommensansprache für sie. Er sagte den Niederländern, man bitte sie um Entschuldigung für die unbequeme Reise, aber jetzt würden sie umgesiedelt. Sie sollten doch eine Postkarte für ihre Liebsten daheim schreiben, dass alles gut sei. Einige aus der Gruppe haben daraufhin vor Freude in die Hände geklatscht und "Bravo" gerufen. Als die Postkarten fertig waren, sagten die Deutschen: Jetzt zieht euch aus, ihr müsst duschen, zur Desinfektion. Ein Wächter hat noch Uhren und Schmuck eingesammelt und fiktive Rückgabe-Quittungen verteilt. Dann wurden die ahnungslosen Menschen auf die "Himmelfahrtstraße" geschickt…

einestages: …die direkt zu den Gaskammern führte. Haben Sie geahnt, dass auch Sie als Arbeitssklave früher oder später ermordet werden sollten?

Bialowitz: Das war uns allen klar. Man konnte den Rauch (aus den Krematorien - d. Red.) riechen. Aber wir haben uns gewehrt. Mein Bruder und ich zählten zur Gruppe der Verschwörer: 40 Mann, die den Aufstand von Sobibór 1943 vorbereitet haben. Wir haben uns von russischen Kriegsgefangenen zeigen lassen, wie man kämpft, wir hatten ja keine Ahnung. Einer unserer Anführer hat gesagt: Wenn einer von uns überlebt, muss er der Welt erzählen, was hier geschieht. Ich habe ihm das versprochen. Als es dann losging, (am 14. Oktober 1943 - d. Red.) war ich der Bote. Ich bin zu SS-Leuten gegangen und habe denen gesagt, dass wir Stiefel und Ledermäntel zum Anprobieren für sie hätten. Sie kamen, und wir haben elf von ihnen getötet, mit Äxten und Messern. Als Nächstes haben wir die Stromversorgung gekappt und die Telefonleitungen durchgeschnitten. Dann bin ich über den Stacheldraht geklettert und losgerannt - direkt auf die Quartiere der Deutschen zu.

einestages: Warum ausgerechnet dorthin?

Bialowitz: Weil ich vermutete, dass dort keine Minen liegen würden. So war es auch. Ich bin entkommen.

einestages: Und dann?

Bialowitz: Wir sind auf eine Gruppe von polnischen Partisanen gestoßen. Aber als die herausfanden, dass wir Juden sind, waren sie gar nicht mehr nett. Ich bin dann wieder geflohen. Schließlich hat ein polnischer Bauer namens Mazurek meinen Bruder und mich aufgenommen und uns versteckt, bis die Rote Armee kam.

einestages: Damals waren Sie ein Teenager, heute sind Sie weit über 80 und reisen noch immer durch die Welt…

Bialowitz: …weil ich geschworen habe, dass ich meine Geschichte jungen Menschen erzähle, solange ich das kann. Was damals geschehen ist, darf niemals in Vergessenheit geraten.

einestages: In den kommenden Jahren werden die letzten Zeitzeugen sterben. Was passiert dann?

Bialowitz: Ich hoffe, dass Gott mir noch ein paar Jahre gibt. Aber eines Tages wird es niemanden mehr geben, der seine Geschichte erzählen kann. Und darum sind diese neuen Entdeckungen in Sobibór so wichtig. Künftig können dort junge Menschen mit eigenen Augen sehen, was damals geschehen ist. Bildung ist der Schlüssel zu einer besseren Welt. In Sobibór soll nun ein neues Museum gebaut werden, aber die brauchen dort noch Geld. Deutschland sollte helfen, das Museum zu bauen, und es unterstützen. Deutschland trägt Verantwortung für diesen Ort.

Die Reportage zu den Ausgrabungen in Sobibór

Das Interview führte Claus Hecking

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