Söldnerschicksal Mordausflug im Morgengrauen

Er hatte keine Ahnung vom Krieg, aber er wollte für die Freiheit der Afrikaner kämpfen - und in kurzer Zeit 60.000 Dollar verdienen. In den sechziger Jahren heuerte Björn Pätzoldt als Söldner im Kongo an. Und war dabei, als ein ganzes Dorf ausgelöscht wurde.

Björn Pätzoldt

"Get up!" Eines Nachts poltert es an der Tür meines Schlafraumes. Ich werde mit dröhnendem Klopfen und Brüllen geweckt. Aus dem Schlaf gerissen, rufe ich mürrisch zurück, was der Störer denn wolle? Die unverschlossene Tür meines Zimmers wird mit einem Ruck aufgestoßen. "Get up!", befehlen laute Stimmen. Ich reibe mir die Augen und blicke auf Schattengestalten. Die Deckenlampe wird am Schalter neben der Tür angeknipst. Der Raum füllt sich mit Licht. Zwei Uniformierte stehen vor mir. Sie blicken auf mich herab und erklären mir die Lage: Ich werde einberufen, zum Krieg einbestellt.

Bislang war ich keiner Söldnertruppe zugewiesen worden, noch hat mir niemand Taktiken oder die Handhabung von Waffen gezeigt, noch habe ich keine Uniform. Meine Naivität hat mich in diese Lage gebracht. Bevor ich 1965 in die Demokratische Republik Kongo eingereist bin, bin ich durch Südrhodesien und Sambia getrampt, wo ich einige Wochen unter den Stämmen der Shona, Tonga und Bemba - ohne Nachrichten von außen - verbrachte. Als ich in der Grenzstadt Ndola ankam, wurde mir bedeutet, die Landesgrenze zum Kongo sei geschlossen, aber ich könne mit dem Flugzeug einreisen. Im Flieger lernte ich einen US-Amerikaner kennen, der mir erzählte, er würde im Kongo als Söldner anheuern. Erst hier erfuhr ich von dem Krieg.

In Elisabethville (heute Lubumbashi) - in der Region Katanga gelegen - begleitete ich den Amerikaner in ein als Wäschereibetrieb ("Kleenshop") getarntes Rekrutierungsbüro. Dort wurde ich von dem Rekrutierungsoffizier ("Captain Latz", ein Israeli), gelockt von einem Sold in Höhe von 60.000 US-Dollar für sechs Monate, überredet, "für die Freiheit der Afrikaner zu kämpfen". Die politischen Zusammenhänge hatte ich mit meinen 20 Jahren überhaupt nicht begriffen. So unterschrieb ich die Einberufungspapiere.

Weckruf in die Nacht

Ich war davon ausgegangen, dass ich eine militärische Ausbildung in der Söldnerarmee erhalten würde. Doch jetzt muss ich ohne in den Krieg. Ein Überfall der sogenannten Simbas aus dem Norden sei gemeldet worden, wird mir gesagt. Die Rebellen hätten ein Dorf eingenommen. Ich müsse mich sofort ankleiden und zu der Straße vor dem "Kleenshop" kommen. Dort hätte sich schon ein Dutzend Söldner eingefunden. Von dort aus würde es zum Krieg gegen die Simbas gehen, um das Dorf von den Eindringlingen zu befreien. Die beiden Männer, die mich geweckt haben, werfen mir ein großes Bündel vor das Bett und rufen mir beim Verlassen meines Zimmers nach: "Hurry up!" Ich soll mich beeilen.

Schlaftrunken schiebe ich das Moskitonetz beiseite, entsteige meiner Liege, bücke mich nach dem Stoffballen am Boden und schnüre das braunolivfarbene Paket auseinander: ein Kampfanzug aus Hemd und Hose in Tarnmustern und ein grünes Barett, ein Paar Stiefel und ein Gürtel. Ich stülpe mir das Hemd über den Kopf und kremple die Ärmel hoch.

Das Wäschestück fühlt sich an wie ein Fremdkörper. Für Bruchteile von Sekunden werde ich an das Leibchen meiner frühen Kinderjahre erinnert. Dann ziehe ich die Hose bis an die Hüften. Das Beinkleid ist mir zu weit, zwischen Bund und Bauch ist eine Handbreit Luft. Ich ziehe den Gurt fester und spüre an meiner rechten Seite ein Gewicht. Am Gürtel hängt eine Revolvertasche. Ich öffne sie und sehe mit Entsetzen eine Pistole darin. Mit spitzem Finger und Daumen ziehe ich sie heraus und inspiziere das Mordgerät: eine automatische Browning. Mein Puls rast. Auf was habe ich mich bloß eingelassen?

Sturmgewehr und billiger Schnaps

Ich schüttele mich und alle Übelkeit von mir ab, setze mich auf die Bettkante und greife nach den Stiefeln. Auch sie sind mir zu groß. Ich ziehe mir meine zivilen Leinenschuhe an. Dann bedecke ich mein Haupt mit dem Barett und verlasse mit weichen Knien meinen Raum, das Gebäude, das Licht. Ich gehe hinaus in die Nacht.

Behutsam taste ich mich durch die dunklen Gassen zum Treffpunkt der Legionäre. Die trinken sich mit billigem Schnaps Mut und Mordlust an. Auch ich bekomme einen Schluck davon ab und wünsche mir, ich wäre nicht hier.

Drei Jeeps stehen dort. Startbereit. Ich werde angewiesen, auf dem Beifahrersitz von einem der Fahrzeuge Platz zu nehmen. Wortlos wird mir ein automatisches Sturmgewehr mit einem Bajonett an der Mündung zwischen die angewinkelten Beine gestemmt. Ich halte die Waffe mit beiden Händen und wüsste nicht, wie ich sie anwenden sollte. Neben mir steigt der Fahrer ein. Hinter ihm sitzen zwei Männer in Uniform, bewaffnet wie ich.

Aufbruch in die Finsternis

Auf ein Kommando hin werden die Jeeps gestartet. Ein Wagen nach dem anderen wird in Bewegung gesetzt. Im letzten Fahrzeug sitze ich. Mein Auto scheint sich aufzubäumen beim Start. Ich schnelle mit dem Rücken nach hinten und pralle auf die harte Lehne. Erst als alle vier Reifen feste Bodenhaftung finden, komme ich wieder ins Gleichgewicht. Wir hetzen aus der Stadt hinaus, folgen der Fährte unseres Scheinwerferlichts über holperige Wege in eine gähnende Finsternis. Wir fahren die ganze Nacht. In der Morgendämmerung zeichnen sich am Horizont die Schatten eines Hüttendorfes ab. Die Autolichter werden ausgeblendet, die Jeeps leicht abgebremst. Die Fahrzeuge schleichen sich an das Dorf heran, bis sie zum Stehen kommen, ohne dass die Motoren abgeschaltet werden.

Vereinzelt fallen Schüsse. Ein emporgestoßener Arm aus dem Führerjeep an der Spitze gibt das Signal: Rasenden Tempos jagen die Geländewagen auf das Dorf zu. Ich stütze mich am Armaturenbrett ab und starre nur bewegungslos auf das Buschwerk, das sich mit hoher Geschwindigkeit auf mich zu bewegt.

Äste und Zweige und Blätter prallen und peitschen gegen das Fahrzeug, das mit heulendem Motor in die Sträucher eindringt. Ich beuge meinen Oberkörper und umklammere mein Haupt, um mich vor den Peitschenschlägen des Astwerks zu schützen. Eine kräftige Hand von hinten zieht mich am Kragen wieder in eine aufrechte Sitzhaltung. An der Front bricht laut knackend das Holz, und Blätter wirbeln zerfetzt vor meinem Gesicht.

Höllenlärm

Wieder ein Kommando, ein Schrei und Hupkonzert, und aus den drei Geländewagen knattern Gewehrsalven gegen das Dorf. Frauen und Kinder rennen kreischend aus den Hütten. Keine Männer, keine Rebellen in Sicht. Ein Inferno bricht aus, und ich sitze regungslos zusammengekauert auf dem Beifahrersitz. Ich klammere mich an dem Gewehr zwischen meinen Beinen fest und halte es mit Händen gefangen. Ich vermag nicht die Augen zu schließen oder die Ohren zu verstopfen, muss ansehen und hören, was vor mir geschieht. Die Männer hinter mir haben sich von ihren Sitzen erhoben und schießen blindlings in das Dorf. Ein Höllenlärm und Handgranatenwürfe, Explosionsgeräusche, Funkengestöber und zerstiebende Erde.

Mit einem kräftigen Ruck bremst das Fahrzeug, in dem ich sitze, mein Körper wird nach vorne geschleudert und schnellt, kaum pralle ich gegen das Armaturenbrett, wieder in die Lehne meines Sitzes zurück. Die Männer hinter mir fluchen. Nicht mehr bei Sinnen schaue ich mich um und sehe die Söldner mit Kriegsgeschrei aus den Jeeps hinausspringen. Als Schatten im Mondlicht stürmen sie auf das Dorf zu.

Ich bleibe wie gefesselt in dem Wagen sitzen. Mündungsfeuer zucken kurz auf, und Geknatter ertönt. Die Schreie verstummen. Nur leises Gewimmer ist durch die bleierne Luft zu hören. Ein letztes Magazin wird leergeschossen. Dann bricht wie eine Detonation plötzlich eine ohrenbetäubende Stille aus. Als sei die Zeit stehengeblieben.

"Da sind noch Menschen!"

Im nächsten Moment wieder Bewegung: Die Hütten werden von den Söldnern mit Benzin aus Kanistern begossen und mit Fackeln aus Büscheln trockenen Grases niedergebrannt. "Es sind noch Menschen im Kral!", will ich den Söldnern zurufen. Doch vor Entsetzen versagt mir die Stimme. Kinder und Frauen kommen aus brennenden Hütten. Sie husten und schreien und stolpern auf die Gewehrläufe zu. Wieder fallen schnelle Schüsse.

Ich träume nur, denke ich und will mich aus dem Schlaf wecken. Aber was ich hier sehe und höre und empfinde, ist kein Schlafgespinst. Und ich vermag mich nicht zu bewegen, das mörderische Treiben zu stoppen. Weder auszusteigen bin ich imstande noch zu schreien: "Halt! Hört auf! Die Frauen, die Kinder ..." Erstarrt bleibe ich im Auto sitzen. Die Söldner springen in die Fahrzeuge zurück. Sandaufwirbelnd machen die Geländewagen kehrt. Unter Jubelrufen fahren die ruchlosen Mörder mit hoher Geschwindigkeit durch den frischen Morgen in den Mittag hinein, zurück nach Elisabethville. Hinter dem Horizont verschwindet ein brennendes Dorf.

Am nächsten Tag desertiere ich und fliehe aus Katanga mit dem Flugzeug nach Tanganyika. Meine bodenlose Naivität mache ich mir bis heute zum Vorwurf.


Der Text ist ein leicht geänderter Auszug aus Björn Pätzoldts Buch "Draußen ist Freiheit: Eine deutsche Nachkriegsbiographie", erhältlich bei Amazon.



insgesamt 11 Beiträge
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ulrich wegener, 15.11.2009
1.
WENN ICH MICH FÜR IRGENWAS ENTSCHEIDE ' WEISS ICH WARUM ' KEINER KANN MIR ERZÄHLEN DAS ER UNGEWOLLT IN EINE SÖLDNERTRUPPE REINKOMMT!! ICH KANN DIESES HINTERHER SELBSTMITLEID NICHT AB!!
Christine Thomas, 15.11.2009
2.
Das ist ja ungeheuerlich! Wie hat sich der Autor jemals von diesem Ereignis erholt? Sind diese Mörder irgendwann zur Verantwortung gezogen worden? Söldner sind wahrscheinlich überhaupt nicht zu kontrollieren - genau wie heutzutage die Blackwater im Irak. Erst im Nachhinein erfährt die Welt, welche Grausamkeiten sich dort abspielen.
Daniel Werth, 16.11.2009
3.
Wer das glaubt....selber Schuld. Die ganz Geschichte stinkt, nicht das Söldner, Rebellen oder andere je ein Dorf niedermetzelten, das gibt und gab es leider immer. Nur das der Autor dabei war, ja sogar das der Autor je bei einer Söldnertruppe im Kongo war halte ich für erlogen.Das er so eine schlimme Tat als Kulisse nimmt, ist zum Kotzen! Die Geschichte passt einfach nicht. Es fängt mit den 60.000Dollar an, wofür? Für nen 20jährigen Grünschnabel ohne Ausbildung? Der Anwerber hätte das nie gezahlt,ist aber wohl egal den auf Logik und Menschenverstand scheint dieses Märchen nicht abzuzielen. Da will sich jemand als GUTMENSCH darstellen und dem ganzen die Note SELBST ERLEBT aufdrücken.
Daniel Werth, 16.11.2009
4.
.....und ja, ich weis wer der Mann heute ist. Habe ihn eben Gegoogelt... Macht diese Räuberpistole leider nur nicht besser. Seemannsgarn war es zu der Zeit als er sich diese Geschichte ausgedacht hatte und peinlich ist sie heute. . . . . . .
George Lue, 19.11.2009
5.
Das die Autoren hier "Unterhaltung" zelebrieren ist klar - Hr.P. war in Südafrika und hat auch auf der "Yolanda" gefahren , war aber nie Söldner , genausowenig wie man eiserne Schiffsdecks schmirgelt .... Schlimmer finde ich wie hier vergessen wird wie die Diamantenbarone Südafrikas ihre jüdischen "Verwandten" beim Mossad dazu brachten "Logistik" zu betreiben . Es ist fahrlässig einzelnen "europäischen" Abenteurern diese Schande an Afrikanern anzudichten !
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