Soldat in Deutschland Bei Anruf Krieg

Soldat in Deutschland: Bei Anruf Krieg Fotos
Tim Wright/Brad Call

Mit einem Bein im Gasthaus, mit dem anderen im Gefecht: Als US-Soldat führt Tim Wright in den achtziger Jahren in Deutschland ein seltsames Leben. An den meisten Tagen scheint es harmlos. Dann aber kommt der Anruf, den alle erwarten - und fürchten. Von Tim Wright

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Um halb vier Uhr morgens klingelte das Telefon. "Lariat advance" sagte die tiefe, nasale Stimme des Operationsfeldwebels am anderen Ende der Leitung, die ich noch heute zu jeder Tages- und Nachtzeit erkennen würde. Ich bestätigte, dass ich die Nachricht verstanden hatte, legte auf und rief meinen ABC-Abwehrunteroffizier an, um ihm die Worte zu wiederholen. Seltsamerweise bedankte er sich dafür, dass ich ihn geweckt hatte. Im Dunkeln zog ich meine Uniform an und schnürte meine Stiefel zu, vorsichtig, um meine Frau nicht zu stören. Aber sie war vom Klingeln des Telefons schon aufgewacht und wusste, was es bedeutete. Wir beide waren darauf vorbereitet. Ich rasierte und duschte mich immer, bevor ich ins Bett ging, denn ich wusste, dass ich keine Zeit dafür haben würde, wenn dieser Anruf eines Tages kam.

Die Straßen von Göppingen waren dunkel, und mein Auto war das einzige weit und breit. Das zischende Geräusch der Reifen auf der Straße, die noch nass war vom Regen des Vortags, störte die Stille der schlafenden Stadt. Die Ampeln waren noch für die Nacht ausgeschaltet. Als ich an die Hauptschranke der Kaserne Cooke Barracks kam, erfüllte das Brummen von Dieselmotoren die Luft. Ich roch den Ruß, als die Panzer aus dem Hof rollten, um sich neben der Kaserne aufzureihen. Die Flutlichter am Eingang täuschten eine Insel Tageslicht vor, in der ansonsten dunklen Landschaft.

Es war eine seltsame Art zu leben, als US-Soldat im Deutschland des Kalten Krieges. Ich war von 1983 bis 1986 in Göppingen stationiert. Wir kauften samstagmorgens frische Produkte auf dem Bauernmarkt in Göppingen oder im benachbarten Farndau, gingen shoppen im Kaufhof oder bei C&A im Stadtzentrum, aßen abends vielleicht im Gasthaus Löwe. Ich tankte meinen Chevy Caprice bei Esso voll, wo der zehnjährige Sohn des Besitzers über die Größe des Wagens staunte. Ich prüfte jedes Mal den Ölstand, damit er einen Blick unter die Motorhaube werfen konnte. Vor Weihnachten fuhren wir nach Geißlingen, um für Freunde und Verwandte in den Staaten heruntergesetztes Geschirr im WMF-Laden zu kaufen. Die meisten Tage schienen harmlos und häuslich. Dennoch waren wir in Göppingen für eben jenen Anruf, der mitten in der Nacht kommen würde: der Befehl, zusammenzupacken und ins Gefecht zu ziehen.

Warten auf den Marschbefehl

Der Torposten prüfte meinen Ausweis, salutierte und winkte mich rein: "In Ordnung, Herr Leutnant." Ich fuhr zum Hauptquartier des Bataillons und parkte ein Stück vom Gebäude entfernt. Wo ich meinen Wagen sonst abstellte, stand das gepanzerte Kommandofahrzeug M577, daneben der M113-Transportpanzer des S3, meiner Einheit. Die Dieselmotoren liefen, die Fahrer und Unteroffiziere aus der Operationsabteilung luden Landkarten und Tarnnetze ein. Ich ging ins Büro der Einheit und holte mein Kriegsgepäck: Landkarten, Planbuch, Schlafsack. Der Operationsfeldwebel grüßte mich, und ich winkte ihm zu, während ich meinen Stahlhelm aufsetzte. Meine nächste Zwischenstation war die Waffenkammer, wo ich mein Gewehr holte. Unterwegs lud ich meine Ausrüstung ins Kommandofahrzeug.

Draußen beluden Truppen der Infanterie-Kompanie ihre Transportpanzer. Soldaten schleppten Munitionskisten die Rampen der M113s hinauf. Gruppenführer gaben Anweisungen, wo alles verstaut werden sollte, während eine Mörsermannschaft einen 81-Millimeter-Mörser im Fahrzeug sicherte. Aus den Fenstern im zweiten Stock der Kaserne warfen Soldaten ihren Kameraden draußen Taschen und Schlafsäcke zu.

Die Funkverbindung mit allen Infanterie-Kompanien und höheren Kommandozentralen stand. Dieselmotoren heulten auf, als sich die Lastwagen zur Unterstützung des Bataillons aufreihten. Voll beladen mit Proviant und Munition warteten sie auf den Befehl, loszufahren.

Von Raketen anvisiert

Aus dem Funkgerät knisterte die Nachricht, dass wir in einer halben Stunde starten. Es war höchste Zeit, die Kaserne zu verlassen: SS-21-Raketen waren auf Cooke Barracks gerichtet. Wir wussten, dass sie da waren. Ein stellvertretender Operations-Offizier, der Operationsfeldwebel und ich stiegen auf die Rampe des Kommandofahrzeugs, die Rampe hob sich, und wir rollten los.

"Bereithalten, es kommt eine verschlüsselte Nachricht", hieß es aus dem Funkgerät vom Operationszentrum der Brigade. Der Feldwebel nahm ein Klammerbrett und notierte die sinnlose Reihe Nummern und Buchstaben. Er gab mir das Brett, und ich entschlüsselte mit dem Chiffrierbuch auf den Knien die Nachricht. Während ich den Klartext aufschrieb, fuhr unsere Kolonne aus Göppingen hinaus. Die Nachricht enthielt den Befehl: Unsere erste Station würde ein Gebiet in der Nähe von Geißlingen sein, nahe genug, um sie schnell zu erreichen und weit genug weg, um aus der Gefahrenzone zu sein, wenn sowjetische Raketen Crooke Barracks angriffen.

Die Sonne erschien gegen sieben am Horizont und markierte den Beginn eines neuen Tages. Wir bekamen neue Befehle: zurück in die Kaserne. Das Bataillon hatte die Übung erfolgreich absolviert, wir kehrten zum normalen Dienst zurück.

Wir würden die Sowjets teuer bezahlen lassen

Mindestens einmal im Monat erlebten wir diesen Drill. Das Aufladen und die Vorbereitung darauf, auf Verteidigungspositionen vorzurücken, erinnerte uns daran, dass wir nicht in Deutschland waren, um Schlösser zu besichtigen und auf dem Oktoberfest Bier zu trinken. Dies war der Kalte Krieg, und unser Job war es, dafür zu sorgen, dass die Sowjets auf ihrer Seite des Eisernen Vorhangs blieben.

Wir trainierten oft; jede Infanterie-Kompanie verbrachte eine Woche im Monat mit Übungen im Wald. Mindestens dreimal im Jahr lud das Bataillon alles auf einen Zug und fuhr für zwei oder drei Wochen zu einem Manöver in Schlamm und Staub auf dem Übungsplatz Hohenfels, Wildflecken oder Grafenwöhr. Wir wohnten im Wald und aßen aus kleinen grünen Büchsen. Wenn wir Zeit hatten, wärmten wir unseren Proviant an den Motoren unserer Kettenfahrzeuge. Ich als ABC-Abwehroffizier hatte mein Quartier im taktischen Operationszentrum, und das Summen eines 4,2-Kilowatt-Generators lullte mich zwischen den Dienstschichten ein.

Im September, manchmal auch im Februar, gab es das große jährliche Manöver, das sogenannte REFORGER. Wir rasten aufs Land und übten, was wir tun müssten, um die Sowjets zurückzuschlagen oder ihr Vorrücken wenigstens zu bremsen und sie teuer für jeden Kilometer bezahlen zu lassen, wenn wir sie nicht stoppen könnten.

Tags Krieg, abends Kneipe

Weil wir nie wussten, wann die Sowjets kommen würden, verbrachten wir die Zeit mit Übungen. Wenn wir nicht trainierten, sahen wir Football im AFN-Fernsehen oder lachten über Didi Hallervorden als "Der Untermieter" im ZDF. Es war ein seltsames Leben - ein Bein auf dem Schlachtfeld und ein Bein im Gasthaus. Kurz nach der Rückkehr von der vierwöchigen Übung in Hohenfels plauderte ich wieder mit dem Esso-Tankstellenbesitzer über amerikanisches Rodeo. Beim Karga-Markt kauften wir nach Feierabend Wein und Waschmittel, nach einem Tag, an dem wir Landkarten studiert, Abwehrstellungen geortet, taktische Atomwaffenziele ausgewählt und unsere Stellung verteidigt hatten, bis Ablösung kam.

Den Befehl, unsere Stellung zu verteidigen - "Defend in Place" - nannten wir "Die in Place"-Befehl. Weil die Truppen des Warschauer Pakts uns zahlenmäßig ums Sechsfache überlegen waren, war es eher die Frage, wann wir nukleare Waffen einsetzen würden, als ob. Wir wussten auch, dass die Sowjets große Vorräte an chemischen Waffen hatten, und in Berichten über den Krieg in Afghanistan hieß es, dass sie nicht davor zurückschreckten, sie einzusetzen. Die Presse hat immer mehr über Atomwaffen berichtet, aber wir hatten mehr Angst vor chemischen und biologischen Waffen.

Giftgas tötet lautlos, ohne Vorwarnung, und es kann Monate oder Jahre dauern, um den Einsatz biologischer Waffen zu beweisen - wenn es überhaupt gelingt. Als ABC-Kampfspezialist hatte ich die Aufgabe, mit den Soldaten zu trainieren, wie sie in so einem schmutzigen Krieg kämpfen und ihn überleben konnten. Ein stecknadelgroßer Tropfen Soman auf der Haut reicht, um einen Menschen innerhalb einer Viertelstunde zu töten. Das allein war ein guter Grund, immer Schutzkleider und Gasmasken zu tragen, und im Winter schätzten wir die Extrawärme.

Der Kalte Krieg ist vor mehr als 20 Jahren zu Ende gegangen, und je mehr Zeit vergeht, desto schwerer fällt es, sich daran zu erinnern, wie das Leben mit der Bedrohung durch eine Invasion der Sowjets gewesen ist. Jetzt, wo die Kommunisten weg sind, fordern Terroristen unsere Aufmerksamkeit. Die Generation meines Großvaters hat im Zweiten Weltkrieg die Nazis besiegt. Die Generation meines Vaters und meine eigene fochten den Kalten Krieg aus und gewannen. Heute führt die Generation meines Sohnes den Krieg gegen den Terrorismus. Es ist schon komisch, wie immer ein neuer Feind bereitsteht, um die Lücke zu füllen.

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1.
Gerald Hensel 11.09.2010
Dankeschoen. Sehr interessanter Artikel. Auch wenn ich 1975 geboren bin, kann ich mich sehr lebhaft an die Angst erinnern, die ich damals vor dem omnipraesenten dritten Weltkrieg hatte. Gerade vor ein paar Tagen habe ich einen deutschen kennen gelernt, der damals Schuetze einer Pershing 1A war. Was ein seltsamer Beruf, was fuer eine merkwuerdige Zeit.
2.
Dirk Losch 11.09.2010
Bedauerlich, dass es hier bislang noch kein Kommentar zu diesem Artikel gibt, aber ich mache gerne den Anfang. Ich bin in Göppingen aufgewachsen und zur Schule gegangen, und natürlich waren die Amerikaner in gewisser Weise ein Fremdkörper, aber auch gleichzeitig unheimlich faszinierend, und das nicht nur an Tagen der offenen Türen mit Waffenschau, Barbecue, Eis und Rodeo. Meine Eltern waren fast 2 Jahrzehnte stark engagiert im Deutsch-Amerikanischen Club, um aktiv ein gutes Verhältnis zu den amerikanischen Soldaten aufrecht zu erhalten und um ihnen fern ihrer Heimat etwas Nestwärme, Hilfestellung und unsere (Gast)Freundschaft zu bieten. Bis heute haben wir noch immer freundschaftlichen Kontakt zu vielen - teilweise im späteren Verlauf sehr hochrangigen - und mittlerweile pensionierten Offizieren, die in den Cook Barracks stationiert waren. Die späten 70er und beginnenden 80er Jahre waren prägend und letztendlich ausschlaggebend für mich, Deutschland über die Wehpflicht hinaus als Offizier zu dienen; eine Entscheidung, die damals von vielen meiner Gleichaltrigen mit viel Unverständnis und oft mit Ablehnung aufgenommen wurde. Die US-Bürger haben verstanden, dass die Soldaten ihre Freiheit verteidigen und nicht verantwortlich für die politischen Entscheidungen sind, die sie in ihre Einsätze schicken. Wer in USA durch Atlanta, Washington, Chicago, New York oder jedem beliebigen US-Flughafen seine Augen aufmacht, wird feststellen, wie deren Bürger spontan auf ihre Soldaten zugehen, Ihnen auf die Schulter klopfen und manchmal sogar auf einen Drink einladen. Ich würde mir insgesamt wünschen, dass die deutschen Bürger - egal welchem politischen Spektrum man jeweils angehört - ihren Soldaten, Polizisten usw. ebenfalls mehr Dankbarkeit entgegenbrächten. Daher möchte ich hier an dieser Stelle Tim Wright - stellvertretend für alle seine Kameraden - für seinen Dienst in und für Deutschland sehr herzlich danken!
3.
Ute Wohlrab 11.09.2010
Geislingen - mit ganz normalem S. Vielen Dank für den Artikel, ich kenne sie noch, die Cooke Barracks und den alljährlichen Tag der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Bin seit 16 weg aus Deutschland, weg aus Göppingen und habe mich anhand des Artikels an vieles erinnert, was kurz darauf verschwand... Auch die Cooke Barracks dürften nicht wiederzuerkennen sein: als "Bürgerhölzle" sind sie zu einem ganz normalen Stadtteil Göppingens geworden. Vergessen die Diskussion um Hubschrauber-Landeplätze und Pershing II in Mutlangen, keine 50 km von den Cooke Barracks entfernt...
4.
Thorsten NYC 11.09.2010
Militär entwickelt anscheinend überall dieselbe abstruse »Logik«. US-Soldaten wurde vorgegaukelt, SS-20-Raketen würden jede Sekunde in ihre Kaserne einschlagen; uns (unwilligen) NVA-Rekruten erklärte ein Offizier während einer Übung an der Ostsee mit ernster Stimme: »Genossen, Erfurt ist gefallen.« (Fast alle mussten sich darauf das Lachen verkneifen, nur einem anscheinend sehr naivem Soldat aus Thüringen kamen die Tränen.) Kurz und gut: spätestens seit den 70er Jahren wollte in Europa keine Seite mehr angreifen. Die Sowjets und ihre Vasallen hatten Angst vor der »imperialistischen Aggression der NATO«, der Westen Angst vor »den Russen«. Beides war irrational, hat die beiden Seiten aber nicht davon abgehalten, Unsummen für Rüstungsausgaben zu verschleudern.
5.
Uwe Schwarz 11.09.2010
Der Ärmste glaubt selbst heute noch, er habe damals eine sowjetische Invasion verhindern müssen? Da kommt ja schon Mitleid auf.
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