Soldatenalltag im Ersten Weltkrieg Wasserdicht dank Walöl

Mit bunten Ratgebern versuchte die britische Armee im Ersten Weltkrieg, Soldaten Tipps und Tricks fürs Frontleben zu geben. Auch Privatleute verteilten gedruckte Handreichungen - doch die Ratschläge waren nicht immer hilfreich.

Conway Maritime Press

Gefährlich waren vor allem Tauben. Denn ihnen waren die Gewehre egal, die Granaten, die Bajonette. Sie konnten sich einfach in die Luft schwingen und über die feindlichen Linien hinwegflattern. Deshalb galten sie als die Lieblingswerkzeug feindlicher Spitzel - gurrende Kuriere, die wichtige Geheimdokumente im geraden Flug über die Schützengräben hinwegtrugen.

"Die Haltung unregistrierter Brieftauben ist untersagt, da sie eine bevorzugte Kommunikationsmethode von Spionen sind", instruierte deshalb die britische Heeresleitung im Ersten Weltkrieg ihre Truppen für den Umgang mit den gefederten Tieffliegern: "Bei Ankunft in einem Dorf sollte ein Befehl an den Bürgermeister ergehen, sämtliche Käfige sofort zu öffnen und die Keller nach weiteren Tauben zu durchsuchen." Auch Zivilisten, denen man auf der Straße begegnet, sollte man tunlichst nach Tauben untersuchen, "da diese die Tiere mitunter in ihren Taschen transportieren".

Dieser und andere praktische Ratschläge für den Grabenkrieg fanden die britischen Soldaten in dem Handbuch "Notes from the Front", das 1915 an die im Stellungskrieg in Flandern eingebuddelten Einheiten verteilt wurde. Das heute skurril anmutende Pamphlet mit der Warnung vor den tierischen Spionen war kein Einzelfall unter Handbüchern für den Frontgebrauch. An die tausend unterschiedliche Manuale zirkulierten zwischen 1914 und 1918 unter den britischen Truppen, 600 davon sind bekannt. Stephen Bull, Kurator für Militärgeschichte und Archäologie des Lancashire-Museums, sammelt die Heftchen. 90 Jahre nach Ende des Krieges hat er nun einige nachdrucken lassen. "Wir stellen uns den Ersten Weltkrieg immer als blutiges Gemetzel vor, bei dem die Soldaten blind sinnlosen Befehlen folgten", sagt Bull. "Diese Handbücher aber zeigen, dass man durchaus versuchte, den Soldaten Hilfestellung für das Überleben in den Schützengräben zu geben."

Späte Ratschläge gegen "Grabenfuß"

Bull hat viele verstaubte Leitfäden auf den hintersten Regalen von Museen und Bibliotheken entdeckt, wohin sie oft als Teil der Nachlässe verstorbener Veteranen gelangt sind. Manches Exemplar findet er aber auch auf seinen regelmäßigen Streifzügen über den Flohmarkt seiner Heimatstadt Preston.

Gedruckt wurden die Hefte meist vom Army Printing and Stationery Service. Aber auch Privatpersonen, denen das Wohl der Soldaten am Herzen lag, gaben hilfreiche Fibeln für das Frontdasein heraus. Nicht immer kamen die Ratschläge rechtzeitig, und nicht immer taugten sie auch. "Ein trauriges Beispiel ist der Grabenfuß", erzählt Bull, "den man im Winter 1914 als Problem der Kriegführung in Schützengräben erkannte." Wenn die Füße eines Soldaten über einen langen Zeitraum in nassen Schuhen stecken, weicht die dicke Haut der Fußsohle auf, die Füße schwellen an und schmerzen höllisch. Wird der Fuß nicht behandelt, stirbt das Gewebe ab, die Füße verfärben sich schwarz und müssen amputiert werden.

Schnell machte sich die Armee daran, Instruktionen für die Vermeidung von "Trench Foot" zu drucken: "Die Stiefel sollen nicht zu eng sein, die Schnürsenkel nur locker gebunden. Wenn möglich, trage der Soldat zwei Paar Socken, diese dürfen den Fuß jedoch nicht einschnüren. Um die Füße zu schützen, decke der Soldat sie mit Stroh ab oder wickele zusätzlich Leinwand um die Stiefel." Doch die Hefte kamen zu spät. Erst im Januar 1915 bekamen die Soldaten sie zu lesen - da waren die nasskalten Monate bereits vorbei, und das Wetter hatte sich zum Besseren gewendet.

Auf jeder Schulter eine Socke

Ironischerweise ersparte aber wohl gerade die Verspätung vielen Soldaten die Amputation. Denn unter den Vorbeugungsmaßnahmen gegen den Grabenfuß empfahlen zum Beispiel die "Notes from the Front", die Füße mit Fett einzureiben. Oft wurde dazu Walöl verwendet. Das aber versiegelte die Füße quasi wasserdicht, der Schweiß konnte nicht mehr trocknen - viele Fälle von Grabenfuß wurden erst durch diese Maßnahme verursacht.

Praktikabler war da schon der Rat, seine Socken so oft wie möglich zu wechseln. Um tatsächlich trockene Socken zur Verfügung zu haben, riet ein anderes Heft den Soldaten, stets ein extra Paar unter der Uniform zu tragen - auf jeder Schulter eine Socke. Waren trotz dieser Maßnahme keine trockenen Strümpfe zur Hand, so wirke es "erfrischend", ab und an das getragene Paar in die Länge zu ziehen und von innen nach außen zu wenden.

Überhaupt sei die Hygiene im Schützengraben von äußerster Wichtigkeit. In Abwesenheit einer Toilette solle der Soldat seine Notdurft in eine Keksdose verrichten, heißt es. Sonstiger Abfall sei in eine "eindeutig gekennzeichnete Mülltüte" zu entsorgen, die man nach Eintritt der Dunkelheit vergraben könne. Außerdem verlangte das Empire, dass seine Soldaten "zu allen Zeiten korrekt bekleidet und so adrett und sauber wie unter den Umständen möglich" aufträten. Dazu gehörte auch die tägliche Rasur.

Ein bombiges Freizeitvergnügen

Aber auch für die Unterhaltung und Ablenkung von den Schrecken des Krieges wurde gesorgt. Ein Grabenhandbuch von Oktober 1916 empfahl ein Spiel namens "Bombenball", das gleichzeitig die Sinne der Soldaten schärfen und Techniken eintrainieren sollte, die den Spielern später auf dem Schlachtfeld zu Nutzen wären: "Es bringt jene Muskelgruppen ins Spiel, die für das Werfen von Handgranaten benötigt werden, und trainiert das schnelle und genaue Werfen." Bombenball sollte nach den Regeln des Fußballs gespielt werden, allerdings kickten die Spieler keinen Ball, sondern warfen sich stattdessen ein kleines, sandgefülltes Leinensäckchen zu.

Zu spaßig durfte es aber auch nicht werden. "Das Spiel sollte mit dem größtmöglichen Aufwand an Energie betrieben werden", mahnt das Handbuch, "und strengster Aufmerksamkeit gegenüber allen Details. Wird es so ausgeführt, schult es die Disziplin und fördert die Schnelligkeit von Denken und Bewegung. Wird es jedoch nachlässig betrieben, schadet es mehr, als dass es nutzt."

Natürlich wird in den Heften auch vor unfairen Methoden der Deutschen gewarnt: "Der Feind benutzt Kriegslisten, von denen wir einige nur als unehrenhaft betrachten können", heißt es in vollendeter britischer Korrektheit in den "Notes from the Front". Als Beispiel werden deutsche Soldaten genannt, die sich französische Uniformen anziehen und Französisch sprechen würden, während sie sich im Schutz einer weißen Flagge getarnt direkt unter die britischen Soldaten mischten.

Für den Historiker Bull sind die Hefte weitaus mehr als ein Sammelsurium von Verhaltensregeln aus einer fernen Vergangenheit, die heute fast amüsant wirken. "Betrachtet man die Handbücher in ihrer chronologischen Abfolge, dann sieht man, wie sich schon während des Krieges die Anweisungen wandelten." Zum Beispiel die bis zum Ersten Weltkrieg praktizierte Taktik, die Soldaten stets in einer geschlossenen Linie vorrücken zu lassen. In den frühen Heften wird dies den Offizieren noch empfohlen. Doch angesichts neuartiger Waffen wie Maschinengewehren, Flammenwerfer oder Panzern wurde die geschlossene Schützenkette zum Himmelfahrtskommando - spätere Hefte rieten explizit von diesem Vorgehen ab.

Wasser ist gefährlicher als Minen

Ziemlich unverändert blieben dagegen in den vergangenen 90 Jahren die Anweisungen zum Kochen. "Die könnten auch aus einem modernen Handbuch für Soldaten stammen", findet Bull. Unter anderem mahnen die Ratgeber, alles Essbare stets in gut versiegelten Behältern aufzubewahren - wer will schon seine Ration mit Nagern teilen?

An vielen Problemen, die Soldaten bei ihrem Dienst fürs Vaterland damals plagten, hat sich seither erstaunlich wenig geändert. Im Vietnam-Krieg etwa wurden mehr Soldaten durch den "Trench Foot" außer Gefecht gesetzt als durch Schießfallen und Landminen zusammen. Und selbst im nur knapp drei Monate währenden Falkland-Krieg, den die Briten 1982 gegen Argentinien fochten, forderte er seine Opfer: 14 Prozent aller britischen Soldaten, die während des Feldzugs im Lazarett landeten, mussten behandelt werden, weil sie zu lange mit nassen Füßen herumgelaufen waren.

Zum Weiterlesen:

Dr. Stephen Bull (Hg.): "An Officer's Manual of the Western Front 1914-1918". Conway Maritime Press, London 2008, 144 Seiten.



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