Soldatenbär Wojtek Krieger mit Puschelohren

Soldatenbär Wojtek: Krieger mit Puschelohren Fotos

Er war der wohl eigenartigste Soldat des Zweiten Weltkrieges: 1942 rekrutierte eine Kompanie der polnischen Armee einen Braunbären als Mitglied. Der pelzige Wojtek zog mit seinen Kameraden in eine der blutigsten Schlachten des Krieges - und wird noch heute für seine Heldentaten gefeiert. Von

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Archibald Brown hatte schon viel während des Krieges gesehen - aber nichts wie das: Es war Mitte Februar 1944, und Brown, ein Kurier des britischen Generals Bernard Montgomery, empfing am Hafen von Neapel eine Einheit polnischer Soldaten, die gerade aus Alexandria eingeschifft worden war, um gemeinsam mit den Briten gegen die deutschen und italienischen Streitkräfte vorzurücken. Es gehörte zu seinem Alltag, die Besatzungslisten zu prüfen und mit den frisch eingetroffenen Soldaten zu sprechen. Doch an diesem Tag war etwas anders als sonst.

Brown hatte mit jedem einzelnen Mitglied des gerade angekommenen Verbundes, der 22. Artillerieversorgungskompanie des 2. Polnischen Korps, gesprochen - mit jedem außer einem: "Ich sah mir die Liste an, und mir fiel ein Unteroffizier namens Wojtek auf, der nicht erschienen war", erinnerte sich Brown Jahre später in einem Interview. Laut Unterlagen gehörte Herr Wojtek aber zu der Einheit. Eine Dienstnummer, ein Soldbuch, alles war vorhanden - nur er selbst schien spurlos verschwunden: "Ich rief seinen Namen auf, aber keiner antwortete." Brown fragte die anderen Soldaten, warum sich Wojtek nicht melde. Amüsiert, so Brown, antworteten die: "Na ja, er versteht nur Polnisch und Persisch", und führten ihn zu einem Käfig mit einem ausgewachsenen Braunbären. Dem beliebtesten Mitglied ihrer Kompanie.

Zwei Jahre zuvor hatte Polens Armee ihr wohl ungewöhnlichstes Mitglied aufgenommen. Durch reinen Zufall wurde der Braunbär Wojtek 1942 ein Teil der polnischen Streitkräfte, doch bis heute ist er unvergessen: In den Berichten jener, die mit ihm gedient hatten, überdauerten die Heldentaten, die er während des Krieges vollbracht haben soll. Dabei war es gerade nicht die wilde, kriegerische Bestie in ihm, die ihn für seine Kameraden unersetzlich machte - sondern das Schmusebärchen.

"Er mochte Zigaretten"

Begonnen hatte Wojteks ungewöhnliche Militärkarriere 1942, im iranischen Elburs-Gebirge. Es heißt, ein kleiner Junge aus der Provinz Hamadan habe das Jungtier in der Wildnis verwaist vorgefunden. Seine Mutter war, so berichtete BBC News 2011, einem Jäger zum Opfer gefallen. Der Junge nahm das kleine Fellknäuel mit nach Hause, doch schon bald sollte der Bär erneut den Besitzer wechseln: Für ein paar Konserven verkaufte der Junge angeblich im Herbst 1942 seinen Spielgefährten an polnische Soldaten.

Sie waren Teil der sogenannten "Anders-Armee", die aus ehemaligen polnischen Kriegsgefangenen bestand, die Russland freigelassen hatte, nachdem es vom einstigen Bündnispartner Deutschland 1941 angegriffen worden war. Mit Hilfe dieser im Nahen Osten stationierten Streitkräfte sollte Deutschland zurückgeschlagen werden.

Schnell wurde der tapsige kleine Bär zum Liebling der Soldaten der 22. Artillerieversorgungskompanie. Sie päppelten ihren Zögling mit Milch aus Nuckelflaschen auf. Im Gegenzug hob das scheinbar durch den Verlust seiner Mutter und die frühe Prägung auf Menschen sehr nähebedürftige Tier die Moral der Truppe. Der ehemalige Soldat Wojciech Narebski erinnerte sich 2011 in dem Dokumentarfilm "Wojtek the Soldier Bear": "Wojteks herzlicher Empfang für die zurückkehrenden, oft extrem erschöpften Soldaten war sehr wichtig für uns. Er half uns runterzukommen." Nach der Marter ihrer Kriegsgefangenschaft, fern von Familie und Freunden, schien ein niedlicher, verschmuster Bär die einzige Freude im entbehrungsreichen Leben der Soldaten zu sein.

Von artgerechter Haltung verstanden die Soldaten allerdings wenig. Sie behandelten ihren neuen Kameraden einfach, als wäre er einer von ihnen, so der polnische Soldat Augustyn Karolewski 2008 gegenüber der BBC: "Er wusste ein gutes Bier zu schätzen. Er trank aus der Flasche, wie jeder andere Mensch auch. Und er mochte Zigaretten." Jedoch schlang Wojtek die Glimmstängel, die die Soldaten ihm gaben, einfach mit einem Bissen hinunter. Auch Soldat Wojciech Narebski erinnert sich ehrfurchtsvoll, der Bär habe bei ihnen regelrecht um Zigaretten gebettelt - und sich als überaus trinkfest erwiesen: "Eine Flasche war gar nichts für ihn. Er wurde nie betrunken."

Ein Bär wird zum Mythos

Doch schon bald schien es, als müssten sie ihren neuen Gefährten wieder zurücklassen: Am 14. April 1944, als die inzwischen nach Ägypten weitergezogene Kompanie zum Italienfeldzug der Alliierten nach Neapel verschifft werden sollten. Die Hafenbehörden von Alexandria weigerten sich, das wilde Tier an Bord zu lassen. Mitfahren dürften nur polnische Soldaten. Und so holte die Kompanie kurzerhand die Genehmigung vom Oberkommando in Kairo ein - und machten ihren Bären zum Soldaten: Sie tauften ihn auf den Namen "Wojtek", gaben ihm Dienstnummer und Soldbuch und ernannten ihn zum Unteroffizier. Der Trick funktionierte: Wojtek durfte mit an Bord.

Und so war der Soldatenbär, den Kurier Archibald Brown beim Empfang der Einheit in Neapel zunächst für einen Scherz gehalten haben muss, tatsächlich rechtskräftig ein Mitglied des polnischen Heeres, das seine Kameraden auch tatkräftig unterstützte: Denn aus dem kleinen Bärchen war inzwischen ein überaus stattlicher, 1,82 Meter großer und rund 220 Kilogramm schwerer Braunbär geworden. Die Soldaten beschlossen, die Kraft ihres pelzigen Kameraden zu nutzen und brachten ihm bei, Kisten mit schweren Mörsergranaten zu schleppen.

So kam es, dass ein britischer Kriegsveteran angeblich mitten in der blutigen Schlacht um Monte Cassino plötzlich einen ausgewachsenen Bären erblickte, der seelenruhig Granaten an ihm vorbeitrug. Ob die Geschichte nun stimmt oder nicht: Mit seiner Unterstützung in dieser entscheidenden Schlacht wurde das Maskottchen endgültig zum Mythos innerhalb der Truppen: Mit Zustimmung des polnischen Oberkommandos wurde das Emblem der 22. Kompanie geändert - in das Bild eines Bären, der ein riesiges Kanonengeschoss trägt.

Wojtek im Ruhestand

Der Krieg ging zu Ende, doch Wojteks Reise war noch nicht vorbei: 1946 wurde er gemeinsam mit seinen Kameraden nach Schottland verschifft und fand zusammen mit 3000 anderen Soldaten erste Zuflucht im "Winfield Camp", einem Armeelager im schottischen Hutton. Als die Demobilisierung des polnischen Heeres in Kraft trat, stellte sich die Frage, in welche Heimat der Bär nun eigentlich gehöre - in den Iran? Nach Polen? Schottland? Narebski erinnert sich: "Die kommunistischen Behörden in Polen wollten ihn in einen polnischen Zoo zurückbringen - aber meine Kameraden, die mit ihm in Schottland geblieben waren, waren dagegen." Und so entging der pelzige Held um Haaresbreite der kommunistischen Diktatur.

Seine neue Heimat wurde der Zoo von Edinburgh. Er wurde dort eine der größten Attraktionen - auch, weil viele Kriegsveteranen immer wieder zu ihm kamen. Auch Augustyn Karolewski besuchte seinen alten Gefährten mehrmals. Er stellte fest, dass der sich noch immer an den Klang der polnischen Sprache erinnerte: "Sobald ich mit ihm redete, setzte er sich aufs Hinterteil und fing an, um Zigaretten zu betteln." Einfach sei es nicht gewesen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen: Er habe viele Zigaretten in den Graben geworfen, bis endlich eine bei seinem alten Freund ankam.

Mensch oder Bär?

Der ungewöhnliche Unteroffizier Wojtek starb 1963 in Edinburgh, im Alter von 22 Jahren. Aber im Gedächtnis vieler Polen und Schotten, für die er zu einem Wahrzeichen der Verbundenheit ihrer Länder geworden war, lebt der Bär weiter: So fand im März 2009 im schottischen Parlament ein Empfang zu Ehren Wojteks statt. Im November 2011 zog eine Prozession von Soldaten und Dudelsackspielern durch Edinburgh und ehrten den Soldatenbären mit einer Grabrede - auf Polnisch. Und ein "Wojtek Memorial Trust" kämpft derzeit sogar um die Errichtung einer großen Bronzestatue zu Ehren Wojteks im Herzen von Edinburgh.

Ob es ihnen gelingt oder nicht: Die einzigartige Geschichte des Soldaten Wojtek wird weitergereicht, in Erzählungen, in Büchern - oder in Filmen wie der 2011 erschienenen Dokumentation " Wojtek - The Bear That Went To War". Ihr Regisseur Will Hood erklärt, was ihn an dem Thema fasziniert habe: "Dass der Bär selbst geglaubt zu haben scheint, ein Mensch zu sein, wirft viele interessante Fragen auf. Zum Beispiel: Was bedeutet das - ein Mensch sein?"

Mensch oder Bär, darüber gibt es für den Veteranen Wojciech Narebski keinen Zweifel: "Für mich fühlte es sich an, als sei er mein großer Bruder."

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1.
Tom Freyer 02.07.2012
Was hat der Baer denn geleistet? Es wird nur gezeigt, wie ein Tier gequaelt wurde und Risiken ausgesetzt wird und nicht artgerecht gehalten wird. Irgendwie ist dieser Kult albern.
2.
Jan Mittendorf 02.07.2012
Rührende Schmonzette. Held war der Bär wohl deshalb, weil er sich nie wie ein richtiger Bär benahm. Granaten an die Front tragen, Bier saufen ohne betrunken zu werden... Soldatenlatein unterster Schublade.
3.
Alexander Dittrich 02.07.2012
>Was hat der Baer denn geleistet? >Es wird nur gezeigt, wie ein Tier gequaelt wurde und Risiken ausgesetzt wird und nicht artgerecht gehalten wird. > >Irgendwie ist dieser Kult albern. Hallo? Es war Krieg. Richtiger Krieg. Irgendwie nicht die Zeit für verweichlichte Gutmenschen, die einem Delphin mehr Rechte als einem Menschenkind zubilligen. Außerdem: Artgerecht hin oder her - nach den Schilderungen hatte der Bär in den Soldaten seine Bezugspersonen und lebte wohl kein schlechtes Leben mit ihnen. Aber manche Menschen müssen immer alles schlechtreden. Ich finde Wojtek irgendwie "heldenhaft".
4.
Jan Skalski 03.07.2012
Eine einzigartige Geschichte aus dem 2.WK. Danke an Spiegel für diesen Beitrag über den polnischen Kampf gegen die deutsche Armee, was in Deutschland unbekannt ist. Dieser Bär hat den polnischen Soldaten den tristen Alltag im Krieg fern der Heimat zu ertragen geholfen und im Kampfeinsatz unterstützt. Die entscheidende Schlacht, neben El Alamein, war der Sturm auf die von Deutschen besetzten Kloster/ Festung Monte Cassino. Nach wochenlangen Kämpfen und dem siebten Sturm, durchgeführt durch die Polen, war Monte Cassino eingenommen und der Weg nach Rom frei geworden. Um die 1000 polnische Soldaten waren dabei gefallen. Der Bär war auch dabei und unterstütze die Polen mit dem Schleppen von Munition im unwegsamen Gelände am Berg von Monte Cassino, möglicherweise wurden dadurch das eine oder mehrere Menschenleben gerettet. Sollen die Polen diesen Bär in Iran bzw. Nordafrika lassen, hätte er ein grausames Leben gehabt, auch ohne Bier und Zigaretten. Und da die Polen nicht bei jeder Rast ein kleines ZOO aufgebaut hatten war auch verständlich. An die Herren Freyer und Mittendorf ? im Krieg wurden hunderttausende Pferde in direkten Kämpfen umgebracht und zweistelligen Millionen Menschen an Hunger und Kälte (keine artgerechte Haltung) gestorben und Sie reden von einem Bär, der an sich glücklich war. So kann man alles schlecht reden.
5.
Ryszard Turkiewicz 04.07.2012
Bemerkenswert ist der Hinweis von einem Vertreter der Nation, die ihren einzigen Bären (Bruno) auf eine grausame Art und Weise vor den Augen Europas erschiessen ließ. Abgesehen von vielen anderen nicht unbedingt "artgerechten" Taten in der Zeit von "Wojtek". Vielen Dank an Spiegel für den interessanten Artikel.
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