Posing der Patrioten 18.000 Männer für eine Frau

Posing der Patrioten: 18.000 Männer für eine Frau Fotos

Mit spektakulären Bildern wollte die US-Regierung ihre Nation auf den Ersten Weltkrieg einstimmen. Fotografen arrangierten Tausende Soldaten zu patriotischen Motiven wie der Freiheitsstatue. Für die Beteiligten bedeutete das Shooting ungeahnte Strapazen. Von

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Wenn er wollte, konnte er das Ohr von Präsident Woodrow Wilson bewegen. Er konnte einem Adler befehlen, seine Schwingen auszubreiten, und er konnte die amerikanische Liberty Bell versetzen - ohne sie zu berühren: Arthur Mole stand dabei auf einem hölzernen 24 Meter hohen Turm, schwenkte eine an einem langen Stab befestigte weiße Fahne, gestikulierte und rief seine Anweisungen in ein Megafon. Und was er befahl, geschah. So auch an einem brütend heißen Juli-Tag im Jahre 1918, als der 29-Jährige sein Podest auf dem Exerzierplatz der Nationalgarde in Camp Dodge in Iowa aufgebaut hatte.

Während der gebürtige Engländer auf seinem Turm stand, versammelten sich vor ihm Zehntausende Soldaten und richteten erwartungsvoll ihre Blicke auf Arthur Mole, dem sich von seinem erhöhten Standpunkt aus eine überwältigende Perspektive bot. Denn die Männer in Uniform standen nicht irgendwie herum, nicht als diffuse, zusammengelaufene Masse und auch nicht schlicht militärisch in Reih und Glied. Vielmehr formten ihre Körper eine gigantische Frauengestalt, die über ihren Kopf erhoben eine brennende Fackel hielt - das perfekte Abbild der amerikanischen Freiheitsstatue.

Mole war Fotograf, ein Künstler mit Sinn für spektakuläre Inszenierungen und Pathos. In das Ausbildungscamp am Des Moines River hatte ihn ein Auftrag der Regierung geführt: Er war gebeten worden, die Männer, Einheimische und Einwanderer unterschiedlichster Herkunft, auf einer Großformataufnahme zu vereinen - bevor sie in Kürze nach Frankreich in den Krieg geschickt wurden. Ihr Posing in Form patriotischer Symbole sollte Amerikas nationale Einheit versinnbildlichen. Und es sollte bei der Bevölkerung um Unterstützung für den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg werben. Mole und sein Kollege John Thomas, mit dem zusammen er ein Fotostudio in Chicago betrieb, schienen für den Job genau die Richtigen: Mit dem Arrangieren von Menschenmassen hatten sie bereits Erfahrung.

Aufbruch aus Zion

Kennengelernt hatten sich die beiden Männer in ihrer Heimatstadt Zion in Illinois. John Thomas war der Chorleiter in der Kirche von Zion. Der sakrale Bau bot Platz für bis zu 10.000 Gläubige. Und als Mole diese gigantische Menge an Menschen sah, die versammelte Kirchengemeinde und die weiß gekleideten Chorknaben, muss ihm die Idee gekommen sein - er begann, Gruppenporträts zu inszenieren. Überliefert sind diese frühen Kompositionen aus Zion nicht, lediglich ein Bild mit einer Kriegerfigur mit Schwert und Schild aus dem Jahre 1920, das den Titel "The Zion Shield" trägt.

Chorleiter Thomas bewies Talent als Choreograf, und so groß war der Schritt vom Dirigieren folgsamer Gemeindeglieder zum Dirigieren von Truppenteilen offensichtlich nicht. Die Fotografenunternehmung Mole und Thomas machte sich rasch einen Namen, und als es die nationale Lage erforderte, traten die beiden in den Dienst ihres Landes, um die Kampfesmoral an der Heimatfront zu stärken. Monatelang reisten Arthur Mole und John Thomas nun von einem Militärcamp zum anderen, um Soldaten, Offiziere - und als die bald nicht mehr ausreichten - auch Reservisten und sonstige Militärangehörige vor ihrer 11x14-Zoll-Großformatkamera zu arrangieren.

Was keine ganz leichte Aufgabe war, denn die Aufnahmen waren nicht nur extrem personalintensiv, sondern auch zeitaufwendig und benötigten mehrere Wochen der Vorbereitung. So auch die der Freiheitsstatue von Camp Dodge.

16.000 Mann im ausgestreckten Arm

Mole zeichnete die Umrisse der Figur zunächst auf eine Glasplatte, die er dann an seiner Kamera anbrachte. Auf seinem Turm stehend lotste er mit Megafon und weißer Fahne seine Helfer über die vor ihm liegende Aufstellungsfläche. Entsprechend dem Rahmen auf der Glasplatte markierten die Assistenten mit Pflöcken und kilometerlangen Bändern die Gestalt nach Moles Anweisungen auf dem Boden. Anhand eines Gitternetzes innerhalb dieser Umrisse konnte der Fotograf schließlich bestimmen, wie viele Männer insgesamt benötigt wurden und wer von ihnen am Tag der Aufnahme eine dunkle und wer eine helle Uniform tragen musste.

18.000 Mann, so hatte die Hochrechnung ergeben, waren für die Freiheitsstatue erforderlich, die vom Sockel bis zur Fackelspitze auf dem Exerzierplatz in Camp Dodge eine Größe von rund 375 Metern hatte. Wegen der perspektivischen Verzerrung, die sich aus der Position der Kamera am Fußende ergab, wurden dort deutlich weniger Männer benötigt als am oberen Ende. 16.000 Mann würden daher allein im ausgestreckten Arm samt Fackelelement stecken, während die verbliebenen 2000 die übrige Statue bildeten.

Am Tag der Aufnahme herrschte unerträgliche Hitze. Eine Qual für die Männer, die in ihrer Standard-Woll-Uniform ausharren mussten. Bis jeder am richtigen Platz stand, vergingen Stunden, wie der "Fort Dodge Messenger" über diesen denkwürdigen Tag berichtete. Verzögert wurde das Shooting, weil viele Soldaten infolge des langen Rumstehens unter praller Sonne in Ohnmacht gefallen waren. Man musste warten, bis sie wieder zu sich kamen.

"Faschistische Tendenz"

Die Massenaufnahmen aber erfreuten sich trotz des großen Aufwands und der Strapazen enormer Beliebtheit. Mole und Thomas blieben daher auch nicht die Einzigen, die so fotografierten. Ihre Technik inspirierte unter anderen Eugene Omar Goldbeck, Sohn deutscher Einwanderer. Schon als Kind hatte dieser seine Begeisterung für Fotografie entdeckt, besaß bereits als Neunjähriger eine Kamera und machte damit Fotos von seinen Mitschülern und Lehrern, denen er die Porträts verkaufte. Als Student finanzierte sich Goldbeck diverse Reisen durch die USA, indem er ungefragt seine Landsleute ablichtete - und ihnen die Bilder zum Kauf anbot.

Goldbeck experimentierte auch mit dem Panoramaformat, das zu seiner Spezialität und einer stetigen Einnahmequelle der von ihm gegründeten Bildagentur wurde. Für Panoramagruppenfotos von Soldaten reiste er während des Zweiten Weltkriegs zu allen wichtigen Militärstützpunkten innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten. Seine Inszenierungen ähnelten denen von Mole und Thomas. Doch anders als seinen Vorbildern ging es ihm weniger um Pathos und nationale Symbolik.

Das Amerikanischste an seiner Arbeit war wohl vor allem seine erfolgreiche Karriere. Schon als junger Mensch hatte er eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Je mehr Abzüge er von einem einzelnen Negativ verkaufen konnte, umso profitabler waren die Fotografien. Und Abzüge konnte er umso mehr verkauften, je mehr Personen er auf ein Bild brachte.

Mole und Thomas hingegen waren mit ihren Aufnahmen während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg nicht reich geworden. Ihre Einnahmen spendeten sie den Familien der heimkehrenden Soldaten und an Initiativen, die sich um deren Wiedereingliederung ins Zivilleben kümmerten.

"Lebende Fotografien" - so hatte Mole selbst seine Bilder genannt: Flaggen, Adler und Wappenschilde, die Wahrzeichen Amerikas, verkörpert von standhaften Soldaten. Nach Ansicht des amerikanischen Fotohistorikers Louis Kaplan allerdings lassen sich diese Inszenierungen auch anders interpretieren: Denn das eigentliche Motiv wird erst sichtbar, wenn der einzelne Mensch aus dem Fokus verschwindet. "Diese totale Unterwerfung des Individuums unter die symbolische Ordnung" bewirke auch, schreibt Kaplan, "dass solchen Bildern eine gewisse faschistische Tendenz innewohnt." Er selbst verglich Moles und Thomas' Propagandabilder mit der Choreografie der späteren NSDAP-Aufmärsche in Nürnberg, wie sie von Leni Riefenstahl in "Triumph des Willens" gefilmt wurden.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Gerd Weghorn, 20.09.2012
Was ist an einer großen Menge an Menschen - ob in der Wirklichkeit eines Stadions oder auf einem Foto - "faschistisch"?! Wenn man die (richtige) Definition von "Faschismus" zugrunde legt, demzufolge die Massenmobilisierung der Befestigung der Oligarchie des Finanzkapitals und seiner bürgerlichen Profiteure - insbesondere der verschiedenen Fraktionen der Plappernden Kaste: Journalisten, Hochschullehrer oder Politiker - zu dienen habe, dann ist Kaplans Kritik nur als Warnung vor den us-amerikanischen Politikern zu verstehen, die diese Fotos in Auftrag gegeben hatten: die USA - ein faschistisches Land?
2.
Kai-Uwe Henker, 20.09.2012
Ich habe das Bild mit der Freiheitsstatue (18.000 Soldaten) mal kurz überschlagen. Schätze, da ist eine Null zuviel rein geraten, denn ich komme auch ca. 1800 Personen.
3.
Joachim Krause, 20.09.2012
Die auf den Bilder angegebenen Personenzahlen sind auch ziemlich "geschönt". Offensichtlich um den Verkauf der Karten positiv zu beeinflussen. Ich habe mir die Mühe gemacht, einmal die Personen durchzuzählen, die die eigentliche Glocke auf Bild 4 bilden. Das geht per Zählwerkzeug in Photoshop sehr gut, sofern man die Köpfe noch identifizieren kann. Ich komme damit auf eine ungefähre Anzahl von zwischen 1.500 und 1.600 Personen für die Glockenform. Auch wenn man die Notwendigkeit für mehr Personen in der Tiefe des Bildes berücksichtigt, stehen auf dem Bild Nr. "nur" ca. 16.000 Leute, entgegen der angeblichen 25.000. Beim Bild mit dem Pferdekopf ist es sogar möglich alle Personen abzuzählen. Hier komme ich auf rund 380 Menschen, statt der angeblichen 650.
4.
Siegfried Wittenburg, 20.09.2012
Ähnliche Darstellungen wurden auch im Zuge der Olympiabewerbung für 2012 in Rostock mit Berlin angefertigt. Und ich kann mich auch an die Turn- und Sportfeste der DDR in Leipzig mit ähnlichen Massenbildern erinnern.
5.
Roger Jenkins, 20.09.2012
3D Bodengrafiken gibt es mittlerweile auch im Supermarkt als kleine Kunstwerke oder sogar auf Treppen. https://www.facebook.com/shapeshiftermedia
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