Soldatensender Calais gegen Hitler "Deckung, Deckung, Schmutz"

Perfekte Tarnung: 1943 tauchte ein deutschsprachiger Radiosender auf, der im Nazi-Jargon Nachrichten brachte und zugleich die NSDAP bloßstellte. Was viele für deutschen Frontfunk hielten, war ein Glanzstück psychologischer Kriegsführung der Briten.

Ullstein Bilderdienst

Wie aus heiterem Himmel meldete sich am 24. Oktober 1943 ein neuer deutschsprachiger Radiosender zu Wort. Mit Trommelwirbeln und Trompetengeschmetter kündigte er sich an. "Hier ist der Soldatensender Calais", dröhnte eine Stimme im militärisch zackigen Ton. "Wir bringen Musik und Nachrichten für die Kameraden im Bereich des Befehlshabers West und Norwegen. Es folgt jetzt Tanzmusik."

Der neue Sender fand schnell etliche Fans an Front und Heimatfront: Was die Deutschen hier zu hören bekamen, gab es sonst nirgendwo. Der Soldatensender Calais spielte nicht nur fetzige Jazzmusik, die im deutschen Radio Tabu war, sondern brachte auch höchst unkonventionelle Nachrichten. Er plauderte in oft rotzigem Ton intime Details über hochrangige Militärs und Parteibonzen aus, legte den Funktionärsfilz in der NSDAP offen, und berichtete hautnah von der Front. Gleichzeitig gab er sich zutiefst patriotisch und bezeichnete die deutschen Armeen als "unsere Truppen", die Alliierten als "den Feind" und die Bombenangriffe auf deutsche Städte als "Terrorangriffe".

Die deutsche Bevölkerung hielt den Soldatensender Calais deshalb lange Zeit für eine offizielle deutsche Wehrmachtstation, die aus Frankreich berichtete, wie die SD-Leitstelle in München am 16. März 1944 in einem internen Bericht festhielt. Die Bevölkerung erkläre sich die Schärfe der Berichte "mit der folgenden Überlegung: Immerhin kann man den Frontsoldaten nicht die gleiche Propaganda bieten, die man uns in der Heimat verkauft. Man muss den Frontsoldaten gegenüber ehrlicher verfahren". Ganz abgesehen vom grandiosen Unterhaltungswert schalteten viele regelmäßig ein, um zu erfahren, was in der Welt "wirklich" geschehen war - und brachten damit Propagandachef Joseph Goebbels mächtig in die Bredouille.

"Beförderung in Frankreich ist der sichere Tod in Russland"

Goebbels ahnte von Anfang an, wer hinter dem neuen, ominösen Sender steckte. "Große Sorge bereitet uns am Abend ein sogenannter Soldatensender Calais, der offenbar in England betrieben wird. Er betreibt eine sehr geschickte Propaganda", notierte er bereits am 28. November 1943 in sein Tagebuch. Was Goebbels damals noch als "geschickte Propaganda" bezeichnete, gilt heute als Glanzstück der psychologischen Kriegsführung. Systematisch säte der als deutsch getarnte britische Sender Misstrauen gegen die NSDAP-Führung, ohne dass Goebbels irgendetwas dagegen ausrichten konnte. Trotz Androhung schärfster Strafen schalteten die Menschen weiter ein.

Kopf des Soldatensenders Calais war der britische Journalist Sefton Delmer, der vor dem Krieg jahrelang als Korrespondent für den "Daily Express" in Deutschland gelebt hatte und nicht nur fließend Deutsch sprach, sondern auch mit der deutschen Mentalität vertraut war. Er war überzeugt davon, dass sich die Deutschen nicht durch direkte Propaganda gegen Hitler aufwiegeln ließen. Es gebe nur einen Weg, sagte er: den Nazis "in die Suppe zu spucken und dabei Heil Hitler zu rufen". Und so schrie Calais immer erst "Heil", um den Hörern im selben Atemzug Informationen unterzujubeln, die sie langsam aber sicher gegen das System aufbringen mussten. Delmer fasste das Konzept in knappen Worten zusammen: "Deckung, Deckung, Schmutz, Deckung, Deckung, Schmutz."

So streute der Meister der "schwarzen Propaganda", wie er bis heute genannt wird, zwischen die täglichen Nachrichten Bemerkungen wie: "Einheiten, die sich als besonders schneidig und tüchtig erweisen, werden an die Ostfront abgezogen. Beförderung in Frankreich ist der sichere Tod in Russland." Oder er gab einer harmlos anmutenden innenpolitischen Nachricht unvermittelt einen Dreh, der sie zur ätzenden Kritik an den Nazi-Bonzen mutieren ließ: "Während die Parteibonzen keine Flüchtlinge aufnehmen müssen, höhere Lebensmittelrationen und Wohnungen in besten Lagen zugeteilt bekommen, muss die normale Bevölkerung in Baracken und Hütten leben."

"Bei mir wird nur exakt und absichtlich gelogen"

Auch wenn diese Seitenhiebe oft voll ins Schwarze trafen, waren sie natürlich frei erfunden. Der Großteil der Nachrichten aber war wahr. Schließlich ging es darum, das Vertrauen der Hörer zu gewinnen. Darauf legte Delmer größten Wert. "Bei mir wird nur exakt und absichtlich gelogen", bläute er jedem Mitarbeiter ein. Das galt auch für die süffisant aufbereiteten Klatsch- und Tratschgeschichten, für die der Sender bald berühmt wurde - weil sie eben nicht frei erfunden waren, sondern stimmten.

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Goebbels Gegenspieler: Ein Ruf wie Donnerhall

Offenherzig plauderte der Sender über Sex, Drugs and Rock'n'Roll und knöpfte sich dafür auch vollkommen unbekannte "Bonzen" vor - wie etwa den Kapitänleutnant Manfred Schmidt. Explizit warnte Calais vor diesem Mann. Er lege viel Wert auf gutgeschnittene Uniformen und eine gepflegte Frisur. Als Kommandant habe er ständig Mädchen auf sein Schiff eingeladen und seine Crew mit Cognac bestochen, ihn in Ruhe zu lassen. Und obwohl er sich als Feigling und Nichtsnutz erwiesen habe, könne er so weitermachen wie immer, denn sein "bester Freund, Walter Thomas, sei Generalreferent beim Reichsstatthalter Baldur von Schirach".

Wahr waren auch die detaillierten Berichte über das Ausmaß der Zerstörung nach den Fliegerangriffen auf deutsche Städte. Kaum waren die Deutschen wieder aus ihren Luftschutzbunkern herausgeklettert, meldete Calais, welche Straßen in Schutt und Asche lagen. Die Angaben stimmten bis auf wenige Ausnahmen immer. Ganz unverfänglich erinnerte der Sender dann an anderer Stelle daran, dass "jeder Soldat das Recht auf 10 bis 20 Tage Urlaub hatte", wenn die Familie ausgebombt worden war. Je mehr davon Gebrauch machten, so Delmers Kalkül, desto demoralisierender wirke sich das auf die Kameraden aus.

Schneller und gewitzter

Bald hatte der Soldatensender Calais einen Ruf wie Donnerhall. Es schien, als habe er überall seine Agenten sitzen, höre sämtliche Telefonleitungen ab und zapfe sogar das Führerhauptquartier an. Goebbels hatte ein ernsthaftes Problem: Die deutsche Bevölkerung hielt Delmers Sendungen für glaubhafter als die regulären deutschen Sendungen.

"Die Art und Weise, mit der diese Feindpropaganda in Tätigkeit tritt, ist als äußerst gefährlich zu bezeichnen", klagte die deutsche Abwehr, wie sich der Militärgeheimdienst nannte, in einem Bericht im März 1944. Bei unbefangenen Hörern gelinge es ihm "nicht nur eine gewisse, sondern sogar eine weitgehende Glaubwürdigkeit zu sichern". Verzweifelt versuchten die Nazis, den Soldatensender auszuschalten. Sie stellten das Hören unter Strafe und versuchten, den Sender Calais mit Störsendern zum Schweigen zu bringen, mit begrenztem Erfolg. Denn Delmer stand mit einer Leistung von 600 Kilowatt der damals stärkste Mittelwellensender Europas zur Verfügung, der allen anderen technisch weit überlegen war.

Tatenlos musste die NS-Führung mit ansehen, wie die Briten den Deutschen mit chirurgischer Präzision neben vielen Wahrheiten auch wohldosierte Lügen unterjubelten. Dazu zählte unter anderem das Märchen von der amerikanischen Wunderwaffe, einer Phosphorgranate von nie dagewesener Durchschlagkraft, die "Panzer und Betonwände durchschlagen könne". Die Amerikaner, ließ Calais mehrfach verlauten, hätten den Russen diese Wunderwaffe zur Verfügung gestellt. Die deutschen Niederlagen an der Ostfront seien in erster Linie auf den Einsatz dieser Wundergranate zurückzuführen. Und wenn es auch nicht explizit gesagt wurde, so war die Botschaft doch klar: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie überall zum Einsatz kommt.

Was Delmer vollbrachte, war grandios. Er brauchte dafür nicht einmal einen Agentenring, wie viele vermuteten. Auf einem Gutshof in Milton Bryan, etwa eine Stunde nordwestlich von London, hatte er einen gigantischen Apparat aufgebaut, der rund um die Uhr damit beschäftigt war, Informationen zu beschaffen und zu verarbeiten. Dutzende Mitarbeiter wühlten sich tagtäglich durch deutsche Zeitungen, interviewten Kriegsgefangene, werteten den Briefverkehr zwischen deutschen Kriegsgefangenen und ihren Verwandten aus, hörten Gespräche unter den Kriegsgefangenen ab und bekamen gelegentlich auch Informationen vom britischen Geheimdienst gesteckt, wie Delmer einmal andeutete.

Ein bunt zusammengewürfelter Haufen

Die Informationen über das Ausmaß der Zerstörungen in den deutschen Städten nach den Fliegerangriffen wiederum erhielt Delmer direkt von der Royal Air Force, wie er in seinen Erinnerungen "Die Deutschen und ich" beschreibt. Nach den Fliegerangriffen wurden in der Regel einige der schnellen Mosquito-Flugzeuge losgeschickt, um die Bombenschäden aus der Luft zu fotografieren. Delmer ließ die Filme sofort entwickeln, und seine Leute werteten die Fotos anhand von alten Stadtplänen in aller Eile aus.

Die wichtigste Quelle blieb aber das Deutsche Nachrichtenbüro, die offizielle Presseagentur der Nazis, die Delmer und seine Leute jeden Tag anzapften. Sie nutzten dafür einen Hellschreiber - einen Fernschreiber, mit dem die Pressenachrichten übermittelt wurden, den ein deutscher Journalist vor Kriegsbeginn in London vergessen hatte. Deshalb war Calais stets so aktuell wie der restliche deutsche Rundfunk.

Was am Ende die Illusion des deutschen Senders perfekt machte, war die Zusammensetzung der Mitarbeiter. Delmer hatte in Milton Bryan einen bunten Haufen zusammengetrommelt, der zum Großteil aus deutschen Kriegsgefangenen und Exilanten bestand. Wer Deutsch sprach und schreiben konnte oder eine schöne Stimme hatte, bekam in Milton Bryan eine Chance - entweder am Mikrofon oder in der Redaktion. Zu Delmers Leuten zählten unter anderem der spätere Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Otto John, und der spätere CSU-Politiker Karl Theodor zu Guttenberg, dessen Enkel 60 Jahre später monatelang für Schlagzeilen sorgen sollte.

Am 14. April 1945 verstummte Calais für immer - genauso plötzlich wie er gekommen war. Anderthalb Jahre hatte der Sender Goebbels das Leben schwergemacht. Delmer hatte, wie es der SPIEGEL 1954 treffend zusammenfasste, auf dem Gebiet der schwarzen Propaganda "den hinkenden Doktor aus der Wilhelmstraße chancenlos geschlagen". Am Ende nahm sich Goebbels im Führerbunker das Leben, ohne zu wissen, wer sein großer Gegenspieler war.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Walter Drews, 24.10.2013
1.
Wer hat warum das Archiv vernichtet? Das ist wirklich idiotisch!
Siegfried Wittenburg, 24.10.2013
2.
Ach, und es gab auch einen Soldatensender, der von der DDR aus für die Bundeswehr sendete. Für NVA-Soldaten war der Empfang nicht erlaubt, wurde aber trotzdem wegen der Musik heimlich gehört. 1972 stellte er in einer gewittrigen Sommernacht urplötzlich seine Sendungen ein. Wie sich alles ähnelt...
Reinhard Kupke, 25.10.2013
3.
Von der DDR aus sendete auch der "Deutsche Freiheitssender 904", nach eigener Darstellung "Der einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter staatlicher Kontrolle steht". Die Propaganda war allerdings äußerst primitiv.
Jonardo Tenner, 27.10.2013
4.
'Calais' nannte sich im Herbst um in 'Soldatensender West, angeschlossen der Kurzwellensender Atlantik'. Der Jargon war recht primitiv und in keiner Weise mit den kultuvierten deutschsprachigen Sendungen der BBC zu vergleichen. Und mit Jazz und Rock-n-Roll war nix. Wollte man Lionel Hampton's 'Flying Home' hören, musste man sich schon auf der Kurzwelle um die VOA bemühen. Vom Soldatensender West ist mir eigentlich nur eine einzige Nachricht in der Erinnerung verblieben: 'Während tausende alliierte Grossbomber in der vergangenen Nacht ihre vernichtende Bombenlast über Deutschland abluden, flog einer unserer Nachtjäger im Zeichen der Vergeltung gegen England'.
Carl-Ernst Kohlhauer, 27.10.2013
5.
>Von der DDR aus sendete auch der "Deutsche Freiheitssender 904", nach eigener Darstellung "Der einzige Sender der Bundesrepublik, der nicht unter staatlicher Kontrolle steht". Die Propaganda war allerdings äußerst primitiv.
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