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Deutsch-deutsche Zeitumstellung 1980 Als die DDR der Zeit voraus sein wollte

Deutsch-deutsche Zeitumstellung 1980: Niemand hat die Absicht, eine Sommerzeit einzuführen Fotos
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Die DDR schockierte die Bonner Politik: 1980 wollten die Genossen die Sommerzeit einführen. Die Bundesrepublik zog übereilt nach. Doch kurz darauf wollte die SED von der Zeitumstellung nichts mehr wissen - aus gutem Grund. Von

Eine "verlockende Aussicht" verhieß die DDR-Frauenzeitschrift "Für Dich" 1980 ihren Leserinnen. Endlich würde es den Damen und Herren des Arbeiter- und Bauernstaates möglich, "den Feierabend besser auszunutzen". Allerdings hatte dieses Angebot seinen Preis: Eine Stunde Schlaf wollte die SED ihren Bürgern dafür rauben. Gemeint war die Einführung der Sommerzeit.

Doch der weitere Aufbau des Sozialismus sei den Schlafverzicht allemal wert, wie die Redakteure der "Für Dich" haarklein ausführten. Rund 100 Millionen Kilowattstunden würde die Energieeinsparung pro Jahr durch die Sommerzeit betragen. 240.000 Beschäftigte hätten durch den früheren Arbeitsbeginn zudem länger Tageslicht zur Verfügung - natürlich vor allem zur Produktivitätssteigerung, weniger zum Freizeitvergnügen.

Höchste Regierungskreise hatten die Journalisten vorher belehrt, wie sie unter den DDR-Bürgern Begeisterung für die Einführung der Sommerzeit schüren sollten. "Nur Gutes" konnte Wolfgang Rauchfuß, Minister für Materialwirtschaft, Anfang 1980 in der Zeitumstellung erkennen. Zudem müsse die DDR zusätzlich ihrer "Verantwortung als bedeutendes Transitland" gerecht werden.

"Eine Woche Zeitsalat"

Auf der westlichen Seite der deutsch-deutschen Grenze wurden diese Worte verärgert zur Kenntnis genommen. Seit Jahren hatte die Bundesregierung versucht, mit der DDR-Führung zu einer Übereinkunft bezüglich der Einführung der Sommerzeit zu gelangen - ergebnislos. Viele Länder der Europäischen Gemeinschaft stellten angesichts der Ölkrise von 1973 ihre Uhren mittlerweile mit dem Ziel einer Energieeinsparung im Frühjahr eine Stunde vor. Die Bundesrepublik wollte sich gern anschließen.

Doch im geteilten Deutschland war die richtige Zeit eine "sehr politische Frage", wie es der Regierungssprecher Klaus Bölling auf den Punkt brachte. Neben der Berliner Mauer sollte nicht zusätzlich eine zeitliche Grenze das Land und Berlin in zwei Hälften spalten. Immer wieder hatte Bonn die Einführung der Sommerzeit deswegen hintangestellt.

Überraschend preschte die DDR 1979 schließlich vor: Ab April 1980 sollten plötzlich im Arbeiter- und Bauernstaat die Uhren vorgestellt werden. In aller Eile zog die Bundesrepublik nach. Zu eilig für manche Institutionen: Die Deutsche Bundesbahn musste zehntausende Fahrpläne neu drucken lassen, zudem hatte sie dafür zu sorgen, dass die über 80.000 Uhren in den Bahnhöfen fristgerecht umgestellt werden konnten.

"Eine Woche Zeitsalat" befürchtete ein Mitarbeiter des Unternehmens "Telefonbau und Normalzeit", bis West-Deutschland die Zeitumstellung verkraftet hätte. Doch das rund 50 Millionen D-Mark teure Unternehmen zahlte sich einigungspolitisch aus. Als am 6. April 1980 die Uhren eine Stunde vorgestellt wurden, blieb Deutschland geeint - zeitlich zumindest.

Sorge um gestresste Milchkühe

Obwohl rund zwei Drittel der Westdeutschen die Sommerzeit laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts begrüßten, hatte es sich die Bundesregierung mit zahlreichen Berufsgruppen verscherzt. Lehrer klagten, weil nun die Chance auf Hitzefrei sank, Arbeitgeber, weil sie Angestellten, die in der Nacht der Zeitumstellung gearbeitet hatten, acht Stunden zahlen mussten statt der tatsächlichen geleisteten sieben.

  Zeitverwirrung:  Nicht nur Normalbürger, sondern auch zahlreiche Prominente leiden unter der Zeitumstellung. Vom bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer ist bekannt, dass er 2014 ein Telefonat mit der Kanzlerin verschlief, weil er den Beginn der Sommerzeit vergessen hatte.
AP

Zeitverwirrung: Nicht nur Normalbürger, sondern auch zahlreiche Prominente leiden unter der Zeitumstellung. Vom bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer ist bekannt, dass er 2014 ein Telefonat mit der Kanzlerin verschlief, weil er den Beginn der Sommerzeit vergessen hatte.

Auch die Gewerkschaften waren unzufrieden, weil sie um den Schlaf der Beschäftigten fürchteten, wenn diese bei langem Tageslicht nicht rechtzeitig den Weg ins Bett antreten würden. Vor allem aber die Bauern erhoben Protest. "Wir Bauern müssen ohnehin schon früh aufstehen, da ist es im Stall und auf dem Feld noch sehr ungemütlich", klagte Bertram Welz, der Geschäftsführer des Deutschen Bauern-Verbandes dem "Hamburger Abendblatt". Die besondere Sorge der Landwirte galt allerdings den Milchkühen angesichts der um eine Stunde verschobenen Melkzeit.

Ähnlich unzufrieden wie die westdeutschen Bauern war die ostdeutsche SED. "Aufgrund wissenschaftlicher Gutachten, die der Regierung der DDR vorliegen und der im Jahre 1980 gemachten Erfahrungen ist es nicht zweckmäßig, das Experiment mit der Sommerzeit im nächsten Jahr zu wiederholen", ließ die Partei am 28. Oktober 1980 im "Neuen Deutschland" kurz und knapp verkünden. "Es erbrachte keine Vorteile für die Energiewirtschaft und für die anderen Bereiche der Volkswirtschaft, sondern verursachte auf einigen Gebieten sogar zusätzliche Kosten."

Das versprochene zusätzliche Tageslicht hatte die DDR-Bürger dazu bewegt, mehr zu unternehmen. Und zu verbrauchen.

Druck aus dem Osten

Erneut machte sich angesichts dieses Rückziehers Empörung in Bonn breit, zumal die SED fast zeitgleich den Zwangsumtausch von West-Mark in Ost-Mark, das sogenannte "Eintrittsgeld", auf 25 D-Mark pro Person erhöht hatte. Trotzig erklärte die Regierung, dass die Bundesrepublik die Sommerzeit-Regelung beibehalten werde.

Die harte Linie zeigte Wirkung. Im Dezember verkündete die DDR, dass sie auch im Jahr 1981 wieder die Uhren umstellen würde. Zum einen wollten die Genossen vor allem ein Zeitchaos im zweigeteilten Berlin vermeiden. Zum anderen behielt neben anderen Ostblockstaaten auch der sozialistische Führungsstaat, die Sowjetunion, die Zeitverschiebung bei. Die Behauptung, dass die Sommerzeit wirtschaftlicher Unsinn sei, ließ sich daher trotz besseren Wissens seitens der Genossen in der DDR nicht aufrechterhalten.

So blieb die Zeit in den beiden deutschen Staaten endgültig vereint. Selbst die Milchkühe verkrafteten die Zeitumstellung auf beiden Seiten der Grenze entgegen aller Befürchtungen bestens. Bertram Welz berichtete: "Nach zwei bis drei Tagen brachten sie wieder die alte Milchleistung".

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1. Lustiger Artikel, aber wo ist der Sinn
St. Graul, 29.03.2015
... der Sommerzeit ? Ist sie dazu da, dasz Kühe lernen, sich umzustellen. Das Bürger Ihr Zeitgefühl verlieren ? Dasz die Uhrenindustrie Umsatz macht ? - Oder ist das einfach nur Unsinn aus reinem Aktionismus gebohren. Damals wusste Kohl ja noch nicht, dasz er mit der Wiedervereinung Geschichte schreibt. Wollte er so im Gedächtnis bleiben ? Als der Vater des Sommerzeit-Unsinns ? - Weg mit diesem Quatsch !
2.
Jürgen Löll, 29.03.2015
Die Politik setzt eine absurde Idee um.Man merkt schnell das sie nix bringt aber keiner fühlt sich berufen sie wieder abzuschaffen.... die Sommerzeit ist das Mautgesetz der 80er.
3. Was haben Leute gegen die Zeitumstellung?
Ralf Höing, 29.03.2015
Ich ben froh, wenn man im Sommer abends mehr Zeit hat etwas zu unternehmen. Auch das Problem mit der Hitze in Arbertshallen und Büros wird durch die Zeitumstellung gemildert. SOMMERZEIT IST GEIL!!!
4. Die Milchkühe
Markus Pfeiffer, 29.03.2015
Das Argument mit den Milchkühen konnte ich eh nie verstehen. Gerade ein Bauer hätte doch die Freiheit, seinen Tagesablaufplan einfach anzupassen. Also wenn er im Winter um 05:30 melkt, macht er das während der Sommerzeit einfach um 06:30 und die Kug merkt gar nicht von der Zeitumstellung. ;) (Zumal die Landwirte ja parallel das Argument anführten, dass sie eh schon früh aufstehen müssten und durch die Zeitumstellung noch ne Stunde früher.) Nichtsdestotrotz bin ich seit es sie gibt für die Abschaffung der Sommerzeit. Zunächst, weil ich damals als Schüler (die hierzulande eh schon verd... früh anfangen müssen) nochmal ne Stunde früher anfangen musste, zum anderen, weil es davor häufig, seitdem aber nur noch 1-2 Mal hitzefrei gab. Heute als Erwachsener sehe ich die Kosten (sowohl die tatsächlichen als auch die tagelange Genervtheit der Menschen bei erwiesenermaßen nicht vorhandenem ursprünglich gedachten Nutzen (Energieeinsparung). Und sowohl jetzt als auch von Anfang September bis Ende Oktober pfeife ich auf die Stunde länger hell abends, so lange meine Kinder und ich morgens um 06:45 dafür (unnötigerweise) im Dunkeln aus dem Haus müssen; und dazwischen fluche ich darüber, weil es abends noch ne Stunde länger helll ist und die Kinder noch schwerer ins Bett zu kriegen sind. Für uns ist die Sommerzeit also auch kein Gewinn an Lebensqualität (beliebtes Argument der Befürworter, weil abends länger hell), sondern das Gegenteil davon. Also schafft den im ideologischen Grabenkrieg geborenen Anachronismus endlich wieder ab!
5.
Flo Fabian, 29.03.2015
Die allgemeine Vorfreude auf die heutige Umstellung zur Sommerzeit hat doch nun sicher jeder von uns wieder mal erlebt! Auch ich empfinde sie als wunderbares Geschenk und freue mich auf längere helle Abende. Die Sommerzeit bringt mehr Lebensqualität. Aber es gibt leider immer ein paar Menschen, die mäkeln und rummotzen und die man einfach ignorieren sollte.
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