"Sonder- und Ehrenhaft" im "Dritten Reich" High Society im Goldenen Käfig

Zigaretten, Radio und eine Flasche Sekt am Tag: Den "Sonder- und Ehrenhäftlingen" der SS fehlte es an nichts - außer der eigenen Freiheit. Eingesperrt in Schlössern, Burgen und Nobelhotels fristeten berühmte NS-Gefangene im "Dritten Reich" ein luxuriöses Dasein.

Privatarchiv Volker Koop/Böhlau Verlag

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Am grausamsten fand SS-Häftling André François-Poncet den teutonischen Eintopf. "Ich musste Zusammengekochtes essen", beklagte sich der einstige französische Botschafter in Berlin nach Kriegsende über seine Internierung. Ansonsten gab es wenig Grund zum Meckern. Während Millionen regulärer Häftlinge in den Konzentrationslagern gefoltert und ermordet wurden, war der Diplomat im mondänen Ifen-Hotel im Kleinwalsertal gefangen, wo er ausgedehnte Spaziergänge durch die österreichische Berglandschaft unternahm und Shakespeare, Rabelais und Nietzsche studierte. Sonntags ging François-Poncet mit Italiens Ex-Premier Francesco Saverio Nitti sowie den Prinzessinnen von Savoyen-Aosta in die Kirche, seinen "Volksempfänger" durfte er anschalten, wann immer ihn danach gelüstete.

Der Ex-Botschafter hatte es gut getroffen, ebenso wie der Rest der im Ifen-Hotel Eingesperrten, allesamt Mitglieder der internationalen High Society. Sie gehörten zur privilegierten Schar der mehreren hundert "Sonder- und Ehrenhäftlinge" der SS: Politiker, Staatsrepräsentanten und Diplomaten aus den besetzten Gebieten ebenso wie in Ungnade gefallene deutsche Militärs, Geistliche, Industrielle und Adelige, denen der NS-Staat eine spezielle Fürsorge angedeihen ließ.

Eingesperrt in beschlagnahmten Schlössern, Villen, Burgen, Hotels und Sanatorien, aber auch eigens errichteten KZ-Sonderhäusern, führten diese handverlesenen Feinde Adolf Hitlers als Geiseln des "Dritten Reichs" ein bisweilen luxuriöses Leben - oftmals nur wenige Meter entfernt von den Gaskammern und Krematorien. Dieses bislang wenig erforschte Thema der "Sonder- und Ehrenhaft" hat der Journalist und Historiker Volker Koop in einem neu erschienenen, sehr lesenswerten Buch aufgearbeitet.

Tischtennisplatte, Zither und Blumen im KZ

"Erziehungshäftlinge", "Vorbeugehäftlinge", "Protektoratshäftlinge" - oder eben "Sonder- und Ehrenhäftlinge": In ihrer menschenverachtenden Klassifizierungswut teilten die Nationalsozialisten ihre Feinde fein säuberlich in verschiedene Gruppen ein. Zur Kategorie der "Sonder- und Ehrenhäftlinge" zählten auch die "persönlichen Gefangenen des Führers": deutsche Regimegegner, die zu prominent waren, als dass man sie einfach ermorden wollte.

Der Geistliche Martin Niemöller etwa gehört dazu, aber auch Georg Elser: jener Mann, der am 8. November 1939 eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller deponiert hatte, um Adolf Hitler in die Luft zu sprengen. Dass die Nationalsozialisten den Hitler-Attentäter nicht sofort ermordeten, sondern zu Vorzugsbedingungen internierten, hatte einen einfachen Grund: Die NS-Führung plante, nach einem siegreichen Krieg einen Schauprozess vor dem Volksgerichtshof gegen Elser zu führen.

Innerhalb des KZ Sachsenhausen wurden eigens für den prominenten Führerfeind drei Zellen zusammengelegt, Elser bekam eine eigene Hobelbank eingerichtet, wo er sich als Tischler betätigen konnte und durfte seine Zither mit in die Haft nehmen. Ferner genoss er Sonderverpflegung, bekam ein Radio, einen mit Tischdecke und Blumen dekorierten Tisch und sogar eine Tischtennisplatte in sein Privatgefängnis gestellt, um laut Zeitzeugenaussagen mit der SS sportliche Wettkämpfe auszutragen. Erst als feststand, dass der Krieg endgültig verloren war, erschossen die Nazis Elser am 9. April im KZ Dachau: ein Schicksal, das den meisten anderen "Sonder- und Ehrenhäftlingen" erspart blieb, die bis auf wenige Ausnahmen überlebten.

Haft mit Hofstaat

Gerade für die ausländische Prominenz unter den Hitler-Gegnern, zum Teil als Faustpfand für spätere Verhandlungen vorgesehen, ging die Haft meist recht glimpflich aus. Besonders gut hatte es der belgische König Leopold III. getroffen. Er war nebst seiner Familie auf Schloss Laeken bei Brüssel und später auf dem sächsischen Schloss Hirschstein interniert und bekam von der SS sogar einen kleinen Hofstaat zugestanden. Auch sonst waren die Nazis bemüht, es der inhaftierten Majestät recht zu machen: Am 19. November 1940 empfing Hitler seine Königliche Majestät auf dem Obersalzberg, um ihn nach Sonderwünschen, einem größeren Schloss etwa, mehr Geld oder einer Gespielin zu fragen. Stattdessen bat der König um Erleichterungen für sein Land und die baldige Heimkehr belgischer Kriegsgefangener: Wünsche, die ihm Hitler allerdings nicht gewähren wollte.

Ansonsten mussten die "Sonder- und Ehrenhäftlinge" auf Annehmlichkeiten nicht verzichten, wie der SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner nach dem Krieg vor dem Alliierten Militärtribunal in Nürnberg anmerkte: Die prominenten Gefangenen, etwa im Ifen-Hotel, aber auch im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg, verbrachten die Haft, so Kaltenbrunner "bei dreifacher Diplomatenverpflegung, das ist die neunfache Nahrungsmittelzuteilung eines normalen Deutschen während des Krieges, bei täglicher Verabreichung einer Flasche Sekt, bei freier Korrespondenz mit der Familie."

Auch die auf Schloss Itter in Tirol untergebrachten "Ehrenhäftlinge", deren Namensliste sich wie ein Who is Who der französischen Elite liest, lebten im Vergleich mit den regulären KZ-Häftlingen in Saus und Braus: Die SS-Wachen wurden angehalten, ihren Gefangenen, unter ihnen der französische Ex-Premier Éduard Daladier, Gewerkschaftsführer Léon Jouhaux und General Maurice-Gustave Gamélin, "mit Stillstand und deutschem Gruß" zu begegnen.

Die illustren Häftlinge durften sonntags zur Messe, konnten die Haft gemeinsam mit dem Ehepartner verbringen und hatten es offensichtlich so kommod, dass sie gar nicht unbedingt flüchten wollten: Im Sommer 1944 entwickelten die auf Schloss Itter zur Zwangsarbeit verpflichteten regulären KZ-Häftlinge einen Fluchtplan, um sich gemeinsam mit den "Ehrenhäftlingen" in die Schweiz zu retten. Doch scheiterte die Flucht - weil sich die prominenten Gefangenen weigerten, den Plan in die Tat umzusetzen.

"In Sachsenhausen war es schöner!"

Mit am absurdesten mutet jedoch die "Ehrenhaft" des österreichischen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg an. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich 1938 unter Arrest gestellt, bekam der inhaftierte Politiker so starke Depressionen, dass die Nazis einen Selbstmord fürchteten. Um dem vorzubeugen, ließ man dem prominenten Häftling eine besondere Fürsorge angedeihen: 1941 wurde Schuschnigg ins KZ Sachsenhausen verlegt, wo er in einem komfortablen Sonderhaus direkt neben der Todeszone wohnte.

Seine Frau Vera zog mitsamt Tochter Puppi freiwillig zu ihm, durfte das Gelände jedoch jederzeit verlassen. Ebenso wie Sohn Kurt, der mehrfach die Ferien bei seinem Vater im KZ verbrachte und von dort aus zeitweise jeden Morgen das örtliche Gymnasium besuchte. Eine eigens angewiesene - Schuschnigg allerdings nicht gut genug gekleidete Putzfrau - kümmerte sich um den Haushalt und sorgte für das leibliche Wohl, Konserven vom amerikanischen Roten Kreuz besserten die Kost noch weiter auf. Seine kleine Tochter fühlte sich im KZ Sachsenhausen so wohl, dass sie, als ihr Vater im Februar 1945 ins KZ Flossenbürg verlegt wurde, darum bat, zurück nach Sachsenhausen zu gehen. "Unser Kind aber fragt, ob wir nicht zurück nach Sachsenhausen könnten; 'denn dort war es schöner!'", zitiert Schuschnigg das Mädchen in seinen Erinnerungen.

Allerdings musste der österreichische Politiker, ebenso wie zahlreiche andere "Sonder- und Ehrenhäftlinge", für die Kosten seiner vergleichsweise noblen Internierung selbst aufkommen. Die Nationalsozialisten hatten sein gesamtes Vermögen beschlagnahmt, sogar der "Umzug" vom Gestapo-Gefängnis in München ins Konzentrationslager wurde Schuschnigg in Rechnung gestellt, Einmal in Sachsenhausen, erhielt der Österreicher vom Reichssicherheitshauptamt zwar ein monatliches Taschengeld, um sich zu verpflegen. Doch ging mehr als die Hälfte davon für den Schulbesuch seines Sohnes sowie die Lagerung seiner Möbel in Wien ab, wie der Historiker Koop recherchiert hat.

Promi-Gefangeneninsel à la Alcatraz

Je weiter der Krieg voranschritt, desto größer wurde der Bedarf an komfortablen Unterkünften für besondere NS-Gefangene, zu denen auch Politiker-Nachwuchs wie die Nichte Charles de Gaulles und der Sohn Stalins gehörten. Obwohl sich Deutschland in einer mehr und mehr ausweglosen Lage befand und es eigentlich dringlichere Probleme gegeben hätte, besaß man im NS-Staat immer noch Muße, sich detailliert mit der idealen Unterbringung der prominenten Gefangenen zu befassen. Nahezu jedes Schloss in Deutschland, Österreich, Polen und der besetzten Tschechoslowakei inspizierte die SS auf dessen Eignung als Luxus-Kerker. Beliebt waren vor allem auf Bergrücken gelegene Anwesen. Einst errichtet, um Angreifer aus dem Tal frühzeitig zu erkennen und abzuwehren, erschwerte die exponierte Lage nun den Ausbruch der Gefangenen.

Als perfekter Aufenthaltsort für ihre "Sonder- und Ehrenhäftlinge" erschien den Nationalsozialisten eine Insel: Fernab der Zivilisation sollten besonders wichtige Häftlinge isoliert und ohne jede Fluchtmöglichkeit untergebracht werden, als Vorbild diente das amerikanische Alcatraz. Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes schwärmten aus, um im Ostseeraum ein geeignetes Eiland zu finden. Im Sommer 1942 wurde man schließlich Suche fündig. Die Wahl fiel auf zwei dem estnischen Hafen Baltischport (heute Paldiski) vorgelagerte Inseln: Suur-Pakri und Väike-Pakri.

Sie seien "eisfrei, nur wenig bewohnt und vom Festland weit genug entfernt", pries der SD-Befehlshaber "Ostland" die Örtlichkeiten an. Doch sollte es nicht mehr zum Ausbau einer Gefangeneninsel am Finnischen Meerbusen kommen: Mit der Niederlage der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad im Winter 1942/43 waren die Pakri-Inseln durch die Rote Armee bedroht - und damit für einen Promi-Kerker à la Alcatraz nicht mehr geeignet.

Zum Weiterlesen:

Volker Koop: "In Hitlers Hand - Sonder- und Ehrenhäftlinge der SS". Böhlau Verlag, 2010, 295 Seiten.



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Florian Geier, 21.03.2011
1.
1955 schrieb der SPIEGEL lt. http://www.google.com/search?hl=&q=%22Betrachtungen+%C3%BCber+Shakespeare+und+NietZsche%2C+Rabelais+und+Dostojewskij%22&sourceid=navclient-ff&rlz=1B3GGLL_deDE381DE381&ie=UTF-8 noch "Betrachtungen über Shakespeare und NietZsche, Rabelais und Dostojewskij" und nicht "Betrachtungen über Shakespeare und Nietsche, Rabelais und Dostojewskij".
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