Sonderverband Graukopf Hitlers vergessene Geheimtruppe

Verwirren, sabotieren, terrorisieren: Uniformiert als Soldaten der Roten Armee kämpften russische Nationalisten und Überläufer im geheimen "Sonderverband Graukopf" an der Seite der Nazis gegen die Bolschewiki - bis sie den Deutschen zu gefährlich wurden.

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Die Angreifer waren für ihren Auftrag in der Nähe von Jelnja, im Westen der Sowjetunion, perfekt getarnt. Sie sprachen fließend Russisch. Sie trugen sowjetische Uniformen. Sie waren sogar in Russland geboren. Nur: Jetzt kämpften sie für den NS-Staat. An diesem 22. Mai 1942, gut ein Jahr nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, waren sie bereit, ihre Landsleute zu erschießen.

Unter dem Tarnnamen "Unternehmen Hannover" näherten sich die 350 Männer der russischen Front. In Jelnja hatten schon im August 1941 heftige Kämpfe zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee stattgefunden. Hier war Stalins Armee die erste erfolgreiche Gegenoffensive gelungen. Jetzt waren die sowjetischen Truppen und Partisanen unter der Führung des sowjetischen Generals Pawel A. Below von der Wehrmacht eingeschlossen. Ziel des "Unternehmen Hannover" war das Hauptquartier und General Below persönlich. Für den Fall, dass Hitlers Undercover-Soldaten General Below nicht finden würden, sollten sie zumindest falsche Befehle streuen und Sabotage betreiben.

Doch die falschen Rotarmisten wurden trotz aller Mühe enttarnt und in heftige Gefechte verwickelt. Ihr Einsatz endete in einem Desaster: Nur etwa hundert Mann schafften es, sich zu den deutschen Linien zurückzuschlagen.

Der Traum von einer exilrussischen Armee

Das gescheiterte "Unternehmen Hannover" war keineswegs ein exotischer Einzelfall, sondern ist ein heute nahezu vergessenes Kapitel des Zweiten Weltkriegs: Nach dem Angriff auf die Sowjetunion, den Hitler zum ideologischen Endkampf zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus hochstilisierte, bauten Exil-Russen in Deutschland systematisch eigene Strukturen auf, um für die Nazis in die Schlacht ziehen zu können. Einst waren sie vor dem Kommunismus nach Deutschland geflohen. Nun sahen sie die Chance, mit deutscher Hilfe Stalin und seine verhassten Kommunisten wieder von den Rädern der Macht zu vertreiben.

Zentrum der russischen Exil-Szene war Berlin. Dort lebte auch schon vor Kriegsausbruch Sergej Nikititsch Iwanow. Seine politischen Wurzeln hatte der Ingenieur in der Partei der Sozialrevolutionäre, die nach dem Ersten Weltkrieg vergeblich versucht hatte, den Aufstieg der Bolschewiki zu verhindern.

Iwanow plante gar, eine exilrussische Armee aufzubauen. Er verfügte über gute Kontakte zur NSDAP und Wehrmacht und stellte seine Idee bei mehreren deutschen Stellen vor - zunächst ohne Erfolg. Doch schließlich fand er doch noch einen einflussreichen Fürsprecher: Admiral Wilhelm Canaris. Der leitete den militärischen Geheimdienst im Amt "Ausland/Abwehr" der Wehrmacht. Zuständig für die Bekämpfung von Spionage und Sabotage, hatte Canaris bereits mit ukrainischen, kaukasischen, weißrussischen und baltischen Separatisten zusammengearbeitet. Daher gab er auch seine Zustimmung zum Aufbau einer geheimen russischen Einheit.

Halbverhungerte Rekruten

In der Berliner Emigrantenszene fahndete Iwanow daraufhin nach Mitstreitern für den Aufbau seiner Truppe. Den ersten Gleichgesinnten fand er in Igor K. Sacharow, dem Sohn eines zaristischen Generals. Sacharow, der bereits seit 1923 in Berlin lebte, hatte im Spanischen Bürgerkrieg als Söldner auf Seiten der antikommunistischen und faschistischen Falangisten gekämpft, die den Putsch des General Franco unterstützten.

Als nächstes stieß der ehemalige zaristische Regimentskommandeur Konstantin Kromiadi hinzu. Kromiadi war 1893 in der Provinz Kars in der Nähe des Schwarzen Meeres geboren, die damals zum russischen Reich gehörte. Nach seiner Flucht vor den Bolschewiki hatte er 16 Jahre lang als Taxifahrer in Berlin gearbeitet.

Gemeinsam ging das Trio auf die Suche nach Rekruten. In den deutschen Kriegsgefangenenlagern wurden sie schnell fündig. Denn angesichts der gnadenlosen Bedingungen dort war es nicht schwer, Freiwillige zu finden. Aber auch die patriotischen Ansprachen des begnadeten Redners Kromiadi überzeugten viele vom Seitenwechsel. Sie alle seien von Stalin und der Partei verraten worden, peitschte Kromiadi den Gefangenen ein. Nun müssten sie das "heilige Mütterchen Russland" von seinen Unterdrückern befreien.

Die Anwerber konnten sich kaum vor dem Ansturm der halbverhungerten Kandidaten erwehren, hatten aber ein grundsätzliches Problem: Es war kaum möglich herauszufinden, wer tatsächlich ein überzeugter Oppositioneller war - und wer nur dem harten Lageralltag entkommen wollte.

Ein grauhaariger Namenspate

Iwanow übernahm die politische Führung. Kromiadi, der den Decknamen Sanin verwendete, wurde Kommandant, Sacharow (Deckname: Levin) sein Stellvertreter. Das Führungstrio sah seine Einheit als Keimzelle für eine russische Aufstandsarmee gegen Stalin und nannte den Verband "Russkaja Nationalnaja Narodnaja Armija" (RNNA), Russische Nationale Volksarmee. Diese Bezeichnung wurde von den Deutschen allerdings nicht aufgegriffen. Sie verwendeten stattdessen lieber diverse Decknamen, darunter die Bezeichnung "Sonderverband Graukopf". Der ergraute Iwanow soll für den Namen selbst Pate gestanden haben.

Verbindungsoffizier zur Heeresgruppe Mitte wurde der für den Feindnachrichtendienst zuständige Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff, der später mit einem Attentat auf Hitler scheitern sollte. Zur Ausbildung verlegte man die Rekruten in ein Torfwerk im weißrussischen Osintorf. Die Soldaten trainierten dort nach russischem Reglement, benutzten russische Ausrüstung und sollten weiterhin die Uniform der Roten Armee tragen.

Schnell wuchs die Truppe auf mehrere hundert Mann an. Weitere Exilanten stießen zur Führungsriege hinzu. Es bildete sich eine bunte Garde aus russischen Faschisten, Sozialrevolutionären und Adeligen - darunter waren auch viele ehemalige Offiziere der Roten Armee. Zusammengehalten werden konnte diese politisch völlig heterogene Truppe nur durch allgemein gehaltene patriotische Formeln.

"Stalin aus dem Kreml werfen!"

Während die Einheit wuchs, bestanden über die Ziele des Projekts unterschiedliche Vorstellungen. Die Deutschen sahen die Brigade eher pragmatisch als eine Sondereinheit, die im Frontabschnitt bei Moskau Aufstände anzetteln und die Rote Armee mit Sabotageaktionen schwächen sollte. Doch aus den Memoiren von Verbindungsoffizier Gersdorff geht hervor, dass Kromiadi und Sacharow wesentlich weitreichendere Pläne hatten. Demnach erklärten die beiden dem erstaunten deutschen Offizier, dass sie "nach Moskau marschieren und Stalin aus dem Kreml holen wollen". Diese Idee sei von den Deutschen als völlig utopisch verworfen worden.

Iwanow verfolgte außer der Erstürmung des Kreml auch das Ziel, den neugebildeten Verband zu einer ernsthaften militärischen Kraft zu machen und schließlich sogar in eine russische Gegenregierung münden zu lassen. Doch Iwanow erkrankte im Mai 1942 an Typhus. Damit fiel der politische Kopf dieses Vorhabens aus, und seine ehrgeizigen Pläne konnten nicht vorangetrieben werden.

Während des Jahres 1942 starteten die Deutschen mehrere Sabotageaktionen, bei denen auch der "Sonderverband Graukopf" eingesetzt wurde - darunter beim gescheiterten "Unternehmen Hannover". Über die weiteren Einsätze der Einheit gibt es unterschiedliche Berichte. Einerseits soll ihre Präsenz befriedende Wirkung gehabt haben, da sie mit den Feinden - also ihren Landsleuten - Verhandlungen führen konnten. Kromiadi berichtet zudem, die "Grauköpfe" hätten vor allem Propaganda betrieben, und versucht, Partisanen abzuwerben. Gersdorff hingegen notierte, die Einheit sei bei der Partisanenbekämpfung mit solcher Grausamkeit gegen die eigenen Landsleute vorgegangen, dass die Deutschen sie mit Kriegsgerichten stoppen mussten.

Wachsendes Misstrauen

Fest steht: Von März bis Juli 1942 wuchs der "Graukopf"-Verband von 100 auf beachtliche 3000 Mann. Neben eigenen Offiziersschulen gab es in Osintorf inzwischen einen Offiziersclub und eine Bibliothek. Eine eigene Zeitung wurde herausgegeben, Flugblätter produziert. Doch die Deutschen begannen, misstrauisch zu werden. Im Laufe des Sommers meinte die Abwehr, Unterwanderungserfolge durch sowjetische Agenten feststellen zu können. Schließlich verlor sie das Interesse an der Einheit.

Nachdem einige hundert Mann zu den sowjetischen Partisanen übergelaufen waren, wurden die Exilrussen nach und nach aus den Führungspositionen entfernt. An die Stelle Kromiadis setzte die Wehrmacht Ende August 1942 Oberst Wladimir Bojarski. Gersdorff nennt als Grund dafür interne Spannungen. Zudem betont er die höhere Kompetenz Bojarskis als Kommandeur. Kromiadi hingegen glaubte, Hitler persönlich habe den Befehl dazu gegeben, da ihm die Aktivitäten des Sonderverbands missfallen hätten.

Ende eines ehrgeizigen Plans

Die "Grauköpfe" wurden fortan von der Heeresgruppe Mitte unter Oberst Henning von Tresckow als "Versuchsverband Mitte" weitergeführt. Auf bis zu bis 8000 Mann erweitert, kam die Truppe hinter der Front gegen Partisanen zum Einsatz. Im Dezember 1942 schlug Tresckow vor, die Einheit auch an die Front zu führen.

Generalfeldmarschall Günther von Kluge besichtigte deshalb den Verband und war beeindruckt - und zwar derart beeindruckt, dass er die Auflösung der Brigade befahl. Seine Order setzte Hitlers Weisung um, nach der russische Hilfsverbände höchstens Bataillonsgröße haben dürften. Als eine Meuterei drohte, entwaffnete die SS die Russen kurzzeitig. Ende 1943 wurden die aus dem "Graukopf" hervorgegangenen Bataillone wie viele andere Osteinheiten nach Frankreich verlegt.

Damit war der Sonderverband endgültig zertrümmert und ein ehrgeiziger Plan gescheitert. Die Exil-Russen, die eigentlich Stalin stürzen wollten, mussten nun im Westen tatenlos mit ansehen, wie Stalins verhasste Armee die Deutschen langsam niederrang.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Burkhard von Grafenstein, 15.03.2010
1.
Zur Klarstellung für die Militärhistoriker: "Hannover" war der Operationsname für eine über zwei Wochen dauernde Kesselschlacht gegen 20 000 Rotarmisten und Partisanen unter General Below, bei der die Deutschen rund 45 000 Mann aufboten, darunter ganze Panzerdivisionen. Die 350 "Grauköpfe" leiteten diese Kesselschlacht lediglich ein und hatten die im Beitrag beschriebene Spezialaufgabe. Daneben sollten sie auch noch aufklären. Obwohl Below aus dem Kessel entkommen konnte, wird "Hannover" vom Historiker Timm C. Richter zu den letzten militärischen Erfolgen der Wehrmacht gegen die Partisanen gerechnet, da sie in der Gegend um Jelnja nie wieder eine ähnliche militäre Bedeutung entfalten konnten.
Michael Schnickers, 15.03.2010
2.
Was wurde dann aus diesen Menschen? Wurden sie genau wie die Kosaken und viele Exilanten völkerrechtswidrig an Stalin ausgeliefert, wo sie ein grauenvolles Schicksal erwartete? Über dieses entsetzliche Kapitel der Nachkriegsgeschichte schweigen die Geschichtsbücher schamvoll. Hitler wollte ja eh die Russen nur als Sklaven haben, eine russische Widerstandsbewegung oder gar ein unabhängiger Staat kamen für ihn nicht in Frage, zynisch muss man sagen: "Danke, Adolf!" Denn was wäre aus Stalins Reich geworden, wenn man all die ukrainischen und russischen Patrioten, Monarchisten, Demokraten, Menschewiken usw. ernstgenommen, bewaffnet und gegen ihn zum Einsatz gebracht hätte? Es wäre weggefegt worden!
Frank Fracht, 17.03.2010
3.
@Schnickers Wie darf man Ihre Formulierung vestehen :...'Exilanten und Kosaken wurden völkerrechtswidrig an Stalin ausgeliefert'? Diese Exilanten und Kosaken haben in einem Angriffskrieg mit und für die Nazis unglaubliche Greueltaten begangen. ( in Russland, Ungarn, Jugoslawien) Das Völkerecht war vom ersten Tage an von den Nazis ausser Kraft gesetzt worden... 2.Oder versuchen Sie uns beizubiegen dass der Angriff auf die gottlose Sowjetunion ein gerechter Krieg gewesen ist...Dass wäre NS Propaganda vom Feinsten.Frank Fracht
Burkhard von Grafenstein, 18.03.2010
4.
Das Nachkriegsschicksal der Beteiligten ist ein eigenes spannendes Kapitel der Publikation, an der ich zum Thema arbeite. Der hier zu lesende Text stellt lediglich einen Abriss meiner Erkenntnisse dar.
Burkhard von Grafenstein, 25.03.2010
5.
Der Historiker Klaus-Michael Mallmann, der über einen russischen Verband des SD geschrieben hat, vertrat übrigens die überaus pointierte Auffassung, die Freiwilligmeldungen der Russen seien nicht auf die Bedingungen der Kriegsgefangenschaft, sondern auf den Hass auf den Stalinismus zurückführen gewesen. Insbesondere hätten sich unter Freiwilligen Angehörige von Gruppen befunden, die Adressaten von stalinistischen Repressionskampagnen waren.
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