Songwriter-Legende Ulrich Roski Der Anti-Blödelbarde

Songwriter-Legende Ulrich Roski: Der Anti-Blödelbarde Fotos

Das Publikum liebte seinen tiefgründigen Sarkasmus, der selten politisch korrekt war. Vor zehn Jahren starb Ulrich Roski, in den Siebzigern einer der bekanntesten Liedermacher Deutschlands. Rainer W. Sauer erinnert an den "Lonesome Rider". Von Rainer W. Sauer

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"Ich bin glücklich und zufrieden, doch ich werd' dabei nicht froh,

und wenn es keiner hört, dann sing' ich leise im Büro:

I'm a lone lonesome rider. It's hard to be a hard man like me."

Für eine Gage von fünf D-Mark und ausreichend Freibier tingelte Ulrich Roski Ende der sechziger Jahre mit skurrilen Reimen durch Berliner Studentenkneipen. Er spielte am Klavier, sang dazu und gab Anekdoten zum Besten.

Das Erstaunliche daran: Das Konzept dazu hatte der im Berliner Wedding aufgewachsene Rheinländer Roski dem amerikanischen Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein abgeschaut. 1962 hatte er Bernstein als Entertainer am Flügel erlebt - freilich ohne derartige Reime.

Noch erstaunlicher - vor allem für Roski selbst - war die Anerkennung, die er für Sprüche wie diesen bekam:

"Nun jagen sie sich Stück für Stück, rund um die Kampfarena.

Der Matador fällt bald zurück, er ist ja auch viel kleena.

Doch plötzlich holt er wieder auf, der Stier scheint leicht verwundet.

Der Matador im Dauerlauf hat ihn schon überrundet."

Das Lied über den Stierkampf machte ihn 1968 zum Preisträger der Internationalen Essener Songtage. Ein Jahr später bekam Roski seinen ersten Schallplattenvertrag.

"Selbst ist der Mann"

Das deutsche Publikum liebte die absurd-komischen Lieder des frankophilen Komponisten und Sängers, dem seine Eltern schon früh eine klassische Klavierausbildung ermöglicht hatten. Bereits während seiner Schulzeit am Französischen Gymnasium hatte Roski eigene Lieder geschrieben - genau wie sein Klassenkamerad Reinhard Mey, mit dem er ab 1961 als "blues function combo" in Berlin aufgetreten war. Die Skiffle-Band blieb allerdings eher ein Geheimtipp.

Wenige Jahre später hatte er sein Erfolgskonzept gefunden: einer unverwechselbaren Mischung aus sarkastischem Humor, Melancholie und Wortwitz, die man grob in zwei Gruppen unterteilen konnte: Zum einen waren es Songs, bei denen Roski sich selbst auf der Gitarre begleitete und die stets eine Art "Country-Touch" hatten. Zum anderen waren es Werke, die er am Flügel oder Klavier spielte und die im weitesten Sinne der klassischen Musik zuzurechnen waren.

Einige Roski-Kompositionen schafften es in den siebziger Jahren bis an die Spitze der Hitlisten, wie etwa "Des Pudels Kern", "Selbst ist der Mann" oder "Lonesome Rider". Rasch füllte er bei seinen Konzerten selbst große Säle wie die Berliner Philharmonie oder die Hamburger Musikhalle. Das Teenager-Magazin "Bravo" brachte Mitte der Siebziger sogar eine Homestory über Ulrich Roski, er war Dauergast im Fernsehen und trat unter anderem in Ilja Richters "Disco"-Sendung auf. Von Richter daraufhin angesprochen, dass er gerade ein Konzert in einer Jugendstrafanstalt gegeben habe und gefragt, wie er dort angekommen sei, antwortete ihm Roski mit seinem typischen Humor: "Die waren gefangen."

"Meet the Press!"

In den achtziger Jahren schwand langsam das Interesse des Publikums am Live-Künstler Roski. Er zog sich eine Zeit lang von der Bühne zurück, schrieb stattdessen Sketche und Kurzhörspiele für Fernsehen und Radio, moderierte Hörfunksendungen und Galas. Und er meldete sich bei der GEMA unter dem Pseudonym "Riko Chruils" an - ein Anagramm seines Namens. Unter diesem komponierte er auf diversen Synthesizern Instrumentalstücke.

Roski behielt seine eigene Sicht auf die Dinge: Kurz vor seinem 40. Geburtstag hatte ihn die Zeitschrift "TV Hören und Sehen" mit einer großen Dokumentation unter dem Titel "Ulrich Roski - Mein Leben in Bildern" geehrt. Roski reimte dazu:

"'Ich dreh' grad meine zweite Personality-Show.', 'Ich leite einen Kongreß.'

Man lügt den Journalisten die Hucke voll, und das nennt man dann: Meet the Press!"

In den neunziger Jahren kam das Publikum wieder verstärkt zu Roskis Auftritten. Er gab mehrere Großkonzerte mit dem Duo Schobert & Black, ging mit dem Literaten Manfred Hausin auf Konzertreise, und die 1400 Eintrittskarten zu seiner Werkschau aus drei Jahrzehnten anlässlich des 50. Geburtstags in der Hochschule der Künste in Berlin waren schnell vergriffen.

"Es geht auch anders"

1997 schaffte Roski sein bundesweites Comeback als Solokünstler: Auf seiner Deutschlandtournee unter dem Titel "Es geht auch anders…" musste er sogar Extrakonzerte geben.

Es sollte zugleich das letzte Jahr sein, in dem man Ulrich Roski live singen hörte. 1998 warf ihn eine Krebsdiagnose aus der Bahn; der Befund lautete Zungenkarzinom. Die Behandlung verlangte ihm seine ganze Kraft ab, doch er kämpfte tapfer gegen die tückische Krankheit an. Auch die Aussicht, dass er seine Gesangsstimme verlieren würde, ließ ihn nicht daran zweifeln, dass er wieder zurück auf die Bühne wollte.

Dieser Wunsch gab ihm Kraft, doch es dauerte Jahre, bis er wieder verständlich sprechen konnte. Beharrlich übte er weiter und entwickelte sogar einen neuen Gesangsstil für die wenigen Melodielaute, die er mit seinem Mund noch erzeugen konnte. Er selbst sprach von "Brummeltönen", die "nicht eines gewissen makabren Reizes entbehren":

"Was gibt’s Neues, was gibt’s Neues? Jeder will wissen was sich tut.

Heute noch ein heißes Eisen, morgen schon ein alter Hut.

Jedoch die Zeitung, hinter der du dich beim Frühstück gern versteckst,

wird allmählich ganz verdrängt durch aktuellen Bildschirmtext.

Ein leichter Makel haftet leider dem System bisher noch an,

nämlich dass die Marktfrau darin keinen Fisch einwickeln kann."

"Ich lerne sprechen - Live"

2001 erschien Roskis letzte reguläre CD unter dem Titel "Ich lerne sprechen - Live", die er mit dem Duo "Unsere Lieblinge" aufgenommen hatte. Mit dem Programm gab er einige Gastspiele. Das Publikum honorierte dabei den weitgehenden Verzicht auf das "Blödeln" und Roskis neue Erkenntnis, dass der Alltag subtilere Dinge bieten kann, eben Schicksalsschläge.

Heiterkeit brachte er bei diesen Auftritten aber dennoch ins Spiel - zum Beispiel, wenn er die Komik im Krankenhausbetrieb und das Verhalten der Ärzteschaft im Umgang mit den Patienten aufs Korn nahm. Seine wenigen noch verbliebenen Haare ließen das Publikum allerdings erkennen, dass es ihm gesundheitlich nicht gut ging.

Nachdem er sich beinahe das gesamte Jahr 2002 weiteren Krebsbehandlungen unterziehen musste und in dieser Zeit seinen autobiographischen Roman "In vollen Zügen" beenden konnte, erlag Ulrich Roski am 20. Februar 2003 seiner Krankheit.

Das Schreiben, so sagte seine Tochter später, habe ihrem Vater – "und ganz sicher auch seinen treuen Fans" - den Umgang mit der Krankheit erleichtert. Er sei jemand gewesen, der auch im Privaten mit wenigen Worten immer das Richtige habe ausdrücken können. Ihm zu Ehren lud sie in den Folgejahren in Berlin mehrmals zu "Ulrich-Roski-Memorials" ein, bei denen Weggefährten des Sängers und weitere Kleinkünstler mit Interpretationen von Liedern aus seinem Gesamtwerk die Erinnerung an ihn wach hielten.

Am 11. März 2013 findet im "TIPI am Kanzleramt" in Berlin eine weitere Ulrich Roski- Gedenkveranstaltung statt, unter anderem mit Lothar "Black" Lechleiter, Horst Evers, Jürgen von der Lippe, Inga & Wolf sowie Manfred Maurenbrecher; moderiert von Martina Brandl.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Lutz Muelbredt 12.03.2013
Unbedingt auch mal wieder hören: www.youtube.com/watch?v=gl-DvgjdXjw hat immer für einen lauten Lacher gesorgt.
2.
joerg behring 12.03.2013
seine texte sind immer noch frisch und wenn ich auch keinen tonträger von ihm habe, so höre ich immer wieder gerne seine lieder, man kann sie ja im www gut finden. seine texte waren wohl zu subtil, so daß ihm wohl ein erfolg eines herrn mey oder von der lippe verwehrt blieb, doch gefällt er mir darum um so mehr.
3.
Thomas Kraft 12.03.2013
"Die Kuh ist über'n Zaun gejumpt und hat den Benz gerammt"
4.
Kurt Diedrich 12.03.2013
Nein: "Die cow ist über'n "fence" gejumpt"... fence muss sich doch auf Benz reimen. Ansonsten: Als Fan des großartigen "Liedermachers" schwirren mir auch heute noch seine Verse manchmal im Kopf herum.
5.
Michael Lenzen 12.03.2013
Ich bin - altersbedingt - leider erst in den späten 80ern auf Ulrich Roski gestoßen und habe mir dann aber mit großem Vergnügen alle seine Platten zugelegt und gehört, bis ich die Texte beinahe auswendig kannte. Schade nur, dass der Artikel hier auf den Zeitzeugen nicht etwas früher erschienen ist - dann hätte es eventuell noch geklappt, Karten für die Veranstaltung im Tipi zu bekommen.
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