Berühmte Songzeilen und ihre Geschichte Denn sie wissen nicht, was sie hören

Brennende Betten, blöde Montage: Seit Jahrzehnten trällern wir gut gelaunt Rock- und Pophymnen mit - ohne ihre oft tieftraurige, politische Botschaft zu kennen. einestages verrät, was hinter den Liedern steckt.

Corbis

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1987 treten fünf junge Männer auf den Plan, stellen zwei zornige Fragen - und landen einen Welthit. Im Videoclip des Songs rasen sie mit einem offenen Jeep durch die verbrannten Weiten der australischen Wüste und wirbeln jede Menge Staub auf. Die Sonne geht schon unter, da tönt sie noch immer, die Anklage des kahlgeschorenen Peter Garrett: "How can we dance when our earth is turning? How can we sleep while our beds are burning?"

"How can we sleep while our beds are burning?" Tja, wie schläft es sich, während einem das Bett unterm Hintern wegbrennt? Nicht sonderlich gemütlich, befand die Autorin dieser Zeilen vor langer, langer Zeit, schloss den Song für immer in ihr Herz - und dachte nicht weiter drüber nach. Dass es sich hier um einen eminent politischen Protestsong handelt, mit dem die Rockband Midnight Oil auf die gewaltsame Vertreibung der Pintupi, also der letzten Ureinwohner Australiens, zielte, kam weder ihr noch Millionen anderer Fans in den Sinn.

Dabei reicht es, einmal genauer hinzuhören, um die tiefere Dimension zu entdecken: "The time has come, to say fair's fair, to pay the rent, to pay our share." Die Zeit ist gekommen, fair zu sein und endlich den Anteil zu bezahlen. Fazit des Songs: "It belongs to them: Let's give it back." Das Land gehört ihnen. Lasst es uns zurückgeben.

Doch warum auf den Text achten, wenn die Musik doch so schön ist, die da im Radio, auf Partys und in Klubs vor sich hin dudelt? "Weil es sich lohnt!", sagt Günther Fischer, Journalist und Musikkritiker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Rock und Pop transportieren oft richtig gute Geschichten, an die kaum einer denkt." Gemeinsam mit dem ehemaligen Radiomoderator und Musikreporter Manfred Prescher hat Fischer jetzt ein Buch über berühmte Songzeilen und ihre Geschichten veröffentlicht.

"Nur noch kurz die Welt retten" (Konrad Theiss Verlag 2015) heißt es und ist der Nachfolgeband ihres Werks "Alles klar auf der Andrea Doria" (Primus Verlag 2013). Akribisch haben die beiden Musikexperten die Hintergründe von rund 300 Evergreens recherchiert, ihre alten Interviewbänder abgehört - und Erstaunliches ausgebuddelt. Tieftrauriges, Lustiges, Überraschendes.

Legendäres Riff im Schlaf komponiert

Welcher Pop-Laie etwa hätte gedacht, dass Keith Richards den Welthit "I Can't Get no Satisfaction" abgrundtief verabscheut? "I don't like it! I don't like it!", versicherte der Lead-Gitarrist der Rolling Stones dem Journalisten Prescher, als dieser Richards 1992 in London interviewte, im roten Plüsch-Ambiente eines zum Tonstudio umfunktionierten Bordells aus dem 19. Jahrhundert.

Übrigens: Das legendäre Riff zu Beginn dieses nicht nur auf sexuelle "satisfaction" abzielenden, sondern auch gesellschafts- und konsumkritischen Songs, fiel einem völlig übermüdeten Richards im Hotel ein. Er dämmerte weg, während er es aufnahm - und fand beim Aufwachen, so schreiben es Prescher und Fischer, "ein Band mit zwei Minuten Gitarrenspiel und 40 Minuten Schnarchen vor".

Ebenso verbürgt, aber weit bitterer: der Hintergrund zu dem scheinbar so unbeschwerten "I Don't Like Mondays". Von Radiosendern wird das Lied regelmäßig zum Wochenstart gespielt, mit dem kecken Hinweis, dass der Montag zwar echt ein fieser Tag, aber der Feierabend ja zum Glück nicht mehr fern sei. In Wahrheit jedoch thematisiert der Song den Amoklauf der amerikanischen Schülerin Brenda Ann Spencer am Montag, dem 29. Januar 1979.

"Als würde man Enten im Teich erschießen"

An jenem Tag tötete die 16-Jährige in San Diego, Kalifornien, mit einem halbautomatischen Gewehr den Schulleiter und Hausmeister einer Grundschule und verletzte einen Polizisten sowie acht Schulkinder. Ihre lapidare Antwort auf die Frage nach dem Warum: "I don't like Mondays. This livens up the day." Zu Deutsch: "Ich mag keine Montage. Das belebt den Tag."

Später gab das rothaarige Mädchen mit dem Blümchenkleid und der großen Brille zu Protokoll, dass es "einfach viel Spaß gemacht" habe, mit der Pistole auf die wehrlosen Menschen zu zielen: "Es war so, als würde man Enten in einem Teich erschießen." Als Bob Geldof, Leadsänger der Boomtown Rats, von diesem Drama erfuhr, machte er sich sofort daran, den Song zu schreiben.

Im Juli 1979 stürmte "I Don't Like Mondays" Platz eins der britischen Charts, bis heute ist es der größte Hit der irischen Band. Und Brenda, zu zweimal 25 Jahren bis lebenslanger Haft verurteilt, sitzt noch immer im Gefängnis.

Antikriegslied statt Nationalhymne

Neben der Darstellung trauriger Geschichten wie dieser gehört es zum Verdienst Fischers und Preschers, wunderschöne Missverständnisse rund um die Pop- und Rocksongs zusammengetragen zu haben. Etwa "Born in the U.S.A.": Martialisch reckt Bruce Springsteen die Faust zum Stampfe-Refrain in die Höhe, die Streifen der Nationalflagge, ein knackiger Jeans-Popo und ein rotes Baseballcap in der Hinterntasche zieren das Cover der Platte.

Klarer Fall von Hurra-Patriotismus? Mitnichten. Selbst Ronald Reagan, wenn irgendetwas, dann zumindest des Englischen mächtiger Präsident, tappte in die Falle. 1984 wollte er den Song für seinen Wahlkampf adaptieren, höflich lehnte Springsteens Manager ab.

Denn Springsteen besingt in dem Lied nicht die grandiose amerikanische Nation, sondern das Leben eines GIs, der in Vietnam kämpfen musste und nach seiner Rückkehr in die USA keinerlei Chance mehr hat. Die vermeintliche Nationalhymne, sie entpuppt sich als Antikriegslied.

"Zynische Ballade vom deutschen Arbeitsethos"

Dass auch wir die Hits unserer Landsleute gern falsch verstehen, zeigt etwa das "Bruttosozialprodukt" von Geier Sturzflug. Was wurde gemeckert, als die Neue-Deutsche-Welle Band 1982 mit der vermeintlicher CDU-Ode einen Nummer-eins-Hit landete: "Zynische Ballade vom deutschen Arbeitsethos", giftete die SPD-Parteizeitung "Vorwärts". Die "Bunte" verhöhnte den Song als "das neue Evangelium" - und selbst die konservative "Welt" schalt das "Bruttosozialprodukt" als "Mai-Lied, das die Gewerkschafter lieber nicht mitsummen". Und während des Wahlkampfs verzichteten die öffentlich-rechtlichen Sender zumeist darauf, den Song im Radio zu spielen, weil sie sich keine parteipolitische Stimmungsmache vorwerfen lassen wollten.

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Günther Fischer, Manfred Prescher:
Nur noch kurz die Welt retten

Berühmte Songzeilen und ihre Geschichte

Theiss, Konrad; 240 Seiten; 19,95 Euro.

Dabei ging es Geier-Sturzflug-Chef Friedel Geratsch mitnichten um eine Verherrlichung des Kapitalismus. Vielmehr spielte er auf seine einstigen Kollegen in einem Elektrogroßhandel an: bergbaugeschädigte Männer, die das Arbeiten nicht lassen konnten, obwohl sie bereits verrentet waren. Pflichterfüller mithin, die den Sinn ihres Lebens aus der kleinen Aufgabe zogen, die ihnen noch geblieben war. Doch die Ironie des Songs entging den meisten.

"Die Menschen wissen nicht, was sie hören", sagt Fischer, der die Songzeilen-Bücher nicht nur als Party-Futter verstanden wissen, sondern auch ernsthafte Aufklärungsarbeit leisten will: "Mit 14, 15 als Teenager mit den Pop- und Rocksongs sozialisiert, denkt kaum jemand drüber nach, was da thematisiert wird." Und nimmt ein Leben lang hin, dass Sonntage eben blutig sind, bei REM die Religion verloren geht - und Billie Holiday von seltsamen Früchten singt.

War Billy Jean nun Michael Jacksons Lover? Was verbirgt sich hinter der Abkürzung YMCA? Und wer war Biko? Klicken Sie sich mit einestages durch die Geschichten hinter den Pop- und Rockhits!

Video: Sonja Kättner-Neumann



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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Thomas Jentzsch, 24.03.2015
1. Eulen nach Athen tragen
...nennt man das wohl. Es mag ja sein, dass das Beschriebene für die (vermutlich vergleichsweise junge) Autorin neu ist. Aber wer mit dieser Musik aufgewachsen ist, für den ist das alles kalter Kaffee. Schade.
Michael Huber, 24.03.2015
2. Gute Lyrik lässt sich immer auf verschiedene Arten deuten
Mag ja sein, dass der Texter auf ein konkretes Problem hinweisen wollte (Vertreibung von Eingeborenen), während viele Hörer das "beds are burning" metaphorisch verstehen und auf etwas ganz anderes beziehen. Was ist daran schlimm?
Alfred Ratner, 24.03.2015
3. Wie auch?
Selbst wenn man den Text versteht, und viele tun das, weil ja oft mitgesungen wird, erschließt sich dem Hörer dessen Bedeutung nicht, weil eben das Hintergrundwissen fehlt. Der Stoff ist oft auch autobiographisch, und welcher normale Hörer kennt schon die Lebensgeschichte der Künstler?
Real Press, 24.03.2015
4. Na ja
Dabei reicht es, einmal genauer hinzuhören, um die tiefere Dimension zu entdecken: "The time has come, to say fair's fair, to pay the rent, to pay our share." Deutschland und Englisch ist und bleibet eine sehr unglükliche Ehe, mit Dank an der alles umfassende Synchronistaionswut. Gruss aus Amsterdam
Christoph Bilo, 24.03.2015
5. Hallo?
Liebe SPON Redaktion, ich hätte da noch ein Lied, welches ich sehr gerne beleuchtet wissen möchte! Bobby Brown von Frank Zappa! :-) Doch kann man den Text wohl erst nach 22 Uhr veröffentlichen! :-)
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