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Sonnenfinsternis 1999 Es geschah am helllichten Tag

Sonnenfinsternis 1999: Mehr Licht! Fotos
imago

Satellitenabstürze, Atomkatastrophen, Chaos im Tierreich: Vor der letzten Sonnenfinsternis des Jahrtausends am 11. August 1999 rechneten viele mit dem Schlimmsten. Am Ende hatten nur die Käufer eines besonderen Flugtickets wirklich Grund zur Aufregung. Von und

Endlich ist er angebrochen, der Tag des Jüngsten Gerichts! Voraussichtlich stürzt die russische Raumstation "Mir" auf Paris. Und da die ja angeblich eine Plutoniumbombe an Bord hat, ist der Super-GAU quasi zum Greifen nahe. "Ein Fehler geschieht, und die Bombe wird durch Zufall frei", orakelt der Modeschöpfer Paco Rabanne. Der 65-Jährige verkündet seinen Abschied aus der Haute Couture, kopiert seine Geschäftsunterlagen und flieht in Richtung Bretagne. Börsenastrologen zufolge steht der Finanzcrash unmittelbar bevor, andere rechnen mit Attentaten.

Rumäniens Polizei kündigt drastische Sicherheitsvorkehrungen für Friedhöfe und andere Kultstätten an, da sie Feiern von Satanssekten fürchtet. Nahe Tarragona in Spanien werkelt die "Universal and Human Energy"-Sekte des Vietnamesen Luong Minh Dang eifrig an einem Bunker, um sich vor der drohenden Sintflut zu schützen. Und selbst ein so bodenständiger Mensch wie die Schlagersängerin Juliane Werding deckt sich mit Konserven, Campingkocher und Vitamintabletten ein. Sie möchte "im Falle eines Falles auf der richtigen Seite sein", sagt sie der Münchner "Abendzeitung".

Die ganze Welt schwelgte in apokalyptischen Fantasien in jenem Sommer, als sich zum letzten Mal im alten Jahrtausend in Mitteleuropa eine totale Sonnenfinsternis ankündigte - am 11. August 1999. Schuld an dem Endzeit-Hype war ein lapidarer Vierzeiler des französischen Pestarztes und Astrologen Nostradamus: "Im Jahr 1999, im siebten Monat, wird der große Schreckenskönig vom Himmel kommen", prophezeite dieser im 16. Jahrhundert - und versetzte die Menschen vor knapp 16 Jahren reihenweise in Angst und Schrecken. Stand Armageddon wirklich vor der Haustür?

Die Natur steht Kopf

Plötzlich feierte ein fast vergessen geglaubter Gelehrter ein furioses Comeback. In aller Munde waren die Worte Adalbert Stifters, der angesichts der Sonnenfinsternis von 1842 geschrieben hatte: "Nie und nie in meinem ganzen Leben war ich so erschüttert wie in diesen zwei Minuten - es war nicht anders, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden."

Gut 150 Jahre später stürmten irdischer orientierte Menschen die Optikergeschäfte, um sich mit Schutzbrillen einzudecken, mancherorts brachen gar Tumulte aus: In Bonn etwa musste ein Laden von der Polizei geschützt werden, als rund tausend Menschen in das Geschäft eindrangen. In Scharen machten sich die Deutschen auf in den Südwesten der Republik, dorthin, wo die "Sofi" laut den Meteorologen am besten zu bestaunen sein würde.

Auf den Autobahnen kam es zu Staus von mehreren hundert Kilometern Länge, die Züge waren überfüllt, an mehreren Bahnhöfen wurden Fahrgäste abgewiesen. Wer es sich leisten konnte, erhob sich per Sonderflugzeug in die Luft, um das Spektakel ungetrübt über den Wolken zu erleben. Und 300 richtig betuchte Hobbyastronomen begaben sich an Bord eines der drei Concorde-Überschallflugzeuge.

Diese starteten von London und Paris aus in die Luft, um dem Jahrhundertereignis mit zweifacher Schallgeschwindigkeit hinterherzudüsen. Dafür, dass sie die Sonnenfinsternis ganze sechs Minuten lang bewundern konnten, blätterten die reichen "Sofi"-Fans rund 1500 Pfund (entspricht aktuell rund 2075 Euro) hin.

Selbst in den Zoos griff das Fieber der Finsternis um sich: Die Eklipse, so prognostizierten Experten des Brandenburger Agrarministerums, könne die innere Uhr der Tiere durcheinanderbringen. Katzen, die tagsüber normalerweise ruhen, würden sich auf Mäusejagd begeben, Rehe würden mitten am Tage auf der Wiese äsen. Und in den Ställen könnte große Unruhe ausbrechen.

"Alle sind furchtbar enttäuscht"

Die Medien brachten sich mit Livesendungen in Stellung, Papst Johannes Paul II. verkürzte seine Generalaudienz im Vatikan vor dem Ereignis - und dann ging es los: Mit einer Geschwindigkeit von mehr als 2000 Stundenkilometern sauste der Mondschatten vom britischen Cornwall nach Südwestdeutschland - um 12.29 wurde es in Saarlouis für zwei Minuten stockfinster. Kurz darauf wurde ein etwa 110 Kilometer breiter Streifen in Süddeutschland von der totalen Finsternis erfasst und für eineinhalb bis zwei Minuten in Dunkelheit getaucht.

So richtig viel bekamen die Menschen hierzulande davon jedoch nicht mit. Denn: Gerade im Herzen der Finsternis, in Saarbrücken, Karlsruhe und Stuttgart, schmälerten Regenschauer und dichte Wolken den Endzeitgenuss. "Wie sie sehen, sehen sie nichts", beklagte die WAZ und spottete: "Außer Nackenschmerzen nichts gewesen." Sogar hoch oben am Himmel machte sich Katerstimmung breit: "Alle sind furchtbar enttäuscht", äußerte sich Everen Brown aus Salt Lake City stellvertretend für alle Concorde-Flieger. Die Maschine sei nicht hoch genug geflogen, meckerten die einen, die Fenster seien zu klein, schimpften die anderen - erbost forderten Passagiere ihr Geld zurück.

Nicht einmal im Zoo sorgte das Jahrhundertereignis für besonderen Tumult: Zwar habe der Geräuschpegel abgenommen und hätten sich einige Tiere schlafen gelegt. Flamingos hätten bei der Verdunklung der Sonne ihren Kopf unter den Flügeln verborgen, meldete der Berliner Zoo. Im Stuttgarter Zoo "Wilhelma" kreischten die knallgelben Sonnensittiche wie wild und kletterten die Flusspferde aus dem Wasser, um Richtung Nachthaus zu streben. Andernorts jedoch hielt sich die tierische Aufregung stark in Grenzen: "Die Tiere waren völlig unbeeindruckt", lautete das lapidare Statement aus dem Kölner Zoo.

Und in Paris, dem Zentrum des vermeintlichen Weltuntergangs? Die französische Hauptstadt blieb von dem befürchteten "Mir"-Absturz verschont - und feierte sich selbst. Vor der Boutique von Modeschöpfer Paco Rabanne an der Pariser Place Croix Rouge genossen Hunderte von Franzosen einen "Aperitif der Überlebenden". Besonders amüsierten sich die Menschen über ein Schild in der Boutique: Es kündigte die Wiedereröffnung des Ladens am 24. August an.

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1. Achja!
Klausi Fuchs, 19.03.2015
Habe damals von dem Mumpitz gar nichts mitgekriegt, da ich in Südkorea war - die Welt dreht sich eben nicht um einen wenige hundert Kilometer breiten Schattenfleck der über ihr Antliz huscht...
2. seltene Stimmung damals,
peter feldmann, 19.03.2015
auf der KÖ in Düsseldorf herrschte damals eine gespenstische Ruhe für einige Minuten, sogar der Verkehr kam teilweise zum erliegen. Alle Augen das Spektakel überlebt, zum Teil wirklich nur mit einer sehr guten Sonnenbrille ausgestattet.
3. Jaja imer diese Hypes
Wilfried Huthmacher, 19.03.2015
von der Sonnenfinsterins morgen hätte ich nichts mitbekommen, hätte meine Tochter nicht eine Zeitung aus der Schule mitgebracht. Die ungekauften Vortagsexemplare werden seit Neuestem gestiftet, damit die Kinder, wenigstens deren geizige Eltern, mal an Lesen kommen. Aber was Nostradamus angeht: zieht man die Phantomjahrhunderte ab, leben wir noch im 18. Jahrhundert und in dreihundert Jahren stirbt dann der letze Mensch an den Folgen des Klimawandels. Der Weltuntergang hat also noch ein wenig Zeit.
4. Ich hatte Glück
Stefan Stock, 19.03.2015
Wir waren in Süddeutschland (sind extra vom Norden hingefahren) und standen mitten im Nichts auf einer großen Wiese mit vielleicht 20 anderen Leuten, die da auch an der Strasse geparkt hatten. Fünf Minuten vor der totalen SoFi :) riss die Wolkendecke vor der Sonne auf und blieb so bis ca. 10 Minuten nach der Verdunklung. Das war ein unglaubliches Erlebnis und die 1000km Autofahrt mit vielen Staus an dem Tag auf jeden Fall wert.
5. Wir hatten Glück
Helga Wandel, 19.03.2015
Wir waren in Karlsruhe, da ja die totale Sonnenfinsternis nur in Süddeutschland zu sehen war, aber nicht im heimischen Frankfurt (dort nur partiell). Das Wetter war schlecht, fast den ganzen Tag trübten Wolken und Regenschauer den Himmel. Ich war schon total enttäuscht, das "Once-in-a-lifetime"-Ereignis zu verpassen, aber dann hatten wir Glück: kurz vor Beginn der Totalität riss in Karlsruhe für ein paar Minuten kurz der Himmel auf, und wir konnten die Totalverfinsterung in voller Pracht erleben. Danach zog es wieder zu. Ein unvergessliches Erlebnis.
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