Sowjet-Alltag Im Ministerium für Zaunbau

Marlboro-Zigaretten als Währung und Trinksprüche bis zum Abwinken: Detlev Crusius reiste in den achtziger Jahren mehrmals geschäftlich nach Moskau. Ein stressiger Job - aus unerwarteten Gründen.

AP

1988 war es nichts Außergewöhnliches, mit einem Ministerium oder einem Minister in Russland zu tun zu haben - es gab sehr viele Ministerien. Es gab separate Ministerien für Milchwirtschaft, für Ackerbau, Fischerei und so weiter. Entsprechend groß waren die Anzahl der Minister und jeder hatte mehrere Stellvertreter. In Moskau sagte man damals: Wir haben sogar ein Ministerium für Zaunbau.

Mein Grund für den Besuch in Moskau war das Ölministerium. Es war zuständig für den Bau und die Instandhaltung aller Förder- und Transporteinrichtungen im Öl- und Gasbereich, und ich wurde von meiner damaligen Firma dort hingeschickt.

Die Empfangshalle des Ministeriums war sehr groß, Marmorboden, die Decke weißer Stuck, an der Seite eine lange Rezeption aus dunklem Holz, gegenüber eine ebenso lange Garderobe. In der Mitte der Empfangshalle stand ein Springbrunnen mit einer Weltkugel in der Mitte. Der Pförtner am Eingang prüfte genauestens meinen Pass und das dort eingeheftete Visum. Das Personal, Männer wie Frauen, war deutlich über 60 Jahre alt. Alle trugen braun-grüne militärische Uniformen, die linke Brustseite der Uniformen vom Kragen abwärts mit langen Ordensreihen behangen. "Das sind Kriegsveteranen", erklärte man mir.

Stressige Bankette

Nach den ersten Besprechungen vormittags gab es Mittagessen. Das Ministerium hatte mehrere Kantinen unterschiedlicher Größe und Ausstattung, je nach Wichtigkeit und Position der dort zugelassenen Mitarbeiter. Die letzte obere Stufe hieß dann auch nicht mehr Kantine, sondern Kasino. Die sozialistische Gleichmacherei hatte eindeutig ihre Grenzen, mindestens beim Essen.

Nachmittags und abends dann folgte das Kulturprogramm. Meine Gastgeber waren sehr um mein Wohlergehen besorgt. Es wurde ausführlich diskutiert, was ich in Moskau sehen wollte, ich bekam Empfehlungen, was ich mir unbedingt ansehen müsste: Bolschoi-Theater, Moskauer Staatszirkus, Fernsehturm, Friedhof des Neujungfrau-Klosters, wo jeder lag, der zu Lebzeiten von Rang und Namen war, Stadtrundfahrten. Meine Abende bestanden aus Besuchen in Restaurants oder in einem der Gästehäuser des Ministeriums.

Besonders die abendlichen Bewirtungen, Bankette genannt, konnten stressig werden, denn sie waren immer mit ausgiebigen Trinkgelagen verbunden. Und es war schwer, eigentlich unmöglich, "nein" zu sagen. Das war vor allen Dingen deshalb unmöglich, weil die Leute, mit denen ich Kontakt hatte, herzlich und aufgeschlossen waren, nachdem wir uns besser kannten.

"Nastrovje!"

Die Tafel war immer mit allen möglichen Flaschen vollgestellt. Rotwein, Weißwein von der Krim, armenischer Kognak, Wodka in den verschiedensten Farben, klar wie Wasser, Zitronenwodka, Pfefferwodka, oder mit Zusätzen wie Waldbeeren oder Tannenzapfenkernen. Dazwischen standen Teetassen und der obligatorische Samowar mit Tee.

Dann die Toasts! Dauernd stand einer der Gastgeber auf, brachte einen Toast aus, auf unser gemeinsames gutes Gelingen: "Nastrovje!". Auf die Frauen, auf die Liebe, auf die Völkerfreundschaft, auf die Freundschaft an sich: "Nastrovje!". Dann war ich dran, auf die sowjetische Freundschaft, danke für die Gastfreundschaft, auf die Frauen, auf die Liebe: "Nastrovje!". Und das Ganze immer reihum, bis ich Sehstörungen bekam und froh war, ins Hotel zu kommen. Ein Glück nur, dass russische Speisen ziemlich fetthaltig sind.

Währung Marlboro

Gelegentlich hatte ich auch frei, zumindest vom Ministerium. Dann ging ich mit einem meiner deutschen Kollegen essen. In jedem Restaurant saß am Eingang der Administrator, der die Plätze zuwies: "Haben sie reserviert? Nein? Bedaure, nichts frei." Das Lokal war aber gerade mal halbvoll. Wir legten dann ein oder zwei Schachteln Marlboro auf den Tisch und sagten: "Unsere Registrierung." Wir bekamen immer einen Platz. Marlboro war hier die Währung für alles, was nicht Standard war, oder von irgendwem zugeteilt wurde.

Viele Cafés und Restaurants waren geschlossen, aus technischen Gründen hieß es. Wie ich aber später herausfand, waren dort schlicht keine Getränke oder Lebensmittel vorrätig. Manche Restaurants ließen nur Gäste mit Devisen rein, vor anderen wiederum waren so lange Schlangen, dass ich schon weiter gehen wollte. Sobald uns der Türsteher entdeckte und uns treffsicher als Westler erkannte, wurden wir an der Schlange vorbei gewunken und bekamen die besten Plätze. Solche und ähnliche Situationen passierten mir immer wieder, manchmal war diese Bevorzugung aufdringlich, fast peinlich.

In einem sehr imposanten Lokal direkt am Roten Platz, einem Eckhaus oben im achten Stock - Stuckdecke, Parkettboden, Ölbilder an der Wand - wurde kein Alkohol ausgeschenkt. Die überwiegend russischen Gäste brachten ihre Flaschen in Zeitungspapier eingewickelt mit und feierten hier ihre Bankette. Die Russen feierten auch viel in den großen Hotels, wenn sie das Geld dafür hatten.

Dass Mekka der Russen

Manchmal schaffte ich es, alleine durch die Stadt zu laufen. Oft wurde ich dann von Russen angesprochen, die in mir sofort den Ausländer erkannten. Manche wollten nur wissen, wer ich sei, was ich in Moskau täte und wo ich herkäme.

Der Rote Platz mit seinen Besuchern war damals das Spiegelbild aller Völker und ethnischen Gruppen der Sowjetunion. Jeder Bürger der UdSSR musste hier wohl mal gewesen sein, so wie jeder Katholik im Vatikan und jeder Moslem in Mekka. An den vielen Sprachen, am Gesichtsschnitt und an der Kleidung konnte man erahnen, wo all die Menschen herkamen. Zum Teil waren es kleine Reisegruppen. Besondere Aufmerksamkeit hatten natürlich immer das Leninmausoleum, der Wachwechsel und die große Tribüne, die mir von den Maiparaden aus dem Fernsehen bekannt war.

Aber auch die Museen hinter den Kremlmauern waren immer überfüllt. Und auch das Grabmal des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer. Fast jede Familie in der Sowjetunion hatte während des Krieges Tote zu beklagen gehabt. Trotzdem habe ich mir als Deutscher nicht ein einziges Mal irgendwelche negative Bemerkung anhören müssen.

Nasse Füße und Triefnasen

Das Wetter machte wilde Sprünge. Nachts konnte die Temperatur auf minus 20 Grad fallen, tags war es dann plötzlich plus zwei oder drei Grad. Diese kurzen Wärmeperioden waren unangenehm, denn die Bürgersteige verwandelten sich in eine Wasser-Eis-Rutschpartie, noch dadurch verstärkt, dass die Regenabflussrohre an den Hauswänden in Kniehöhe endeten, und von dort Schmelzwasser wie ein Wasserfall runter schoss.

Viele Fußgänger hatten nasse Füße. Die Schuhe und Stiefel der meisten Menschen sahen nicht sehr wetterfest aus. Nach zwei Tagen sah ich kaum noch jemanden ohne Triefnase. Dazu kam dann das dichte Gedränge in den Bussen und Bahnen, wo sich die Erkältungen wie eine Epidemie verbreiteten. Ein weiterer Grund für die vielen erkälteten Menschen war sicher auch, dass es kaum Gemüse und Früchte gab. Kartoffen, Knoblauch, Zwiebeln und Sauerkohl - das waren die wesentlichen Lebensmittel.

Jeder russische Haushalt in der Stadt versucht sich im Sommer und Herbst mit den notwendigen Vorräten einzudecken. Weiskohl wird zu Sauerkraut verarbeitet, Gurken, Pilze und Obst wird mariniert, aber es reicht meist nicht über den Winter. Dann fehlen den Menschen die Abwehrkräfte und als Ersatz werden in großen Mengen Antibiotika eingenommen wie bei uns Hustenbonbons.

Kreative Geschäftsabwicklung

Und was ist aus unseren Geschäften geworden? Ich hatte mich damals mit meiner Software-Firma auf Baustellensoftware spezialisiert und diese war der eigentlich Grund, weshalb ich nach Moskau gekommen war, denn in der damaligen UdSSR gab es nun wirklich genug Baustellen. Das Problem, unser Problem war, dass die ganze russische Infrastruktur, speziell Telefonleitungen, weit hinter unserem Standard zurücklag. Unsere Systeme konnten nicht einfach installiert werden.

Außerdem gab es oft Probleme bei der Bezahlung, denn nicht immer waren ausreichend Devisen vorhanden, und Rubel konnten wir nicht nehmen, der war noch nicht konvertierbar. Dann kam mir ein Zufall zur Hilfe.

Ich war auf eine Gemäldegalerie in Zürich gestoßen, die reges Interesse an russischer Kunst hatte, insbesondere an Malerei. Ölbilder und Aquarelle waren leicht zu transportieren, ohne Rahmen natürlich. Bei der Ausfuhr sorgte immer ein Mitarbeiter des Ministeriums dafür, dass wir nicht kontrolliert wurden, denn eigentlich war die Ausfuhr verboten, die Genehmigungen hätten zuviel Wodka gekostet.

Und das Ende vom Lied? An den Bildern haben wir mehr verdient, als uns das Ölministerium je bezahlt hätte.

"Bata-Geschäfte" war das Zauberwort, was soviel bedeutet wie: Ware gegen Ware, nicht Ware oder Dienstleistung gegen Devisen. Ich könnte auch sagen: kreative Geschäftsabwicklung.

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michael schwall, 07.12.2008
1.
Liebe einestages-Redaktion, leider habe ich in dem hübschen Artikel über die Segnungen des Sozialismus einen, wie ich finde, unbedingt zu berichtigenden Fehler gefunden: ""Bata-Geschäfte" war das Zauberwort, was soviel bedeutet wie: Ware gegen Ware, nicht Ware oder Dienstleistung gegen Devisen. Ich könnte auch sagen: kreative Geschäftsabwicklung." Selbstverständlich handelt es sich hier nicht um die Geschäfte einer tschechischen Schuhfirma ("Bata"), sondern um Tauschgeschäfte (engl. tauschen - to barter, Tauschhandel - barter-trade russ.?????? (barter)), die im übrigen historisch und gegenwärtig in nicht geringem Umfang üblich waren und sind. (s. wikipedia: Tauschhandel und en.wikipedia: barter) Vielleicht ist die Geschichte des modernen Barter-Handels eine eigene kleine Geschichte wert ? Man denke an Simex , eine Saatgroßhandlung aus Jülich bei Mönchengladbach, die heute überwiegend mit russischem Wodka handelt...
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