Sowjet-Luxus Eine Tüte von Escada

Die Kinder machen schon genug Arbeit, wozu noch einen Mann? Als Detlev Crusius in den achtziger Jahren die Sowjetunion besuchte, lernte er einiges über den harten Alltag junger Moskauerinnen - und auch über ihre geheimen Wünsche.

dpa

Geschäftlich kam ich 1988 das erste Mal nach Moskau - und merkte schnell, dass die Arbeit leichter würde, wenn ich mich mit der Mentalität meiner russischen Partner beschäftigte. Die anfangs ausschließlich geschäftlichen Motive traten mehr und mehr in den Hintergrund. Es dauerte nicht lange, und ich fuhr ausschließlich aus privaten Gründen dorthin - aus Freundschaft.

Russland hat eine faszinierende Landschaft und Kultur. Was mich aber noch mehr beeindruckt, ist die Art und Weise, wie die Menschen mit ihren Alltagsproblemen fertig werden. Das Leben der russischen Bevölkerung, oder besser gesagt der Überlebenskampf, erinnert mich - damals wie heute - an die deutsche Nachkriegszeit.

Im Hotel, in dem ich damals wohnte, gab es für die Gäste reichlich zu essen, große Portionen für wenig Geld. In den Ecken des Speisesaals standen Plastiktüten. Wenn die Kellner die halbleeren Teller der Gäste in die Küche zurücktrugen, leerten sie sogleich die Reste von diesen Tellern in die Tüten - Lebensmittel für die eigene Familie.

Kellnernde Pianistin

Spät abends setzte sich manchmal eine der Kellnerinnen an meinen Tisch. Saß erst mal eine, dann kamen auch weitere, dann stand auch schnell Wodka oder Kognak auf dem Tisch. Das waren dann die wirklich unterhaltsamen Momente im Hotel. Da wurde gesungen und sehr viel über Politik debattiert, und hier hörte ich mit Staunen, wie unbeliebt Gorbatschow war.

"Unter Breschnjew mussten wir den Mund halten, aber wir hatten was im Kochtopf. Unter Gorbatschow können wir sagen, was wir wollen, aber unsere Familien hungern." Das lernte ich von der Kellnerin Viktoria, die recht gut Englisch sprach und eigentlich Pianistin war. Als Pianistin hatte sie aber keinen Job gefunden, und weil sie ihre Kinder irgendwie durchbringen musste, arbeitete sie nun im Hotel. Ihr Mann Viktor war Mathematiker, arbeitete aber ebenfalls als Kellner im Hotel.

Olga brachte mir das Rechnen mit dem Abakus, der Rechentafel bei, diesem Holzkugelgerät, mit dem bei uns früher die Kinder spielten. Ich wollte den Abakus gegen meinen Taschenrechner eintauschen, aber Olga wollte nicht, sie vertraute mehr ihren Holzkugeln, und ich gebe zu: So schnell wie sie auf ihrem Abakus war ich mit meinem Taschenrechner nicht.

Russische WG

Die Chefin der Kellnerinnen hieß Larissa, eine lebenslustige Frau um die 40. Larissa sprach ebenfalls gut Englisch. Sie wollte mich immer für den Salzfisch begeistern, der nach meinem Empfinden nur aus Salz und Gräten bestand, aber eine hervorragende Grundlage für den Wodka abgab. Man musste ihn nur im Mund an den Geschmacksknospen vorbei balancieren.

Es waren feucht-fröhliche Abende, die ich dort mit den Kellnern und Kellnerinnen verbrachte. Ich lernte an diesen Abenden viel über Russland, sie erzählten mir von ihren Familien, von ihren Problemen. Die meisten hatten ein oder mehrere kleine Kinder zu Hause und selten einen Mann, den sie in aller Regel aber nicht wirklich zu vermissen schienen. "Meine Kinder reichen mir, ich brauche nicht auch noch einen Mann", vertraute mir Larissa an. "Männer sind wie kleine Kinder oder schlimmer, machen viel Arbeit und bringen nichts nach Hause", sagte sie kategorisch.

Die Kellnerinnen erzählten von ihren Wohnverhältnissen, oft Kommunalwohnungen, Wohneinheiten mit einer zentralen Küchen, einem Bad und Toiletten. Bei uns nennt man das Wohngemeinschaft, aber bei uns wohnen die meisten Menschen als Studenten in einer WG und zeitlich begrenzt. In Russland war das damals so etwas wie eine Standardeinrichtung und vor allen Dingen: eine Dauereinrichtung. Aber auch in separaten kleinen Wohnungen waren die Verhältnisse kaum besser.

Babuschka und Brautkleider

Da war die Großmutter, die Babuschka, unverzichtbar, denn sie sorgte für die Kinder, wenn die Mutter arbeitete. Da wohnte in der gleichen kleinen Wohnung noch der Mann, von dem die Mutter inzwischen bereits geschieden war, da wohnte vielleicht sogar schon der neue Mann, mit dem sie zwar noch nicht verheiratet war, mit dem sie aber schon ein Kind hatte. Die Zahl der Abtreibungen hatte Rekordhöhe und die der gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Familien auch.

Wohl der Familie, die eine Babuschka hatte, denn sie verhinderte, dass die Kinder zu früh in den Kinderhort mussten. Es war ein deprimierender Anblick, die Frauen morgens sehr früh mit ihren Kleinkindern zum nächsten Kinderhort rennen zu sehen.

Eine sowjetische Besonderheit waren immer die Bezugsscheine, Talon genannt, letzten Endes eine Voraussetzung für Planwirtschaft. Die Talons hat es immer gegeben, mal für mehr, mal für weniger Bereiche des täglichen Lebens.

Die Talons brachten einige Merkwürdigkeiten: Da wollte zum Beispiel ein Paar heiraten, es gab aber weder Brautkleider, noch dunkle Anzüge, noch Porzellan zu kaufen, nicht einmal Bettwäsche. Also ging das Paar zum Standesamt, bekam einen Talon für die notwendigen Utensilien, kaufte für die Hochzeit ein und heiratete.

Plastiktüten - ein modisches Muss

Natürlich gab es auch Talons für Wodka. Der Verkauf war zusätzlich dadurch reglementiert, dass es Wodka nur an bestimmten Tagen und auch nur in bestimmten Geschäften zu kaufen gab. Der Ansturm auf diese Geschäfte muss gewaltig gewesen sein - bis hin zu Prügeleien und niedergetretenen Menschen. Natürlich kennen auch wir die Kundenstürme zum Winter- oder Sommerschlussverkauf - aber verglichen mit dem Wodka-Verkauf konnte man das wohl eher als deutsche Folklore bezeichnen.

Sehr gefragt bei der russischen Damenwelt waren Plastiktüten aus dem Westen. Diese Tüten wurden für bis zu 15 Rubel gehandelt, je nachdem, ob sie noch einen Werbeaufdruck von irgendeiner westlichen Modefirma trugen. Eine Tüte mit einem Aufdruck von Escada war ein beinahe unbezahlbarer Luxus! Eine russische Frau damals würde auch nach längerem Aufenthalt im Westen eine Plastiktüte nur dann wegwerfen, wenn sie wirklich ganz zerfleddert war. Sie würde auch immer eine Plastiktüte oder einen Stoffbeutel in der Handtasche bei sich tragen, eine Schnäppchentasche. Man weiß ja nie, ob man nicht ganz unverhofft etwas kaufen kann, das bisher immer vergriffen oder zu teuer war, etwas das man schon lange gesucht hat.

Ein fast ebenso unbezahlbarer Schatz waren die Burda-Hefte und Schnittmuster, die mit dem langsam einsetzenden Reise- und Geschäftsverkehr vom Westen in den Osten gelangten. Ein sehr großer Teil der damals auf der Straße und in den Büros getragenen russischen "Haute-Couture", geschneidert auf den vielen heimischen japanischen und DDR-Nähmaschinen, hatten ihren Ursprung in den Burda-Heften und Schnittmustern.

Botschafterin Aenne Burda

1987 erschien Aenne Burdas Modeheft als erste westliche Zeitschrift in der Sowjetunion in russischer Sprache. "Sie haben mehr geleistet als drei Botschafter zuvor", sagte der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher einmal zu Aenne Burda.

Das Einkommen russischer Angestellter lag damals bei monatlich rund 100 bis 200 Rubel. Ausländische Firmen zahlten oft ein paar Devisen zusätzlich. Die Kopeke war damals noch etwas wert, man konnte für einige Kopeken U-Bahn fahren, öffentliche Telefone benutzen, Brot kaufen. Generell gab es aber nur sehr wenig zu kaufen. Kosmetik wurde importiert aus syrischer Lizenzproduktion mit französischen Namen. Die kleinen Dessous aus schwarzer Spitze gaben es nur für sehr viel Geld, meist nur gegen Devisen und waren eigentlich unerschwinglich. Da brauchte es schon die Freundin einer Freundin einer Freundin, die eine Kusine in einer westlichen Botschaft hatte. Kusinen in den richtigen Positionen waren wichtig in Russland.

In den Straßen am Denkmal des Fürsten Juri Dolgoruki, dem Begründer Moskaus, fanden sich immer kleine und größere Gruppen zusammen, ausschließlich Männer, die ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen - sie debattierten, hitzig und engagiert. Welche Themen? Egal, Hauptsache, man war dagegen. Hier wurden Flugblätter verteilt, in denen die Abschaffung oder Errichtung oder Änderung aller möglichen staatlichen und nicht staatlichen Institutionen verlangt wurde.

Allein unterwegs in Moskau

Die Miliz patrouillierte langsam und gemessen zwischen den Diskussionsgruppen. Wenn die Miliz in der Nähe war, diskutierten die Männer leiser, sie waren vorsichtig. Aber die Miliz hielt sich aus allem raus, allein ihre Anwesenheit sorgte für Ruhe und Ordnung. Der Respekt der Russen vor Polizei und Obrigkeiten gleich welcher Art war unübertroffen.

Nachdem ich mir die Namen der Metrostationen und die Linien einigermaßen eingeprägt hatte, war ich oft alleine unterwegs in Moskau. Die Metro war der ganze Stolz der Moskowiter - zu Recht. Da sich nur wenige ein Auto leisten konnten, blieb ihnen in der Stadt nur der öffentliche Nahverkehr.

Die Busse und Straßenbahnen waren eigentlich immer voll. Die Schaffnerinnen waren nicht um ihren Job zu beneiden. Ständig mussten sie sich durch die Passagiere drängeln, immer auf der Suche nach Zugestiegenen. Vor der Brust trugen sie an einfachen Drahtbügeln mehrere Rollen mit den tariflich unterschiedlichen Fahrscheinen und die Geldtasche. Kriegsveteranen fuhren umsonst, alle anderen zahlten wenige Kopeken, auch für lange Fahrten.

Einiges hat sich seither verändert - nicht jedoch, dass viele Moskauer ihr Leben mit nur wenigen Rubeln bestreiten müssen. Und eine Plastiktüte von der Modefirma Escada gilt noch immer als Luxus.



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