Sowjetische Atomraketenbasis Ganz nah am Drücker

Sowjetische Atomraketenbasis: Ganz nah am Drücker Fotos
Masha Stahlberg

Der Geheimbunker liegt in der ukrainischen Einöde - getarnt als Wetterstation, gesichert mit 3000 Volt. Zehn Atomraketen wären im Ernstfall von dort aus Richtung Westen geschickt worden. Jurij Lisitsch gehörte zu den Männern, die den Knopf drücken sollten. Heute führt er Touristen durch die Basis. Von

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Wäre der Kalte Krieg heiß geworden, hätte Jurij Lisitsch vielleicht auf den Knopf gedrückt. Zehn Atomraketen wären dann von der Basis Perwomaisk Richtung Westen gestartet. Tausende weitere wären auf anderen Stützpunkten gezündet worden. Vor über 20 Jahren war Lisitsch Leutnant bei den Strategischen Raketentruppen, den Atomstreitkräften der Sowjetunion. Heute führt er Besucher über den Stützpunkt, auf dem er früher gedient hatte. Die ehemalige Atomraketenbasis Perwomaisk liegt 300 Kilometer südlich von Kiew. Der Stützpunkt ist einzigartig, denn er ist für Touristen geöffnet. Von den Silos bis zum unterirdischen Kommandobunker - alles sieht noch so aus wie zu Sowjetzeiten. Nur die Atomraketen sind längst abgerüstet.

Die Gegend um Perwomaisk wirkt wie ausgestorben. Wind pfeift über die Felder, es gibt keine Dörfer in der Nähe, die nächste Stadt Kirowograd ist sechzig Kilometer weit entfernt. Eine Schotterpiste führt von der Landstraße auf die Raketenbasis. An der Abzweigung weist ein Schild den Weg zum Museum. Der Hinweis ist so unscheinbar, man könnte ihn glatt übersehen. "Die Raketenbasen befanden sich in wenig besiedelten Gebieten", sagt Lisitsch. "Denn im Krieg wären sie selbst Ziel eines Atomangriffs gewesen." Außerdem musste das Grundwasser in der Umgebung der Stützpunkte so niedrig sein, dass es nicht an die Raketensilos und Bunker herankam. Auf jeder Basis gab es einen Befehlsstand und ein Raketensilo, erzählt Lisitsch. Im Umkreis von fünf bis zehn Kilometern waren neun weitere Silos in der Erde vergraben.

Lisitsch war fünf Jahre lang auf der Basis Perwomaisk stationiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion diente er in der Ukrainischen Armee, später kümmerte er sich um den Aufbau des Museums. Der 54-Jährige kennt die Raketenbasis bis ins Detail, er könnte stundenlang über die Vergangenheit reden. Während des Kalten Krieges wären seine Informationen auch für Geheimdienste interessant gewesen.

Westdeutschland im Visier

Wo die sowjetischen Basen lagen, war ein streng gehütetes Geheimnis. Lisitsch geht in eine Baracke und zeigt auf eine Landkarte. Zu sehen sind sowjetische Raketenstützpunkte in der Ukraine. "Sechs Basen und neunzig Silos waren über das ganze Land verteilt", berichtet er. Jede Basis bekam einen Decknamen, Perwomaisk hieß zum Beispiel "Taimen". Um Neugierige fernzuhalten, war Perwomaisk als harmlose Wetterstation getarnt. Wer dennoch näher herankam, wurde von drei Sicherheitsanlagen aufgehalten. Besonders abschreckend war ein 3000 Volt starker Elektrozaun. "Schon in der Nähe des Zauns wäre man verbrannt", sagt Lisitsch.

Am 17. Dezember 1959 gründete die Sowjetunion die Strategischen Raketentruppen und rüstete sich zur Atommacht auf. Die ersten Raketen in Perwomaisk waren vom Typ R-12 und hatten eine Reichweite von 2080 Kilometern. 1962 ließ Nikita Chruschtschow dieselben Raketen auf Kuba stationieren und löste damit die Kuba-Krise aus. Von Kuba aus hätten die Raketen in wenigen Minuten Washington erreicht. Die Zielgenauigkeit der R-12 hatte die Armee zuvor geprüft. Der Test trug den Namen "Operation Rose". "Man rüstete die Raketen mit einem leichten Atomsprengkopf aus und brachte sie nach Workuta in Sibirien", berichtet Lisitsch. Von dort aus wurden sie auf die Insel Nowaja Semlja abgefeuert. "Die Raketen waren bis auf 40 Meter zielgenau." Aber die R-12 hatte einen Nachteil. Sie musste vor dem Start aufgetankt werden, was zweieinhalb Stunden gedauert hätte. Deshalb wurde die R-12 Mitte der sechziger Jahre von der UR-100 abgelöst. Diese war sofort startklar.

Die genauen Ziele der Atomraketen waren streng geheim. "Die kannten nicht mal die Offiziere im Kommandobunker", sagt Lisitsch. "Wir wussten aber, dass Westdeutschland in unserem Visier lag", ergänzt er.

Auf dem Stützpunkt steht ein unscheinbares Betonhäuschen. Der Eingang zur unterirdischen Schaltzentrale, wo die Atomraketen abgefeuert worden wären. Lisitsch öffnet die Tür und steigt eine zwei Meter lange Leiter hinab. Sie führt zu einem schmalen Tunnel. Nach 200 Metern endet der Tunnel an einer Schleuse, die mit zwei dicken Stahltüren gesichert ist. "Die beiden Türen hätte man nur mit einem Zugangscode öffnen können." Hinter der Schleuse wartet ein winziger Fahrstuhl, in den gerade so drei Leute hineinpassen. Lisitsch drückt den Schalter und es geht 45 Meter abwärts.

Der Fahrstuhl hält direkt in der Kommandozentrale. Die ist vollgestopft mit Technik und erinnert an ein Raumschiffcockpit. Über der Schaltzentrale befindet sich ein zweiter Raum mit Schlafkojen. Auf der Basis waren sechs Offiziere stationiert, die das Kommandopult bedienen konnten. In Friedenszeiten schoben jeweils zwei Offiziere Dienst. Nach sechs Stunden wurden diese abgelöst und bekamen zwölf Stunden Pause. "Die Schicht war keine Erholung, wir haben ständig Raketenabschüsse simuliert", erzählt Lisitsch. In Kriegszeiten wären alle sechs Soldaten in den Bunker abkommandiert worden. Drei hätten am Schaltpult gesessen, drei hätten sich in den Kojen ausgeruht.

Den roten Knopf gab es nicht

"Den Job im Bunker hätte auch ein Idiot machen können", sagt Lisitsch. "Das ist wie Auto fahren, die Bewegungen gehen in Fleisch und Blut über." Der Abschussbefehl wäre vom Oberkommando der Sowjetarmee aus Moskau gekommen. Am Kontrollpult hätte ein Lämpchen aufgeleuchtet und ein Summen wäre ertönt. Auf einem Monitor wäre das Wort "Pusk" (russisch: Start) erschienen. Der befehlshabende Offizier hätte einen Tresor geöffnet, in dem sich zwei Schachteln mit jeweils zwei Schlüsseln befanden. Ein Schlüssel war für den Befehlshaber, der andere für den Co-Offizier bestimmt. Die beiden hätten die Schlüssel gleichzeitig in die Zündvorrichtung einsetzen müssen.

Danach wäre auf einem anderen Monitor ein sechsstelliger Code erschienen. Dann hätte der Befehlshaber aus dem Oberteil des Tresors eine dritte Schachtel herausgeholt. Darin befand sich ein versiegelter Briefumschlag mit einer weiteren sechsstelligen Zahlenfolge. Wenn deren letzte Ziffer mit dem letzten Zeichen des Codes auf dem Monitor übereingestimmt hätte, wären die Offiziere zum Abschuss der Raketen berechtigt gewesen.

Nur beide Offiziere gleichzeitig hätten die Raketen zünden können. Dazu hätten sie mit der linken Hand den Startknopf gedrückt gehalten. Mit der rechten Hand hätten sie die Zündschlüssel gegen den Uhrzeigersinn um 90 Grad drehen müssen. Diese Prozedur musste zwei Mal erfolgen, nur dann wären die Raketen gestartet. "Diesen Ablauf haben wir jahrelang geübt", erzählt Lisitsch.

Nach dem Abschuss hätte die Mannschaft nur noch warten können. "Wahrscheinlich wäre der Stützpunkt von gegnerischen Atomraketen getroffen worden", sagt Lisitsch. Dem Angriff hätte der Bunker standgehalten. Vierzig Tage hätten die Offiziere in totaler Isolation überleben können. Es standen Notrationen bereit, sogar eine Mikrowelle gab es im Bunker. "Die Notverpflegung war besser als das normale Essen." Nach Verbrauch der Vorräte wären die Soldaten in ein Rohr gekrochen und in einer Luftdruckkapsel nach oben geschossen worden. "Der Lift hätte nicht mehr funktioniert." Oben hätten sie sich Schutzanzüge übergezogen und wären in die verstrahlte Gegend hinausgegangen.

"Zum Glück ist es dazu nicht gekommen", sagt Lisitsch. Am 24. August 1991 wurde die Ukraine unabhängig. Zu dieser Zeit besaß das Land noch 176 Atomraketen. Die Waffen wären bis 2015 einsatzbereit gewesen. Auf Drängen der USA und der Europäischen Union rüstete die Ukraine ihre Raketen ab. Seit 2001 ist sie ein atomwaffenfreier Staat.

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1.
Marco Strehler 07.03.2012
Deshalb liegen ja auch entlang von Bahngeleisen (Spannung Bahnstrom 25'000 Volt) so viel angekokelte Leichen.
2.
Volker Altmann 07.03.2012
Herr Strehler, die Bahn benutzt Oberleitungen. Bei einem Zaun kann ich mir schon vorstellen, dass es zu Lichtbögen kommt, wenn man sich ihm zu sehr nähert. Was die russischen Raketen mit Ziel Westdeutschland betrifft, hätten die Russen da ganz auf Amerika vertrauen können. Zumindest der Raum Fulda wäre von den Amerikanern mit einem atomaren "Friendly Fire" bedacht worden. Wer braucht Feinde, wenn er solche Freunde hat?
3.
Christian Adolf 07.03.2012
> > >Deshalb liegen ja auch entlang von Bahngeleisen (Spannung Bahnstrom 25'000 Volt) so viel angekokelte Leichen. Hihi, genau. Gut erkannt. Wat'n Quatsch!
4.
Eva-Maria Finken 07.03.2012
Wussten Sie, dass Westdeutschland auch potenzielles Ziel vs-amerikanischer Atomraketen war, um die russischen Panzer auf ihrem Weg nach Westen aufzuhalten? Nein? Dann informieren Sie sich doch mal über das "Fulda-Gap".
5.
Frank Henning 07.03.2012
Entscheidend ist nicht die Volt-Zahl, sondern die Ampere-Zahl.
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