Unfallverhütung in der UdSSR Union der sozialistischen Tollpatsche
"Verstümmle nicht die Kollegen!" Stalins radikale Industrialisierung kostete viele Bauern Gliedmaßen und Leben. Die Kommunisten plakatierten deswegen mit Warnbildern, die heute wie Slapstick anmuten.
Das Unglück ist immer absehbar: Auf dem schmalen Holzsteg, über den der Mann mit beladener Schubkarre balanciert, liegen glitschige Fische und er tritt - genau: auf den Fisch. Ein anderer schlägt dem hinter ihm Stehenden den langen Stil seines Keschers ins Gesicht. Bäuerinnen hacken einander in die Zehen, Bauern stechen sich mit Heugabeln. Der Bauarbeiter mit dem schweren Packen Ziegelsteine - natürlich, er stolpert. Ein anderer karrt die Leiter um, auf der sein Kollege steht. Die bunte Plakate-Galerie zeigt tollpatschige Missgeschicke reihenweise. Sie wirken wie Slapstick und waren doch ganz ernst gemeint: So warnte die frühe Sowjetunion ihre Werktätigen vor den Gefahren am Arbeitsplatz.
Die drastischsten dieser Warnplakate zeigen Unglücksvariationen aus der maschinellen Produktion: Blut spritzt aus der Hand, der die Säge die Finger abgetrennt hat, und aus dem Bein, das der Keilriemen mitgerissen hat. Das Seil wickelt einen ganzen Arm mit auf die Winde, eine Antriebswelle erfasst die Arbeitsjacke samt ihres Trägers und das große Treibrad zieht gar einen ganzen Mann mit in die Maschine. Das Bild erinnert an Chaplins Satire "Moderne Zeiten", in der sich der Hilfsarbeiter am Fließband an einem Werkstück verfängt und in ein gigantisches Räderwerk gezogen wird. Doch hier geht es nicht um Kritik an den Folgen der Industrialisierung. Hier wird individuelles Versagen angeprangert.
Mit einem "Großen Umbruch" wollte der sowjetische Diktator Josef Stalin in den Zwanzigerjahren sein rückständiges Agrarland in die Moderne katapultieren. Aus Bäuerinnen und Bauern sollten ausgebildete Landarbeiter werden, die in der kollektivierten Landwirtschaft mit moderner Technik Rekordernten erzielen. Parallel brauchte es qualifizierte Arbeitskräfte in der Industrie. Viele Bauern wurden zwangsweise zu Arbeitern, Hungersnöte und Missernten hatten das Landleben unerträglich gemacht. Arbeiteten sie bislang nur mit einfachen landwirtschaftlichen Werkzeugen, sollten sie nun Maschinen bedienen. Die Bauern anzulernen, hätte viel Zeit und Mühe gekostet - denn viele konnten weder lesen noch schreiben. Entsprechend groß war die Zahl der Unfälle.
Hammer im Gesicht
Ähnliche Erfahrungen hatte Deutschland bereits im 19. Jahrhundert gemacht. Die hohe Zahl der Arbeitsunfälle hatte nicht zuletzt zur Einführung der Sozialversicherung und zur Gründung von Berufsgenossenschaften geführt. Diese erließen Unfallverhütungsvorschriften, schulten Arbeiter mit Vorträgen und Lehrfilmen. Nach amerikanischem Vorbild setzten sie zudem in den Zwanzigerjahren auf die propagandistische Wirkung von Bildern. Die 1924 gegründete Unfallverhütungsbild GmbH brachte innerhalb von fünf Jahren rund vier Millionen Plakate mit fast 300 verschiedenen Motiven in Umlauf. Die oft drastischen Darstellungen sollten die Arbeiter zum aufmerksamen Umgang mit Maschinen und Werkzeugen erziehen.
Verglichen damit wirken die sowjetischen Plakate, als wären in der UdSSR ausschließlich Trottel am Werk gewesen. Solche, denen der Hammer ins Gesicht fällt und die mit den Fingern prüfen, ob Strom fließt. Die frühesten Plakate der Sammlung - aufbewahrt in der Russischen Staatsbibliothek - stammen aus den Zwanziger- bis Vierzigerjahren. Horrormotive sollten den Arbeitern Angst machen - vor Verletzungen und Tod und davor, Regeln zu brechen. Typisch ist dabei auch das kommunistische Prinzip der Selbstkritik: Unfallopfer werden zur Schau gestellt und müssen bekennen, dass sie etwa einen Wagen falsch beladen haben oder am Arbeitsplatz betrunken waren.
Indem er seine Arbeiter als stümperhafte Idioten darstellte, rechtfertigte der Sowjetstaat zugleich, seine Bürger bei jedem Schritt überwachen zu müssen. Das wiederum entsprach ganz der sozialistischen Weltanschauung.
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