Sowjetunion "Ich hatte eine schöne stalinistische Kindheit"

Sowjetunion: "Ich hatte eine schöne stalinistische Kindheit" Fotos

Heute vor 55 Jahren starb Josef Stalin. Wiktor Jerofejew hat den Diktator als Kind noch selbst erlebt: Sein Vater war Stalins Übersetzer - und durfte dessen Leichnam mit seinem Sohn als einer der ersten sehen. Im einestages-Interview erzählt der Schriftsteller, wie er mit seinem Buch "Der gute Stalin" doppelten Vatermord beging. Von

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einestages: Herr Jerofejew, Sie haben mit Ihrer Autobiografie "Der gute Stalin" weltweit Diskussionen ausgelöst. Immerhin gelten Sie als Kritiker des stalinistischen Systems. Ist der Titel als Provokation gemeint?

Jerofejew: Da steckt eine Menge Ironie darin. Doch ich muss zugeben, ich hatte eine glückliche stalinistische Kindheit. Mein Vater war Stalins Übersetzer und gehörte zu den engsten Kreisen im Kreml. Wir lebten ein liberales, luxuriöses Leben mit vielen Privilegien. Stalin war also gut zu mir, obwohl ich ihn nie persönlich kennen gelernt habe.

einestages: Welche Rolle spielte Stalin in Ihrem Leben?

Jerofejew: Stalin war für das sowjetische Volk eine Vaterfigur. Er wollte das Volk zu einem neuen Menschentyp umerziehen. Und mein Vater war auch ein guter Stalin: totalitär aber moderat und gleichzeitig voller Verständnis. Mein Vater war ein wirklicher Kommunist. Er glaubte an Stalin und bewunderte seine Art, wie er zu den Menschen sprach. Das tut er bis heute.

einestages: Können Sie sich an Stalins Todestag erinnern?

Jerofejew: Ich war damals sechs Jahre alt. Meine Mutter hatte meiner Großmutter, die tagsüber auf mich aufpasste, verboten das Radio einzuschalten. Ich sollte die Beerdigungsmusik nicht hören. Doch vor unserem Haus in der Gorki-Straße in Moskau passierte ein großes Massaker. Daran kann ich mich erinnern. Die Menschen, die im Trauermarsch zum Haus der Gewerkschaft zogen, trampelten sich gegenseitig tot. Stalin war dort am Tag nach seinem Tod aufgebahrt.

einestages: Haben Sie ihn gesehen?

Jerofejew:: Mein Vater gehörte später zu den wenigen, die Stalin im Mausoleum besuchen durften. Er nahm mich mit. Stalin war der erste Tote, den ich in meinem Leben sah. Er lag neben Lenin, in seine Generalsuniform gekleidet. Sein Leichnam war in ein mystisches rotes Licht gehüllt, das hat mich sehr beeindruckt.

einestages: Was hat sich nach dem Tod des Diktators für Sie geändert?

Jerofejew: Wir hatten Glück. Wenn Stalin ein Jahr länger gelebt hätte, hätte er auch meinen Vater ins Lager geschickt. Er hasste und misstraute den Menschen, vor allem denen in seinem engsten Umfeld. Sein Tod bewahrte mich vor dem Waisenhaus. Stattdessen zogen wir nach Paris. Mein Vater wurde sowjetischer Botschafter. Das ist der Grund, warum ich niemals ein Sowjetmensch wurde. Aus der Ferne verstand ich sehr früh die schrecklichen Dinge, die passiert waren. Ich begann Stalin zu hassen.

einestages: Sie haben 1979 den Literatur-Almanach "Metropol" herausgegeben, in dem auch die Schriften systemkritischer Autoren veröffentlicht wurden. Das war damals ein großer Skandal und ihr Vater verlor deswegen seinen Job. Rebellieren Sie mit Ihrer Autobiografie nun zum zweiten Mal gegen Ihren Vater?

Jerofejew: Mein Vater sagte mir, er habe von den Lagern damals nichts gewusst. Doch Erinnerungen sind immer selektiv. Auch in Russland blenden die Menschen heute den Terror und die Lager aus, wenn sie sich an Stalin erinnern. Die Hälfte der Russen denkt, Stalin sei ein guter Führer und der Gründer des starken Staates gewesen. Der Titel meines Buches entlarvt das. Es ist ein Bestseller und die Menschen stehen dafür Schlange. Die meisten glauben tatsächlich, dass sie ein Buch über den guten Stalin in die Hand bekommen.

einestages: Hat ihr Vater das Buch gelesen?

Jerofejew: Er war sehr bestürzt darüber und hat eineinhalb Jahre lang kein Wort mit mir gesprochen. Doch das war mir vorher klar. Ich begehe mit diesem Buch einen doppelten Vatermord - an meinem eigenen und an dem Vater der Nation, an Stalin.

einestages: Was war Ihr Grund, dieses Buch zu schreiben?

Jerofejew: Das Buch erschien in Russland am Tag nach Putins zweiter Amtseinführung 2004. Das hat den Kreml sehr gestört. Denn Putin hat alles unternommen, Stalin wieder ins rechte Licht zu rücken. Die Hardliner im Kreml legitimieren durch die Führer-Figur Stalin ihr autoritäres System.

einestages: Und Sie setzen mit dem Buch ein persönliches Zeichen, wie man sich gegen Autoritäten, also gegen Stalin-Väter, auflehnen kann - wie damals 1968 in Deutschland?

Jerofejew: Eine Revolution wie 1968 in Deutschland ist in Russland unter Putin unmöglich. Wir leben noch immer in einer archaischen Gesellschaft, in der die Mächtigen regieren und das Volk den Kopf einzieht. Das liegt vor allem an der politischen Bildung, die uns ein positives Stalin-Bild vorgaukelt. In der Ukraine und in Georgien ist das anders. Dort rebelliert die Jugend gegen die Autoritären. Doch Putins Geschichtspolitik hat diese Revolution verhindert. Stalin ist wieder ein positiver Teil unserer Geschichte. Deswegen wird er auch niemals sterben.

Das Interview führte Simone Schlindwein

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