Sozialdemokratie Die aufrechten Roten von Königsberg

Sozialdemokratie: Die aufrechten Roten von Königsberg Fotos

Mordanschläge, brennende Tankstellen, Razzia in der Redaktion: Nach der Reichstagswahl im Juli 1932 zeigte die Nationalsozialisten den Sozialdemokraten in Königsberg, dass es um ihre Zukunft düster bestellt war. Die aber gaben nicht auf. Von Helga Kutz-Bauer

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Das ostpreußische Bürgertum und der Adel haben über das Leben unter den Nationalsozialisten und vor allem über ihren Widerstand viele rührige Geschichte verbreitet. Dabei gehörten viele von ihnen schon vor 1933 der NSDAP an. Selbst Angehörige der Verschwörung vom 20. Juli 1944 hatten die Weimarer Republik bekämpft, so dass ihre Motive im Einzelnen kritisch hinterfragt werden müssen. Die politischen Blößen des Adels jedenfalls ließen sich nach dem Krieg mit dem Widerstand einiger Aufrechter gut bedecken.

Vom Kampf der Demokraten in Königsberg dagegen und vom Leben der städtischen Arbeiterschaft in Ostpreußen ist wenig bekannt. Dass nach dem Attentat auf Hitler vor allem die früheren Vertreter demokratischer Parteien festgenommen wurden und viele von ihnen in der Folge ums Leben kamen, weiß kaum jemand. Auch die Ereignisse in Ostpreußen und Königsberg seit der Reichstagswahl am 31. Juli 1932, bei der die NSDAP zwar nicht die absolute Mehrheit erhielt, aber als stärkste Partei aus den Wahlen hervorging, sind weitestgehend in Vergessenheit geraten.

In der Nacht zum 1. August nämlich brach in Königsberg das Chaos los. Tankstellen wurden von Nationalsozialisten in Brand gesteckt, Waffengeschäfte wurden überfallen, eine Erstürmung des Otto-Braun-Hauses, dem Sitz der sozialdemokratischen Königsberger Volkszeitung, konnte nur mit Waffengewalt verhindert wurden. Es gab Mordanschläge, unter anderem auf Otto Wyrgatsch, den Chefredakteur des sozialdemokratischen Königsberger Volksblatts, der jedoch überlebte. Der Abgeordnete und Kommunist Gustav Sauf dagegen fiel einem solchen Anschlag zum Opfer. In Ostpreußen herrschten Terror und Gewalt.

Aus dem Saal geprügelt

Der Schriftsteller Thomas Mann, der seinen Urlaub regelmäßig in Nidden auf der Kurischen Nehrung verbrachte, war entsetzt. In einem Artikel im "Berliner Tageblatt" fragte er: "Werden die blutigen Schandtaten von Königsberg den Bewunderern der seelenvollen Bewegung, die sich Nationalsozialismus nennt, sogar den Pastoren, Professoren, Studienräten und Literaten, die ihr schwatzend nachlaufen, endlich die Augen öffnen über die wahre Natur dieser Volkskrankheit?"

Als nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die Stadtverordnetenwahlen im März 1933 in Königsberg stattfanden, kam es immer wieder zu Verboten und Behinderungen von und Überfällen auf gegnerische Wahlkampfveranstaltungen. Das Ergebnis dieser nicht als frei zu bezeichnenden Wahlen war niederschmetternd: Die Nationalsozialisten hatten mit 36 von insgesamt 64 Mandaten die Mehrheit im Königsberger Stadtparlament inne. Als die Sozialdemokraten aufgrund der unlauteren Umstände der Wahl ersten Widerspruch verlauten ließen, wurden sie durch SA-Leute attackiert und kurzerhand aus dem Saal geprügelt.

Königsbergs starke und traditionsreiche Arbeiterbewegung war zerschlagen worden. Die Namen von Männern wie Hugo Haase, der 1919 verstarb und lange Jahre Vorsitzender der SPD im Reichstag war, und Otto Braun, dem legendären preußischen Ministerpräsidenten, der in Königsberg seine ersten politischen Erfahrungen sammelte und 1933 ins Exil flüchtete, erinnern an jene große sozialdemokratische Ära der Stadt Königsberg vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Demokratie unter Einsatz des Lebens

Nur Wenige, die in Königsberg nach 1933 politisch aktiv zu bleiben versuchten, überlebten den Naziterror, den Krieg und schließlich den Einmarsch der Roten Armee. Außer Max Sommerfeld, der nach dem Krieg im Deutschen Gewerkschaftsbund tätig wurde, und Alfred Metz, der in Hamburg die Geschäftsführung des Verbandes für den Güterverkehr übernahm, sowie dem ehemaligen Redakteur der Königsberger Volkszeitung und späteren Direktor der Bundeszentrale für Politische Bildung Wilhelm Matull, war Gerhard Brandes einer dieser Wenigen. Nach dem Krieg betätigte er sich in der bundesrepublikanischen Politik und wurde 1965 Hamburgs Finanzsenator.

Alle diese Männer versuchten nach der Machtergreifung die demokratische politische Arbeit unter Einsatz ihres Lebens aufrecht zu erhalten. So unternahm es Brandes, mit einer primitiven Kopiermaschine Infoblätter herzustellen und zu verbreiten. Schon am 1. Juli 1933 wurde er wegen des Verdachts illegaler Parteiarbeit verhaftet, kam aber im September wieder frei. Mit seinen Freunden Max Sommerfeld, Wilhelm Matull und Alfred Metz gehörte Brandes zu der ausgewählten Gruppe, die über Danzig das mittlerweile verbotene, sozialdemokratische Organ "Neuer Vorwärts" verbreitete und die Exil-SPD mit Informationen versorgte. Sie alle verloren im Laufe der Zeit ihre Arbeit und wurden mehrfach verhaftet.

Brandes konnte sich dennoch eine Existenz als Steuerhelfer aufbauen. Obwohl er sich regelmäßig bei der Polizei melden und jede Reise außerhalb Königsbergs von den nationalsozialistischen Behörden genehmigen lassen musste, schaffte er es sogar, Gelder für die vom Regime Verfolgten zu sammeln und wichtige Kontakte zu Sozialdemokraten aufrechtzuerhalten. Brandes und seine Mitstreiter erinnern an all jene, die gegen jeden Widerstand und jede Gefahr ihrer sozialdemokratischen, freiheitlichen Sache unermüdlich nachgingen.

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