Soziale Bewegungen Auf zum Strand von Tunix!

Soziale Bewegungen: Auf zum Strand von Tunix! Fotos
Klaus Mehner

Zwei Tage, die die Republik veränderten: Ende Januar 1978 versammelten sich in West-Berlin Tausende von Spontis zum "Tunix"-Kongress. Das Treffen vor 30 Jahren wurde zur Geburtsstunde der Alternativbewegung - und von Institutionen wie der "taz" oder den "Grünen". Michael Sontheimer war dabei. Von

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Der 28. Januar 1978, soviel habe ich noch in Erinnerung, war in West-Berlin ein strahlender Wintertag. Und das war auch gut so, denn der Demonstrationszug setzte sich erst mit einer Stunde Verspätung am Moabiter Gefängnis in Bewegung.

Die Demo begann am Knast, weil dort ein paar linksradikale Drucker in Untersuchungshaft saßen. Sie hatten ein Szeneblatt verfertigt, in dem auch Texte der RAF dokumentiert worden waren. Wogegen oder wofür wir genau demonstrierten, weiß ich nicht mehr.

Doch wenn sich schon ein paar tausend Linksradikale in West-Berlin zum "Tunix-Kongress" versammelt hatten, durfte nicht nur palavert werden. Die Stimmung auf der Demo war entspannt; die paar Eier und Steine, die in Richtung Polizei flogen, waren symbolische Routine.

Hinter dem VW-Bus, in dem die Demoleitung dem Zug voran fuhr, wurde eine Deutschlandfahne durch die Straßen geschleift. "Modell Deutschland" stand darauf geschrieben; das war der Wahlkampfslogan der SPD unter Helmut Schmidt, die für uns den Atomstaat verkörperte, die Berufsverbote, die Isolationshaft für RAF-Gefangene. Ein paar besonders Eifrige verbrannten die Fahne dann auf dem Kurfürstendamm.

Spontifex Maximus

Nach dem Spaziergang durch die West-Berliner Innenstadt ging es wieder in die Technische Universität, dem Schauplatz des Tunix-Kongresses. Der Anwalt Christian Ströbele stellte dort mit mehreren Mitstreitern das Projekt einer linken Tageszeitung vor; Abgesandte der Vorbilder "Liberation" aus Paris und "Lotta Continua" aus Rom berichteten von ihren Erfahrungen. Im mit über 1500 Menschen überfüllten Auditorium Maximum stieß der Plan einer linken, unabhängigen Tageszeitung auf erregte Zustimmung. Ein gutes Jahr später gehörte ich dann auch zu der Gruppe, die ohne Geld und Erfahrung die "tageszeitung" oder kurz "taz" auf die Beine stellte.

Die Idee für Tunix hatten ein Dutzend Berliner Spontis, die sich teils vom Fußballspielen, teils aus Kneipen kannte. Der Begriff Sponti leitete sich von "Spontaneisten" ab und meinte Anarchisten, die nichts mit der bei vielen Linksradikalen grassierenden Heldenverehrung für Stalin, Mao und andere Massenmörder zu tun haben wollten. Dany Cohn-Bendit aus Frankfurt war wohl der bekannteste Sponti, eine Art "Spontifex Maximus".

Nach dem Deutschen Herbst 1977, dem als dubios empfundenen Tod der RAF-Gefangenen in Stammheim, der allgegenwärtigen Repression gegen alle Linksradikalen, wollten die Tunix-Initiatoren der Lähmung in dieser "bleiernen Zeit" etwas entgegensetzen. Zunächst fassten sie einen konventionellen "Widerstandskongress" in Auge, doch die Resonanz war gleich Null. Dann hatten sie eine andere Idee: Wenn wir in der BRD immer weiter diffamiert und drangsaliert werden, dann hauen wir einfach ab. Frei nach den Bremer Stadtmusikanten: "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall".

"Der Winter ist uns zu trist"

Der Entwurf des "Aufrufs zur Reise nach Tunix" stammte von Stefan König, der heute ein renommierter Strafverteidiger in Berlin ist: "Uns langt's jetzt hier! - Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken, von den Stadtautobahnen. Die Maulkörbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll'n nicht mehr immer dieselbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh'n. Sie haben uns genug kommandiert, die Gedanken kontrolliert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. - Wir hauen alle ab - zum Strand von Tunix."

Die Resonanz überwältigte die Initiatoren, zu denen unter anderem auch Johannes Eisenberg zählte, mittlerweile ein gefürchteter Presseanwalt, ebenso wie Monika Döring, die sich dann in den achtziger Jahren große Verdienste als Veranstalterin von Punk- und New Wave-Konzerten erwarb, schließlich die heutige Autorin Renee Zucker ("Werden Sie wesentlich! Die Frau um 50").

Die Organisatoren hatten es weder beabsichtigt noch erwartet, dass Tunix zum strategischen Wendepunkt für die radikale Linke werden würde. Der Paradigmenwechsel sah so aus: Statt sich weiter in einer hoffnungslosen Konfrontation mit dem Staat zu verschleissen und eine Revolution zu propagieren, die ohnehin nicht kommen würde, geht es darum Alternativen aufzubauen; Inseln des richtigen Lebens im falschen System.

Vitale Erregtheit im kalten Beton

Ich gehörte zu einer Gruppe, die sich gegen den Bau einer Atom-Wiederaufarbeitungsanlage im niedersächsischen Gorleben engagierte. Wir machten für Tunix die Ausgabe eines wöchentlichen Szeneblattes, das "BUG" hieß, für Berliner undogmatische Gruppen. Wir mussten allerdings die Druckvorlagen der Ausgabe mehr oder minder konspirativ herstellen, in unserer Wohngemeinschaft. Bei der ansonsten üblichen öffentlichen Redaktionssitzung und Produktion des Blattes waren drei Monate zuvor ein paar Dutzend Polizisten erschienen, hatten alle eingesammelt und Ermittlungsverfahren wegen Paragraph 129a Strafgesetzbuch ( "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung") eingeleitet.

Nach 30 Jahren erinnere ich an Tunix naturgemäß weniger einzelne Szenen als die Atmosphäre dieser zwei Tage. Trotz der kalten Betonarchitektur der Technischen Universität herrschte auf dem Kongress eine vitale Erregtheit. Nach der Depression des Deutschen Herbstes machte sich Aufbruchsstimmung breit.

Es war erfrischend, dass so viele Genossinnen und Genossen - ja so hieß das damals noch - aus Westdeutschland und Westeuropa angereist kamen. Der Philosoph Michel Foucalt aus Paris war da. In unserer Wohngemeinschaft campierten jede Menge Freunde aus München. Es war beflügelnd zu hören, dass eigentlich alle dabei waren, Projekte zu gründen, organisiert selbstverständlich als Kollektive: Verlage, Buchläden, Tischlereien, Kfz-Werkstätten, Kneipen und wer weiß was noch.

Kneipe als Gegenöffentlichkeit Die ersten Erfahrungen wurden auf dem Tunix-Kongress diskutiert, etwa unter dem Titel: "Linke Kneipen - Abfüllstation oder Gegenöffentlichkeit: Berichte von Berliner Kneipenkollektiven aus ihrer mehr oder weniger feuchten Praxis."

Ansonsten zeigt das Programm von Tunix, wie weit wir damals der Zeit - beziehungsweise der Gesellschaft und ihrem Mainstream - voraus waren: Unter dem Motto "Rosa glänzt der Mond von Tunix" wurden "Sketche und Diskussionen über das Problem" angekündigt, "wenn du nicht nur 'n Linker bist, sondern auch noch schwul (oder auch umgekehrt)." Es trafen sich Männer, die bald die ersten Paraden zum "Christopher Street Day" organisierten, zu denen heute der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, aufruft.

Frauen diskutierten über "Feminismus und Ökologie"; in der Arbeitsgruppe "Alternative Energiegewinnung" sprachen Aktivisten darüber, wie sich Wind- und Sonnenenergie propagieren und durchsetzen ließen.

Beweglich und innovativ

Bei Wikipedia lässt sich heute nachlesen, dass sich 15.000 bis 20.000 Tunixe in Berlin versammelt hätten. Das ist weit übertrieben; es waren vielleicht 5000. Doch sie standen für ein bewegliches und innovatives Milieu, das in den folgenden Jahren schnell wuchs.

Der einzige etablierte Politiker, der bei Tunix auftauchte, war der spätere SPD-Generalsekretär und damalige West-Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz. Er hatte erkannt, dass sich in Berlin (West), aber auch anderen westdeutschen Großstädten, eine radikal-alternative Parallelgesellschaft zu entwickeln begann und inszenierte nun den Dialog mit ihren Vertretern. Von "zwei Kulturen" sprach Glotz. Für uns allerdings begann mit Tunix der Aufbruch in die Alternativszene. In diesem Milieu fiel dann der Startschuss für Projekte die dann tatsächlich die Republik veränderten - für die taz, vor allem für die Partei "Die Grünen", aber auch für zahlreiche Öko-Bauernhöfe oder Tüftlerkollektive, die an Solaranlagen und Windrädern herumzuschrauben begannen.

Dass unser Sponti-Aufbruch letztlich zu einem langen Marsch zurück in die Gesellschaft werden würde, hätte ich allerdings in den Tagen von Tunix wütend dementiert.

Die taz lädt am Sonntag, den 27. Januar ab 19 Uhr zur Diskussion mit einstigen Tunix- Initiatoren in das "tazcafe", Kochstraße 18 in Berlin-Kreuzberg.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Andreas Kramm 25.01.2008
Tunix hat sich als falscher Begriff erwiesen. Es wurde eine Menge getan. Vieles davon besteht. Die Szene hatte sich weitgehend von RAF und anderen Machtkomplexbesessen befreit und begann zu atmen, ganz neu auch das Leben zu genießen.Es war eine Explosion der Fantasie, der Lebensfreude, kreativer Ideen, Vernetzungen, gezeugter Kinder und alternativen Projekt- und Betriebsgründungen. Viel nachhaltiger als die 68ger. Aber ohne die hätte es Tunix und Folgen auch nicht gegeben. Bestehen geblieben sind die Gründungen, die selbstverantwortliche, teamfähige Mitglieder hatten.Aus Tunix wurde Tuwas. Bis heute.
2.
Thorsten Kellermann 25.01.2008
Lieber Herr Sontheimer Nur ein kleiener Hinweis. Im Bild 10 auf dem Herr Schilly zusammen mit Herrn Stroebele zu sehen ist, enthaelt die Bildunterschrift einen Fehler. Herr Schilly wurde Bundesinnenminister nicht Bundesjustizminister, dies waren Frau Daeubler-Gmelin und Frau Zypris.
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