Sozialistische Architektur Schlachtschiffe des Kommunismus

Sozialistische Architektur: Schlachtschiffe des Kommunismus Fotos
Roman Bezjak/Hatje Cantz Verlag

Gigantische Betonkonstruktionen, schier endlose Plattenbauten: Fünf Jahre lang reiste Roman Bezjak durch Osteuropa, um die sozialistische Architektur der Nachkriegszeit festzuhalten. Dabei köpfte der Fotograf schon mal einen Fernsehturm - und sorgt für so manchen Schockmoment. Von

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Fremdartig wie das Schlachtschiff außerirdischer Invasoren und unwirklich wie ein Photoshop-Experiment eines größenwahnsinnigen Architekten wirkt das Gebäude auf dem Bild. Es drängt förmlich aus der Häuserzeile hervor. Links ein unauffälliges Fünfziger-Jahre-Mehrfamilienhaus, rechts ein lindgrünes Jahrhundertwendegebäude mit einer gefälligen klassizistischen Fassade - und dazwischen dieses architektonische Monstrum. Grau, massiv, bedrohlich. Tiefe Einschnitte hüllen Teile der Front in pechschwarze Schatten, tonnenschwer ragen die oberen Stockwerke über Bürgersteig und Straße.

Die Aufnahme zeigt die Slowakische Nationalgalerie in Bratislava in der ehemaligen Tschechoslowakei. Mit dem Bau wurde 1969 begonnen, wenige Monate nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes, als Tschecien und die Slowakei noch einen gemeinsamen Staat bildeten. Es ist ein Relikt des sowjetischen Systems, ein Stück kommunistischer Herrschaftsarchitektur.

Das Foto befindet sich in dem Buch "Socialist Modernism - Archäologie einer Zeit" von Roman Bezjak. Fünf Jahre lang reiste der Professor für Fotografie an der FH Bielefeld immer wieder nach Osteuropa, um Zeugnisse der sozialistischen Bauweise aufzuspüren. Nun hat er Sie in dem großformatigen Bildband versammelt. Die Beispiele für Nachkriegsarchitektur dokumentierte er unter anderem in Polen, Litauen, Serbien, Ungarn, der Ukraine und Georgien.

Dabei versammelt Bezjak ganz unterschiedliche Bauten. Repräsentationsarchitektur wie die Nationalgalerie in Bratislava, mit denen der Kommunismus mit üppiger Formensprache, gigantischen Ausmaßen und Konstruktionen wie aus einem Science-Fiction-Film vor der Welt seine visionäre Energie präsentieren wollte. Aber eben auch Plattenbausiedlungen und die blassen Fassaden von Mehrzweckhallen und Einkaufszentren, die mit ihren billig in Fabriken gefertigten Betonelementen von Armut und trostloser Gleichförmigkeit erzählen.

Bauten, die den Bildrahmen sprengen

Die Idee zu dem Mammutprojekt kam ihm, als er in den neunziger Jahren als Fotoreporter durch die Länder reiste. "Ich war schon immer von diesen Gebäuden fasziniert", sagt Bezjak, "wusste aber nicht, wie ich sie ins Bild setzen sollte." Im Rahmen der Aufträge von "Merian", "FAZ", "Geo" und DER SPIEGEL sei diese Architektur immer Sinnbild für die schwierigen sozialen Verhältnisse im Land gewesen. Fragt man Bezjak, was er mit seinem Projekt zeigen wollte, lautet die erste Antwort des Fotografen, er wolle den ästhetischen Reiz der Bauten in den Vordergrund zu rücken. Vom Betrachter wünscht er sich einen "ideologisch nicht kontaminierten Blick".

Dennoch lässt Bezjak die Architektur nicht unkommentiert. Für seine Serie erlegte er sich selbst ein strenges formales Programm auf. Er fotografierte alle Gebäude mit einer Großbildkamera und dem immer gleichen Objektiv. "Alles, was in diesen Bildausschnitt passte - von den Ausmaßen der Gebäude, beziehungsweise von der Möglichkeit, sich von ihnen zu entfernen - habe ich fotografiert, den ganzen Rest nicht."

So entstanden Bilder, wie man sie in keiner Reisereportage finden kann. Keine Fotos, die versuchen, den Größenwahn der Architektur irgendwie auf eine für das Auge verdauliche Größe zu schrumpfen. Keine Bilder, die sich ganz der Faszination über die schiere Größe der Architektur hingeben, wie es etwa der vor kurzem erschienene Bildband "Cosmic Communist Constructions" des französischen Fotografen Frédéric Chaubin, tut. Bei Bezjak sprengen die Bauten regelrecht den Bildrahmen.

So stutzt er etwa den rund 370 Meter hohen Fernsehturm von Riga zu einem flachen, grauen Versorgungsbungalow, von dem drei gigantische Streben aufragen, die wenige dutzend Meter darüber jäh in einer rostroten Konstruktion enden, weil der obere Bildrand des Querformats sie abschneidet. Aus einem der größten Funktürme der Welt wird ein sinnentleerter Architekturstumpf. Eingefangen nicht mit dem Objektiv eines Fotografen, der spektakuläre Riesenhaftigkeit zeigen will, sondern wie mit dem flüchtigen Blick eines Spaziergängers, für den dieser Anblick Alltag ist.

Schockmoment auf den zweiten Blick

Mit den Mitteln des Flaneurs fand er auch viele seiner Motive in den Städten, die er bereiste: "Es war relativ intuitiv. Ich stieg irgendwo hoch, von wo man einen Überblick über die Stadt hatte und dann sah ich die meisten dieser Bauten schon." Für die Fotos begab er sich dann aber wieder hinunter auf den Bürgersteig. Oft von der gegenüberliegenden Straßenseite fotografiert, vollziehen seine Aufnahmen den Blick eines Passanten nach, wie es auch der Journalist Till Briegleb in einem der Begleittexte zu Bezjaks Band beobachtet.

So bekommen viele der Motive etwas Beiläufiges. Die Flucht einer endlos erscheinenden "Platte" in Danzig gerät zu einer augenschmeichelnd gemusterten Oberfläche, die floralen Ornamente auf einer Veranstaltungshalle in Chemnitz werden zum schicken Dekor. Doch hinter dieser vordergründigen Ästhetik lauern immer wieder Schockmomente.

Am eindrücklichsten wird dies bei zwei beschädigten Bauten deutlich. Mit ihrem ruinösen Look, den Löchern in der Fassade, verführen sie sicher manchen Betrachter im ersten Augenblick dazu, den Verfall und die Unaufgeräumtheit des Ostens romantisch zu verklären. Wandert der Blick allerdings hinunter zur Bildunterschrift, wird man mit der Geschichte der Orte konfrontiert: Die Fotos sind in Belgrad und Sarajewo entstanden. Die Beschädigungen stammen von Bomben und Granatsplittern.

Gescheitertes System - und Heimat

Bei einigen Kollegen in Osteuropa stieß Bezjak mit seinen Bildern wiederholt auf Unverständnis. Manche seien fassungslos, dass man die "Platten" und Prunkbauten des Sozialismus überhaupt fotografieren könne, sagt der Fotograf, "die wollen nicht, dass diese Gebäude so betrachtet werden und verstehen nicht, warum man sich mit dem Phänomen beschäftigt." Gerade für ältere Kollegen wäre es, als würde man nachträglich versuchen, den Sozialismus zu rehabilitieren.

Die Frage, wie kritisch er bei dem Projekt sein müsse, stellte sich auch Bezjak am Anfang seiner jahrelangen Arbeit. Und er entschied sich dagegen, in seinen Bildern den Zeigefinger zu erheben. Seine Begründung: "Ein Band, der nur darauf aus gewesen wäre, zu zeigen, wie schrecklich und menschenunwürdig das alles war, ist der hegemoniale Blick des sich überlegen fühlenden Westens auf den Osten."

Zudem ist die Nachkriegsmoderne in Westeuropa mitunter nicht von der Architektur des Sozialismus zu unterscheiden. Man denke nur an die Horten-Einkaufszentren mit ihren gleichförmigen, von Egon Eiermann designten Kachelfassaden.

Er selbst wuchs in Gebäuden auf, die denen, die er nun für den Band fotografiert hat, nicht unähnlich gewesen seien, sagt Bezjak. Mit seinen Eltern zog er Mitte der Sechziger im Alter von drei Jahren aus Jugoslawien in die Kleinstadt Hilden bei Düsseldorf und lebte dort in einer Siedlung am Stadtrand. Es ist ihm wohl auch deshalb so wichtig, in seinem Band zu zeigen, dass diese Bauten für die Menschen, die dort leben, nicht nur die Relikte eines gescheiterten Systems sind, sondern auch Heimat bedeuten. "Und die lässt sich nicht an ästhetischen oder sozialen Kategorien messen, sondern an Erinnerungen."

Zum Weiterlesen:

Roman Bezjak: "Socialist Modernism - Archäologie einer Zeit", Hatje Cantz Verlag, 2011, 160 Seiten.

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1.
Siegfried Wittenburg 14.07.2011
Eben dachte ich, ich gucke nicht richtig. Beim Scrollen dieses Beitrags fiel mir unten auf der Seite ein weiteres "Schlachtschiff" auf. Doch das war eine Anzeige für ein Hotel auf Mallorca. 299 Euro. Zum Verwechseln ähnlich. Nun ist sie weg.
2.
Alexander Dittrich 14.07.2011
Meines Erachtens handelt es sich bei Bild 15 um das Hotel MUROM in Most. Oder wurde das zwischenzeitlich umbenannt?
3.
Andreas Hübner 14.07.2011
Die Gebäude am Leipziger Brühl stehen schon seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr dort. Schade, für mich hat auch das zu Leipzig und zum Stadtbild gehört. Jetzt kommt da das tausendste Einkaufszentrum hin; wenigstens wird aber die "Blechbüchse" (links hinten im Bild) erhalten.
4.
gode nehler 14.07.2011
Dieser Artikel äußert sich sehr negativ über Osteuropäische Architektur. Dieser Artikel hat für mich die Tendenz, die Osteuropäsche Kultur (Komunismus) schlechter darzustellen als Westeuropäsche Kultur. Für mich ist der unterschied jedoch nicht alzugroß, außer das die Westeuropäischen Bauten entweder besser gepfegt sind, oder die Bausünden schon wieder abgerissen werden. Ich stimme zu, dass die Umgebung der Gebäude und die Gebäude selber nicht gut gepflegt sind. Aber die Westdeutschen Bausünden sehen nicht besser aus. Das Verwaltungsgebäude des Ministeriums für Straßenbau hat für mich verblüffende ähnlichkeit mit der neue Landesbank in Hannover. Die von Ihnen gezeige Cascade kann es Durchaus mit dem Ihmezentrum in Hannover aufnehmen. Und die Magdeburger und Dresdener Kaufhäuser unterscheiden sich für mich nicht alzusehr von der Eiermann Fasade von Horten, die meines wissens unter Denkmalschutz steht.
5.
Un Bekannt 14.07.2011
Die Bilder sind alle offenbar absichtlich bei bedecktem Himmel gemacht und die fotografierten Objekte wortwörtlich in schlechtes Licht gerückt worden. Bei Sonnenschein sähen viele sicherlich ganz anders aus. Einige Bauten wie 6 und 15 wirken futuristisch und könnten als Kulisse eines Science-Fiction-Filmes dienen. Bild 2 erinnert an einen berühmten futuristischen Architekturentwurf der frühen Sowjetunion, der damals nicht verwirklicht werden konnte. Es handelt sich hier allesamt um Bauwerke der Klassischen Moderne, die als sozialistische Monumentalarchitektur diffamiert werden. Tatsächlich wurde der von Stalin geforderte und als typisch sozialistische geltende "Zuckerbäckerstil" schon in den 50er Jahren aufgegeben und ist auf keinem Bild zu sehen. Der hier dargestellte Stil war von den 50er bis in die 80er Jahre international verbreitet und nicht auf den realsozialistischen Wirtschaftsraum beschränkt.
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