Space-Shuttle-Erstflug Traumschiff im All

Space-Shuttle-Erstflug: Traumschiff im All Fotos
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Stolperstart in eine neue Ära: Vor 30 Jahren flog der erste Space Shuttle ins Weltall. Die "Columbia" sollte die USA wieder an die Weltspitze der Raumfahrt katapultieren - doch das Megaprojekt erfüllte die Erwartungen nie. Weil das Programm vor allem billig sein sollte, waren die späteren Katastrophen programmiert. Von Christoph Seidler

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Als die US-Raumfähre "Columbia" am 12. April 1981 vom Kennedy Space Center in Florida zu ihrem ersten Flug ins All abhob, hatte sie mehr als nur ihre Nutzlast geladen. Auf dem ersten Shuttle-Flug in der Geschichte der Raumfahrt trug die Raumfähre die Erwartungen und Hoffnungen einer ganzen Nation.

Mit der "Columbia" wollte die Nasa ein neues Kapitel in der Geschichte der Raumfahrt aufschlagen. Amerika hatte fast sechs Jahre lang keinen Menschen mehr ins All geschossen, Erfolge im Weltraum vermeldeten nur die Sowjets. Nun sollten Astronauten mit wiederverwendbaren Shuttles ins All fliegen. Und gleich bei der ersten Erprobung des neuen Fluggeräts im Orbit waren Menschen an Bord.

Vom "kühnsten Testflug der Geschichte" sprach die US-Weltraumbehörde Nasa, das ganz in weiß lackierte Gefährt auf Startplatz 39A des Kennedy Space Center sollte die Amerikaner im "Space Race" mit der Sowjetunion wieder in Führung bringen. Und ganz nebenbei wollte die Nasa zukünftige Reisen in den Weltraum billiger machen: Alle 14 Tage sollten die Raumfähren im Regelbetrieb abheben. So zumindest der Plan.

"Das ehrgeizigste und vielseitigste Raumfahrzeug"

Das Shuttle-Projekt wurde vom ganzen Land mit Spannung erwartet. "'Columbia' ist das ehrgeizigste und vielseitigste Raumfahrzeug, das jemals ausgetüftelt wurde", jubelte das "Time Magazine" zum Start. In einem Science-Fiction-Film, so das Magazin, könne das Ensemble aus Raumfähre, Tank und den beiden Feststoffraketen durchaus als "intergalaktisches Hilton-Hotel" durchgehen.

Mit John Young hatte die Nasa einen ganz besonderen Commander für den Jungfernflug ihres Hoffnungsträgers gewählt. Der "Apollo"-Mondfahrer war mit 51 zwar nicht mehr der jüngste, wohl aber der erfahrenste Astronaut der Behörde. Ihm zur Seite gestellt wurde der acht Jahre jüngere Raumfahrtneuling Bob Crippen.

Es war ein Traumstart mit Hindernissen. Immer wieder musste der Countdown verschoben werden. Vor allem die 30.761 Hitzeschutzkacheln der "Columbia", die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre dafür sorgen sollten, dass der Shuttle nicht verglüht, machten den Ingenieuren zu schaffen. Wegen Problemen beim Hersteller Rockwell war der Shuttle mit einem halbfertigen Hitzeschild an die Nasa ausgeliefert worden, rund 6000 Kacheln fehlten. Für den Überführungsflug auf einer umgebauten Boeing 747 waren diese zunächst durch Platzhalter ersetzt worden.

Sieben Stunden im Cockpit - und doch kein Start

Bei ersten Testflügen in der Atmosphäre löste sich zudem ein Teil der echten Kacheln ab, weitere wurden beschädigt. Der Bug der Raumfähre sehe aus wie die Brust eines im Kampf zerzausten Vogels, lästerten Journalisten. Das anschließende Ablösen und Ersetzen der Kacheln war sehr mühevoll - und eine monatelange Startverzögerung die Folge.

Zusätzlich gab es Probleme bei Testzündungen des Haupttriebwerks. Und schließlich sorgte auch noch der riesige Außentank für Scherereien. Bei einer Probebetankung im Januar 1981 platzten große Teile der Schaumstoffisolierung ab. Als auch diese Widrigkeiten überwunden waren, verhinderte ein überforderter Steuerungscomputer den Start. Young und Crippen lagen zu diesem Zeitpunkt schon seit sieben Stunden im Cockpit und mussten frustriert wieder aussteigen. "Verdient die Raumfähre die silberne Zitrone?", lästerte das Magazin "U.S. News & World Report" - und spielte damit auf die Anti-Auszeichnung an, mit der Autoclubs besonders miese Modelle bedenken.

Der gelungene Start der "Columbia" am 12. April 1981 ließ die Kritiker verstummen. Eine Million Schaulustige sahen der höllisch lärmenden Flugmaschine beim Abheben zu. 2000 Reporter schickten die Nachricht von Amerikas kosmischer Rückkehr in die Welt hinaus - und geschätzte 500 Millionen Fernsehzuschauer sahen dem Shuttle zu.

"Die Nase beträchtlich vorn"

"Mensch, was für ein Flug! Was für ein Anblick!", jubelte Weltraum-Neuling Crippen. "Wir hoffen, die Reise gefällt euch", antwortete die Missionskontrolle. Die Fähre schraubte sich in 245 Kilometer Höhe, warf Feststoffraketen und den Zusatztank ab. "Wir haben jetzt die Nase wieder beträchtlich vorn", tönte ein Nasa-Sprecher. Doch während sich Amerika in einem patriotischen Rausch auf die Schultern klopfte, machten sich die Ingenieure der Raumfahrtbehörde im Stillen Sorgen.

"Der Startturm", berichtete ein Beobachter, "sieht teilweise aus, als hätte in der Nähe eine Atombombe eingeschlagen." Stellenweise glich das Gerüst, das die Raumfähre vor dem Start gehalten hatte, einer abgebrannten Fabrikhalle. Kabel waren verkohlt, außerdem hatte die Wucht des Starts manche Teile Hunderte Meter weit weggeschleudert. Spätere Analysen zeigten, dass die Verwüstungen durch die Haupttriebwerke des Shuttles doch nicht ganz so verheerend waren wie zunächst vermutet. Trotz allem musste der Startturm mit Millionenaufwand nachgerüstet werden.

Außerdem hatten sich durch die ungeheuren Kräfte und Vibrationen beim Start 16 Hitzeschutzkacheln abgelöst, weitere 148 waren zumindest zum Teil beschädigt. Bang fragte man sich in der Raumfahrtbehörde: Würde der Raumgleiter den Feuerritt durch die Erdatmosphäre bei der Rückkehr überstehen? Während ihrer zweiten Nacht im All schreckte dann noch ein weiterer Alarm die Shuttle-Crew auf. Ein Aggregat, das bei der Landung Druck auf die Ruderflächen ausüben sollte, war zu kalt geworden.

Pfennigfuchserei und Wahlkampf

Schuld an den Pannen war in den Augen vieler Nasa-Techniker nicht zuletzt die Sparwut beim Shuttle-Programm. "Ein technologisch derart schwieriges Programm mit Pfennigfuchserei angehen zu wollen - das war einfach dumm", erklärte ein Mitarbeiter nach seinem Ausscheiden aus der Behörde.

Eigentlich wollte die Nasa nach dem Ende des "Apollo"-Programms einen wiederverwendbaren All-Transporter zur Versorgung geplanter Raumstationen entwickeln. Doch die Präsidenten Lyndon B. Johnson und Richard Nixon hatten innenpolitisch und in Vietnam andere Probleme. In der Hoffnung, mit der Schaffung von Arbeitsplätzen beim Wahlvolk zu punkten, autorisierte Nixon dann im Januar 1972 doch ein Programm zur Entwicklung eines Raumgleiters. Doch der halbherzige Beschluss setzte einen extrem engen Kostenrahmen. Die Nasa akzeptierte - aus Angst, sonst komplett mit leeren Händen dazustehen.

"Billig, billig, billig", das war die Maxime des Shuttle-Programms. Es war eine Einstellung, die im Lauf der Jahre 14 Menschen mit dem Leben bezahlten. Unter anderem, weil ein Reparaturset für den Austausch defekter Kacheln im Weltraum lange Zeit aus Kostengründen nicht realisiert wurde. Auch ein Mechanismus, der die Crew im Fall von Startproblemen aus der Fähre in Sicherheit befördern kann, wurde aus Geldmangel eingespart. Dabei blieben auch die geplanten Einsparungen durch die wiederverwendbare Raumfähre ein Hirngespinst. Ein Start des Shuttles ist heute mit rund 500 Millionen Dollar ungefähr fünf Mal so teuer wie eine Rakete ähnlicher Tragekapazität.

Eine erste Testversion der Raumfähre wurde der Öffentlichkeit im September 1976 präsentiert. Eigentlich sollte das Testvehikel den Namen "Constitution" tragen, um an den 200. Jahrestag der US-Verfassung zu erinnern. Doch die Gemeinde der "Star Trek"-Fans hatte anderes im Sinn. Mit einer Postkartenkampagne brachte sie das Weiße Haus dazu, die Raumfähre "Enterprise" zu nennen.

Das Trauma der Raumfahrtnation

Dem Testmodell fehlte noch der schützende Hitzeschild. Und weil Ingenieure sich auch noch mit der Konstruktion des Haupttriebwerks herumplagten, war an seiner Stelle eine aerodynamische Triebwerksverkleidung am Heck der "Enterprise" angebracht. Genutzt wurde die Fähre für antriebslose Flugversuche in der Atmosphäre, bei denen die letzten Minuten eines Shuttle-Flugs simuliert wurden.

Das "Shuttle Carrier Aircraft" brachte die Test-Raumfähre mit zwei Mann Besatzung dazu in rund neun Kilometer Höhe. Zwischen August und Oktober 1977 wurden insgesamt fünf Freiflugversuche auf der kalifornischen Edwards Airforce Base nahe Los Angeles durchgeführt. Und alle fünf bestand die "Enterprise" mit Bravour, die Piloten zeigten sich begeistert. Jedes Mal war die Fähre unterschiedlich beladen. Und stets flog sie sich gut.

Die "Enterprise" hob nie ins All ab, stattdessen brach die "Columbia" zur historischen ersten Reise auf. Zwei Tage, sechs Stunden und einundzwanzig Minuten dauerte der erste Flug. 36 Mal umrundeten Fähre und Crew dabei die Erde, bis sie nach 1,7 Millionen Kilometern im All wieder auf der Landebahn der Edwards Air Force Base aufsetzten. Die Nasa-Planer hatten diesen ausgetrockneten Salzsee gewählt, weil die Raumfähre hier einen besonders langen Auslauf hat. Die Landung in einer Staubwolke klappte prächtig. Die Shuttle-Ära konnte beginnen.

"Der Erstflug zeigte, dass die Amerikaner trotz sechsjähriger Abstinenz in der bemannten Raumfahrt ihren raumfahrttechnischen Vorsprung gegenüber den Sowjets beibehalten haben", lobte der SPIEGEL nach der erfolgreichen Landung. US-Präsident Ronald Reagan wurde pathetisch: "Dank euch", ließ er die beiden Shuttle-Astronauten wissen, "können wir uns alle wieder wie Giganten fühlen."

Dieses Lob sollte fünf Jahre halten. Dann stellte die "Challenger"-Katastrophe das Shuttle-Programm in Frage und traumatisierte die Raumfahrtnation USA. Die allzu optimistischen Prognosen für die Zahl der Shuttle-Starts hatte die Nasa schon nach den Flügen korrigieren müssen. So dauerte die Wiederinstandsetzung eines gelandeten Shuttles im Schnitt nicht wie angenommen zehn, sondern 67 Tage. Im Rekordjahr 1985 kamen vier Raumfähren auf neun Missionen - noch nicht einmal ein Fünftel der ursprünglich veranschlagten Menge.

Nach dem "Columbia"-Absturz im Februar 2003 war auch das verbliebene Vertrauen in die Technologie der Raumgleiter dahin. Der Unfall sei "kein zufälliges Ereignis, sondern ein Produkt der Geschichte des Space Shuttle und aktueller Managementprozesse", urteilte eine Untersuchungskommission. Vom Gigantismus von einst ist seither trotz insgesamt rund 130 erfolgreicher Shuttle-Starts nichts mehr zu spüren. Die Raumfähren werden in diesem Jahr endgültig in die Technikmuseen Amerikas wandern. Was bleibt, ist eine internationale Raumstation, die einstweilen nur von russischen Astronauten-Transportern angeflogen wird. Und ein bisschen Wehmut, dass alles so anders gekommen ist, als sie damals glaubten, am 12. April 1981.

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