Spätes Weltkriegsende Der einsame Kampf des Soldaten Yokoi

Spätes Weltkriegsende: Der einsame Kampf des Soldaten Yokoi Fotos
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Sein Zuhause war ein dunkles Erdloch, seine Kleidung aus Baumrinde: Im Zweiten Weltkrieg verschanzte sich Shoichi Yokoi im Dschungel von Guam. Erst Jahrzehnte später wurde der Elitesoldat entdeckt, Japan feierte ihn als Helden. Doch er selbst schämte sich - weil er überlebt hatte. Von

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Dass er überlebt hatte, war dem Mann mit den ungepflegten, zersausten Haaren, der vor Dreck strotzenden Hose und dem wilden Bart sichtlich unangenehm. Der Tod wäre ihm lieber gewesen. Dabei war Shoichi Yokoi gerade der Hölle entkommen.

Fast drei Jahrzehnte hatte sich der Japaner im lebensfeindlichen Dschungel von Guam durchgeschlagen. Er aß Schnecken, Frösche, Vögel und Ratten; Rattenleber war für ihn schon eine kleine Delikatesse. In der Dämmerung ging er auf die Jagd, tagsüber kroch er in eine zwei mal vier Meter kleine Erdhöhle, die er sich in monatelanger Arbeit gebuddelt hatte. Um nicht verrückt zu werden, summte er ab und an ein Lied, denn Menschen hatte Shoichi Yokoi schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.

Seine Freunde, seine Familie, alle hielten ihn für tot. Und das bereits seit 1944.

Doch dann kam dieser 24. Januar 1972 vor 40 Jahren, und plötzlich gab es ein Lebenszeichen des Totgesagten: Shoichi Yokoi, so hieß es aus der fernen Pazifikinsel Guam, sei von zwei Fischern, die wie er auf der Jagd nach Flusskrebsen waren, entdeckt und aus der Wildnis gebracht worden.

Ewiger Krieg

Aber was sagte der Gerettete wenig später bei seiner Ankunft in Japan? "Es ist mir sehr peinlich, lebend zurückzukehren." Es war ein Satz, der Yokoi mit einem Schlag weltberühmt machte, der seine Heimat spaltete und der viele Japaner ebenso faszinierte wie abstieß.

Denn Yokoi war zwar körperlich im Japan der siebziger Jahre angekommen, mental befand er sich jedoch immer noch in den vierziger Jahren. Und da tobte der Zweite Weltkrieg und er, Shoichi Yokoi, war Sergeant der 29. Mandschurei-Division, einer japanischen Elite-Einheit, die 1943 in Guam eingesetzt wurde. Doch während die Amerikaner damals nach monatelangen heftigen Gefechten die Insel nach und nach unter ihre Kontrolle bekamen, während etwa 22.000 Japaner starben oder in Kriegsgefangenschaft gerieten, versteckten sich Yokoi und ein paar Kameraden tief im Dschungel Guams.

Für sie war klar: Sie würden kämpfen bis zum Schluss, sie würden im Gefecht den ehrenhaften Tod suchen - nur eines würden sie nicht tun: sich stellen. Lebendig in Kriegsgefangenschaft zu geraten galt als Schande und Verrat am Vaterland. So sehr hatte Shoichi Yokoi den Wertekanon des Militärs verinnerlicht, dass er sich noch daran hielt, als der Krieg Jahrzehnte vorbei war und die kaiserliche Armee längst kapituliert hatte.

Zurück in die Zukunft

Nein, aufgeben war nie eine Option gewesen. Und so machte Yokoi weiter, auch 1952, als er einen Flugzettel im Dschungel fand, der über das Kriegsende informierte. Oder 1964, als seine letzten beiden Kriegskameraden im Dschungel verhungerten und er alleine zurückblieb. Und er hat sich gewehrt, 1972, als ihn die beiden Fischer am Fluss überraschten. Er griff diese ersten Menschen, die er seit Jahren zu Gesicht bekam, sogar an. Doch nach der langen Zeit in der grünen Hölle war der inzwischen 56-Jährige schwach und konnte rasch überwältigt werden.

Jetzt, wenige Wochen danach, hieß es: Zurück in die Zukunft! Wie bei einer Zeitreise in einem Hollywood-Film landete Yokoi plötzlich in einem Japan, das sich nach dem Krieg so rasant verändert hatte, dass es ihm wie eine fremde Welt erscheinen musste. Yokois Rückkehr war ein Zusammenprall der Kulturen: Hier der stramme Soldat, dem antiquierten militärischem Wertverständnis verhaftet, da seine Heimat, eine boomende, glitzernde Wirtschaftsnation, das Land der günstigen Autos und modernen Fernseher - eine Technik, die der Zurückgekehrte noch nie gesehen hatte.

So etwas konnte nicht gutgehen. Das zeigte sich schon, als Shoichi Yokoi es als Schande empfand, als Weltkriegsverlierer lebend in seine Heimat zurückzukehren. Und er beließ es nicht dabei. Bedauernd sagte er, dass Japan den Weltkrieg nur wegen "materieller Unterlegenheit" verloren hatte. In einem "neuen Krieg" fuhr er fort, könne er, Yokoi, seinem Land mit seiner Dschungel-Expertise wertvolle Ratschläge geben. Zudem empörte sich der Rückkehrer darüber, dass der Kaiser, dem er "auf Ewigkeiten" seine Dienste anbot, nicht mehr als Gott verehrt werde. Schlimmer fand er noch die Fotos des Kaisers in bunten Illustrierten, in denen mitunter auch spärlich bekleidete Frauen abgebildet sind - das sei "entwürdigend".

Besuch am eigenen Grab

Entwürdigend und beschämend empfanden aber besonders junge und intellektuelle Japaner die Worte des nun berühmtesten Soldaten des Landes. Der späte Kriegsheimkehrer erinnert an eine Zeit, die in der japanischen Gesellschaft noch nicht besonders gut aufgearbeitet war. Und jetzt bekam der "Irre aus Guam", wie die deutsche Zeitung "Konkret" Yokoi nannte, auch noch Applaus von den Nationalkonservativen.

Doch abseits dieser ideologischen Lagerkämpfe gab es aber auch viele Japaner, die Yokoi einfach deshalb bewunderten, weil er schier Übermenschliches vollbracht hatte. Und sie bereiteten ihm bei seiner Ankunft aus Guam am Flughafen von Tokio einen rauschenden Empfang. Nationalflaggen schwenkend warteten 5000 Japaner auf den neuen Volkshelden, der von seinen Emotionen übermannt wurde. Das nationale Fernsehen übertrug live, das Event wurde zum Straßenfeger: Gebannt saßen 70 Millionen Japaner vor ihren TV-Geräten - sogar mehr als zweieinhalb Jahre zuvor bei Neil Armstrongs berühmten Mondspaziergang.

Binnen weniger Wochen hatten die Japaner umgerechnet etwa 100.000 Euro für den mittellosen Rückkehrer gespendet. Auch vor Heiratsanfragen konnte sich der neue Star kaum retten. Und als er den bitteren Gang in sein Heimatdorf Nagoya antrat - seine Eltern waren längst verstorben, es lebte nur noch der Neffe seiner Mutter - standen wieder 2000 Menschen begeistert Spalier. Danach besuchte Yokoi sein eigenes Grab. Auf dem verwitterten Grabstein des örtlichen Friedhofs stand: Gestorben 1944, Guam.

Der Meister der Baumrinde

Kaum ein Tag verging, an denen die Zeitungen nicht über Yokoi berichteten: 83 Tage blieb er in einem Krankenhaus in Tokio, und die ganze Nation fragte sich: Wie konnte dieser Mann nahezu kerngesund zurückkehren?

Bereitwillig erklärte der Sonderling das, was für ihn 28 Jahre selbstverständlich gewesen war: Dass er Feuer erst mit der Linse einer Taschenlampe machte und später, als er sie verloren hatte, stundenlang Holzstöckchen aneinanderrieb. Dass er in der Regenzeit oft kein Feuer machen konnte und nur Rohes aß: Flusskrebse, Früchte, Nüsse.

Und besonders, dass Zeit eine ganze andere Bedeutung in seinem selbst gewählten Exil hatte: Zwei Jahre brauchte Yokoi, ein gelernter Schneider, um sich aus dünnen Fasern der Rinde des Pago-Baumes eine Hose und ein Hemd zusammenzunähen; eine Schere gehörte zu seiner Ausrüstung, die Nadeln bastelte er sich aus Dornen. Insgesamt drei Garnituren schneiderte er sich, die Jacken hatten sogar Knöpfe und Taschen. Monate brauchte er auch, um sich seine gute getarnte und nicht mal ein Meter hohe Höhle unter einem Bambusbusch zu graben und sie sogar mit einer Toilette auszustatten.

Dialog unter Dschungelkriegern

So unglaublich diese Lebensgeschichte auch klang, sie war dennoch kein Einzelfall. Monate-, oft jahrelang hielten sich noch Tausende Japaner in den entlegenen Regionen des Pazifik-Kriegsschauplatzes auf. Manche aus Unwissen und Angst, als Deserteur verurteilt zu werden, manche aus einem archaischen Ehrverständnis. 1960 berechnete das für Kriegsvermisste zuständige Wohlfahrtsministerium, dass vermutlich noch 2370 Japaner ihren persönlichen Krieg weiterführten. Deshalb warf die japanische Regierung über den Dschungelgebieten ehemaliger Kriegsgebiete Flugblätter ab, die über die Kapitulation informierten.

Yokoi war der berühmteste, weil der beharrlichste dieser einsamen Krieger, auch wenn er schon der dritte Soldat war, der aus dem Dschungel von Guam kroch. 1960 hatten die Soldaten Bunzo Managawa und Tadashi Itoo ihren langen Kampf aufgegeben. Sie waren sogar zeitweise Weggefährten Yokois gewesen - bis der beschloss, dass es sicherer sei, sich in Kleinstgruppen aufzuteilen.

Als Yokoi seinen Kameraden Managawa wenige Tage nach seiner Rückkehr im Beisein japanischer Reporter traf, entspann sich ein Dialog, wie ihn wohl nur Dschungelkrieger führen können:

Managawa: Im Juli 1944 waren Sie mein Chef. Es ist mir eine große Freude, Sie lebend wiederzusehen. Wo waren Sie genau?

Yokoi: Neben dieser Böschung.

Managawa: In der Nähe der Bananenstauden?

Yokoi: Genau.

Rückkehr ins Leben

Zwei Jahre später wurde Yokoi langsam von einem Landsmann aus den Schlagzeilen verdrängt, der auf der philippinischen Vulkaninsel Lubang noch länger weitergekämpft hatte: Hiroo Onoda. Der Leutnant hatte in den Jahrzehnten nach dem Krieg noch 39 Menschen getötet und 100 verletzt - das behaupteten zumindest die Einheimischen. Erst als Onodas früherer Truppenkommandeur extra auf das Eiland geflogen wurde und das Ende des Kampfs befahl, gab er auf.

Als Onoda unter großem Medienwirbel nach Japan zurückkehrte, hatte sich Yokoi schon wieder an die Zivilisation gewöhnt. Er schrieb Ratgeber für das Überleben in der Wildnis und gab Kurse für gesunde Ernährung.

Vielleicht ist es das Erstaunlichste an seiner Geschichte, wie anpassungsfähig er wieder war: Nur sechs Monate nach seiner Rückkehr heiratete er und führte bis zu seinem Tod 1997 weitere 25 Jahre lang sein zweites Leben - fast so lange wie einst im Dschungel.

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1.
Jonas Kürten 24.01.2012
Zitat der Beschreibung von Bild Nr. 6:"Suchtrupp: US-Marines auf der Suche nach einem Scharfschützen der japanischen Armee, der sich weigerte, die Kapitulation seines Landes anzuerkennen und sich in einer Höhle nahe der Küste versteckte, aufgenommen im März 1945 auf der Insel Guam, Marianen-Archipel." Ich möchte darauf verweisen, dass im März 1945 sich sowohl Deutschland, als auch Japan noch im Krieg befanden, also handelte dieser japanische Scharfschütze keinesfalls aus kurzsichtiger oder sturer Starrköpfigkeit, die Faschisten ja gerne als stereotype Eigenschaft unterstellt wird, sondern aus dem Kriegsrecht heraus. Ansonsten recht gelungene Fotostory.
2.
Christian Krippenstapel 24.01.2012
Ein tragischer Held! Was hätte der Mann in seinem Leben leisten können, wenn er es nicht für einen völlig sinnlosen Kampf hätte vergeuden müssen. Bewundern kann ich ihn dafür nicht, aber den Kopf über ihn zu schütteln halte ich auch für verfehlt. Er war ein Kind seiner Zeit und hat die Erwartungen, die an ihn gerichtet wurden, weit über jedes vernünftige Maß hinaus erfüllt. Den Krieg hat er trotz allem nicht gewonnen, aber immerhin hat er dessen völlige Sinnlosigkeit aufgezeigt. Wenn wir daraus lernen, dann war sein Opfer wenigstens nicht völlig umsonst.
3.
Daniel Apostol 24.01.2012
Ich schliesse mich bzgl. Yokoi Herrn Krippenstapel an, Onoda wurde aber wohl zu einem gemeinen (Massen)Mörder, der auch noch andere in sein Unglück riss. Schade, dass die Japaner ihm damals so auf den Leim gingen. anyway, auf Bild 6 ist von einer Suche die Rede, aber der gesuchte Scharfschütze liegt bereits rechts von dem Marine der in die Kamera schaut (übrigens Angehöriger von einem der nur zwei "schwarzen" Bataillone die im Pazifik dienten). Und kann es sein, dass da bis eben von der Kapitulation des Landes die Rede auf dem Bild?
4.
Arnold Schönberg 25.01.2012
Wieso Sergeant? Seit wann gibt es in Japan amerikanische Militärgrade. Wenn Sie schon nicht den japanischen Grad nennen können, dann sollten Sie wenigstens das deutsche Äquivalent nennen: Unteroffizier. In meiner Wehrpflichtzeit gab es auch einige Experten, beeinflusst von amerikanischen Filmen, die Vorgesetzten mit "Sir" angesprochen haben. Darauf gab es die einzig passende Antwort: "Wir sind hier nicht bei den Kaugummifressern!" - Recht so!
5.
Siegfried Wittenburg 25.01.2012
"Wieso Sergeant? ... Unteroffizier." Eine oft benutzte Redewendung in der NVA lautete: "Du bis kein Mensch, du bis kein Tier, du bist ein Unteroffizier." Angewendet wurde diese von den Untergebenen der Unteroffiziere. Die wehrpflichtigen Soldaten litten unter der Verinnerlichung der Kriegspropaganda, der Gehirnwäsche und den Schikanen ihrer direkten Vorgesetzten, die sich freiwillig meldeten. Diese "Hackordnung" wurde und wird in so manchen Armeen geduldet bzw. ist Teil des Systems. Noch heute gibt es in Deutschland die Landser-Hefte zu kaufen, bei deren Lektüre sich ehemalige Soldaten des 2. WK oder deren Nachkommen an "Heldentaten" erinnern können. In geistiger Hinsicht stehen sie diesen beiden Japanern in nichts nach.
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