Spanischer Bürgerkrieg Weiße Flaggen über Madrid

Spanischer Bürgerkrieg: Weiße Flaggen über Madrid Fotos
AP

Nach tausend Tagen blutiger Exzesse endete vor 70 Jahren der Spanische Bürgerkrieg. Mit Hitlers Hilfe marschierte Faschistenführer Franco in Madrid ein - auch weil die Verteidiger der Republik begonnen hatten, sich gegenseitig umzubringen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare
    3.9 (76 Bewertungen)

"Was geht in Madrid vor, General?", herrschte Spaniens linker Premierminister Juan Negrín am 6. März 1939 um ein Uhr nachts seinen General Segismundo Casado an. "Nichts weiter, als dass ich mich gegen Sie erhoben habe", erwiderte der General am anderen Ende der Telefonleitung kühl. "Dass Sie sich gegen mich erhoben haben?", wiederholte der Regierungschef ungläubig. "Jawohl."

Am Ende zerfleischte sich die Spanische Republik selbst. Drei Jahre lang, seit Juli 1936, hatten sich ihre Verteidiger - ein kunterbuntes, untereinander zerstrittenes Bündnis aus Anarchisten, Kommunisten, Marxisten und linken Splittergruppen - gegen die rechtsgerichteten Kräfte des General Francisco Franco gewehrt, der Spanien gewaltsam vom "Krebsgeschwür" der Demokratie befreien wollte. Auf Seiten der Republikaner standen neben linken Spaniern auch Zehntausende Sozialisten aus aller Herren Länder, darunter Geistesgrößen wie Ernest Hemingway, George Orwell oder Antoine de Saint-Éxupery.

Gerade Madrid wurde dabei zum Symbol des republikanischen Widerstandes gegen die straff organisierten Truppen des faschistischen Rebellengenerals Franco, dessen Truppen bei ihrem Marsch auf Madrid systematisch mordeten und Terror verbreiteten. Seit Herbst 1936 hatte Franco mehrmals zum Sturm auf die Kapitale geblasen - und jedes Mal wurde er überraschend von zunächst schlecht bewaffneten Zivilisten und Milizen, die mitunter mit der Straßenbahn an die Front fahren mussten, zurückgeschlagen. "No pasarán!" lautete der Schlachtruf der linken Idealisten, die sich Francos Falangisten entgegenstellte, "sie werden nicht durchkommen!"

Doch jetzt, im März 1939, klang dieser Ruf nur noch verzweifelt. Längst hatten die Republikaner die militärische Initiative verloren; ihre letzte Großoffensive am Ebro lag Monate zurück und war nach ersten Anfangserfolgen völlig gescheitert. Inzwischen belagerten Francos Truppen Madrid, der Fall der Hauptstadt schien nur noch eine Frage der Zeit. Schon im Januar 1939 waren sie in Barcelona eingezogen, Ende Februar hatten Frankreich und England Francos Gegenregierung anerkannt, auch wenn die nicht vom Volk gewählt war. Aber der "Generalissimo" hatte mit Gewalt Fakten geschaffen - die Tage der Republiktreuen schienen gezählt, die Götterdämmerung der spanischen Demokratie brach an.

Flucht mit der Flotte?

Der unaufhaltsame Vormarsch der Nationalisten stellte das politisch bunt gescheckte Lager der linken Republikverteidiger vor eine simple Frage: Was nun? Sollten sie bis zur letzten Patrone kämpfen? Oder versuchen, mit Franco noch einen Verhandlungsfrieden in letzter Minute zu erreichen? "Entweder wir retten uns", forderte der legitime Regierungschef Negrín noch Mitte Februar 1939 kämpferisch, "oder wir gehen in Schmach und Schande unter".

Die militärisch aussichtslose Lage der Republikaner allerdings ließ Rettung kaum erwarten. Viele republiktreue Kommandeure aber wollten keinen sinnlosen Endkampf mit Franco und misstrauten den schrillen Durchhalteparolen ihres Oberkommandierenden Negrín. Dazu brachen jetzt die lange Zeit nur mühsam unterdrückten ideologischen Spannungen im linken Lager offen aus. Dass die straff organisierten und direkt aus Moskau gelenkten Kommunisten die republikanische Flotte kontrollierten, betrachteten deren anarchistische, marxistische oder andere links ausgerichtete Waffenbrüder mit wachsendem Argwohn: Würden die Kommunisten die Schiffe womöglich nutzen, um in letzter Minute nur ihre eigenen Genossen zu retten?

Und so entspann sich die finale Tragödie der Spanischen Republik: ein blutiger Bürgerkrieg im Bürgerkrieg, ausgelöst wiederum durch einen Putsch gegen die legitime Regierung - diesmal von links. General Casado verjagte Premier Negrín und seine Regierung ins Exil nach Frankreich, die Macht in Madrid übernahm ein Nationaler Verteidigungsrat, dem alle linken Gruppierungen außer Negríns Kommunisten angehörten. In tagelangen erbitterten Kämpfen in den Straßen von Madrid schossen Anarchisten auf Kommunisten, Kommunisten exekutierten Anhänger des putschenden Casado, es gab rund 2000 Tote. Erst als Casados Anhänger den wichtigsten kommunistischen Kommandeur festnahmen und hinrichteten, war die Machtprobe entschieden.

Fatale Fehleinschätzung

Aber damit war das ohnehin ausgeblutete Lager der Republikaner nun endgültig am Ende. Es fehlte an Waffen, Munition, Kraft, Siegesglaube. Gleichzeitig scheiterte Casados Rettungsplan grandios. Der General hatte darauf gesetzt, dass Franco mit ihm als strammem Militär eher verhandeln würde als mit der verhassten kommunistischen Regierung - eine fatale Fehleinschätzung. Bereits nach wenigen Tagen ließ Franco am 25. März alle Verhandlungen mit Casado platzen.

Warum sollte er auch noch verhandeln? Madrid fiel ihm wie eine reife Frucht in die Hände. "Rot hat geräumt, nur einige Leute wurden in vorderer Linie gelassen, hatten wohl Befehl zur Verteidigung, laufen aber alle weg", notierte Wolfram von Richthofen, Stabschef der berüchtigten deutschen "Legion Condor", die auf Seiten Francos gekämpft und die baskische Kleinstadt Guernica in Schutt und Asche gelegt hatte, am 27. März 1939 aufgeregt in sein Tagebuch. Auch über Madrid hatte Hitlers "Legion Condor" immer wieder einen tödlichen Bombenteppich abgeworfen - und Franco damit zum Sieg verholfen. Entsprechend stolz schrieb von Richthofen nun in sein Tagebuch: "Nachricht, dass bei Madrid überall weiße Flaggen sind und einzelne Formationen überlaufen. Der Krieg ist zu Ende!" Am folgenden Tag rückten Francos Soldaten in Madrid ein. Die Republik war tot.

Am 19. Mai ließ der neue starke Mann Spaniens in Madrid eine bombastische Siegesparade abhalten. Auch die "Legion Condor" marschierte mit: "Fahre voraus!", notierte Richthofen selbstzufrieden. "Alles klappt! Zuschauer wild. 'Viva Alemannia'". Nachdem sie ihren Triumph ausgekostet hatten, machten sich Franco und seine Anhänger daran, brutal Rache zu nehmen - gemäß der Forderung des Bischofs von Vic, "den Eiter aus Spaniens Eingeweiden zu entfernen". Hunderttausende ehemalige Anhänger der Republik, politische Gegner oder Unbequeme verschwanden in den Folgejahren in Francos Kerkern oder wurden ermordet.

Vermutlich 200.000 Menschen wurden im Bürgerkrieg und in den Nachkriegsjahren im von Namen Francos Sache umgebracht. Aber auch die Republikaner ließen in ihrem Einflussgebiet rund 38.000 politische Gegner ermorden, darunter auch 6800 Geistliche, die sie auf der Seite Francos wähnten. Auch wenn solche Zahlen nur Schätzungen sind, haben sie durchaus immer noch Sprengkraft: Bis heute berühren und polarisieren sie die spanische Gesellschaft, bis heute wird noch nach Massengräbern und den Gebeinen politischer Opfer gesucht. Für die Spanier ist der Bürgerkrieg auch nach 70 Jahren noch eine offene Wunde.

Artikel bewerten
3.9 (76 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Tanja Krienen, 29.03.2009
Franco war EINER der Anführer einer Viererallianz. Der Faschistenanführer war jedoch Primo de Rivera - Franco war "nur" ein "autokratischer Katholik" im Militärdress.
2.
Uwe Schwarz, 29.03.2009
Der Biologieprofessor Juan Antonio Negrín war kein Kommunist, sondern Sozialdemokrat. Und zu den Verteidigern der Republik gehörten keineswegs nur "Anarchisten, Kommunisten, Marxisten und linke Splittergruppen", sondern auch die Liberalen und die bürgerlichen Republikaner, baskische und katalanische Nationalisten, Freimaurer und beträchtliche Teile der Armee (fast die ganze Luftwaffe, der größte Teil der Flotte, aber auch viele Generäle und niedere Ränge blieben loyal). Der Präsident der Republik, Manuel Azaña, war Linksliberaler, die stärkste Partei der Volksfront waren die Sozialdemokraten, die stets den Premierminister und den Kriegsminister stellten. Denn der spanische Bürgerkrieg war mehr als klassischer Rechts-Links-Konflikt nach westeuropäischem Schema. Es war auch ein Konflikt zwischen katholischen Fundamentalisten und Säkularen, Monarchisten und Republikanern, Zentralisten und Föderalisten, Stadt und Land. Diese "zwei Spanien" lagen seit über hundert Jahren miteinander im erbitterten Streit, der zu den Karlistenkriegen und unzähligen Putschen geführt hatte und im Bürgerkrieg gipfelte. Und er wirkt bis heute nach, auch wenn die "zwei Spanien" einander nicht mehr mit Waffen bekämpfen. Daß die Konfliktlinien einander teilweise überschnitten, führte zur Uneinigkeit im republikanischen Lager. Viele Gruppen verfochten ihre Lieblingsidee, zum Teil mit allen Mitteln. Die Kommunisten wollten unbedingt das Bürgertum bei der Stange halten und bremsten deswegen den revolutionären Überschwang anderer linker Gruppen, oft mit rabiaten Methoden (George Orwell hat in "Mein Katalonien" darüber berichtet). Etliche Anarchisten hatten erst mal nichts Besseres zu tun, als Priester und Nonnen umzubringen, weil sie eine der drei Hauptsäulen des Alten verkörperten, das ihrer Überzeugung nach der Revolution im Wege stand: Kirche, Staat und Eigentum. Von ihnen wurden auch unzählige Herrensitze in Brand gesteckt, das vernichtete Material fehlte nachher an allen Ecken und Enden. Die einen wollten eine Kriegswirtschaft organisieren, andere kämpften für Selbstverwaltung, und das Bürgertum verteidigte seinen Besitz. Da war es für Franco leichter, sein ebenfalls heterogenes Lager zusammenzuhalten, denn auf die Formel "Weg mit Roten und Freimaurern!" konnten sich alle einigen, Faschisten wie Monarchisten und katholische Fundis.
3.
Ernst Pelzing, 29.03.2009
Hier ein kurzer Hinweis zur Schreibweise spanischer Begriffe im Beitrag "Weiße Flaggen über Madrid" von Christoph Gunkel: Statt des italienischen "Generalissimo" sollte in diesem Beitrag verständlicherweise der spanischen Version "Generalísimo" der Vorzug gegeben werden, also ein "s" und Akzent. Mir ist nicht bekannt, ob von Richthofen in seinem Tagebuch tatsächlich 'Viva Alemannia' notiert hat. Wie auch immer: Korrekt müsste es heißen "Viva Alemania", also ein "n". Zum Thema selbst: Spanien beginnt erst jetzt mit der Aufarbeitung des Kapitels Bürgerkrieg. Hier ergeben sich Parallelen zu Deutschland mit der Aufarbeitung der Nazivergangenheit. Die spanische Presse ist ein Spiegel dieser Bemühungen. Die von Chr. Gunkel angesprochene Polarisierung kommt dort über die entsprechenden politischen Parteien zum Ausdruck. 70 Jahre nach Bürgerkriegsende ist kein Ende der Animositäten in Sicht. Ernst Pelzing
4.
Thomas Kuhl-Safier, 29.03.2009
Der Einfluss auswärtiger Mächte ist sehr verkürzt dargestellt. Ohne deutsche Flugzeuge hätte Franco den Putsch gar nicht auf das spanische Festland bringen können. Es handelt sich um deutsche Flugzeuge und deutsche Piloten ohne Uniform. Auf der republikanischen Seite ist das lange Durchhalten erstaunlich wenn man berücksichtigt, dass bereits seit 1937 ideologische Kämpfe im Gange waren, z.B. von Moskau gesteuerte Sozialisten, auch die UGT gegen Anarchisten und Syndikalisten oder Trotzkisten. Auch innerhalb der Internationalen Brigaden wurden Säuberungen vorgenommen. Schön wäre auch ein Hinweis, dass spätere deutsche Politiker wie Willi Brandt, Erich Mielke, Hans Beimler.
5.
Ernst Pelzing, 29.03.2009
Die Veröffentlichungen der spanischen Presse zum 70. Jahrestag der Beendigung des spanischen Bürgerkriegs sind ein Spiegel der im Lande zu diesem Thema vorherrschenden Meinung. Sie geht je nach politischem Standort quer durch die Parteien. So veröffentlicht auch die spanische Tageszeitung EL PAÍS (der regierenden sozialistischen Arbeiterpartei PSOE nahestehend) in ihrer Ausgabe vom 29.03.2009 unter dem Titel "Setenta años de la victoria de Franco" (Siebzig Jahre nach Francos Sieg) von Julián Casanova (J. C. ist Professor für Gegenwartsgeschichte an der Universität Zaragoza) einige Zahlen zu den Opfern des spanischen Bürgerkriegs, die ich hier ergänzend zu Chr. Gunkels Beitrag "Weiße Flaggen über Madrid" einbringen möchte. Weitere Einzelheiten siehe unter http://www.elpais.com/articulo/opinion/Setenta/anos/victoria/Franco/elpepuopi/20090329elpepiopi_5/Tes "Die Gesamtzahl der durch den Bürgerkrieg verursachten Todesopfer lag nahe bei 600.000. Davon waren 100.000 auf die von den aufständischen Militärs entfesselte Unterdrückung zurückzuführen, 55.000 auf die in den republikanischen Gebieten verübten Gewalttaten. Eine halbe Million Personen landete in Gefängnissen und Konzentrationslagern. 450.000 gingen allein im ersten Vierteljahr 1939 ins französische Exil, davon 170.000 Frauen. Etwa 200.000 kehrten in den ersten Monaten danach zurück. Ihr Leidensweg setzte sich in den Kerkern der Franco-Diktatur fort". Der Autor J. Casanova kommt in diesem Artikel u. a. zu dem Schluss, dass der "Sieg Francos auch ein Sieg Hitlers und Mussolinis und die Niederlage der Republik auch eine Niederlage der Demokratien war". Ernst Pelzing
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH