Spaßvogel Ronald Reagan Fünf Minuten bis zum dritten Weltkrieg

Vor 25 Jahren kündigte US-Präsident Ronald Reagan die Bombardierung Russlands an - aus Jux. Der Ex-Cowboy-Darsteller war der wohl mächtigste Witzbold aller Zeiten. Für seine große Rolle als US-Präsident brauchte er Spickzettel - und sorgte so oft für unbeabsichtigte Lacher.

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"Liebe Amerikaner, es ist mir ein Vergnügen, Ihnen heute mitzuteilen, dass ich ein Gesetz unterzeichnet habe, das Russland für vogelfrei erklärt", sprach der Präsident der Vereinigten Staaten selbstzufrieden ins Mikrofon. "Wir beginnen mit der Bombardierung in fünf Minuten." Auf seinem kalifornischen Landsitz "Ranchio del Cielo", auf dem der mächtigste Mann der Welt gerne reitend oder Holz fällend seine Wochenende verbrachte, kündigte Reagan am 11. August 1984 das nukleare Armageddon an. Im Hintergrund kicherten seine Berater.

Es war ein Scherz - mal wieder.

An diesem Sonnabend hatten Rundfunk- und Fernsehtechniker der Sender CBS und CNN ihre Geräte in der kalifornischen Provinz aufgebaut, um eine der gelegentlichen Fünf-Minuten-Ansprachen des Präsidenten an sein Volk aufzunehmen. Vor dem Pep-Talk stimmte Reagan, der sich als professioneller Rhetoriker begriff, seinen Bariton gern mit Sprechproben ein. Schon zwei Jahre zuvor hatte er die Tontechniker dabei mit einem Witzchen verblüfft: Die polnische Führung, hatte er damals ins Mikro gesprochen, sei "eine Bande verderbter, verlauster Pennbrüder".

Ronald Reagan genoss seinen Ruf als oberster Scherzkeks. Anderswo mochten Witze über Politiker gemacht werden, in den Vereinigten Staaten riss der höchste Amtsträger selbst die derbsten Zoten. "Am liebsten", erklärte der frühere Sportberichterstatter und Schauspieler aus Western-Filmen wie "Land der Gottlosen" einmal, "sammle ich Witze über die Sowjetunion." Und so machte Reagan aus der allgegenwärtigen Angst vor einem Atomkrieg einen Witz.

"Zynismus eines Massenmörders"

Für die Schadensbegrenzung nach launigen Auftritten des Präsidenten war damals Peter Roussel, stellvertretender Pressesprecher im Weißen Haus, zuständig. Wenn Reagan Brasilien mit Bolivien, oder den liberianischen Präsidenten Doe mit Chinas großem Vorsitzenden Mao verwechselte, musste Roussel die Journalisten besänftigen und dafür sorgen, dass die Peinlichkeiten möglichst nicht an die Öffentlichkeit drangen. Seit dem uncharmanten Polenwitz waren alle Sprechproben des Präsidenten vorsichtshalber als "off the record" deklariert, also nicht zum Zitieren zugelassen. Doch der Mega-Fauxpas vom 11. August 1984 ließ sich nicht - wie wohl zahllose andere verbale Ausrutscher Reagans - mit Diskretion behandelt. Die Tontechniker fanden den scherzhaft angekündigten Völkermord anscheinend nicht zum Lachen; sie hielten sich nicht an die Vorgabe von Reagans Presseleuten, und der fatale Witz schoss in die Welt hinaus wie eine gefährliche Rakete.

Bald erreichte das verbale Geschoss Moskau - wo niemand lachte. Reagan habe endlich "herausposaunt, was er ständig im Sinn hat", schrieb die Parteizeitung "Prawda" empört. Die amtliche Nachrichtenagentur Tass nannte den "beispiellos feindseligen und für die Sache des Friedens gefährlichen Ausfall" symptomatisch für die amerikanische Aufrüstungspolitik. Überall in der Welt spürten die Menschen nach Reagans eisigem Scherz "kalte Schauer den Rücken herunterlaufen", urteilte auch das KP-Zentralorgan "Rude Pravo" aus Prag. Kaum minder heftig klang die Kritik in westlichen Staaten, voran der Bundesrepublik. Die Sprechprobe zeuge von einem "Maß an Zynismus und eiskalter Menschenverachtung, wie es sonst nur bei Schwerkriminellen und Massenmördern angetroffen wird", echauffierte sich in Bonn etwa der Pressedienst der SPD.

Dabei hatte Reagan die atomare Bedrohung schon früher zum Gegenstand von Witzen gemacht - wenn auch weniger aggressiv. In einem seiner Lieblingswitze wurde ein alter Farmer gefragt, wo er denn am liebsten wäre, wenn die Bombe fiele. Antwort des Farmers: "Am liebsten dort, wo ich sagen kann: Was war das?" Dass Reagan andere lieber mit krudem Humor bedachte als mit Emphatie, hatte er schon als Gouverneur in Kalifornien demonstriert. "Man hat mir erzählt, dass jeden Abend 17 Millionen Amerikaner hungrig ins Bett gehen", hatte er da einmal die Öffentlichkeit wissen lassen: "Nun, wahrscheinlich stimmt das. Die machen alle Diät".

Zwei Delegationen in Genf, eine in der Schweiz

In Amerika ist Humor - auch an höchster Stelle - Teil der politischen Kultur. "Ein Bömbchen im Herrenklo des Politbüros", witzelte zum Beispiel Senator Berry Goldwater, 1964 republikanischer Präsidentschaftskandidat, "das wär's". Doch bei Reagan traf die Lust am Frotzeln mit plumper Einfältigkeit zusammen. Bücher las Reagan kaum, seine Abende füllten Empfänge und das Fernsehprogramm. Der ehemalige White-House-Korrespondent des "Bosten Globe" behauptet sogar, an manchen Tagen sei "der Terminkalender des amerikanischen Präsidenten buchstäblich leer" gewesen.

Reagans Desinteresse war angesichts der komplizierten weltpolitischen Lage in den achtziger Jahren fatal - und ließ den Präsidenten selbst zunehmend zur Witzfigur werden. Nicht nur, dass er bei Kabinettssitzungen gelegentlich einschlief. Moskaus Außenminister Andrej Gromyko degradierte er einmal zum "Botschafter Gromyko". Zahllos sind auch Reagans geographische Irrläufer. "Zwei unserer Delegationen sind in Genf", stellte er einmal scharfsinnig fest, "und eine dritte, glaube ich, hält sich noch immer in der Schweiz auf."

Für Reagan stellten sich die Dinge einfach und glasklar dar: Die Sowjetunion war das "Reich des Bösen", das "lügt", "betrügt" und zu "jedem Verbrechen" fähig sei. Zu Verhandlungen über nukleare Mittelstreckensysteme gab er seinem Unterhändler Paul Nitze eine Botschaft mit auf dem Weg, die auch einem Cowboy-Film entsprungen sein könnte: "Sag den Russen, dass sie es mit einem echten Mann zu tun haben."

Starker Mann mit einfachen Botschaften

Vor allem war Reagan ein echter Entertainer. Seine Auftritte waren komplett inszeniert und passgenau auf das Fernsehpublikum zugeschnitten. Selbst spontane Bemerkungen waren zumeist eingeübt und auf Spickzetteln festgehalten. "Von den meisten Dinge, über die er redet," urteilte der demokratische Sprecher des Repräsentantenhauses Thomas "Tip" O'Neill, "versteht er gerade soviel, wie auf dem Zettel steht, von dem er abliest". Bei einem Abendessen im Rahmen des Weltwirtschaftsgipfels von Versailles 1982 soll Reagan auf eine Frage des verdutzen Gastgebers Mitterrand geantwortet haben, die dieser noch gar nicht gestellt hatte - die Spickzettel waren dem Präsidenten wohl durcheinander geraten.

Schon während des Präsidentschaftswahlkampfs 1980 war Reagan wegen seines unbedarften Auftretens verspottet worden: ein ehemaliger Schauspieler, ein abgehalfterter Cowboy-Darsteller, ein Klamaukbruder im Weißen Haus? Doch der nette Sheriff aus dem Western war 1980 genau das, wonach sich die Amerikaner nach Watergate und Vietnam, wirtschaftlichem Niedergang mit steigender Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt angesichts der Demütigung durch die iranischen Ayatollahs bei der Besetzung der Teheraner US-Botschaft 1979 sehnten: ein starker Mann mit einfachen Botschaften. Reagan gewann die Wahl mit der historischen Mehrheit von 489 der 538 Wahlmännerstimmen. Verbale Entgleisungen sahen die meisten Wähler Reagan nach. Dass er im Scherz die Auslöschung der Sowjetunion ankündigte, machte ihn in ihren Augen nur zu einem "straight talker", der nicht um den heißen Brei herumredet. Weniger als drei Monate nach dem verbalen Knaller wurde Reagan wieder gewählt.



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Manfred Boettcher, 10.08.2009
1.
Tja, von den eher links stehenden Medien wurde Ronald Reagan gerne als wenig intelligent dargestellt. Aber diese Medien und ihre Anhänger wurden durch die Ereignisse des Herbstes 1989 als die größten Deppen der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entlarvt. Ronald Reagan hatte den Kalten Krieg gewonnen, der Sozialismus in Europa musste Konkurs anmelden. Reagans "Gehilfen" Maggie Thatcher und Helmut Kohl, auch keine Lieblinge der vorstehend genannten Medien, hatten Ronald Reagan mit der Umsetzung des Natodoppelbeschlusses tatkräftig und entscheidend unterstützt. Unvergessen für mich die Aufforderung Reagans an Michail Gorbatschow in Berlin: "Mr. Gorbatshew, open this gate! Tear down this wall!" Was haben die Medien, soweit ich mich erinnere auch Der Spiegel", über diese Aufforderung gespottet. Und dann kam der Herbst 1989. Thank you, old cowboy!
Istvan Schnaitl, 10.08.2009
2.
Es drängt sich mir der vage Verdacht auf, daß der Verfasser des Beitrages die Scherze des Ex-Präsidenten gar nicht lustig findet. Hm, also ich finde sie sogar zum brüllen. Mir war gar nicht erinnerlich, daß Reagan so ein Spitzen-Scherzbold war. Jetzt weiß ich auch, welchen Lehrmeister Donald Rumsfeld hatte.
Benjamin Küchenhoff, 11.08.2009
3.
Die Übersetzung von "no-good lousy bums" mit "eine Bande verderbter, verlauster Pennbrüder" könnte man noch als kleinere Ungenauigkeit durchgehen lassen; der volle Satz lautete übrigens: "Yesterday, the Polish Government, a bunch of no-good lousy bums, took another far-reaching step in their persecution of their own people." Viele Polen verehren Reagan für seine unnachgiebige politische Haltung bis heute und benennen Straßen und Parks nach ihm, wie zB in Gdansk. Schlimmer ist aber die generelle Bewertung Reagans als Trottelpräsidenten. Seinen Humor und seine Schlagfertigkeit musste man nicht mögen, und seine Politik konnte man in vielerlei Hinsicht kritisieren, aber er war keineswegs das überforderte Dummerchen, als das er hier dargestellt wird. Glaubt die Verfasserin etwa, er habe seine launigen Bemerkungen nach dem Attentat ebenfalls vorher aufschreiben lassen? Oder sein berühmtes "I am paying for this microphone"? Reagan hat überdies die meisten seiner Reden selbst geschrieben, und er war ein ausgesprochen guter Redner. Dass seine "tear down this wall" ein "unfreiwilliger, dafür besonders schlechter Witz des politischen Naivlings im Weißen Haus" war, glauben nicht einmal seine erbittertsten Gegner. Liebe SPON-Redaktion: Ist das der Phantomschmerz? Fehlt Ihnen George W. so sehr?
Alexander Jensko, 11.08.2009
4.
In der Tat wird der ehemalige Präsident Reagan gerade in denjenigen Staaten lächerlich gemacht, die ihm das Meiste zu verdanken haben. Als Reagan zum Niederreißen der Mauer aufrief, überlegten gerade die westdeutschen Politiker, die Wiedervereinigungs-Präambel aus dem Grundgesetz zu streichen. Wem hat die Geschichte nochmal Recht gegeben?
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