Spektakuläre Weihnachtsverbrechen Wenn Santa Claus die Waffe zückt

Spektakuläre Weihnachtsverbrechen: Wenn Santa Claus die Waffe zückt Fotos

Weihnachtsmänner mit Maschinenpistolen und Racheakte am Heiligabend: Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern immer wieder auch Inspiration für spektakuläre Verbrechen. Manchmal enden die weihnachtlichen Gaunerstücke tragisch. Meist aber sind die Christmas Crimes vor allem eins - urkomisch. Von Julia Driesen

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Am Vormittag des 23. Dezember 1927 stapft ein kleiner, rundlicher Weihnachtsmann durch den Ortskern von Cisco, Texas. Wo er entlangläuft, erregt das Kerlchen im Santa-Claus-Outfit die Aufmerksamkeit der Kinder, die ihm ihre Weihnachtswünsche zurufen. Bald folgt ihm ein kleiner Tross auf seinem Weg. Dann betritt der Weihnachtsmann in Begleitung von zahlreichen Kindern die Filiale der First National Bank "Hallo Santa", begrüßen die Angestellten den Mann im rot-weißen Kostüm schmunzelnd.

Der allerdings zieht einen Revolver. "Hände hoch", gellt es durch den Raum. Drei ebenfalls bewaffnete Komplizen treten zwischen den anwesenden Bankkunden hervor - der weiße Rauschebart und seine hilfreichen Geister sind nicht zur Bescherung gekommen, sondern um den Banksafe auszuräumen. Nur wenige Momente darauf fällt der erste Schuss.

Santa Claus, in dessen Klamotten der Kleinkriminelle Marshall Ratliff steckt, hat seinen Sack blitzschnell mit Bargeld und Wertpapieren gefülllt - doch dann geht für das Gangster-Quartett alles schief, was schief gehen kann. Eine Kundin erkennt beim Eintreten in die Bank sofort die Situation und flüchtet. Minuten später rückt der Sheriff mit seinen Leuten an, während sich die Nachricht vom Raubüberfall wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet. Eine Menschenmenge versammelt sich vor der Bank, viele sind bewaffnet - erst Tage zuvor hatte die Bankenvereinigung von Texas eine Belohnung von 5000 Dollar auf jeden toten Bankräuber ausgesetzt, denn pro Tag werden zu jener Zeit drei bis fünf Banken ausgeraubt.

Santa auf der Flucht

Es kommt, wie es kommen muss: Ein heftiger Schusswechsel zwischen den Banditen und der Polizei sowie zahlreichen Bürgern von Cisco beginnt. Im Mauerwerk der Bank finden sich später mehr als 200 Kugeln. Mit zwei kleinen Mädchen als menschlichen Schutzschildern schießen sich die Bankräuber den Weg zu ihrem Auto frei, der Sheriff und ein Gehilfe werden tödlich getroffen. Doch auch zwei der Gangster tragen Schussverletzungen davon.

Trotzdem schaffen sie es mit ihren Geiseln bis zum Auto - dessen Tank allerdings ist leer, die Reifen sind zerschossen. Mit vorgehaltener Waffe stoppen sie ein vorbeikommendes Fahrzeug und zwingen den Fahrer, ihnen sein Auto zu überlassen. Der 14-jährige Junge aber nimmt geistesgegenwärtig den Zündschlüssel mit - was Santa Claus und seine Komplizen erst merken, als sie schon im Wagen sitzen.

Ohne ihre Beute, aber mit den beiden kleinen Mädchen als Faustpfand machen sich drei der Bankräuber in letzter Sekunde aus dem Staub - einer bleibt tödlich getroffen zurück. Es folgt ein tagelanges Katz-und-Maus-Spiel, die Gangster flüchten sich in die Wälder, klauen weitere Autos, nehmen weitere Geiseln. Die Staatsgewalt bleibt der Bande dicht auf den Fersen. Nach einem heftigen Feuergefecht am Brazos River schließlich geht Santa, von sechs Kugeln getroffen, schwer verwundet zu Boden. Seine beiden Komplizen werden zwei Tage später gefasst.

Als der Weihnachtsmann gelyncht wurde

Nur einer der Bankräuber von Cisco überlebt das Drama - zu 99 Jahren Zuchthaus verurteilt, wird Robert Hill Mitte der vierziger Jahre begnadigt. Ratliff, der gerade noch knapp überlebt hat, wird zum Tode verurteilt, ebenso ein Kumpane. Der stirbt auf dem elektrischen Stuhl, den räuberischen Weihnachtsmann dagegen entführt ein Lynchmob aus dem Gefängnis, bevor ihn seine irdische Strafe ereilen kann. Santa Claus endet aufgeknüpft an einem Telegraphenmast. Und bei den kleinen Bürgern Ciscos ist der Ruf des Christfest-Boten nachhaltig lädiert: "Weihnachtsmann, warum hast Du die Bank überfallen?", fragt ein Kind den beim Gottesdienst am Heiligabend den anwesenden Santa-Darsteller.

Der Santa-Claus-Bankraub von 1927 ging als eines der spektakulärsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts in die amerikanische Kriminalgeschichte ein - und sicherlich als eines der dramatischsten "Christmas Crimes". Doch immer wieder wählen Ganoven ausgerechnet die Weihnachtstage, um einen ganz großen Coup zu landen.

So 1950 in London, als am Weihnachtstag vier junge Einbrecher den legendären "Stone of Scone" aus der Westminster Abbey entwendeten. Der ist zwar kein Edelstein, aber ein überaus geschichtsträchtiges Stück: König Edward I. hatte den unscheinbaren, rötlich-grauen Sandsteinblock anno 1296 auf einem Raubzug hoch im Norden der Insel erbeutet - zum Entsetzen der Schotten, denn beim Stein von Scone handelte es sich um deren Nationalheiligtum. Seit Urzeiten waren auf dem vier Zentner schweren Block mit vermeintlich magischen Kräften die schottischen Könige gekrönt worden,

Zerbrochene Beute

Edward hatte seine Beute zwischen die Stuhlbeine eines gotischen Throns in der Kapelle von Westminster einschreinern lassen, wo der Stone of Scone 654 Jahre verweilen sollte - eben bis zu jenem 25. Dezember 1950, als der Jurastudent Ian Hamilton den geschichtsschweren Brocken gemeinsam mit drei Freunden und unter Aufbietung geradezu heroischer Kräfte in den mit laufendem Motor vor der Abtei wartenden Ford Anglia hievte. Nicht etwa, um den Stein auf dem Schwarzmarkt zu versilbern - die jungen Leute trieb nationaler Pathos an - sie wollten das Symbol schottischen Königtums endlich zurück in seine Heimat schaffen.

Umso größer das Entsetzen der Entführer, als der heilige Stein ausgerechnet während der Befreiungsaktion zu Bruch ging - statt einem Stone of Scone hielten die Entführer plötzlich zwei halbe in den Händen. Die Flucht immerhin gelang: Das kaputte Nationalheiligtum gut im Kofferraum des acht PS starken Automobils verstaut, passierte die Truppe ungehindert sämtliche Polizeisperren. Zwischendurch machte das Quartett noch Halt beim Steinmetz Bertie Gray, der den entzweigebrochenen Brocken wieder zusammenfügte, bevor sie ihn in der Abtei von Arbroath in der Grafschaft Angus ablieferten, dem Mekka der schottischen Nationalisten.

Eine Welle der Begeisterung schwappte durch Schottland, während die düpierten Engländer nichts unversucht ließen, die Kirchendiebe aufzuspüren. So war dem symbolträchtigen Quaderstein nur ein kurzer Aufenthalt in seiner alten Heimat vergönnt - im Frühjahr 1951 lag der Schicksalsstein wieder an seinem alten Platz in der Kapelle von Westminster. Auf die Verurteilung der vier Kidnapper, in Schottland als Helden gefeiert, verzichtete die englische Justiz jedoch lieber. Und zum 700-jährigen Jahrestag des ersten Diebstahls von 1296 fand das lange Exil des Schicksalssteins dann doch ein Ende: In einer feierlichen Zeremonie wurde der "Stone of Scone" ins Schloss von Edinburgh überführt.

Motorboot und Nagelmatten

Ein weiterer spektakulärer Weihnachtsraub ereignete sich unmittelbar vor Heiligabend 2000. In James Bond-Manier drangen damals mehrere maskierte und mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer in das Stockholmer Nationalmuseum ein. An den verdutzten Besuchern vorbei stürmten sie zielstrebig auf drei besonders kostbare Bilder zu. Binnen weniger Minuten hatten sie einen Rembrandt und zwei Renoirs eingesackt und sich, ganz im Stil von 007, mit einem Motorboot aus dem Staub gemacht. Herbeieilende Polizeiwagen setzten die Profis mit rund um das Museum ausgelegten Nagelmatten außer Gefecht.

Lange tappten die Ermittler im Dunkeln, dann tauchte 2001 einer der Renoirs bei einer Drogenrazzia in Stockholm auf. Vier Jahre später machten die Fahnder auch den zweiten Impressionisten aus. Den Tätern kamen sie erst auf die Schliche, als diese im September 2005 das Rembrandt-Selbstportrait zu verkaufen versuchten. Kurz darauf kann das Gemälde in Kopenhagen sichergestellt werden. Alle drei Bilder kehren wohlbehalten nach Schweden zurück, wo die Besucher sie diese Weihnachten wieder bewundern können. Die Diebe freilich nicht - sie verbringen Heiligabend hinter schwedischen Gardinen.


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