Spektakuläre Zeitkapseln Bier für das 82. Jahrhundert

Wie mögen sich die Menschen in ferner Zukunft den Alltag im 20. Jahrhundert vorstellen? US-Präsidenten, Industrielle und verschrobene Privatleute wollten dies nicht dem Zufall überlassen. Manche legten dafür riesige unterirdische Lager an, vergruben Bier-Ampullen, Bikinihöschen - oder ganze Bibliotheken.

Lloyd Sommerer

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Sie haben lange gesucht und sie suchen immer noch: auf jedem Dachboden, in jedem Keller. Selbst an Stellen, wo es längst keinen Dachboden oder Keller mehr gibt, weil das Haus abgerissen ist. Seit 1976 suchen Polizisten, Journalisten und Hobby-Archäologen einen riesigen Stapel Papier: die Unterschriften von rund 22 Millionen US-Bürgern.

Eingesammelt worden waren Signaturen anlässlich der Zweihundertjahrfeier des Landes, damals, als monatelang Planwagen-Trecks durch die 48 Bundesstaaten des Festlandes rollten. Wo immer sie Halt machten, durften die Bürger zwischen massiven Möbeln, die an die Kolonialzeit erinnerten, Platz nehmen und ihren Namen auf eine historisch anmutende Schriftrolle setzen - als Teil eines großen, erneuerten Bekenntnisses zur amerikanischen Unabhängigkeit und den Prinzipien der Gründerväter. Rund ein Zehntel der Bevölkerung unterschrieb. Pünktlich zu den Feierlichkeiten Anfang Juli 1976 sollte der Zug in Valley Forge, Pennsylvania eintreffen. Dort würden die Schriftrollen dann in einer Zeitkapsel vergraben - zu öffnen erst 100 Jahre später, um so der Enkelgeneration ein Stück amerikanische Geschichte zu hinterlassen.

Die 100 Jahre sind noch nicht um - in und um Valley Forge aber wird wie besessen nach den Schriftrollen gefahndet. Der Grund: An dem Ort, an dem Präsident Gerald Ford die Botschaft an die Nachwelt feierlich versenken sollte, kam sie nie an. Es wird vermutet, dass die Sammlung gestohlen wurde. Genau weiß das offenbar niemand. Die "Washington Post" hat errechnet, dass 22 Millionen Unterschriften, von denen sich je 24 auf einem Pergament befanden, einen Papierstapel von 65 Metern Höhe ergäben. Die verschwundenen Schriftrollen aus dem "Bicentennial Wagon Train" sind damit das wohl größte Mysterium in der Geschichte der amerikanischen Zeitkapseln.

Das Vergraben von Erinnerungsstücken aus der Kindheit, vom gemeinsamen Collegebesuch oder beim Eigenheimbau sind seit langem Tradition. Mit dem Abstand von Jahren oder gar Jahrzehnten werden die alten Dinge wieder hervorgeholt und rufen längst vergessene Zeiten wach. Einen wahren Hype um das Phänomen Zeitkapsel allerdings erlebten die USA ab Ende der dreißiger Jahre - ausgelöst von einem Universitätsprofessor, der es nicht dem Zufall überlassen wollte, welches Bild sich nachfolgende Generationen vom Leben im 20. Jahrhundert machen würden. Seine Erfindung bot zugleich die Möglichkeit, den American Way of Life künftig nicht mehr nur geografisch, sondern gleich auch über die Jahrhunderte zu verbreiten.

Krypta der Zivilisation

Seine Vision einer modernen Zeitkapsel hatte Thornwell Jacobs, Präsident der Oglethorpe University in Atlanta, 1936 in einem Aufsatz vorgestellt. Das Konzept erinnerte dabei allerdings nur entfernt an jene auch in Deutschland bekannten Behältnisse, die man - traditionell mit Münzen, Fotos oder Dokumenten gefüllt - in Grundsteinen oder Turmspitzen einmauerte.

Jacobs dachte in ganz anderen Dimensionen. Inspiriert durch die Öffnungen der ägyptischen Pyramiden und zugleich enttäuscht vom Mangel an Informationen über frühere Zivilisationen wollte er das gesamte bis zu diesem Zeitpunkt gesammelte Wissen der Menschheit konservieren und zudem ein greifbares Abbild vom Leben und Alltag in den USA schaffen. Eine Art Bestandsaufnahme der Zivilisation. Den Beginn der Zeitrechnung datierte er dabei auf 4241 v. Chr., jenes Jahr, das Historiker seiner Zeit als Beginn des ägyptischen Kalenders annahmen.

Jacobs war klar, dass eine so umfassende Dokumentation nicht in ein gewöhnliches Behältnis passen konnte. Er würde einen ganzen Raum brauchen. Mindestens. Noch dazu einen, dem die Naturgewalten über Jahrtausende nichts anhaben konnten. Jacobs dachte an eine massive Kammer, eine Art Krypta. Schließlich entschied er sich für ein ehemaliges Schwimmbad im Keller der Universität - und begann es zu befüllen.

Hitler und Stalin unterirdisch

Die Liste der Alltagsgegenstände, die er auf diese Weise in die Zukunft zu schicken gedachte, schien endlos: Toaster und Telefon gehörten ebenso dazu wie der Inhalt einer Damenhandtasche, ein Plastik-Donald-Duck und eine schwarze Babypuppe, ein Aschenbecher und eine versiegelte Ampulle Budweiser-Bier.

Weit aufwendiger erschien es allerdings, das gesammelte Wissen auch für die Menschen der Zukunft verständlich zu archivieren: Jacobs heuerte den Fotografen und Kameramann Thomas Kimmwood Peters an, der sich 1937 zusammen mit Studenten daran machte, sämtliche Werke aus Kunst und Wissenschaft kompakt auf Microfilm zu bannen - insgesamt mehr als 640.000 Seiten. Hinzu kamen Bild- und Tonaufnahmen bekannter Persönlichkeiten, wodurch auch politische Führer wie Roosevelt und Chamberlain und sogar Hitler, Stalin und Mussolini Eingang in das unterirdische Denkmal fanden.

Jacobs hatte seinen Plan gut durchdacht: Wer auch immer die Krypta später einmal öffnen würde, sollte zunächst auf eine Anleitung stoßen, um das Englisch des 20. Jahrhunderts zu erlernen. Er fände außerdem passende Geräte, um die Bilder anzuschauen und die Töne abzuspielen - selbst dann, wenn es zu diesem Zeitpunkt keinen Strom gäbe. Für diesen Fall stand ein Generator bereit, der mit Wind zu betreiben war.

Eines der letzten Dinge, die Jacobs und seine Helfer in die Kammer räumten, war eine Druckplatte des "Atlanta Journal", auf der - mittlerweile war es Frühjahr 1940 - der Krieg als Thema vorherrschte. In einer feierlichen Zeremonie wurde die Tür der "Krypta der Zivilisation" schließlich am 25. Mai 1940 geschlossen, verschweißt und mit dem Hinweis beschriftet: "Nicht vor dem 28. Mai 8113 öffnen". Dann nämlich wären genau 6177 Jahre seit Jacobs' Zeitkapsel-Idee vergangen - genau so viele, wie es nach seiner Zeitrechnung gebraucht hatte, um sie hervorzubringen.

Das Geheimnis der Goldmine

Jacobs hatte zweifelsohne die bis dahin umfangreichste Zeitkapsel des 20. Jahrhunderts geschaffen - bei der Realisierung allerdings hatten ihn andere längst überholt. Inspiriert von der Vision aus Atlanta präsentierte die Westinghouse Electric Corporation 1939 auf der Weltausstellung in New York ihrerseits eine Zeitkapsel, die mit Alltagsgegenständen sowie abgefilmten Büchern und Kunstwerken gefüllt 18 Meter tief in den Boden des Flushing-Meadows-Parks eingelassen worden war.

Die Vorstellung, das eigene Leben auf diese Weise für die Nachwelt zu erhalten, motivierte in den Folgejahren noch viele Amerikaner, sich per Zeitkapsel ein eigenes Denkmal zu setzen. Beispielsweise den Geschäftsmann Herold Davisson aus Seward, Nebraska. Er entwickelte im Jahre 1975 im fortgeschrittenen Alter den Ehrgeiz, die Krypta der Zivilisation wenn auch nicht hinsichtlich der Vollständigkeit so doch zumindest in ihren Ausmaßen zu übertreffen. Im Vorgarten seines Hauses goss er dazu ein rund 2700 Kubikmeter fassendes Betonbecken und räumte an die 5000 Erinnerungsstücke hinein - darunter einen brandneuen Chevy. Um sicherzugehen, krönte er sein unterirdisches Großlager 1983 mit einer weiteren Zeitkapsel in Form einer Pyramide, in die er noch einen zweiten Wagen stellte.

Dass die Sammelleidenschaft der Zeitkapsel-Enthusiasten bisweilen skurrile Züge annahm, zeigte auch der "Tropico Time Tunnel" des Kaliforniers Glen Settle, der sein Projekt in einem Zeitungsinterview mit einem Trödelmarkt verglich: "Alles, was wir loswerden wollten, räumten wir in die Zeitkapsel." Genug Platz dafür hatte er: 1966 befüllte Settle den Stollen der ehemaligen Tropico-Goldmine in Rosamond, ein Familienerbstück, und versiegelte den rund hundert Meter langen Schacht schließlich anlässlich der Hundertjahrfeier von Kern County für die nächsten 900 Jahre.

Verloren und vergessen

Einen ähnlich festlichen Anlass, nämlich das 50. Staatsjubiläum von Oklahoma, hatte im Jahr 1957 die Stadt Tulsa für ihre Zeitkapsel gewählt - und letztendlich die bittere Erfahrung machen müssen, dass es mit dem Vergraben des Artefakts allein nicht getan war. Denn obwohl die planmäßige Öffnung nur 50 Jahre später stattfand, hatte sich das Geschenk aus der Vergangenheit massiv verändert: In die Gruft aus Beton war Wasser eingedrungen und das darin eingeschlossene nagelneue weißgoldene Plymouth Belvedere Sport Coupé komplett verrostet.

Doch selbst die beste Konservierung nützt nichts, wenn die Botschaft ihren Adressaten nie erreicht. Mehr als 10.000 Zeitkapseln größeren Ausmaßes sind nach Schätzungen der International Time Capsule Society der Universität Oglethorpe mittlerweile weltweit versteckt - die meisten davon so gut, dass sie wohl nie jemand finden wird. Die Gesellschaft bietet deshalb Interessierten an, ihr Projekt zentral zu registrieren.

Wie schnell eine Zeitkapsel in Vergessenheit geraten kann, diese Erfahrung hatte man auch schon in Atlanta gemacht: 1970 etwa, als ein neugieriger Student durch den Keller der Universität stöberte und sich über die merkwürdige Beschriftung an einer großen Stahltür wunderte. "Nicht vor dem 28. Mai 8113 öffnen" stand da.



insgesamt 9 Beiträge
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Max Schneider, 25.11.2011
1.
Was ich nie verstehen werde: Warum immer vergraben? Wäre es nicht viel sinnvoller (weil trockener & leichter wiederzufinden) Sachen oberirdisch zu lagern?
Volker Altmann, 25.11.2011
2.
Vielleicht werden uns spätere Generationen einmal dafür verfluchen, dass wir diese Botschaft ins All geschickt haben. Zumal wir uns eh schon sehr lange, bspw. auch mit Radiowellen, bemerkbar machen. Sollte diese Nachricht wirklich irgendwann einmal von einer außerirdischen Spezies eingefangen und übersetzt werden, kann man nur hoffen, dass diese Spezies nicht in der Lage ist, die Erde zu besuchen. Denn vermutlich wäre deren Technik höher entwickelt. Und was dann kommt, kann man an der Menschheitsgeschichte nachvollziehen ? Columbus lässt grüßen.
Dieter Münch, 28.11.2011
3.
Also den zweifelhaften wissenschaftlichen Hintergrund sehe ich in der Asuwahl der "Gegenstände"! Wie kann man BUDWEISER in die Zukunft schicken? Hoax
Sebastian Teichert, 26.10.2014
4. @Volker Altman
Jetzt bleiben wir alle mal ganz ruhig. Sie nehmen Ihre Tabletten und mir höheren mal auf uns zu viele Gedanken über eine Spezies zu machen, die es schon seit Milliarden von Jahren nicht gibt. Und ab jetzt hören wir auch mal auf 24/7 Sci-Fi Schrott zu gucken, der uns offensichtlich nicht bekommt!
Annette Thomas, 26.10.2014
5. 8000 Jahre alte Mikrofiches...
... machen sich die Leute eigentlich Gedanken über die Haltbarkeit ihrer Zeitkapseln? Was tut der Professor, um diese Kammer 8000 Jahre lang vor dem Zerfall zu bewahren? Ich stelle mir vor, in 250 Jahren findet jemand sowas und merkt nix - denn da ist nur ein Hohlraum voller Staub und Plastikmüll...
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