Sperrmüll-Party in den Achtzigern Das große Fleddern

Cordsessel und Nierentische, Kloschüsseln und Langlaufskier: Der Hamburger Straßensperrmüll der Achtzigerjahre war ein Fest für Trödeljäger und Ramschsammler. Fotograf Thomas Henning hat die Chaos-Sause damals abgelichtet.

Thomas Henning

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Einer orange, einer giftgrün: Voller Besitzerstolz reckt der Junge die beiden gigantischen Gummihandschuhe in die Höhe, an den Füßen trägt er abgewetzte schwarze Damenstiefel. Wie ein kleiner König thront er auf einem durchgelegenen Bett, als roter Teppich dient ihm ein fleckiger Läufer in Hellbraun, Dunkelbraun und Beige.

Während der Junge sich verkleidet hat, tragen Erwachsene ausgebleichte Sonnenschirme, alte Fahrradskelette oder geblümte Sofalandschaften von dannen. Was sie alle vereint, ist das ganz große Glück des Suchens, Entdeckens und Aneignens. In dem neu erschienenen Bildband "Sperrmüll, 1983. Hamburgs große Abfuhr" hat der Fotograf Thomas Henning dieses Sammlerglück der Hamburger dokumentiert.

Mal flanierte Henning zu Fuß durch die Stadt, mal brauste er mit seinem metallic-roten Mini Cooper los, die Leica M4 oder die Nikon F3 stets im Anschlag. Für die dabei entstandenen Schnappschüsse gab es keine Auftraggeber: Henning knipste aus "Affinität zum Ungeordneten", wie der heute 62-Jährige selbst sagt, aus Spaß an dieser großen städtischen Chaos-Sause.

"Hemmungslos Dinge kaputt machen"

Denn nichts anderes war das Sperrmüll-Sammeln damals, erinnert sich Henning, ein anarchisches Spektakel, eine gigantische Party, frei nach dem Motto: Fleddern, Finden, Feiern. Wer die Schnappschüsse genauer betrachtet, dem springt sofort die unbändige Freude der Menschen ins Auge. Freude am Wühlen und Flözen, aber auch am Zerlegen und Zerstören. "Ob Kinder oder Erwachsene: Man durfte hemmungslos Dinge kaputt machen. Wo gab es das schon?", fragt Henning und lacht.

Da waren etwa die vier dunkelhaarigen Bengel, die mit strahlenden Gesichtern einen Sitzsack ausweiden - wie Schnee fliegen die winzigen Styroporkügelchen durch die Luft. Oder aber die drei Teenager-Mädchen, die mit einem Einkaufswagen durch das Schrottparadies brausen. Mitten in einem Sperrmüllhaufen haben sie Negative ausgegraben, mit unverhohlener Neugier versuchen sie zu ergründen, wen oder was die Fotos zeigen.

Denn eines steht fest: Sperrmüll fleddern befriedigte nicht nur den Jäger- und Sammlertrieb, sondern war immer auch eine zutiefst voyeuristische Party. Man wollte schauen, was der Nachbar so besaß, wie andere Menschen so lebten.

Gegen Konsumterror und Kapitalismus

Während sich die einen aus der materiellen Not heraus mit Sperrmüllware eindeckten, taugte den anderen, den Späthippies, Studenten und Punks, das Wühlen als politisches Statement. Wer sich auf den Sperrmüllbergen tummelte, wollte eine Aussage treffen: gegen den Konsumterror, gegen den Kapitalismus, gegen die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft.

Etwa seit der Ölkrise konnte sich das Sammeln von Sperrmüll, so Designhistoriker Rolf Sachsse, als "studentische Recycling-Attitüde" etablieren: "Es war nicht allein eine finanzielle Frage, sondern auch ein Akt des 'Rettens' von Möbeln, Kunst und allerlei Design-Objekten."

Was die von Fotograf Henning dokumentierte Hamburger Sperrmüll-Sause von 1983 besonders befeuert haben mag, waren die geradezu tropischen Temperaturen. Der "Jahrhundertsommer" sollte als heißester Sommer des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa in die Geschichte eingehen: Erstmals schnellte das Thermometer in Deutschland über die 40-Grad-Marke.

Erotisch aufgeladenes Straßenleben

"Südliche Lebensart und murkelige Kartoffeln, die es kaum zu ernten lohnt", notierte DER SPIEGEL 1983 und berichtete von nord- und südwestdeutschen Landstrichen, in denen die trockene Erde aufgerissen sei "wie in der Sahelzone." Die flirrende Hitze versetzte selbst die sonst gern unterkühlte Hansestadt in einen Ausnahmezustand. Schweiß und Sonne luden das ganze Leben auf der Straße erotisch auf, wie sich Henning erinnert: "Das Ganze ähnelte einem riesengroßen Kontakthof."

Doch während die bunte Melange aus Studenten, Ausländern, Späthippies und Geringverdienern mit großem Vergnügen zu den Sperrmüll-Straßensammlungen zogen, schlug das bürgerliche Hamburg Alarm. Lärm, Dreck und Verkehrschaos beklagte die CDU in der Bürgerschaft und forderte die Abschaffung der traditionellen Straßensammlung.

Hamburgs Grüne wiederum machten sich zum Anwalt der auf den Sperrmüll existenziell angewiesenen Geringverdiener. Am Ende siegten die Saubermänner - und so wurde der großen Abfuhr die Abfuhr erteilt. Im Sommer 1983 kündigte die Stadtreinigung die Einstellung des traditionellen Straßensperrmülls an, das definitive Aus kam im Februar 1990. Zahlreiche deutsche Großstädte folgten, das Phänomen der Straßensammlung hielt sich vor allem in den ländlichen Kommunen und kleineren Städten.

Mülljagd ins Netz verlagert

Wer jetzt noch flözen und fleddern wollte, musste seinen Schatzsucher-Trieb auf dem Flohmarkt, bei Wohnungsauflösungen und in Antiquariaten ausleben - oder im Netz auf Mülljagd gehen. Die in Hamburg angesiedelte linke Zeitschrift "konkret" trug die Institution Straßensperrmüll mit einem großen Abgesang des Poptheoretikers Diedrich Diederichsen zu Grabe. Sperrmüll, so Diederichsen, war ein Termin, "an dem die Ordnung der bürgerlichen, diesseitigen Welt außer Kraft gesetzt wurde".

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Den Ausgang des Hamburger Sperrmüllstreits beklagte der Poptheoretiker als Triumph genau jenes bourgeoisen Systems. Es sei offenkundig, "dass hier ein anti-subversives Wollen seinen kleinen Sieg davongetragen hat", schreibt Diederichsen. Fotograf Henning, der zu seinen Sperrmüll-Trophäen alte "National-Geographic"-Ausgaben und aufwendig gestaltete Bücher in Blindenschrift zählt, sieht das Ende der Tradition weniger nostalgisch.

"Wenn man alles konserviert", sagt Henning, "dann entwickelt sich nichts Neues. Und wenn sich nichts Neues entwickelt - was soll ich dann noch fotografieren?"



insgesamt 22 Beiträge
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Eva Baum, 28.05.2014
1. lange her
An den Sommer erinnere ich mich auch noch, obwohl ich damals erst sieben war. Selbst in München badeten die Menschen in den städtischen Brunnen. Sperrmüll war immer eine tolle Sache, nicht nur in Hamburg. Heute gibt es das nicht mehr, dafür wird der Müll gerne einfach in den Wald geworfen....
Daniel Möller, 28.05.2014
2.
natürlich gibt es das heute auch noch, allerdings sltener als früher. das liegt aber hauptsächlich daran, dass die möbel heutzutage vor allem verbrauchsmaterialien sind. nach einigen jahren der benutzung sind sie verwohnt und kaputt, damit man dann schnell neue sofas, regale, tische etc. kauft. echtes holz hingegen ist oftmals einfach unerschwinglich geworden (zumindest für kleinverdiener)...
Tina Hoffmann, 28.05.2014
3. Recycling
Ich habe nie verstanden, warum diese effiziente Form des Recyclings abgeschafft wurde. Heute müssen wir Karten ausfüllen - online oder per Post - und eintragen, was wir abgeholt haben wollen und so findet Sperrmüll nur noch punktuell statt.
ericplant, 28.05.2014
4. Und in Hamburg...
kassieren die Herrschaften noch extra dafür, dass man den Müll selbst hinbringt. Noch dazu werden die interessanten Dinge im "Stilbruch" Laden schön verkauft. Gutes Geschäftsmodell!
Matthias Müller, 28.05.2014
5. optional
So leid es mir tut, die Bilder sind auffallend schlecht. Klar konnte man damals nicht gleich den Erfolg auf dem kleinen Bildschirm der Kamera kontrollieren, aber dennoch haben viele (Hobby)Fotographen brauchbare Bilder hergestellt.
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