50 Jahre SPIEGEL-Affäre "Wenn Sie nicht freiwillig gehen, zwingen wir Sie!"

50 Jahre SPIEGEL-Affäre: "Wenn Sie nicht freiwillig gehen, zwingen wir Sie!" Fotos
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Verdacht auf Landesverrat: Am 26. Oktober 1962 stürmte die Polizei den SPIEGEL-Verlag in Hamburg und besetzte wochenlang das Pressehaus. Auf einestages erinnern sich Zeitzeugen an Momente der Angst, irrwitzige Durchsuchungen - und einen brisanten Brief, der bei Nacht und Nebel übergeben wurde. Von Christoph Gunkel

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Nein, um Zahnhaftcreme und harmlose Persönlichkeitsrechte konnte es diesmal nicht gehen, das war Axel Jeschke klar, als die Polizei am 26. Oktober 1962 auf ihn zustürmte.

Es war 21.30 Uhr, und soeben hatte in Hamburg die Aktion gegen den SPIEGEL begonnen. Der Staat vermutete Landesverrat, und einer der Ersten, der mit den ungebetenen Besuchern diskutierte, war der junge Jurist Axel Jeschke. Er protokollierte wenig später das historische Gespräch mit dem Einsatzleiter, Kriminaloberkommissar Karl Schütz.

Schütz: Machen Sie doch keinen Ärger. Sie müssen ja doch raus. Wenn Sie nicht freiwillig rausgehen, zwingen wir Sie dazu.

Jeschke: So einfach geht das nicht.

Schütz: Wenn Sie nicht rausgehen, machen Sie sich strafbar.

Jeschke: Wonach denn?

Schütz (grinst).

Jeschke: Sagen Sie doch, wonach macht man sich strafbar? Zeigen Sie uns den Paragrafen. Warten Sie einen Moment, ich hole Ihnen das Gesetzbuch.

Schütz (wendet sich ab).

Enorm zielstrebig und schneidig

Jeschke arbeitete noch nicht lange beim SPIEGEL, und irgendwie verdankte er seine Stelle auch dem Filmstar Caterina Valente. Die Schauspielerin hatte 1959 erfolgreich gegen den Hersteller der Zahnhaftcreme Kukident geklagt, weil der ungefragt mit ihrem Namen geworben hatte. Ein wegweisendes Urteil, das die Persönlichkeitsrechte stärkte und auch die Medienberichterstattung betraf. Der Jurist Jeschke sollte fortan in der Schlussredaktion des SPIEGEL aufpassen, dass nichts schiefging.


Heft 38/2012

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Auf einen Einmarsch der Polizei war der junge Mann nicht vorbereitet, aber nun musste er irgendwie Kommissar Schütz bremsen. Enorm zielstrebig und schneidig sei der Beamte aufgetreten - aber nicht unfreundlich. Jeschke protokollierte damals weiter:

Ich ging in mein Zimmer und holte 'Deutsche Gesetze', Heinrich Schönfelder, eine sehr zerfledderte Ausgabe. Mit diesem Gesetzbuch kam ich zu Schütz zurück und hielt es ihm unter die Nase.

Jeschke: Nun zeigen Sie uns die Stelle!

Schütz nahm das Buch nicht. Er überlegte einige Zeit und spazierte dabei über den Gang. Als er lange genug überlegt hatte, kam er spontan auf mich zu.

Schütz: Nach Paragraf 113, Strafgesetzbuch - 'Widerstand gegen die Staatsgewalt'! Stimmt's?

Jeschke: Na ja, so ungefähr. Genau nicht.

"Mit 'nen paar Intellektuellen wird man doch fertig!"

Angst, erinnert sich der heute 77-Jährige, habe er damals nicht gehabt, von Landesverrat war zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede. "Ich habe eher gedacht: Was soll der Unfug?" Also diskutierte er mit einem zweiten Beamten weiter. Ob denn so ein massives Polizeiaufgebot nötig sei?

Beamter: Wir konnten ja nicht wissen, was uns hier erwartet.

Jeschke: Mit so 'nen paar Intellektuellen wird man doch leicht fertig!

Beamter: Wir haben ja auch gehofft, sie würden gleich nach Hause gehen, wie das vernünftige Menschen tun.

Jeschke: Damit wollen Sie doch wohl nicht sagen, dass wir unvernünftig sind?

Beamter: Nein, nein, das wollte ich damit nicht sagen.

Unvernünftig, das stellte sich in den kommenden Wochen heraus, war eher die Staatsmacht, die mit Halbwahrheiten und Lügen taktierte, Gesetze dehnte und sogar die Verfassung brach. Doch an diesem Abend hatte noch niemand einen Überblick. Es herrschte Chaos und Hektik, die auch Redakteur Dieter Wild erfasste.

Mord im Pressehaus?

Wild war an jenem Freitagabend schon im Feierabend, als ihn plötzlich ein Anruf aufschreckte: "Das Haus ist voller Polizei", rief ein Kollege aufgeregt, "du musst schnell kommen!"


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Der 31-Jährige fuhr sofort hin. Vor dem Pressehaus standen Mannschaftswagen der Polizei. Wie der Beginn einer Belagerung, dachte Wild. Der Redakteur betrat das große Pressehaus, doch an der Pforte des SPIEGEL im sechsten Stock kam er nicht weiter. Die Polizei ließ niemanden rein. Etwa 20 SPIEGEL-Kollegen saßen ebenfalls fest und diskutierten - unschlüssig, verunsichert, empört. Wild erinnert sich:

Wir waren völlig desorientiert, weil kein Mensch wusste, was vor sich ging. Chefredakteur Claus Jacobi wurden zwar die Durchsuchungs- und Haftbefehle vorgelegt, aber davon bekamen wir nichts mit. Wir standen also draußen und warteten, ob die Polizisten nicht wieder abziehen würden. Es wurde wild spekuliert, aber ohne jede Faktenbasis. Es hätte ja auch sein können, dass ein Mord passiert war.

An alles dachte der Journalist an diesem Abend - nur nicht an die Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit" vom 8. Oktober über die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr. Wild hatte den Text wie viele Kollegen eher für eine "Spielwiese für Militärexperten" gehalten - zu detailverliebt und technisch, um brisant zu sein. Nun löste ausgerechnet dieser Artikel den massivsten Angriff auf die bundesdeutsche Pressefreiheit aus.

Mit bangem Gefühl zur Arbeit

Dass aber irgendetwas im Busch war, hatte Wild in den Tagen vor der Polizeiaktion dennoch gespürt. Da gab es dieses auffällige Knacken in den Telefonleitungen, vermutlich wurden Gespräche abgehört. "Wir haben uns damals gesagt: Die können uns sowieso nichts! Wir machen einfach so weiter wie bisher."

Auch Eike Laakmann, Rudolf Augsteins Sekretärin, hatte das Knacken gehört, sogar bei ihrem Anschluss zu Hause. Das Polizeiaufgebot am 26. Oktober sah sie zufällig nach einem Opernbesuch, dachte aber nicht im Traum daran, dass das irgendetwas mit ihrem Arbeitgeber zu tun haben könnte - bis sie spätabends Augsteins Fahrer informierte. Mit bangem Gefühl ging sie am nächsten Arbeitstag in ihr Büro.

Ich war völlig verunsichert, aber auch neugierig, was da los war. Das Gebäude war stramm von der Polizei besetzt. Beamte begleiteten mich in mein Büro, das dann einen halben Tag lang untersucht wurde. Alles wurde durchwühlt, der Schreibtisch, die Schubladen, die Regale. Dass sie nicht noch den Teppichboden hochgehoben haben, war alles. Ab und an sah ich auch Augstein, ebenfalls in Begleitung der Polizei. Er wirkte ungewohnt ernst.

Brisantes Geheimnis

Am Ende fanden die Ermittler nur ein Passbild, das ihnen verdächtig vorkam. "Foto eines unbekannten Hauptmanns der Bundeswehr", notierten sie. Womöglich ein Informant. Laakmann hingegen wusste, dass das Bild in Wahrheit den bekannten FDP-Politiker und Augstein-Freund Wolfgang Döring zeigte.

Lachen konnte sie über diesen Lapsus nicht, dazu war sie viel zu nervös. Schließlich hütete sie ein kleines Geheimnis, das nun aufzufliegen drohte: Redakteur Conrad Ahlers hatte ihr unmittelbar vor seiner Abreise in den Spanien-Urlaub am 19. Oktober einen prall gefüllten DIN-A4-Umschlag gegeben. Den solle sie sicher aufbewahren, bat er die Sekretärin, die eigentlich nicht für ihn zuständig war. So etwas hatte er noch nie gemacht.

Trotzdem maß Laakmann dem Vorfall zunächst keine Bedeutung zu. Erst als kurz danach die Polizeiaktion begann und Ahlers - Hauptautor der umstrittenen Titelgeschichte - in Spanien verhaftet wurde, ahnte die 23-Jährige Böses. Plötzlich war sie ungewollt in eine Staatsaffäre verwickelt.

Eine nächtliche Briefübergabe

Aus dem Umfeld der Familie Augstein wurde Laakmann kurz nach Beginn der Durchsuchungen gebeten, den delikaten Umschlag mit Ahlers Unterlagen zum Bahnhof Altona zu bringen. Und zwar im Dunkeln. "Voller Angst", erzählt die heute 73-Jährige, habe sie den Umschlag dort einer Person gegeben, deren Namen sie bis heute nicht preisgeben möchte. Damit war die Sache noch nicht ausgestanden. Denn Wochen später bekam Bundesanwalt Siegfried Buback Wind von dem ominösen Umschlag - und nahm die Sekretärin persönlich in die Mangel.

Anfangs habe ich gesagt: Der Brief ist weg. Ich habe ihn in die Elbe geschmissen. Abends hat Buback mir gedroht: 'Entweder reden Sie freiwillig oder gehen in den Knast!' Er glaubte mir nichts, unterstellte immer das Schlimmste. Ich war 23 Jahre alt und hatte Angst. Ich wusste ja nicht, was passieren würde, viele von uns saßen bereits im Gefängnis.

Nach zwei mehrstündigen Befragungen erzählte die Sekretärin - auch auf Anraten des Verlags - die Wahrheit. Folgen hatte das nicht. Die im Umschlag gefundene Unterlagen brachte den Ermittlern keine neuen Erkenntnisse; in Augsteins Safe waren schon zuvor Ahlers Gesprächsnotizen mit einem Bundeswehroffizier gefunden worden. Doch zu einer Verurteilung wegen Landesverrats reichten diese Dokumente am Ende nicht aus.

"Wir arbeiten nicht für Al Capone!"

Abzusehen war das damals nicht, und so blieb in all den Wochen der Affäre ein Gefühl der Verunsicherung. "Wir waren apathisch", erinnert sich Dieter Wild, "man konnte ja nichts machen. Es gab Haftprüfungstermine, aber Augstein kam nicht frei. Wir fühlten uns hilflos angesichts der Übermacht des Staates und der Schwere der Vorwürfe, die nach und nach herauskamen."

Verlagsdirektor Hans Detlev Becker hatte schon Ende Oktober versucht, die Moral zu heben. Man arbeite für Rudolf Augstein, rief er auf einer Betriebsversammlung, und nicht für Ganovenkönig Al Capone! Das half. Wütend und trotzig arbeiteten die Angestellten weiter, notdürftig bei anderen Hamburger Medien untergebracht. Die Zuversicht wuchs weiter, als Ahlers nach 55 Tagen aus der U-Haft entlassen wurde. 47 Tage später folgte Augstein - auch für seine Sekretärin ein glücklicher Tag:

Ich habe mich sehr, sehr gefreut. Wir haben uns umarmt, es war so schön, dass er zurück war, als Chef und als Mensch. Meine Kollegin Sabine Schappien und ich haben sein Büro geschmückt, zwei Girlanden hingen über dem Türrahmen. Das ganze Zimmer war voll mit Geschenken und Briefen, die Augstein von überall bekommen hatte. Es war überwältigend.

Psssst!

50 Jahre später sitzt Laakmann, die inzwischen Meyer heißt, unter einem grün-weißen Sonnenschirm auf ihrer gemütlichen Gartenterrasse in Leverkusen-Opladen. Die Vögel zwitschern, der Garten blüht, und wenn Meyer von der größten Staatskrise der Bundesrepublik erzählt, spürt man, dass die Zeit der Affäre ihren Schrecken geraubt hat.

"Pssssst", hatte die 73-Jährige gleich am Anfang des Gesprächs gesagt und ihre sonst so herzlich-laute Stimme plötzlich verschwörerisch gesenkt. "Wir müssen ganz leise reden, mein Nachbar ist Staatsanwalt."

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Stanislaus Bonifatz, 19.09.2012
Ich würde eine sorgfältige Recherche zur aktuellen NSU-Affäre für wesentlich wichtiger halten, als das ewige Aufwärmen alter Skandale und insbesondere auch Kriege.
2.
Daniel Pfeiffer, 19.09.2012
das hier ist die sparte einestages die darauf spezialisiert ist alte geschichten zu erzählen. wenn sie die nicht lesen wollen lassen sie es. davon mal abgesehen ist es immer wichtig die vergangenheit zu kennen um aus ihr zu lernen.
3.
Randolf Schittler, 19.09.2012
Tja, und mittlerweile ist der SPiegel Teil dieses Systems dass hier richtigerweise angeprangert wird.
4.
Siegfried Wittenburg, 19.09.2012
@ Stanislaus Bonifatz Warum nur das eine und nicht das andere und nicht das eine und das andere?
5.
Siegfried Wittenburg, 19.09.2012
"Tja, und mittlerweile ist der SPiegel Teil dieses Systems dass hier richtigerweise angeprangert wird." Ja, der Verlust der alten Feindbilder schmerzt. Dann muss man sich halt neue suchen. Wer sucht, der findet.
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