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Spieleklassiker Tetris Russlands bester Blockbuster

Spieleklassiker Tetris: Russlands bester Blockbuster Fotos

Die Welt staunte Bauklötze! Mitte der Achtziger erfand ein russischer Wissenschaftler das Videospiel "Tetris". Um die Lizenz für den Geniestreich im Software-Format entbrannte ein wahrer Wirtschaftsthriller zwischen Ost und West. Am Ende hatte nur einer keinen Cent verdient - der Erfinder selbst. Von und

Plötzlich legte ein Virus das Computercenter der Akademie der Wissenschaften in Moskau lahm. Das Zentrum der russischen Computertechnik, der Hort der Ostblock-Entwickler-Elite, der Ort, an dem der Nukleare Winter und die Flugbahn von Sputnik berechnet wurden - komplett außer Gefecht gesetzt. Es war ein besonders bösartiges Virus: Es hatte nicht die Rechner befallen - sondern die Menschen, die davor saßen. Stunden-, tage-, wochenlang starrten sie gebannt auf ihre Bildschirme, unfähig, ihrer Arbeit nachzugehen.

Angefangen hatte alles im Frühling 1985. Alexej Paschitnow, ein junger Programmierer an der Akademie, begann in seiner Freizeit mit der Entwicklung eines Computerspiels. Sein Plan: "Pentamino", ein traditionelles russisches Puzzle, auf dem Computer zum Leben zu erwecken. Als Paschitnow seine erste Version des Spiels zum Laufen brachte, geschah etwas Magisches: Obwohl ohne Ton und Farbe zog es ihn sofort in seinen Bann.

Dabei ist das Spiel so simpel: Eckige, unterschiedlich geformte Steine fallen von oben in einen Behälter und müssen so gedreht werden, dass sie möglichst wenig Platz ungenutzt lassen. Wenn eine Reihe komplett ohne Lücke gefüllt ist, verschwinden die Klötze und machen Platz für die von oben nachfallenden Spielsteine. Ist der Behälter bis oben hin gefüllt, hat man verloren.

Verbreitung wie ein Virus

"Anfangs dachte ich, mit mir wäre etwas nicht in Ordnung", erinnert er sich in der von der BBC gedrehten Dokumentation "'Tetris' - From Russia with Love", "ich konnte einfach nicht aufhören zu spielen." Doch bald merkte Paschitnow, dass es nicht nur ihm so ging. Jeder seiner Kollegen, dem er das Spiel zeigte, war sofort gefesselt. Nach kurzer Zeit lief "Tetris", wie Paschitnow das Spiel inzwischen getauft hatte, auf fast allen Rechnern des Computercenters - gearbeitet wurde dafür kaum noch. Von dort aus griff das Virus epidemienartig um sich. Kollegen Paschitnow hatten das Programm weitergegeben. "Zwei Wochen nach dem ersten Test lief das Spiel auf jedem Rechner in Moskau", erinnert sich Paschitnow. Von Moskau aus eroberte das Spiel erst Russland, dann, nach und nach, auch alle anderen Sowjetstaaten. Am Eisernen Vorhang kam die Epidemie zum Erliegen - vorerst.

Bei einem Besuch in Ungarn im Sommer 1986 entdeckt der englische Software-Einkäufer Robert Stein dann "Tetris". Stein, immer auf der Suche nach frischen Spielideen aus den Ostblockländern, war sofort begeistert. Er machte sich umgehend auf den Weg nach Moskau, zum Computercenter. Paschitnow erinnert sich noch gut an die Verhandlungen: "So etwas kannten wir nicht, wir waren vollkommen überrascht." Nicht einen Gedanken hatte Paschitnow bislang daran verschwendet, dass er mit solcher Software Geld verdienen könnte. In der Sowjetunion gab es zu diesem Zeitpunkt kein geistiges Eigentum, kein persönliches Urheberrecht. Alles gehörte allen - auch Paschitnows Spiel war im Besitz des Staates.

Und nun stand da dieser begeisterte Brite und bot ihm 10.000 Pfund als Vorschuss für sein Spiel. Paschitnow, von der Situation gänzlich überfordert, wollte sich Zeit verschaffen: "Ich sagte ihm, dass wir prinzipiell Interesse hätten und die Gespräche fortführen sollten." Stein, nicht vertraut mit den russischen Gepflogenheiten, sondern an die Handschlag-Deals des schnelllebigen Software-Geschäfts im Westen gewöhnt, wertete das als Zusage - und beging damit einen Riesenfehler.

Böser Brief aus Moskau

Zurück in England verkaufte Stein die Vertriebsrechte für "Tetris" sofort. Die Maxwell Corporation, ein gigantisches Medienunternehmen, schlug zu. Ihre Tochter Mirrorsoft sollte den englischen Markt bedienen, Spectrum Holobyte das Spiel in den Vereinigten Staaten verkaufen. Stein und seine Partner überließen dabei nichts dem Zufall. Mit einer aufwendigen Verpackung und einer gigantischen PR-Kampagne sollten alle Stolpersteine zum Instant-Bestseller aus dem Weg geräumt werden und tatsächlich sah alles nach einem Sturmlauf an die Spitze der Softwarecharts aus - bis Stein ein Telex aus Russland erreichte.

Darin stellte die russische Lizenzvergabestelle für Software, Elorg, unmissverständlich klar, dass sie die Lizenz für "Tetris" nie verkauft habe - und alle Aktivitäten Steins und seiner Geschäftspartner somit illegal seien. Stein wurde von der Elorg zu einem Treffen nach Moskau zitiert, das ihm noch heute Schauer über den Rücken jagt: "Erst haben sie mich stundenlang in einem kargen Vorzimmer warten lassen, dann nahmen sie mich ins Kreuzverhör." Die Russen misstrauten Stein, doch unter Einsatz all seiner Überzeugungskraft schaffte er es schließlich doch noch, nachträglich die Lizenz für "Tetris" zu ergattern. Allerdings ausschließlich für Computer - nicht aber für Konsolen, Spielautomaten und alles andere, was die Zukunft bereithält.

Und genau aus diesem kleinen Detail entspinnt sich eine Geschichte, die eher an ein Kapitel aus einem Wirtschaftsthriller erinnert als an einen Deal in der sonst eher lax geregelten Software-Branche der achtziger Jahre. Auf der einen Seite die eiskalten Apparatschiks von der Elorg, auf der anderen die vermeintlich mit allen Wassern des Kapitalismus gewaschenen Spezialisten der boomenden Game-Branche.

Knallharte Verhandlungen um den Millionen-Seller

Denn angefeuert von den schier unfassbaren Verkaufserfolgen der Computerversion von "Tetris" rissen sich nur wenige Monate nach Steins Besuch in Moskau gleich drei Parteien um die Lizenz für eine Konsolenversion: Stein selbst, Henk Rogers, ein amerikanischer Software-Spezialist, der im Auftrag von Nintendo "Tetris" für den neuen Game Boy gewinnen sollte, sowie Kevin Maxwell. Dessen Firma besaß als Mutterkonzern von Mirrorsoft und Spectrum Holobyte die Rechte an der Computerversion. Besonders pikant: Robert Maxwell, Vater von Kevin und Eigentümer des Konzerns, hatte dem amerikanischen Konsolenhersteller Atari bereits grünes Licht für die Produktion einer Konsolenversion gegeben.

In einem perfide inszenierten Verhandlungsmarathon erwiesen sich die Russen dabei als die besseren Kapitalisten: Sie hatten alle Parteien ohne deren Wissen zeitgleich nach Moskau bestellt und verhandelten parallel. Dabei war Rogers klar im Vorteil. Als einziger der drei Parteien hatte er ein unbelastetes Verhältnis zu den Russen. Zudem hatte er mit Nintendo einen extrem finanzstarken Partner in der Hinterhand - und Paschitnow auf seiner Seite. Denn den Programmierer aus dem kommunistischen Osten und den Software-Experten aus dem kapitalistischen Westen einte ihre Liebe zu Computergames. In den wenigen Tagen, die Rogers in Moskau verbrachte, waren er und Paschitnow Freunde geworden. Und sie sollten es auch bleiben: Rogers bekam für eine halbe Million Dollar bis Mitte der neunziger Jahre die Spielkonsolenlizenz.

Für Nintendo war das der Beginn einer Riesen-Erfolgstory. Mehr als acht Millionen Mal verkaufte sich das Spiel in den Folgejahren. Im Lieferumfang des Game Boy enthalten, katapultiert "Tetris" auch den Verkauf dieses Produkts in Rekordhöhe und machte das japanische Unternehmen endgültig zum Game-Giganten.

Bitteres Erwachen für die Verlierer

Für die Konkurrenten im Kampf um die Lizenz war es jedoch ein bitteres Erwachen. Robert Maxwell, schockiert vom Bericht seines Sohnes nach dessen Rückkehr, ließ in einem letzten Aufbäumen seine Kontakte zu Michail Gorbatschow spielen, um doch noch an die begehrte Lizenz zu kommen. Doch die Zeiten von Glasnost und Perestroika, Transparenz und Umgestaltung, waren angebrochen. Der Vertrag von Elorg und Nintendo blieb unangreifbar. Viel härter traf es jedoch Atari. Weil Maxwell nicht den Zuschlag bekommen hatte, stand das amerikanische Unternehmen plötzlich ohne "Tetris"-Lizenz da - hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits Millionen Dollar in die Entwicklung einer 3-D-Version des Spiels, Verpackungsdesign und Marketingkampagne versenkt. Für das von heftigen Umsatzeinbrüchen gebeutelte Unternehmen ein Debakel.

Aber ist nicht in Wahrheit der größte Verlierer in dieser Geschichte ausgerechnet jener Mann, mit dem sie anfing? Erst 1996, als die ursprünglich vergebenen Rechte auslaufen, erhält Paschitnow Gewinnanteile aus dem Erlös von "Tetris". Sie machen zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Bruchteil der Millionensumme aus, die der Verkauf in den Jahren zuvor eingefahren hat. Fünf Jahre zuvor war er mit Hilfe seines Freundes Henk Rogers in die USA ausgewandert und hatte in Seattle eine Firma aufgebaut. Sie läuft mehr schlecht als recht und so gibt Paschitnow 1996 seine Selbständigkeit auf und arbeitet für Microsoft.

Er sieht sein Schicksal allerdings nicht als Betrogener: "Für mich ist es das Größte, zu wissen, dass mein Spiel heute überall auf der Welt gespielt wird", sagt er bescheiden. Und tatsächlich gibt es sie auch noch heute, im Zeitalter von Games mit fast schon fotorealistischer Grafik und Dolby-Surround-Sound, die "Tetris"-Magie, das Virus, dem sich keiner entziehen kann. Sobald auf einem Handy-Display oder auf einem Bildschirm im Flugzeug die kunterbunten Blöcke der zigtausendsten "Tetris"-Fassung über den Bildschirm fallen, erscheint auf dem Gesicht vor dem Screen der gleiche Ausdruck wie vor 24 Jahren. Diese Mischung aus Konzentration und Staunen, Verbissenheit und Erleichterung.

Worin die unfassbare Anziehungskraft dieses Spiels besteht, dafür hat der Erfinder inzwischen auch eine These: "Es ist die Darstellung der Fehler und nicht des Geleisteten, das den Spieler immer weiter anspornt." So muss Paschitnow Jahre nach seiner Entwicklung zugeben: "Ich habe mal versucht, ein besseres Spiel als 'Tetris' zu machen. Das hat aber nicht geklappt - 'Tetris' konnte einfach nicht mehr verbessert werden."

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Ralf Bülow, 28.04.2009
"Pentamino" (im Kapitalismus "Pentomino") ein traditionelles russisches Puzzle? Genossen, schaut auf http://de.wikipedia.org/wiki/Pentomino nach, da steht der wahre Urheber, Solomon W. Golomb aus den USA. Ein analoges Spiel für Sechsecke, "Verhext", erschien übrigens in den 1960er Jahren in der BRD, erfunden von TV-Professor Heinz Haber.
2.
Robin Karthaus, 28.04.2009
Der Startbildschirm auf Bild 9 sieht mir verdächtig nach der NES-Variante aus, und nicht nach dem Super Nintendo. Das SNES heißt davon ab aber auch nicht Nintendo Super Entertainment System.
3.
Jens Nestvogel, 28.04.2009
Hallo Herr Bülow, im Wikipedia-Artikel steht nur, dass der NAME "Pentomino" von Solomon W. Golomb erfunden wurde. Zumindest aus dem Wikipedia-Artikel kann also nicht geschlossen werden, dass er es auch erfunden hat.
4.
Ralf Bülow, 28.04.2009
Danke für den Hinweis, und Sie haben recht. Nach einer weiteren Recherche geht Pentomino wohl auf den englischen Rätselmacher Henry Ernest Dudeney zurück.
5.
Reiner Michl, 29.04.2009
Habe ab 1986 für eine amerikanische Softwarefirma in Osteuropa gearbeitet und dabei Alexander Patzitnov kennengelernt. Bei einem Gespräch drückte er mir eine 5 1/4" Disk in die Hand mit der Bitte, sich das darauf befindliche Spiel anzuschauen. Tage später zurück in München tat ich dies auch und von dem Zeitpunkt an war unsere Firma "Tetris verseucht". Leider hatte meine Firma damals keine Verwendung für Spiele SW.
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