Spielzeug-Spleen Schlachtfeld Kinderzimmer

Spielzeug-Spleen: Schlachtfeld Kinderzimmer Fotos
Playmobil

Kennen Sie noch die steifen Plastikmännchen mit dem Dauergrinsen und der gezackte Frisur zum Abnehmen? Playmobil-Figuren sind für die meisten Menschen eine Kindheitserinnerung - für Matthias Wiedenlübbert sind sie das Größte. Auf einestages erzählt der Sammler, warum er für seine Leidenschaft Bonaparte den Arm brechen musste.

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Kaum zu glauben: der Hot-Dog-Verkäufer, die Feuerwehrmänner und Piraten, das Rentnerehepaar, der Polarforscher und die Südstaatler, selbst der Pkw-Tuner und der freundlich lächelnde Mann von der Autowaschanlage - all diese Kunststoffmännchen sind Kinder der Ölkrise.

Als sich der Rohölpreis Anfang der siebziger Jahre innerhalb kürzester Zeit vervierfachte, stand die geobra Brandstätter GmbH & Co. KG in Zirndorf kurz vor dem Aus. Kinderschreibtische, Sportboote, Eishockey- und Tennisschläger - die gesamte Produktpalette des mittelständischen Unternehmens bestand aus, nun kaum noch rentablem, Kunststoff. Der Ausweg aus diesem Fiasko: eine "Spielzeugfigur mit nach unten offenem Körper", wie die erste Playmobil-Figur beim Patent-Amt nüchtern charakterisiert wurde. Die nur 7,5 Zentimeter kleinen Männchen verbrauchten schlicht weit weniger Rohstoff in der Produktion als Plastemöbel und Sportgeräte. Im Februar 1974 wurden die ersten drei Playmo-Sets dann auf der Nürnberger Spielwarenmesse präsentiert: "Indianer", "Bauarbeiter" und "Ritter".

Heute gibt es über dreißig Produktreihen von "Römer" über "Feenwelt", "Flughafen" und "Bauernhof" bis hin zu "Modernes Wohnen", wo Familie Kivu, Familie Costa und Familie Wong die politisch korrekten Einwandererfamilien mit Hund und Schmetterlingsfangnetz stellen. Gäbe es den Kontinent Playmobil, wäre er mit 1,7 Milliarden verkauften Männchen, Weibchen und Kindchen der am zweitdichtesten besiedelte Erdteil, gleich hinter Asien. Und selbst in Zeiten von Computerspielen, Internet und Rund-um-die-Uhr-TV, scheinen die immerlächelnden Hohlköpfe mit der Zackenfrisur nichts von ihrem Schlag bei Kindern eingebüßt zu haben: Bereits das achte Jahr in Folge schreibt Playmobil Umsatzzuwächse von über zehn Prozent.

Auch mancher Kunde der ersten Stunde scheint der Plastikwelt bis heute verbunden. So stellte Harald Schmidt in seiner Show diverse Male hochkomplexe literarische Stoffe wie Kafkas "Verwandlung", "Orpheus in der Unterwelt" oder die "Nibelungen" mit den ganz und gar unkomplexen Kunststoffgeschöpfen nach. Auch andere lassen sich von Playmobil inspirieren: Maler ersetzen das Personal von Rembrandts Nachtwache durch Playmo-Männchen, Konzeptkünstler stellen mit einem 120 Meter großen Raum voller gleich aussehender Spielfiguren die Frage nach dem Individuum.

Andere Sammler bauen ganze Welten auf ihren Dachböden, in ihren Kellern oder Garagen auf - Matthias Wiedenlübbert aus Overath zum Beispiel. In seiner Freizeit baut der 40 Jahre alte Mitarbeiter eines nordrhein-westfälischen SPD-Landtagsabgeordneten allen ernstes Napoleons Armee aus Playmobil-Figuren nach - bis ins kleinste Detail. Im einestages-Interview erklärt Wiedenlübbert seine Passion für die possierliche Playmobil-Plastikwelt.

einestages: Warum lassen Sie mit Ihren Playmobil-Figuren ausgerechnet die Armee Napoleon Bonapartes von 1809 wieder auferstehen?

Wiedenlübbert: Es gibt schon Grundschulfotos, auf denen ich zum Karneval als Napoleon verkleidet war. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht was der Auslöser für diese Begeisterung war. Und 1809 deswegen, weil Napoleon in diesem Jahr einen Schnitt in der Organisation seiner Truppen gemacht hat. Bei dieser Gelegenheit haben sich auch die Uniformen verändert. So kann ich bei meiner Armee ein bisschen tricksen und Uniformen aus beiden Zeiten nachbauen.

einestages: Es hat also nichts damit zu tun, dass Napoleon ab 1809 seine ersten Rückschläge einstecken musste.

Wiedenlübbert: Das ist eine Frage der Sichtweise. Man kann sich ja viel schön reden, und wenn ich das tun würde, könnte ich sagen 1809, vor der Schlacht von Aspern-Essling, war der Höhepunkt seiner Macht.

einestages: Wie lässt der Playmobil-Napoleon eigentlich seine Hand unter der Jacke verschwinden?

Wiedenlübbert: Bis vor zwei Jahren gar nicht. Dann habe ich ihm den Arm gebrochen, ein bisschen gefeilt und geklebt. Jetzt kann man andeuten, dass er die Hand in die Jacke steckt und er kann sich als einziger sein Weinglas direkt vor die Nase halten.

einestages: Ist es nicht ein großes Problem gewesen, mit Playmobil einen Napoleon zu bauen, der sich auch wirklich von den anderen abhebt, der auch wirklich der Napoleon ist?

Wiedenlübbert: Er hebt sich jetzt immer noch nicht ab von den anderen. Das ist aber auch nicht schlimm. Man könnte sogar sagen, es wäre ganz im Sinne von Napoleon, weil der immer relativ unauffällige Uniformen trug. Meist waren das die Offiziersuniformen seiner berittenen Garde-Jäger, während seine Marschälle mit goldbestickten Uniformen durch die Gegend rannten.

einestages: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Wiedenlübbert: Genau!

einestages: Wie viele Playmo-Männchen haben Sie denn bis jetzt für Napoleons Armee rekrutiert?

Wiedenlübbert: Zwischen 4500 und 5000. Ich habe Ende April eine Ausstellung in Kassel und plane, dort 4800 Figuren aufzustellen. Eigentlich soll meine Armee im Maßstab 1:10 entstehen. Da Napoleons Truppe allerdings 500.000 Mann stark war, werde ich das vermutlich nie schaffen.

einestages: Plündern Sie also ständig den Spielwarenladen um die Ecke und sind jeden Tag bei Ebay unterwegs, um ihre Truppen zu vervollständigen?

Wiedenlübbert: Wenn ich mich tagtäglich mit dem Hobby beschäftigen würde, dann wäre das wahrscheinlich so. Ich arbeite aber eher phasenweise an den Figuren. Ein paar Wochen im Jahr. Und die Einzelteile die ich benötige, kaufe ich meist direkt bei Playmobil.

einestages: Sie haben also keinen gigantischen Friedhof der Playmobil-Überreste?

Wiedenlübbert: Doch, den gibt es auch.

einestages: Bereitet es Ihnen eigentlich manchmal ein schlechtes Gewissen, dass sie mit Männchen die alle ein seliges Lächeln auf dem kleinen Plastikkopf tragen, eine Armee zusammenstellen?

Wiedenlübbert: Sie haben schon recht, die lächeln alle ganz friedlich. So baue ich sie auch auf. Ich errichte mit meinen Figuren keine blutigen Schlachtfelder. Wenn ich die Realität darstellen wollte, wären Playmobil-Figuren auch die falschen Protagonisten. Da müsste ich auf etwas Naturgetreueres wie Zinnsoldaten gehen, aber das will ich gar nicht. Ich baue meine Figuren auch nur aus Original-Teilen zusammen. Da muss ein Kürassier schon mal ohne Rückenpanzer auskommen, weil es so ein Teil von Playmo nicht gibt. Bei anderen Sammlern ist das anders. Ein befreundeter Napoleon-Sammler geht mit Farbe, Schere, Kleber und Wolle an seine Figuren und macht sie so sehr realistisch. Aber wenn seine Figur aus dem Regal fällt, ist der Hut kaputt. Meine Figuren bestehen nur aus Originalteilen. So bleibt der Spielzeug-Charakter erhalten. Ich kann sie im Herbst in den Garten stellen, über den Winter einfrieren lassen und im Frühjahr wieder rausholen.

einestages: Was für eine Bedeutung hatte Playmo eigentlich in ihrer Kindheit?

Wiedenlübbert: Eine große! Schon damals hatte ich eine napoleonische Armee und habe oft mit einem Freund gespielt, manchmal über das ganze Wochenende. Dann sind wir Freitags nach der Schule mit 1000 Figuren raus in die freie Natur und haben nach einem richtigen Regelwerk unsere Truppen gegeneinander antreten lassen bis zum Sonnenuntergang. Dann haben wir uns gemerkt wo die Figuren stehen, die Überlebenden am nächsten Tag wiederaufgebaut und weiter gemacht.

einestages: Aber zwischen damals und heute gab es doch sicherlich eine Zeit wo sie sich mehr für Mädchen als für Playmo interessiert, und die Figuren schleunigst beseitigt haben.

Wiedenlübbert: Die Zeit hatte ich auch. Aber es gab früher mal Playmobil-Color. Das waren weiße Männchen die man mit Stiften anmalen konnte. In dem Werbeprospekt für diese Figuren war ein alter, weißhaariger Mann abgebildet, der mit Playmobil-Soldaten spielte. Und da war mir schon damals klar: Wenn ich alt bin, dann mache ich das auch so. Als es also mit 14 peinlich wurde, habe ich die Figuren auf den Dachboden gepackt und wusste: die hole ich irgendwann wieder runter.

einestages: Wie standen Sie eigentlich zu Play-BIG, dem großen Playmobil-Rivalen?

Wiedenlübbert: Die Figuren, das muss ich zugeben, waren viel früher viel realistischer. Und die hatten auch viel früher schönere Soldaten. Was bei Play-BIG das Problem war, war die Beweglichkeit. Während man bei der Playmobilfigur bis heute nur die Beine zusammen an einer Achse bewegen kann, konnte man bei der Play Big-Figur jedes Bein und jeden Fuß einzeln bewegen. Das führte zu einer massiven Instabilität. Außerdem hatten die so ein doofes Loch im Kopf, in dem der Hut befestigt wurde.

einestages: Spielen Sie eigentlich auch manchmal mit den Figuren, sprechen die miteinander?

Wiedenlübbert: Nein, das kann man nicht mehr.

einestages: Wieso nicht?

Wiedenlübbert: Mit so vielen Figuren kann man nicht mehr spielen.

Das Interview führte Benjamin Maack

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