Spielzeuglegende Carrera Mit Karacho aus der Kurve

Spielzeuglegende Carrera: Mit Karacho aus der Kurve Fotos
Sammlung Henry Smits-Bode

Gab es jemals Wunschzettel, auf denen nicht eine Carrera-Autorennbahn stand? Seit 1963 träumen Jungs von kleinen Flitzern, rasanten Kurven, fiesen Überholmanövern. Auch wenn die Fans erwachsen sind - sie können die Finger trotzdem nicht vom Slotracing lassen. Von

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Wer das Kind im Manne entdecken will, braucht nur ein Wort in die Runde zu werfen: Carrera! Sofort blitzen Augenpaare auf, hinter denen sich ganze Kindheitsfilme abspielen. Seit 1963 gibt es die Modellautorennbahn. Seitdem hat sie nichts von ihrer Faszination verloren. Noch heute kennt nahezu jeder den rasanten Schriftzug der Marke. Dem strahlenden rot-weißen Logo der Spielzeugschmiede sieht man die wechselhafte Vergangenheit nicht an - doch das endgültige Aus war schon zweimal sehr nahe.

Neue Ideen mussten her

Im Alter von 29 Jahren hatte Hermann Neuhierl gemeinsam mit Mutter Frieda die Geschäfte des Blechspielzeugherstellers JNF übernommen, nachdem sein Vater und Firmengründer Josef Neuhierl kurz nach der Fertigstellung des neuen Firmengebäudes in Fürth gestorben war. Die Blütezeit des Blechspielzeugs neigte sich unübersehbar dem Ende zu, neue Ideen mussten her. Neuhierl investierte in neue Fabrikationsanlagen, die die Verarbeitung von Kunststoffen ermöglichten. Damit stellte er ab 1960 zerlegbare Modellfahrzeuge im Baukastenprinzip her, später noch allerlei anderes Spielzeug. Die Firma konnte davon existieren, doch sie war ein Unternehmen von vielen, identitätslos, ohne eigenes Profil.

Das sollte sich 1963 schlagartig ändern. Auf einer Auslandsreise schnappte Neuhierl das Konzept der schlitzgeführten Modellautorennbahn auf. Lange hielt sich der Irrglaube, er habe die Rennbahn selbst erfunden. Doch diese Pioniertat ist der englischen Firma Scalextric zuzurechnen, die 1957 als erste dieses Spielprinzip umsetzte.

Neuhierl verstand es, sein eigenes unverwechselbares System zu kreieren, indem er die Bahn mit einem dritten Stromleiter versah, was ganz neue Spielmöglichkeiten eröffnete. Zum Namen Carrera wurde er von Porsche inspiriert. Bis heute wird die Bezeichnung für besonders sportliche Modelle verwendet, abgeleitet von den eigenen Erfolgen bei der Carrera-Panamericana, dem schweren Straßenrennen in Mexiko. "Carrera" ist dabei nichts weiter als die landeseigene Vokabel für "Rennen".

Carrera - die Symbiose aus Intonation, Bedeutung und Mythos dieses Wortes lassen Neuhierls Wahl heute als wahren Glücksgriff erscheinen.

Größer, schneller, teurer

Die Rennbahn im Maßstab 1:32 wurde in den Folgejahren konsequent ausgebaut. Bis zu zehn Fahrspuren waren bald möglich, außerdem Schikanen, Überholbahnstücke, Kreuzungen, Überführungen, Rundenzähler bis hin zu Gebäuden und Figuren zur Gestaltung der Piste; kein Wunsch der Hobbyrennfahrer blieb unerfüllt.

Die Modellrennbahn war mehr als nur Spielzeug geworden: Erwachsene entdeckten das Slotracing - wie die internationale Bezeichnung des schlitzgeführten (Slot = Schlitz) Rennens lautet - als sportlichen Wettbewerb, dominiert von Männern. Schnell hielten die Adjektive "größer, schneller, teurer" Einzug.

In der Kategorie "Größer" konnte Carrera ab 1967 mithalten. Entsprechend seinem Maßstab schlicht "124" genannt, wurde das Sortiment mit dieser neuen Produktlinie beträchtlich ausgeweitet. Die größeren Fahrzeuge bekamen ein vollständig neues Schienensystem unter die Räder und dem Ruf der Clubfahrer folgend bereicherten aufwändige Rennbausätze die Modellpalette.

Mit denen konnte man zunächst auch in der Disziplin "Schneller" gegen die bis dahin führende amerikanische Konkurrenz bestehen. Doch die Entwicklung schritt derart schnell voran, dass das, was heute auf Sieg programmiert war, morgen nur noch zum Hinterherfahren taugte - mit entsprechenden Konsequenzen für den Preis des Hobbys.

Der Faktor "Teurer" gewann die Oberhand. Der bekannte Motorjournalist Clauspeter Becker stellte 1969 im Magazin Auto Motor und Sport eine Rechnung für ein siegfähiges Spitzenmodell auf und kam dabei auf die damals unvorstellbare Summe von 230,70 DM. Der Gedanke vom Motorsport für den kleinen Mann war damit ad absurdum geführt und so schnell wie sich die Interessengemeinschaften und öffentlichen Renncenter gebildet hatten, verschwanden sie auch wieder.

Die 124er blieb zwar das Aushängeschild mit dem Profinimbus für Carrera; der Massenumsatz aber wurde mit der wohnraumverträglichen 1:32er Bahn gemacht. Die wurde ab 1967 in Abgrenzung zum großen System mit der Bezeichnung "132 Universal" vertrieben, unter der sie vielen Kindern der sechziger und siebziger Jahre noch in guter Erinnerung sein dürfte.

Experten fahren Carrera

Im Heimbahnsektor boomte es unterdessen weiter. Gab es überhaupt Jungs in dieser Zeit, auf deren Wunschzettel nicht irgendwann die Startsets Avus, Hockenheim oder Grand Turismo standen? Schwer vorstellbar. Eine derartige Massenbegeisterung für ein Spielzeug hatte es noch nicht gegeben.

Mit cleveren Marketingaktionen gelang es Carrera, die Botschaft in jedes Kinderzimmer zu tragen. Größter Coup war die Einführung der Carrera-Bundesmeisterschaft 1966. Ein Fachhandelsmagazin berichtete von 600.000 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 8 und 17 Jahren - eine kaum fassbare Zahl.

Noch bevor die Flimmerkiste mit der Mondlandung in fast jeden Haushalt Einzug hielt, schaltete Carrera massiv Werbespots im Deutschen Fernsehen. "Experten fahren Carrera" donnerte es dem Betrachter entgegen. Es war unmöglich, sich der Faszination von fahrenden Modellboliden in Nahaufnahme zu entziehen. Damit die dadurch geweckten Wünsche nicht in Vergessenheit gerieten, bombardierte Carrera die potentielle Kundschaft mit Werbematerial. Rechtzeitig zum Jahresendgeschäft lagen die umfangreichen Gratisprospekte zu Hunderttausenden in den Spielwarenläden aus. Der Filius brauchte nur noch die Kreuzchen an seine Favoriten zu setzen, um so Mama und Papa den Weihnachtseinkauf zu erleichtern.

Carrera wurde zum unangefochtenen Marktführer. Natürlich hatten auch andere Spielzeughersteller Blut geleckt und wollten ein Stück vom lukrativen Kuchen abhaben. Potente Konkurrenten wie Stabo, Gama, Fleischmann und Märklin kämpften um Marktanteile. Objektiv betrachtet hatte Carrera nicht immer ein faktisch besseres Produkt - aber Carrera hatte den mit Abstand konsequentesten Auftritt. Zudem kochte im Heimbahnbereich jeder Hersteller sein eigenes Süppchen: Die Autos konnten nur auf der Bahn des jeweiligen Systems störungsfrei eingesetzt werden. Auch das stärkte Carrera, denn als die Konkurrenten auf den Markt drängten, hatte sich ihr exotisches Dreileitersystem bereits als Standard in deutschen Kinderzimmern etabliert. Wer mit den Freunden aus der Nachbarschaft die Bahn kombinieren wollte, setzte auf den Marktführer. Das Resultat: ein Marktanteil von über 70 Prozent Anfang der siebziger Jahre. Längst war der Name zum Synonym für die ganze Gattung geworden. Bis heute hat sich daran nichts geändert.

Bis hierhin ist es eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, die den ersten großen Massenhype in der Branche für ein technisches Spielzeug beschreibt. Zu Hoch-Zeiten produzierten die Franken über 7000 Modelle am Tag! In dieser Ausprägung und Nachhaltigkeit konnte man Vergleichbares erst wieder mit dem Gameboy beobachten. Zwischendurch gab es immer Eintagsfliegen, die kurzfristig Begeisterung weckten - aber Spielzeuge, die wie die Carrerabahn eine ganze Generation prägten, bleiben absolute Ausnahmen.

Der Niedergang

Dabei gab es schon frühzeitig Rückschläge. Das 1969 präsentierte Flugspiel "Carrera Jet" verschlang hohe Summen bei seiner Entwicklung und geriet zum Rohrkrepierer. Der Versuch, sich vom reinen Autorennbahngeschäft unabhängiger zu machen, misslang gründlich, nach nicht einmal zwei Jahren verschwand das System wieder aus dem Programm.

Mit der Structo-Reihe wollte man auf dem aufkeimenden Markt für funkferngesteuerte Modelle Fuß fassen. Doch hier wurde der Kunde von der Konkurrenz aus dem Hause Robbe und Graupner besser bedient, zudem schwappte die Konkurrenz aus Fernost auf den deutschen Markt. Carrera kam dabei trotz gewohnter Qualität nie über die Rolle des Hinterbänklers hinaus.

Noch konnte Neuhierl solche Rückschläge locker verkraften, doch Ende der Siebziger Jahre läuteten einige wenige Fehlentscheidungen die Wende ein. Das Werk an der Waldstraße wurde auf eine Umsatzkapazität in Höhe von 100 Millionen DM erweitert. Carrera plante den ganz großen Coup: Auf der Spielwarenmesse 1978 stellte man das neue Servo-System vor, mit dem Carrera die Autorennbahn praktisch neu erfand. Die Fahrzeuge wurden nun nicht mehr in einem Schlitz geführt, sondern konnten auf einer durch integrierte Leitplanken begrenzte Fahrbahn über ein Lenkrad am Regler die Spur wechseln. 1979 erweiterte Carrera das Angebot auf nun drei spurgeführte und drei Servo-Systeme. In jenem Jahr erreichte Neuhierl seinen höchsten Umsatz in Höhe von 75 Millionen Euro.

Doch die anfänglichen Rekordumsätze, die die lenkbaren Bahnen zunächst bescherten, ließen sich nicht wiederholen. Das Servo-Prinzip führte nur auf den ersten Blick zu einer Bereicherung des Rennbahnspiels. Schnell stellte sich Langeweile ein, da das realistische Fahrgefühl der traditionellen Bahnen verloren ging. Nach wenigen Runden stellte jeder Anfänger fest, dass man sich stets nur an der Außenspur orientieren musste, um durch permanenten Leitplankenkontakt Abflüge zu vermeiden und dann kaum noch Fahrkönnen gefragt war. Was in den Werbespots spektakulär aussah, bot in der Realität nur wenig Spannung. In der Folge blieben die für einen Systemhersteller überlebenswichtigen Nachkäufe aus.

Im 1980er Katalog zeigte Carrera nahezu 130 Fahrzeuge in den sechs Kategorien, jeweils mit allen denkbaren Strecken- und Ausstattungsteilen. Das brachten alle Konkurrenten nicht einmal gemeinsam auf die Räder! Das Problem dabei war, dass die Vielfalt dem Kunden zwar eine breite Auswahl ermöglichte, aber in letzter Konsequenz kaum zusätzlichen Umsatz generierte, denn der verlagerte sich nur zwischen den Systemen. Zusätzlich wuchsen die Alternativen im Spielzeugbereich: Die ersten Videospiele eroberten die Kinderzimmer. Zu guter Letzt kam der Pillenknick nun voll zum Tragen. Die Folge: Innerhalb weniger Jahre brach der Umsatz auf 14 Millionen Euro ein.

Gepaart mit der enormen Diversifizierung des Programms und der drastischen Überkapazität des Unternehmens geriet das einst strahlende Unternehmen in Existenznot. Dem einst hofierten Kunden wurden von den Banken Unternehmensberater aufgedrängt, die hohe Honorare kassierten, ohne die Lage zu verbessern. Im Frühjahr 1985 geschah das für Außenstehende Unvorstellbare: Der Marktführer musste Konkurs anmelden.

Neuhierls Freitod

Die Banken bemühten sich um einen geeigneten Nachfolger für das marode Unternehmen, den man mit Kurt Hesse gefunden zu haben glaubte. Hermann Neuhierl ging mit seinem Lebenswerk zugrunde: Während der laufenden Übernahmeverhandlungen unter Führung der Geldgeber nahm er sich im Alter von 57 Jahren gemeinsam mit seiner 85-jährigen Mutter am 6. Februar 1985 das Leben.

Es folgten düstere Jahre, in denen sich der Hersteller weit von Neuhierls Qualitätsanspruch entfernte. Nach zwölf Jahren unter Hesses Geschäftsführung war 1997 das endgültige Aus abermals nahe, ehe der österreichische Spielwarenimporteur Stadlbauer 1999 das Ruder übernahm und wieder Produkte in den Handel brachte, die den großen Namen verdienen. Die Produktion liegt heute in China, nur ein kleiner Teil der Firma befindet sich noch in der Nähe des damaligen Standortes, der gegenwärtig zu Wohnraum umfunktioniert wird.

Neuwertige Modelle der Neuhierl-Ära sind heute begehrte Sammlerstücke und das Slotracing wurde von den groß gewordenen Kindern der Carrera-Generation inzwischen als Hobby wieder entdeckt. Die groß gewordenen Experten von damals fahren noch heute Carrera!

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Bernhard Strobl 30.12.2007
Wer einmal mit der Carrera-Sammelei anfängt, kommt davon nicht mehr los. Carrera Universal ist einfach ein faszinierendes Sammelgebiet. Spannend und trotz des schon weit zurückliegenden Produktionsendes immer wieder mit neuen Überraschungen. Die Werbespots kann man sich 100x ansehen und sind immer wieder klasse mit dem Flair der eigenen Kindheit. Toller Beitrag Henry. Glückwunsch.
2.
Ernst Pelzing 25.11.2008
Zu "Mit Karacho aus der Kurve" An dieser Stelle ist es angebracht, auf den wenig deutschen Ursprung des Begriffs "Karacho" hinzuweisen. Mit Verlaub: Natürlich sollte ein körperlich normal ausgestatteter Fahrer mit "Karacho" in die oder aus der Kurve fahren; denn der Begriff geht auf das spanische "carajo" = Penis zurück. Ernst Pelzing
3.
Kurt Diedrich 22.04.2012
Leider ist vor meinem ersten Beitrag aus mir unbegreiflichen Gründen nicht der vollständige Carrera-Artikel auf meinem Bildschirm erschienen. Nachdem ich ihn nun komplett gelesen habe, hat sich meine Frage zu irgendwelchen Billig-Imitationen dann wohl von selbst beantwortet.
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